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Was ich DIR zu sagen habe ...

© KS / Doreen Bierdel
© KS / Doreen Bierdel

Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende zu und die Dezember-Ausgabe 2019 behandelt die Vielseitigkeit des Betens. Warum gibt es die lange Tradition des Betens und wie kann gebetet werden? Diese Fragen werden aus unterschiedlichen Perspektiven sowohl von Theologinnen als auch einem Ordensmann und einer Ordensschwester aufgegriffen. Denn neben festen Gebeten, wie z. B. dem Vater unser oder Ave Maria, kommt Beten auch ganz ohne vorgegebene Strukturen aus – so beschreibt es Sylvia vom Holt in ihrem Beitrag über Stoßgebete. Georg Maria Roers SJ weist auf Handschmeichler hin und zeigt, wie das Soldatengesangbuch Soldatinnen und Soldaten im Alltag begleiten kann.

Die Oberin des Anbetungsklosters St. Gabriel in Berlin, Schwester M. Mechtildis SSpSAP, schildert im Interview ihr Leben in einem kontemplativen Kloster. Es ist geprägt vom täglichen Gebet.

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name ...“



Wer betet, weiß um die Grenzen der eigenen Möglichkeiten. Vieles können viele Menschen an vielen Orten mit den persönlichen Kräften bewirken: für das tägliche Brot sorgen, einen sicheren Wohnort haben, Kindern das Leben schenken, Bildungswege wählen, Partnerschaften leben, reisen, die Freizeit gestalten. Nicht jedem Menschen ist jedoch ein solches glückendes Dasein überall in der Welt auf Dauer geschenkt.

„Fast ein Gebet“ – so lautet der Titel eines kurzen Textes, in dem der Dichter Reiner Kunze seine Dankbarkeit für sein Leben als Grundmotiv des Betens in Worte fasst:

„Wir haben ein Dach und Brot im Fach und Wasser im Haus da hält man’s aus. Und wir haben es warm Und haben ein Bett. O Gott, dass doch jeder Das alles hätt’!“

Der Dank ist die erste Motivation des Beters, das Gespräch mit Gott zu suchen. Ein Lob erklingt in der Beschreibung von Gegebenheiten, die nicht für alle Menschen selbstverständlich sind. Eine Klage schließt sich daher an: Nicht allen Menschen geht es immerzu gut. In der Bitte werden Wünsche formuliert, die Menschen sich selbst weltweit nicht erfüllen können.

Die Frage nach der Möglichkeit der Erfüllung von Bittgebeten ist eine der schwierigsten in der Theologie. Bei ihr wird die Bestimmung des Verhältnisses zwischen menschlicher und göttlicher Freiheit sehr konkret. Wie könnte Gott jeden Hunger und allen Durst in der Welt stillen? Wie sollte Gott alle verfeindeten Menschen wieder versöhnen? Wie könnte Gott Bildungsmöglichkeiten für alle Jugendlichen eröffnen? Wie ließe sich mit Gott erreichen, dass die Menschen aus ihren Ängsten befreit werden? Ist es daher angemessen, das Gebet vorrangig als konkrete Bitte mit der Erwartung einer Erfüllung zu verstehen?

Fachliche Auskünfte erinnern daran, dass das Fürbittgebet ursprünglich thematisch sehr allgemein gehalten wurde: Es gab Bitten für die Getauften weltweit, für die kirchlichen Leitungspersönlichkeiten, für die staatlichen Regierungen, für die Reisenden, die alten, kranken sowie die sterbenden Menschen. Die Erwartung einer unmittelbaren Veränderung der Notsituationen da oder dort war dabei nicht gegeben.

Menschliche Erfahrungen mit dem Bitten führen zu der Erkenntnis, dass Gott als ein freies Gegenüber in Kommunikation mit dem bittenden Menschen tritt. Am Ende bleibt nur das Vertrauen in die unergründlichen Wege Gottes. Gott plant nicht alles voraus. Gott ist immerzu nachsorgend fürsorgend unterwegs. Eine solche Vorstellung setzt gläubiges Vertrauen voraus. Ohne die Erwartung eines Lebens auch über den Tod hinaus lässt sich ein solches Vertrauen nicht begründen, da sich die Lebenswünsche für alle augenscheinlich nicht in irdischer Zeit erfüllen. Eine bloße Vertröstung auf ewige Zeiten ist dabei jedoch nicht gemeint – möglichst in der irdischen Zeit bereits soll ja das Leben glücken. Was aber ist, wenn dies nicht geschieht? Hat Gott dann keine Möglichkeiten mehr?

