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Lass uns über den Tod reden

© [M] Spiegel Hintergrund Vektor erstellt von vectorpocket - de.freepik.com
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Inspiriert von einem neuen Buch, das auf Seite 4 besprochen wird, geht es bereits in dieser Oktober-Ausgabe 2019 der Zeitschrift „Kompass“ um Verwundung und Tod, Abschied und Trauer – nicht erst im „Totenmonat“ November. Gerade Soldatinnen und Soldaten sind von diesem Themenbereich besonders betroffen. Und es fügt sich gut, dass der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ – kurz nach dem 1. Weltkrieg gegründet – in dieser Zeit sein 100-jähriges Bestehen begeht.

Wie gewohnt, sind der Redaktion dabei die verschiedenen Blickwinkel wichtig: Eine Theologin macht sich über die heutige Trauer- und Bestattungskultur am Beispiel von Fußballfans und -vereinen Gedanken. Ein Militärseelsorger spricht von seiner Erfahrung in Auslandseinsätzen und bei der Arbeit mit Hinterbliebenen. Der Volksbund kommt mit einem Kommentar zur Erinnerungskultur und der internationalen Arbeit zu Wort. Um die Gedanken anzuregen, gibt es noch einen Tipp ins Internet, einen Beitrag zu Kunst zum Thema sowie eine weitere Buchvorstellung.

„Schade, dass ich meine Oma nicht kennengelernt habe. Aber es ist auch nicht schlimm. Denn Tote sind doch nicht weg, die wohnen im Herzen und ich trage meine Oma in meinem Herzen herum.“

Leni, 5 Jahre alt


von Eva-Maria Will, Diplom-Theologin, Köln

Ein Fußball auf dem Grabstein – noch dazu mit einem FC-Schal umwickelt? Ein Sarg – bedeckt mit einem Banner, auf dem mit großen schwarzen Lettern steht: „You‘ll Never Walk Alone“? Das gab es tatsächlich vor einigen Wochen zu sehen bei der Ausstellung „Abpfiff! Wenn der Fußball Trauer trägt“, die im Juni/Juli 2019 auf dem Melatenfriedhof rund um die Kapelle St. Maria und Lazarus in Köln gezeigt wurde. Durch sie wurden zahlreiche Kölner, die bekanntermaßen mit ihrem Fußballverein verbunden sind wie mit dem Dom, mit Kölsch und Karneval, auf den Friedhof gelockt.

Auf dem während der französischen Besatzungszeit vor 200 Jahren eingerichteten Melatenfriedhof kann man heute interessante Phänomene der Bestattungskultur beobachten: Nicht nur der Fußball, das Vereinslogo oder das Motorrad eines leidenschaftlichen, vielleicht damit verunglückten Motorradfahrers finden sich eingraviert auf einem Grabstein, sondern auch der Clown am Grab eines Karnevalisten. Auf Kindergräbern befindet sich oft ein Meer von Engeln, Sternen oder bunten Windmühlen. Die Vielfalt des Grabschmucks, aber auch die Form der Bestattung belegen, dass Grabstätten zunehmend individueller gestaltet werden; aber man kann ebenfalls daran ablesen, wie wir als Gesellschaft mit unseren Toten umgehen. Denn es ist nicht zu übersehen, dass sich gerade ältere und ärmere Menschen für ein anonymes Grab entscheiden. Sie wollen schon zu Lebzeiten ihren Kindern nicht zur Last fallen und ihnen nach ihrem Tod auch nicht die Grabpflege zumuten. Manchmal sind die Angehörigen von der oftmals einsam getroffenen Entscheidung nach dem Tod des Elternteils überrascht, ja entsetzt. Vor vollendete Tatsachen gestellt, fehlt ihnen nun der Ort für die Trauer. Auf einem anonymen Gräberfeld habe ich gesehen, dass Angehörige dennoch da ein Teelicht ablegen, wo sie das Grab der Mutter oder des Vaters vermuten. Wie gut, dass inzwischen immer mehr bezahlbare pflegefreie Gräber angeboten werden, die der Würde des Toten angemessen sind. Die katholische Kirche achtet außerdem darauf, dass auch der Name des Verstorbenen und ein christliches Symbol wie das Kreuz an der letzten Ruhestätte angebracht werden können: Denn wie das Symbol für den christlichen Glauben, so steht der Name für die unverwechselbare Persönlichkeit des Menschen. Deshalb irritiert es mich, dass wir es in unserer Gesellschaft heute zulassen, Gräber zu anonymisieren und damit die Erinnerung an den Verstorbenen auslöschen. Ein Blick in die Geschichte, aber auch in unsere Tage zeigt doch, wie sehr Angehörige darunter leiden können, wenn sie keinen Zugang zum Grab ihres Verstorbenen haben: zum Bruder, der als Soldat im Krieg verschollen oder der geflüchteten Schwester, die mit dem Schlauchboot untergegangen ist. Kein Grab zu haben, ist für die Hinterbliebenen im wahren Wortsinn trostlos!

