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Spuren des Friedens

© KS / Friederike Frücht
© KS / Friederike Frücht

Gedanken und Gebete um den Frieden gibt es viele. Für Soldaten und besonders für Katholiken spielt dabei seit über fünfzig Jahren der kirchliche Weltfriedenstag am 1. Januar eine besondere Rolle. Das Januar-Heft 2020 sucht intensiv nach „Spuren des Friedens“ – in der Geschichte und in der diesjährigen Feier dieses Tages, zusammen mit „Justitia et Pax“, mit der „aktion kaserne“ oder dem „Institut für Theologie und Frieden“.

Auch die Reihe „zum LKU“ (Lebenskundlicher Unterricht) und die katholischen Hilfswerke widmen sich dem Thema Frieden, und Papst Franziskus formulierte als Motto für 2020: „Der Friede als Weg der Hoffnung: Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr“.

„... dass sich die Nationen gegenseitig achten, dass die Völker untereinander Brüder werden und alle Menschen für ihren gemeinsamen Fortschritt zusammenarbeiten..“

Papst Paul VI.


„Man muss immer vom Frieden sprechen“ (Paul VI.)

Die 1960er waren eine bewegte Zeit. Die Erinnerungen an den II. Weltkrieg waren noch präsent und dennoch wähnte sich die Welt schon wieder am Rande eines neuen globalen Krieges mit dem unvorstellbaren Zerstörungspotenzial der Atommächte.

Auch theologisch und kirchenpolitisch war diese Dekade alles andere als ruhig. Das II. Vatikanische Konzil (1962–65) führte die katholische Kirche zu einer grundlegenden Neubesinnung über ihr Wesen, ihr Verhältnis zu den anderen Religionen und allgemein über ihren Auftrag in der Welt. In dieser Zeit stand Papst Paul VI. an der Spitze der Kirche. Er trat 1963 das Erbe Johannes‘ XXIII. an, der nicht nur die Einberufung des Konzils gegen viele Widerstände vorangetrieben, sondern auch mit seiner Enzyklika „Pacem in terris“ der Kirche den Menschenrechtsgedanken ins Stammbuch geschrieben hatte. Paul VI. stellte sich explizit in diese Tradition: Angesichts der Bedrohungen seiner Zeit thematisierte er immer wieder die Notwendigkeit des Friedens und die Friedensbotschaft des Evangeliums, entwickelte die kirchliche Friedenslehre weiter und richtete schließlich den Tag des Friedens am 1. Januar 1968 ein, der seit diesem Zeitpunkt jährlich von der Kirche begangen wird.

In der Chronologie der Entstehung der Weltfriedenstage durch Paul VI. müssen wenigstens vier wichtige Wegmarken erwähnt werden:

1. Am Beginn steht das schon erwähnte Konzil, das von der Kirche eine verstärkte Hinwendung zu den Problemen der Welt einforderte. Diese Zuwendung zu den Ängsten und Sorgen aller Menschen beginnt unter dem Pontifikat Pauls VI. konkrete Gestalt anzunehmen.

2. Die zweite Etappe verdeutlicht dieses neue Paradigma kirchlichen Handelns. Am 4. Oktober 1965 spricht Paul VI. vor der Vollversammlung der UNO. In seiner Ansprache nimmt er die vielfältigen Leiderfahrungen der Menschen zum Anlass, um zu verdeutlichen, dass die UNO eine Friedensorganisation sein soll:

„There is no need for a long talk to proclaim the main purpose of your Institution. It is enough to recall that the blood of millions, countless unheard-of sufferings, useless massacres and frightening ruins have sanctioned the agreement that unites you with an oath that ought to change the future history of the world: never again war, never again war!”

3. Im September 1966 bringt Paul VI. das Thema des Friedens schließlich auch innerkirchlich stärker zur Geltung – und zwar auf ungewöhnliche Weise. Im Zentrum seiner Enzyklika „Christi matri“ aus diesem Jahr steht eigentlich das marianische Rosenkranzgebet. Doch Papst Paul VI. verbindet dieses mit dem Friedensanliegen der Kirche: „Nichts scheint Uns zeitgemäßer, nichts besser, als dass sich die ganze Christenheit im Gebet an die Mutter Gottes wende, an die ‚Königin des Friedens‘, damit sie in dieser übergroßen Not und Bedrängnis ihre Gaben gnädig und reich uns schenke.“ Er verdeutlicht hier, dass die kirchliche Friedensarbeit nicht nur konkretes Engagement bedeutet, sondern eine tiefe religiöse Dimension umfasst; hier lassen sich die spirituellen Wurzeln des kirch-lichen Weltfriedenstags finden.