In jüngerer Zeit erfährt die Klage als eine Form des Gebets eine hohe Wertschätzung. Es ist oft nicht leicht im Leben. Immerzu ist die Zukunft gefährdet. Krankheiten drohen; Unfälle ereignen sich; ein versöhntes Miteinander ist auf Dauer nicht immer sinnvoll zu gestalten. Die Tatsache, dass die Klage in der christlichen Liturgie selten zugelassen wird, ist Anlass für kritische Rückfragen. Insbesondere in ökumenischen Kontexten wird der Klageliturgie heute auch im christlichen Kontext Raum gegeben. Nach Geschehnissen, die weltweit Anlass zur Klage sind, sind gottesdienstliche Versammlungen nur in ökumenischer Gemeinschaft gesellschaftlich akzeptabel; oft sind sie heute interreligiös gestaltet.

Lehrt die Not beten? Es ist in der Weltgeschichte offenkundig so gewesen – und dies mit gutem Sinn. Wir Menschen nehmen dann wahr, wie ratlos wir angesichts einer gegebenen Wirklichkeit sind, die sich nicht einfach für alle zum Guten wenden lässt. Im Gebet geschieht Dank für den Schutz des eigenen Lebens. Dieser Dank verbindet sich mit der Wahrnehmung fremder Not, der Klage und der Bitte.

Es gibt manche Gründe für die Krise des Gebets: die eilig gewordene Zeit; das Streben nach rasch erlebbarer Effizienz; die strengen kirchlichen Traditionen mit vorgegebenen Sprachbildern. In der christlichen Soteriologie (Lehre über die Erlösung) bedarf es einer Verwandlung der Perspektive: Nicht Gott will versöhnt werden mit uns; er selbst schenkt den Sünderinnen und Sündern, den Todgeweihten, Versöhnung. Diese Umkehr der Vorstellung von Gottes Beziehung zur Schöpfung lässt sich auch in der Tradition des Gebets wiederfinden. Gott ist dann als ein um unser Zutrauen zu ihm bittendes Wesen zu erkennen. Dietrich Bonhoeffer hat eine Betrachtung hinterlassen, in der ein solches Zugehen Gottes auf die Menschen in gedichteter Weise erfasst ist:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinem Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden.

Dorothea Sattler,
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Sie beruhigen mich. Handschmeichler. Das kann ein schöner Stein sein, den ich am Strand finde oder ein kleiner Engel aus Bronze. Es kann eine alte Münze sein oder ein Buch mit dem Titel ODEUM. Das habe ich mal auf einem Flohmarkt gekauft. Ein guter Ort um Handschmeichler zu finden.

Das Büchlein mit dem Titel Odeum steckten 1873 gedichthungrige Leser in die Westentasche. Hier ging es um das Motto: Reim dich oder ich fress dich. Klingt alles sehr ungewohnt für unsere Ohren. Die Leute hatten damals Lust auf Lautmalereien. Ein Autor namens A. F. Rosler wollte nach einem Geburtstagsbesuch auf „iren“ launig provozieren: „Die Musen zu citiren, / Und durch Improvisiren / dich zu tyrannisieren. / Gott mög´ uns inspirieren ...“

Sie, die Frauen und Männer der Deutschen Bundeswehr, haben seit diesem Jahr auch einen neuen Handschmeichler. Es könnte ein Gedichtband sein, ist aber ein weinrotes Gebetbüchlein in Goldschnitt und mit Lesebändchen. Ein nachhaltiges Geschenk. Am Anfang steht das Vater unser und am Ende das Credo. Klingt wenig spektakulär. Der Inhalt hat allerdings geistliche Sprengkraft. Wir erfahren, was leibliche (Nackte bekleiden) und geistliche Barmherzigkeit (Lästige ertragen) ist und wie die Kardinaltugenden lauten: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Lieder, Gebete, Bilder und Tipps wie wir Christen das Leben mit Gott im Alltag gestalten können – dieser Schatz will geborgen werden. Er glänzt überall. Im Sondereinsatz in fernen unbekannten Ländern, aber auch in der heimischen Kaserne. „Herr, unser Gott, hab Dank, dass du uns siehst“ (25). Zuerst kommen die Gebete und Psalmen, die die ältesten Gedichte sind, die wir kennen. Es folgt eine gute Anleitung, wie mit der Bibel umzugehen ist und wie ich damit im Alltag (über-)leben kann. Das möchte gefeiert werden am Morgen und am Abend. Am Ende finden sich Gebetszeiten, die meinen Tag prägen wollen.

