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„Die sehnen sich einfach nach Frieden und Gleichstellung“

Female Shura mit deutscher Soldatin

Kapitänleutnant Elizabeth R. war für dreieinhalb Monate bei der Mission Resolute Support in Afghanistan eingesetzt. Nach dem Prinzip Train, Advise, Assist unterstützte sie als Beraterin für Radio und Internet das Bawar Medien Center, ein Medienhaus der afghanischen Sicherheitskräfte. In dieser Zeit war sie u. a. Mitorganisatorin einer Female Shura, einer Versammlung ausschließlich für Frauen.

Ein Interview von Friederike Frücht und Barbara Dreiling.

Frau Kapitänleutnant, vielen Dank dafür, dass wir Sie interviewen dürfen. Während Ihres Auslandseinsatzes wurden Sie zu einer Female Shura eingeladen. Können Sie ein bisschen was davon berichten, und in welchem Umfeld war das?  Was ist das genau? Was kann man sich darunter vorstellen?

Elizabeth R.: Genau, ich war Mitte bis Ende 2020 im Einsatz in Afghanistan im Rahmen von Train-Advise-Assist als Radio- und Web-Advisor im Bawar Medien Center (BMC) tätig. Das BMC muss man sich als ein afghanisches Medienhaus vorstellen, was Druckerzeugnisse produziert, einen Radiosender und Webauftritt hat und für die afghanische Bevölkerung und die afghanische Armee arbeitet. Und eine Shura im klassischen Sinne ist eine Beratung oder ein Ratgebergremium. Und in diesem Fall war das eben eine Female Shura, eine Versammlung von afghanischen Frauen, um über ihre Probleme und Herausforderungen, über das Leben der Frauen in Afghanistan zu reden und zu beraten.

Ist das ein übliches Vorgehen im Rahmen Ihres Einsatzes? Also wie kann ich mir das vorstellen? Ist das davor schon fest installiert? Oder wie funktioniert die Zusammenarbeit da?

Elizabeth R.: Da ich bei Radio und Web eingesetzt war, habe ich dann die Afghanen in ihrer Produktion beraten. Und dann kam die stellvertretende Chefin vom BMC auf mich zu, hat sich gefreut, dass mal wieder ein weiblicher Advisor vor Ort ist im Mediencenter, und hat mich dann eingeladen zu dieser Shura. Das wollen die, nachdem die Shura so erfolgreich lief, auch fortführen, sodass nun quartalsweise eine Female Shura stattfinden soll. Die stellvertretende Chefin und die Mitarbeiter vom BMC haben sie ins Leben gerufen.

Wie können wir uns das vorstellen? Da werden bestimmte Frauen angesprochen und melden sich? 

Elizabeth R.: So ungefähr ist das abgelaufen. Tatsächlich war ich zunächst zu einem Vorgespräch eingeladen. Da haben sich nur die Mitarbeiterinnen im BMC getroffen und diskutiert, welche Themen wir denn bei der Female Shura aufgreifen wollen. Und dann wurde eine Liste erstellt von Teilnehmerinnen aus allen möglichen Bereichen der Gesellschaft, die man einladen könnte. Zum Beispiel auch Soldatinnen, Polizistinnen. In Masar-e Sharif gibt es sogar eine Taxifahrerin, was etwas ganz Besonderes ist. Auch die wurde eingeladen, sodass wir dann auf 60 Frauen kamen, die wir einladen konnten. Und so hatten wir dann auch schon das grobe Konzept für die Shura ausgearbeitet.
 

Und welche Themen haben Sie dann besprochen, für welche haben Sie sich entschieden?

Elizabeth R.: Entschieden haben wir uns tatsächlich erstmal dafür, dass wir über die aktuelle Situation von den Frauen in Afghanistan reden wollen, dass die Studentinnen, die dort waren, und die Soldatinnen von ihrem Alltagsleben berichten sollen, sowohl im privaten Umfeld als auch im beruflichen Umfeld. Dass sie einfach über ihre Probleme und Herausforderungen erzählen und die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen klarmachen. Das war zum Beispiel, was ich ganz interessant fand, bei den Soldatinnen und auch in der Polizeilaufbahn: Wenn Frauen sich beworben haben für bestimmte Lehrgänge, dann hatten sie einfach längere Wartezeiten, wurden auf eine Warteliste gesetzt, während ihre männlichen Kollegen bevorzugt wurden.

Und das waren alles so Dinge, die die Frauen erzählt haben. Außerdem war noch ein anderes Schwerpunktthema: Wie kann man Frauen in ländlichen Gebieten erreichen? Wenn ich davon rede, dass Soldatinnen, die Taxifahrerin, Polizistinnen und Studentinnen da waren, dann reden wir noch nicht darüber, dass auch Frauen aus den ländlichen Gebieten mit dabei waren. Da ging es darum zu gucken, wie man Frauen in den ländlichen Gebieten medial erreichen kann. Wie kriegen wir die dazu, sich zu beteiligen und auch für ihre Rechte aufzustehen? Und das bietet sich bei so einem Mediencenter natürlich an, weil die viele Möglichkeiten haben, auch medial zu wirken. 

Was waren die Ergebnisse dieser Shura?