4. Den letzten großen Schritt auf dem Weg zu den Weltfriedenstagen macht Paul VI. im Jahr 1967 mit seinem Rundschreiben „Populorum progressio“. Diese Sozialenzyklika ist das Gründungsdokument der Päpstlichen Kommission „Justitia et Pax“, die mittlerweile „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ heißt. Diese Initiative rückte den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden nicht allein in das Zentrum der Kirche, in den Vatikan, sondern fand weltweit Widerhall. So wurde im selben Jahr die Deutsche Kommission Justitia et Pax gegründet und zahlreiche nationale Kommissionen folgten. „Populorum progressio“ institutionalisierte so die kirchliche Friedensarbeit und bildet damit den Schlussstein für die Einrichtung der Weltfriedenstage.

Doch kann diese Enzyklika natürlich nicht hierauf reduziert werden. Denn Paul VI. löst mit ihr auch die kirchlichen Friedensreflexionen aus ihrer Engführung auf Krieg und Kriegsführung, indem sie diese in den Kontext von Entwicklungsfragen einbettet. Programmatisch ist dabei das Schlagwort „Entwicklung, der neue Name für Friede“, das verdeutlicht, dass „Friede […] nicht einfach im Schweigen der Waffen [besteht], nicht einfach im immer schwankenden Gleichgewicht der Kräfte. Er muss Tag für Tag aufgebaut werden mit dem Ziel einer von Gott gewollten Ordnung, die eine vollkommenere Gerechtigkeit unter den Menschen herbeiführt.“ Die neu eingerichtete päpstliche Kommission und das breit angelegte Verständnis von Frieden sollten dafür sorgen, dass die Weltfriedenstage immer wieder unterschiedliche thematische Aspekte aufgriffen.

Diese einzelnen Etappen mündeten schließlich am 8. Dezember 1967 in die Einrichtung der Weltfriedenstage durch die päpstliche Botschaft zur Feier des Tages des Friedens jeweils am 1. Januar. Dieser jährliche Gedenktag ermahnt die gesamte Kirche immer wieder zum unermüdlichen Einsatz für den Frieden in der Welt und die dazu gehörigen Botschaften bieten substanzielle Beiträge zur Weiterentwicklung der kirchlichen Friedenslehre.

Die Krisen der bewegten 60er Jahre trugen also für die Friedenslehre der Kirche reiche Früchte. Ohne sie sähe ihr Antlitz heute sicherlich anders aus.

Heiner Wilmer,
Bischof von Hildesheim und Vorsitzender der
Deutschen Kommission „Justitia et Pax“

Kompass: Welche Rolle spielt der Weltfriedenstag bei der aktion kaserne?

Stefan Dengel: Generell hat das Engagement für den Frieden eine große Bedeutung im BDKJ. So übergibt beispielsweise die aktion kaserne gemeinsam mit den Pfadfinder- und Pfadfinderinnenverbänden jedes Jahr das Friedenslicht an die Militärseelsorge. Dies geschieht sowohl an einzelnen Standorten, als auch zentral in Köln/Wahn, wo es mit Hilfe der Luftwaffe an Auslandsstandorte der Bundeswehr gebracht wird.

Außerdem versuchen wir, die Friedenspolitik und Friedensethik in die Verbände und in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu bringen. Dies erfolgt mit Hilfe von Beschlüssen auf Bundes- und Diözesanebenen. Die Umsetzung erfolgt auch durch Arbeitshilfen und anlassbezogene Veranstaltungen, wie beispielsweise das hochkarätig besetzte Großpodium auf dem letzten Katholikentag zum Thema „In Frieden investieren, statt in Waffen. Politik zwischen notwendiger Sicherheit und neuer Aufrüstung“.

Kompass: Wie setzen sich der BDKJ und die aktion kaserne für Soldatinnen und Soldaten ein

Stefan Dengel: Die Anliegen und Perspektiven der Soldatinnen und Soldaten werden grundsätzlich immer mitgedacht. Wir versuchen Kontakte herzustellen und zu vermitteln. Als Teil der Zivilgesellschaft gehen wir zu den Soldatinnen und Soldaten, und bieten beispielsweise Seminare zur politischen Bildung und zu Partizipationsmöglichkeiten an.

Kompass: Seit wann beteiligt sich der BDKJ am Weltfriedenstag?