Vorbilder der Kirche werden genannt und wann sie im Kalender stehen. Die Heilige Barbara feiern am 4. Dezember vor allem Bergleute. Sie ist aber auch die Patronin der Artilleristen. Die Märtyrerin wird oft mit Turm, Kelch und Zweigen dargestellt. Sie ist eine der 14 Nothelfer. Ein adventlicher Brauch ist es, an ihrem Fest Zweige mit Knospen in eine Vase zu stellen, die dann an Weihnachten blühen.

Im Advent werden wir wieder singen: „Wachet auf, ruft uns die Stimme, der Wächter sehr hoch auf der Zinne“ (194). Eine Frau oder ein Mann im Einsatz der Bundeswehr muss oft Wache halten. Immer aufmerksam zu sein, das schafft allerdings kein Mensch alleine. Es geht nur im Team und mit der Hilfe Gottes. Was haben Schauspieler und Soldaten gemeinsam? Sie müssen oft und lange warten. Ein Handschmeichler kann da ein wichtiger Wegbegleiter sein.

Georg Maria Roers SJ

Neulich stand ich mal wieder in einer sehr langen Warteschlange an der Kasse im Supermarkt. Der Weg bis zum erhofften Ziel erschien mir endlos weit. Ich fragte mich: Wie viel Zeit verliere ich immer wieder beim Einkaufen? Wie viel Sinnvolleres könnte ich jetzt erledigen? Dieses Anstehen nervt mich ungemein. Es will und will nicht vorwärtsgehen. Ein Mann hat seine Kreditkarte falsch hineingesteckt, eine Frau sucht endlos lang in ihrem Portmonee nach Centstücken, ein Dritter lässt sich unendlich viel Zeit, die Waren seines Einkaufs aufs Band zu legen. Zudem fängt die Person hinter mir an, mich mit ihrem Einkaufswagen etwas unsanft nach vorne zu schieben, als ob es dadurch schneller ginge. Kurz gesagt, solche Alltagssituationen nerven einfach nur. In diesen Augenblicken bricht es dann in Gedanken aus mir heraus: „Herr, warum trifft es ausgerechnet immer wieder mich?“

Plötzlich ertönt unerwartet wie auf ein Stichwort hin aus dem Lautsprecher die Ansage: „Liebe Kunden, es öffnet Kasse drei für Sie.“ Da ich nur wenige Sachen habe, bin ich gleich die Zweite, die an der neugeöffneten Kasse ist. Und ehe ich es gedacht, stehe ich mit meinem kleinen Einkauf endlich wieder auf der Straße.

Zugegebenermaßen, es mag simpel klingen, mein Stoßgebet hat offenbar geholfen. Sicherlich, es ist eine alltäglich banale Situation. Früher oder später wäre ich ohnehin an der Kasse dran gewesen, und hierbei geht es weder um Leben noch um Tod. Auf diese Weise bin ich jedoch erneut auf die alte und zum Teil verschüttete Tradition der Stoßgebete nahezu im wahrsten Sinne des Wortes gestoßen. Stoßgebete sind Gebete, die uns in schwierigen Situationen spontan betend über die Lippen kommen, vor allem dann, wenn es schnell gehen soll. Beispielsweise wenn der Schlüssel verloren gegangen ist, ein unerwarteter Streit ausbricht oder eine Krankheit alles lahmlegt; dann, wenn uns der Atem stockt oder die Nerven blankliegen. Situationen für Stoßgebete können so individuell sein wie unsere Probleme, dennoch gibt es gleichzeitig eine Sammlung von ganz bestimmten Stoßgebeten für jeden Moment.

Aber wozu überhaupt Beten? Es ist mein ganz persönliches Gespräch mit Gott. Dies braucht keinen bestimmten Rahmen oder gar eine feste Vorgabe. Nach John Henry Newman (1801–1890) ist Beten „das Atemholen der Seele.“ Ich werde nun vermutlich nicht jedes Mal in der Warteschlange ein Stoßgebet verrichten, um schneller an die Kasse zu kommen, aber ich bin jetzt feinfühliger geworden für die Möglichkeit, jederzeit beten zu können. Egal wo.

Je länger ich darüber nachdenke, ist es wie ein Gleichnis für unser Leben. Oftmals erscheint ein Problem endlos und wird von langen Durststrecken begleitet, was mitunter langes Warten beinhaltet. Da kann eine positive Wendung plötzlich und unerwartet einen neuen Horizont eröffnen; da kann Gott sich durchaus auch einmal als die erlösende „Kasse drei“ offenbaren.