Elizabeth R.: Die Veranstaltung war in drei Phasen unterteilt. Es war erstmal die große Diskussionsrunde, wo wirklich auch jede, die was sagen wollte, zu Wort gekommen ist. Und dann gab’s eine Kleingruppenarbeit, wo die Frauen in Kleingruppen aufgeteilt kleine Arbeitsaufträge bekommen haben, zum Beispiel: Wie erreiche ich andere Frauen? Und dann wurden die Ergebnisse vorgestellt. Man kann als Ergebnis auf jeden Fall festhalten, dass mehrere solcher Veranstaltungen stattfinden werden. Ich habe jetzt auch mitbekommen, dass in den letzten Wochen wieder eine Female Shura stattgefunden hat. Das ist ein Ergebnis: dass sie weiter diskutieren, mehr Frauen erreichen und sich auch an größere Organisationen wenden wollen. Es ist schwierig zu beurteilen. Wenn sich 60 Frauen zusammensetzen und darüber philosophieren und etwas Größeres erreichen wollen, dann können wir da noch nicht von großen politischen Ergebnissen sprechen. Aber die Frauen haben eine klare Vorstellung davon, was für sie Gleichberechtigung bedeutet. Und unterm Strich kann man sagen: das sind Menschen wie du und ich. Die sehnen sich einfach nach Frieden und Gleichstellung.

Das Bild von außen vermittelt einem ja eher, dass Gleichberechtigung in Afghanistan noch nicht angekommen ist. Aber Sie berichten, dass es auch Frauen gibt, die offensichtlich gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen.

Elizabeth R.: Ich muss zugeben, ich hatte vor meinem Einsatz auch das Bild von typischen afghanischen Frauen im Kopf, mit denen ich zusammenarbeiten würde. Und dann kam ich beispielsweise in den Radiosender, und da waren sehr modern gekleidete Frauen, ich würde nicht sagen westlich, aber doch schon mit schönem Schmuck und schönem Makeup. Das Kopftuch war natürlich da, aber sie sahen nicht so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und das war schon mal spannend zu sehen. Als dann diese Female Shura stattfand, wo noch viele andere Frauen dazukamen, Soldatinnen und Polizistinnen in Uniform, auch mit Kopftuch, aber auch geschminkt, war das sehr interessant zu sehen. 

Tatsächlich sind afghanische Frauen auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung. Doch ob das zu beurteilen nun das Ziel für uns sein sollte, dazu kann ich mich eigentlich nicht äußern. Aber die Frauen, die wünschen sich das. Mittlerweile dürfen Frauen Auto fahren und auch in Führungspositionen arbeiten. Da hat sich also schon etwas verändert. Gleichzeitig muss man aber auch immer wieder differenzieren. Das Bild der Frau unterscheidet sich laut ihren eigenen Aussagen in ländlichen Regionen zum Teil deutlich von dem in städtischen. Deshalb ist es den urbanen Frauen ein besonders Anliegen die Frauen auf dem Land mit Kampagien zu erreichen und zu informieren, um sie beim Thema Gleichberechtigung besser zu unterstützen

Gibt es Männer, die sich dagegen wehren und vielleicht auch öffentlich et- was dazu sagen, was sie davon halten? Oder wurde den Frauen, die an der Female Shura teilgenommen haben, das vielleicht auch irgendwie?

Elizabeth R.: Das weiß ich tatsächlich gar nicht so genau, weil wir das nicht thematisiert haben. Aber die männlichen Mitarbeiter zum Beispiel im BMC waren sehr glücklich über diese Veranstaltung. Teilweise wurde denen auch gestattet, an der Veranstaltung teilzunehmen, dort Fotos zu machen und sich das mitanzuschauen. Also das war schon sehr offen und sehr modern, wie ich das dort erlebt habe. 

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Kommentar von Omid Nouripour, MdB, Mitglied im Verteidigungsausschuss, zum geplanten Truppenabzug aus Afghanistan. Bitte auf das Bild klicken.

Besteht die Möglichkeit, dass Sie noch mal zurückgehen für einen Einsatz?

Elizabeth R.: Ich würde auf jeden Fall liebend gerne noch mal diesen Einsatz machen. Ich weiß nicht, inwieweit sich die Lage entwickelt. Das weiß ja momentan noch keiner. Ich würde es auf jeden Fall wieder tun. Ich habe die Menschen so liebgewonnen, das waren so tolle Frauen und auch Männer. Also das war einfach eine wunderbare Erfahrung. Ich war total überrascht und bin nach wie vor begeistert und würde das immer wieder machen.

Wussten Sie vorher, dass es solche Einsatzmöglichkeiten gibt, bevor Sie diesen Einsatz gemacht haben?

Elizabeth R.: Also ich wusste grundsätzlich, dass die Bundeswehr in Einsätze geht. Dafür habe ich dann auch unterschrieben. Und ich habe mich auch freiwillig für diesen Einsatz gemeldet. Beim Aufgabenbereich wusste ich natürlich nicht, was mich erwartet. Ich bin beim Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr. Da habe ich dann einen Einblick bekommen, was mich im Einsatz erwartet. Und das ist auch fast genauso eingetroffen. Also ich finde die Medienarbeit und nah am Menschen zu arbeiten im Einsatz total cool. Und die Fähigkeit, die wir haben als Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr, ist einfach unschlagbar. Ich finde, das sollte auf weitere Einsätze ausgeweitet werden, weil das einfach etwas ist, das niemand anderes in der Bundeswehr macht.



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Kommentar zur Diskussion um das Ende des Afghanistan-Einsatzes von Omid Nouripour, MdB.

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