Stefan Dengel: Der BDKJ bringt gemeinsam mit der kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) seit 40 Jahren eine Arbeitshilfe zum Weltfriedenstag heraus, um das Anliegen des Heiligen Vaters auch in die Katholischen Verbände zu bringen. Damit ermutigen wir die Verbände zusätzlich zu den großen Gottesdiensten zum Weltfriedenstag, auch auf der kleinen Ebene in ihren Ortschaften in ihren Verbänden eine kleine Gebetsstunde zum Weltfriedenstag zu gestalten und das Jahr unter das entsprechende Motto zu stellen.

Kompass: Wird es auch für 2020 wieder eine solche Arbeitshilfe zum Weltfriedenstag geben?

Stefan Dengel: Ja, wir planen in diesem Jahr wieder eine Arbeitshilfe für die Verbände. Allerdings stellen wir jetzt auf ein Onlineangebot um, das zur Zeit erstellt wird (www.weltfriedensgebetstag.de). Wir werden dort neben dem Download der Arbeitshilfe weitere Hintergrundinformationen anbieten, sowie über Angebote der Verbände informieren.

An der Arbeitshilfe sind neben dem BDKJ und der kfd (als Trägerverbände) noch zahlreiche andere Verbände beteiligt, die bisher auch an der Arbeitshilfe mitgewirkt haben, z. B. Pax Christi oder die KjG (Katholische junge Gemeinde).

Die Fragen stellte Friederike Frücht.

Stefan Dengel ist Referent für Soldatenfragen beim Bundesvorstand des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) und Geschäftsführer der aktion kaserne, der Initiative der Jugendverbände im BDKJ für junge Soldatinnen und Soldaten.

Der Wunsch, in Frieden zu leben, dauerhaft Frieden zu haben, ist ein Menschheitstraum; alljährlich feiern wir unter dieser Überschrift die Weihnachtszeit. Dagegen droht unsere Welt sich am Beginn des 21. Jahrhunderts immer tiefer in gewaltsamen Konflikten zu verstricken.

Krieg in Syrien und der Ukraine, Flüchtlingsdramen in der halben Welt, ungezügelte Gewalt gegen die Schwächsten und Ärmsten in fragilen und zerfallenen Staaten, Drohgebaren der großen Mächte, atomare Aufrüstung und Rüstungs-Proliferation (Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen) bis hin zur Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen, die vielen Menschen die Existenzgrundlagen entziehen und weitere Flucht und Gewalt hervorbringen, kennzeichnen die Gegenwart.

Realität und Prophetie

Ist eine Welt vorstellbar, in der es keine Konflikte gibt, wo Konflikte zwischen Völkern und Staaten ohne Gewalt ausgetragen werden? Die Sehnsucht danach ist so alt wie die Menschheit. So verheißt der Prophet Jesaja angesichts eines heraufziehenden kriegerischen Unheils den Israeliten die endzeitliche Herrschaft Gottes als Herrschaft von Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit. Seine Prophetie gipfelt in der Zusage: „Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Jes 2,4). In Tod und Auferstehung Jesu Christi werden diese Verheißungen angesichts des Handelns Gottes geglaubte Gewissheiten, die mit Jesus Christus angefangen haben. Daher setzt eine realistische christliche (Friedens-)Ethik auf die Glaubenszusage, dass das Reich Gottes als Friedensreich im Hier und Jetzt beginnt, und rechnet angesichts der menschlichen Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit zugleich mit der Gegenwart von Unfrieden, Ungerechtigkeit und Gefährdung der (menschlichen) Sicherheit.

Die politisch-ethische Herausforderung besteht dann angesichts der Realität unserer Welt, in der Menschen unter Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit leiden, zuerst einmal darin, die Hoffnung nicht zu verlieren: Die Aussage Jesu, „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, steht. Dieser Glaube gibt Mut zur „Hoffnung wider alle Hoffnung“ und er gibt Kraft zum Handeln.

Was ist nun zu tun?

Der Einsatz für eine friedlichere und gerechtere Welt muss auf verschiedenen Ebenen stattfinden: Das Handeln Einzelner gegenüber konkretem Leid ist genauso gefragt wie die Arbeit an politischen Strukturen, Institutionen und Mechanismen zur Überwindung von Unfriede, Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Konzepte hierfür liegen auf der Hand, es mangelt an der Umsetzung. Zuerst ist jede(r) Einzelne an seinem/ihrem Platz gerufen, im anderen Menschen Christus zu sehen. Dort wo die (Menschen-)Würde und die (Menschen-)Rechte missachtet oder verletzt werden, sind wir zum Handeln gerufen. Als Bürger eines der reichsten Länder der Erde, das tief verzahnt ist in die globalisierten (nicht nur ökonomischen) Strukturen, tangieren z. B. unsere Kaufentscheidungen die Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen ökonomisch und/oder politisch abhängiger Länder. Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit sollte diese Verhältnisse aufdecken, publizieren und in der Erziehungs- und Bildungsarbeit wie auch dem politischen Lobbying thematisieren.