All diese Erlebnisse und Gedanken haben mich dazu veranlasst, mir einen persönlichen Vorrat an Stoßgebeten zuzulegen. Dieser hilft mir in scheinbar schwierigen, manchmal auch ausweglosen Situationen kurzerhand auf ein Stoßgebet zurückgreifen zu können. „Herr, schenk mir Geduld!“, „Herr, lass mich stark sein!“ „Herr, lass es vorübergehen!“ Vor diesem Hintergrund war ich nicht wenig überrascht, als ich im neuen Katholischen Gebet- und Gesangbuch für die Soldatinnen und Soldaten in der Deutschen Bundeswehr zwei Seiten voller Stoßgebete vorfand. Dies zeigt mir, dass die alte Tradition der Stoßgebete auch in unserer heutigen Zeit mit all ihrer Hektik und der alltäglichen Atemlosigkeit – oder gerade deshalb – wieder eine Chance haben kann. Daher ermutige ich Sie auf diesem Wege, es wieder einmal mit einem Stoßgebet zu versuchen. Wer weiß, vielleicht öffnet sich ja Ihre ganz persönliche „Kasse drei“. „Hilf, Herr, meiner Seele, dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin“ (SG 243).

Sylvia vom Holt, Pastoralassistentin

Beten ist wie ein Gespräch mit Gott

Ein Interview über das Gebet mit Schwester M. Mechtildis SSpSAP,
Oberin des Anbetungsklosters St. Gabriel in Berlin

Kompass: Seit wann gibt es ihr Kloster und mit wie vielen Schwestern leben Sie heute hier?

Sr. Maria Mechtildis: Unser Orden ist vor über 120 Jahren an der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland gegründet worden. Das wichtigste Kloster in Deutschland ist in Westfalen, wo ich auch herkomme, in Bad Driburg. Von dort wurde 1936 in der schwierigen Zeit – ganz bewusst in der damaligen Reichshauptstadt – dieses Kloster gegründet und die Schwestern haben dann auch den ganzen 2. Weltkrieg über hier ausgeharrt. Jetzt sind wir 14 Schwestern von 34 bis 89 Jahren, wobei die jüngeren zumeist aus dem Ausland kommen. Ich selbst bin 82 und seit fast genau 60 Jahren in der Gemeinschaft.

Kompass: Wie kann ich mir Ihren Alltag im Kloster vorstellen?

Sr. Maria Mechtildis: Jeden Tag läutet es um 4:55 Uhr zum Aufstehen, dann folgt ab 5:25 Uhr eine längere Zeit in der Kapelle: die Laudes des kirchlichen Stundengebets, anschließend persönliche Meditation / Betrachtung (dazu kann jede auch auf ihr Zimmer oder in den Garten gehen) und um 7 Uhr die Heilige Messe – nur sonntags ist sie erst um 8:30 Uhr. Dazu kommt immer ein Steyler Pater aus der benachbarten Gemeinde. Nachdem wir noch die Terz gesungen haben, gibt es Frühstück und ab etwa 8:30 Uhr geht jede von uns ihrer Arbeit hier im Haus nach.

Um 11:40 Uhr kommen wir wieder zum Gebet und dann zum Mittagessen zusammen – bis 14 Uhr ist freie Zeit, manche ruhen, wenn sie von der Nachtanbetung müde sind. Danach wieder Arbeit oder privates Gebet; und mindestens eine von uns ist ja immer zur Ewigen Anbetung in der Kapelle. Sonntags trinken wir um 15 Uhr Kaffee, da haben alle zu kommen. In der anschließenden gemeinsamen Zeit ab 15:45 Uhr gibt es Vorträge, Gesangsstunden, Sprachunterricht oder gemeinschaftliche Lesung. Diese Zeit wird abgeschlossen vom Gebet. Wenn wir den „Engel des Herrn“ und die Vesper gebetet und zu Abend gegessen haben, ist ab etwa 19 Uhr gemeinschaftliche Erholung, während der wir miteinander sprechen und Zeitungen oder Zeitschriften lesen. Wir haben zwar auch Fernseher und Internet-Zugang, die nutzen wir aber sehr wenig. Und nach der Komplet endet kurz nach 20 Uhr der Tagesablauf. Um diese Zeit kommen auch Laien-Anbeter aus der Stadt, abwechselnd an den Wochentagen; in dieser Zeit braucht dann keine von uns in der Kapelle sein. Auch diese Gäste sind sehr international.