Da wir aber auch im Zusammenleben innerhalb eines Staates nicht ausschließlich auf die Tugendhaftigkeit der Bürger vertrauen, sondern auf funktionierende Regeln, die an Gerechtigkeit orientiert sind – das Recht – und auf funktionierende Institutionen, sollten wir es im Verhältnis der Völker und Staaten auch nicht anders halten. Hier stellt sich allerdings sowohl ein praktisches als auch ein systematisches Problem: Das Zueinander der Staaten auf der transnationalen Ebene ist aufgrund des Völkerrechts, bestehender Verträge, Regime und Institutionen heute zwar nicht völlig ungeregelt, aber es ist offenkundig auch kein Verhältnis, in dem Konflikte ohne Gewalt nach gerechtigkeitsbasierten Regeln ausgetragen werden – im Gegenteil! Das systematische Problem besteht darin, dass es Praktiker der Politik wie Theoretiker gibt, die bestreiten, dass ein solches Verhältnis zwischen Staaten überhaupt möglich ist oder sein sollte! Ihre Argumente reichen von der unaufgebbaren Souveränität (als Selbstbestimmung) der Staaten bis hin zum Gespenst eines Weltstaates. Die Friedenslehren der katholischen wie der evangelischen Kirche haben (z. B. in Pacem in Terris von Johannes XXIII. 1963) im 20. Jahrhundert im Kern eine Friedensethik entwickelt, die eine politische Friedensordnung zwischen Völkern und Staaten auf der Basis von Menschenrechten, dem Völkerrecht, funktionierenden internationalen Institutionen sowie einer effektiven internationalen Gerichtsbarkeit fordert. Die Entwicklung des Völkerrechts (internationalen Rechts) seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und der internationalen Institutionen – erst Völkerbund, dann die Vereinten Nationen – sind von den Päpsten seit Leo XIII. und in vielen weiteren kirchlichen Dokumenten unterstützend und kritisch begleitet worden.

Katholische Kirche und internationale Friedensordnung

Warum unterstützt die katholische Kirche eine internationale Friedensordnung auf der Basis des internationalen Rechts und der Vereinten Nationen – und fordert zugleich eine Reform beider hin zu größerer Effektivität und Durchsetzungsfähigkeit? Ein Blick in die Enzyklika Pacem in Terris zeigt, dass die friedensethischen Positionen insbesondere päpstlicher Texte noch sehr vom Naturrechtsdenken und einem etatistischen Ansatz geprägt sind: Recht – auch das internationale – wird aus der Natur des Menschen begründet. Widerstrebende Interessen sollen mittels (staatlicher) Institutionen auf der Basis des Rechts auf das allgemeine Wohl hin geordnet werden. Diese Grundidee des „Friedens durch Recht“ innerhalb funktionierender Staaten überträgt Pacem in Terris (und alle weiteren päpstlichen Texte) auf die internationalen Verhältnisse und fordert in Analogie zur staatlichen Ordnung funktionierende internationale Institutionen und ein entsprechendes, verbindliches internationales Recht mit Durchsetzungsgewalt einschließlich einer verpflichtenden Gerichtsbarkeit. Über die politisch-praktischen Schritte eines solchen Prozesses hüllt sich die kirchliche Friedenslehre meist in Schweigen. Auch wird eine in der Theorie der internationalen Beziehungen wie der praktischen Politik dominante Überlegung kaum zur Kenntnis genommen: durch Verträge Akteure aus Eigeninteresse freiwillig an regelkonformes Verhalten mit geringen bis fehlenden Sanktionsmöglichkeiten zu binden. Dabei wird auf Erfahrungen aus dem Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)-Prozess rekurriert, der u. a. durch vertrauensbildende Maßnahmen in der Überwindung des Ost-West-Konflikts eine große Rolle gespielt hat.