 

Kompass: Wenn Sie für andere beten – für wen und in welchen Anliegen?

Sr. Maria Mechtildis: In unserem gemeinsamen Morgengebet, der Laudes, sind allgemeine Fürbitten vorgesehen. Wir nehmen hier meist etwa drei Bitten hinzu – etwa für Kranke, Sterbende, für das Erzbistum. Wenn wir „für“ andere beten, dann nicht nur in deren Anliegen, sondern auch stellvertretend für die, die es nicht wollen oder können oder keine Zeit haben.

Die Anbetung dürfen Sie sich aber nicht vorstellen wie ganz viele Bitten; es ist mehr wie ein persönliches Gespräch – und da fängt man ja meist auch nicht mit den Bitten an. Früher hatten wir ein Einleitungsgebet von etwa zehn Minuten, aber seit unserem Reformkapitel 1969 ist das freigestellt.

 

Kompass: Wie viel erfahren Sie vom Leben „draußen in der Welt“, wenn Sie das Kloster kaum verlassen? Wie kommen Sie zu den Gebetsanliegen?

Sr. Maria Mechtildis: Wir beten ja oft für die Mission, für die anderen Mitglieder unseres Ordens, die weltweit tätig sind. Ich wäre selbst nach dem Studium auch gerne in die Mission gegangen, oder Lehrerin oder Ärztin geworden. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Weg doch eher in der Stille und der Anbetung liegt. Für mich ist es noch etwas höher, im Verborgenen anzubeten als draußen Großes zu leisten.

Wir erfahren viel aus den Zeitungen oder von unseren Besuchern und durch Anrufe. Wir haben aber auch das Briefapostolat: Leute informieren und bitten uns, wo sie in Not sind. Manche schreiben uns sehr regelmäßig oder auch aus Familien, deren Eltern uns schon gebeten, aber auch unterstützt haben.

 

Kompass: Ganz naiv gefragt – wird das viele Beten nicht auch mal langweilig?

Sr. Maria Mechtildis: Nein, langweilig wird es nicht. Es ist nicht immer leicht, manchmal kämpfe ich auch mit der Müdigkeit. Aber das geht immer vorbei und es wird auch wieder leichter.

Wir haben ja viele Formen des Gebets, vom Chorgebet über den Rosenkranz bis hin zur schweigenden Anbetung vor dem Allerheiligsten. Letztere ist ja die besondere Aufgabe unserer Gemeinschaft – Tag und Nacht einfach nur da zu sein vor Gott.

 

Kompass: Wovon leben Sie, wie finanziert sich Ihre Gemeinschaft?

Sr. Maria Mechtildis: Unsere älteren Schwestern bekommen eine kleine Rente. Und sonst hauptsächlich von Spenden – Leute bringen Lebensmittel oder geben Geld. Wir machen möglichst viel selbst: im Garten, in Küche und Haushalt.

Kompass: Wie ist der Weg in Ihre Gemeinschaft, und wie hat Ihr persönlicher Lebensweg ausgesehen?

Sr. Maria Mechtildis: Es dauert schon einige Jahre, und die Probezeit ist noch verlängert worden, weil die Entscheidungen schwieriger geworden sind. Aus einem Jahr Kandidatenzeit wurden zwei. Dann mindestens zwei Jahre Noviziat. Erst fünf Jahre nach der Zeitlichen Profess ist die Ewige möglich.

Mir ist das Eintreten damals schon sehr schwergefallen. Vor allem hatte meine Mutter Schwierigkeiten, mich gehen zu lassen, zumal sie lange krank war. Aber als ich erst im Kloster war, wusste ich: Hier will ich mein Leben lang bleiben. Vom Mutterhaus in Steyl aus wurde ich in eine Neugründung nach Argentinien versetzt. Während meine Mutter noch lebte, kam ich später als Oberin nach Bad Driburg. Und schließlich erfolgte die Versetzung hierher.

 

Kompass: Haben Sie schon Gebetserhörungen erlebt? Was „nützt“ das Beten aus Ihrer Sicht?

Sr. Maria Mechtildis: Ja, wir bekommen oft Rückmeldungen, dass etwas gut ausgegangen ist – man kann natürlich nicht beweisen, dass es durch das Gebet gekommen ist. Oder wenn Menschen krank sind, werden sie vielleicht nicht unbedingt gesund, aber gewinnen Kraft.

Die Fragen stellte Jörg Volpers.





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