Zu der „Frieden durch Recht“-Position ist gerade durch Impulse von Christen und aus den Kirchen das Thema Versöhnung hinzugetreten. Ohne eine Aufarbeitung auch weit zurückliegenden historischen Unrechts können Konflikte weiter schwelen und jederzeit wieder aufbrechen. Häufig werden individuelle und kollektive Versöhnung dabei nicht unterschieden, obwohl es sich um verschiedene Vorgänge handelt. Die Schwierigkeit kollektiver Versöhnung liegt im stellvertretenden Handeln: Es bittet ein Vertreter einer Gruppe, einer Gemeinschaft, eines Volks für Unrecht um Vergebung, das er selbst meist nicht zu verantworten hat. Seine Vergebungsbitte muss dann von der Gemeinschaft mitgetragen und nachvollzogen werden, um einen Prozess der Aussöhnung in Gang zu bringen. Während das erlittene Unrecht auf der Opferseite noch über Generationen sehr präsent ist, besteht auf der Täterseite deutlich früher eine Latenz, das Geschehen als überwunden zu betrachten („Es muss nun auch mal genug sein“). Außerdem verschwimmen z. B. in lang andauernden Bürgerkriegen die klaren Konturen zwischen Opfern und Tätern. Bei aller Schwierigkeit besteht jedoch Konsens darüber, dass es ohne „Heilung der Erinnerung“ keinen Frieden geben kann und Christen und Kirchen hier einen besonderen Auftrag haben.

Konflikte: Vermeidung und Nachsorge

Seit den 1990er Jahren werden vermehrt Anstrengungen unternommen, die gewaltsame Eskalation von Konflikten möglichst zu vermeiden oder nach dem Ende eines Gewaltkonfliktes das Wiederausbrechen zu verhindern. Dies hat bis hin zu dem Versuch des externen Staatsaufbaus (Peacebuilding / Statebuilding) z. B. in Bosnien geführt. Allerdings ist angesichts der Erfahrungen sowohl der Konfliktvermeidung wie der Konfliktnachsorge der letzten zwanzig Jahre eine große Ernüchterung eingekehrt: Kurzfristige Erfolge sind nicht zu erwarten, vielmehr bedarf die „Bearbeitung“ politisch-sozialer oder kultureller Grundkonflikte eines langen Atems. Als zentral haben sich Bildungsarbeit erwiesen wie eine an Gerechtigkeit orientierte, vom Prinzip „ownership“ geleitete Politik. Externe Akteure können Hebammendienste leisten – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zunehmend treten die Konfliktprävention und damit die Verknüpfung von Frieden und Gerechtigkeit in den Blick. Politische wie ökonomische Ungerechtigkeit innerhalb von Staaten wie in der internationalen Staatengemeinschaft sind Ursache von Konflikten: Menschen werden elementarste (Menschen-)Rechte vorenthalten, zu den bekannten Folgen wie Armut, Hunger und Verelendung tritt der Kampf um die verbliebenen Ressourcen, Flucht und Migration – eine Eskalationsspirale tritt in Gang. (Kirchliche) Entwicklungszusammenarbeit und Friedensethik verzahnen sich hier. Die Forderung nach Überwindung struktureller Ungerechtigkeit um der betroffenen Menschen willen steht zunehmend im Fokus auch friedensethischer Forderungen.

Am Ende stehen in der gegenwärtigen politischen Debatte zwei Prototypen einander gegenüber, die in unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern verortet sind: Auf der einen Seite Papst Franziskus und alle diejenigen, die in jedem Menschen – gerade den Armen und Leidenden – den Bruder und die Schwester sehen und ihr/ihm die Hand reichen. Auf der anderen Seite die Vertreter des „Ich zuerst“ mit ihrem (nationalen) Egoismus, rücksichtsloser Interessenpolitik, Handelsverträgen zum eigenen Vorteil, Grenzschließung etc. Im Kern geht es um die Frage, wer wir sind und wem was „gehört“: Verstehen wir uns als Geschöpfe des einen Gottes und als Glieder der einen Menschheitsfamilie oder als Teil einer privilegierten Partikulargemeinschaft, die das Recht des Stärkeren ausübt? Ist der Planet Erde als Teil der Schöpfung dem Menschengeschlecht anvertraut, um darauf zu leben – eine Leihgabe –, oder „gehört“ das Territorium, auf dem sich ein Volk, eine Nation, ein Staat befindet, diesem und keinem anderen? Nimmt sich der Starke von den Ressourcen der Erde, was er will – die Übrigen müssen sehen, wo sie bleiben? Ist die internationale Anarchie der Normalzustand oder eine politisch-ethische Herausforderung, die es zu überwinden gilt?

Wir danken dem Portal weltkirche.de für die Abdruckgenehmigung.

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven ist Direktor des Instituts für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Er ist Mitglied der Deutschen Kommission „Justitia et Pax” sowie der Arbeitsgruppe „Politische und gesellschaftliche Grundfragen” des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Des Weiteren gehört er zur katholischen Delegation für das theologische Gespräch zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Moskauer Patriarchat.





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