Urnengrabfelder auf dem Stadiongelände?

In der Ausstellung „Abpfiff!“ erfahren die Besucher, dass Vereine wie der HSV oder Schalke 04 inzwischen eigene Grabfelder für ihre Vereinsmitglieder und Fans haben. Doch Urnengrabfelder auf dem Stadiongelände, wie es sie in einigen spanischen Klubs bereits gibt, sind in Deutschland heute noch undenkbar. Dafür sorgt das jeweilige Bestattungsgesetz der Bundesländer. Diese Einschränkung halte ich durchaus für sinnvoll: Sollen etwa die trauernde Großmutter, der Arbeitskollege oder die Freundin aus dem Ausland ins Stadion gehen, um das Grab des Verstorbenen zu besuchen? Ähnlich aufwändig ist es ja bereits für viele, zu einer Grabstätte auf einem sogenannten naturbelassenen Waldstück zu gelangen, das oft abseits der Stadt liegt. In solchen Fällen kann die Urne mit der Totenasche leicht zum Zankapfel werden. Doch der Tote ist niemandes Privatbesitz. Deshalb liegt der Vorteil kommunaler und kirchlicher Friedhöfe darin, dass sie einen Ort für die letzte Ruhestätte und die Trauer bieten, der für alle öffentlich erreichbar und zugänglich ist.

Rituale, die Halt geben

Über die Trauerrituale in der Fußballszene geben Bilder und Videos in der Ausstellung ein Zeugnis: Zehntausende trauern auf den Rängen und Millionen an ihren Bildschirmen. Ähnliches kann man beobachten, wenn Menschen bei Naturkatastrophen, Unfällen oder Terroranschlägen zu Schaden gekommen sind: In der Trauer sind die Massen vereint; Kerzen werden entzündet und Blumen abgelegt.

Doch wenn in der Familie ein Mensch stirbt, dann kommt es immer häufiger vor, dass die Angehörigen ihren Verstorbenen nur im engsten Familienkreis bestatten. Sie verschicken weder eine persönliche Todesanzeige, noch findet überhaupt eine Abschiedsfeier statt, weil sie die Trauer für eine Privatsache alten. Oft erfahren Nachbarn oder Kolleginnen erst später, dass die Beerdigung „in aller Stille“ stattgefunden hat.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Im Fußball dagegen wird offen und für alle sicht- und hörbar getrauert: Die Spieler tragen den Trauerflor am Trikot. Das Bild des Toten auf dem Stadionbildschirm oder auf dem Banner in der Fankurve lässt ihn für einen Moment wieder lebendig werden. Im Stadion wird als Zeichen des Respekts eine Schweigeminute für den Verstorbenen gehalten. Was im Fußballsport selbstverständlich ist, hat ihren Ursprung in der christlichen Trauerkultur, denn die Kirchen bestatten seit jeher ihre Toten in einer Feier, zu der die Gemeinde den Verstorbenen und die um ihn Trauernden noch einmal in ihre Mitte holt. Denn das Abschiednehmen fällt leichter in Gemeinschaft: Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt das Sprichwort.

Wenn Menschen traurig, fassungslos oder wütend sind, kann ihnen der gemeinsam vollzogene kirchliche Ritus in einer würdig gestalteten Abschiedsfeier Halt geben und helfen, einander offen zu begegnen und den Schmerz zu ertragen. Die Bitte, den Verstorbenen in das Leben bei Gott aufzunehmen, tröstet. Beim Rückzug in den privaten Raum, bei dem solche Rituale fehlen, bleibt jedoch eine Leerstelle zurück. Immer mehr Hinterbliebene fühlen sich dann herausgefordert, eine individuelle Form für die Verabschiedung bei Ritendesignern und freien Trauerrednern zu finden.

Und wenn das Fußballidol zu Grabe getragen worden ist, dann sorgen Verein und Fans dafür, das Andenken an ihn zu bewahren, wie in der Ausstellung „Abpfiff!“ anschaulich gezeigt wird. In Internetforen kann man außerdem virtuell eine Kerze entzünden und eine Kondolenzkarte einstellen, auf der man versichert, dass der Verstorbene im Herzen weiterleben wird. Der vielzitierte Spruch Immanuel Kants ist ein Zeichen für eine lebendige Erinnerungskultur: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Tot ist nur, wer vergessen wird!“

Doch gibt es über das Weiterleben in den Herzen hinaus für manchen noch eine andere tiefere Hoffnung? Traditionelle Vereinshymnen sind für eine solche Deutung offen wie das Lied „You‘ll Never Walk Alone“ nahelegt, das ich schon im Zusammenhang des mit dem Banner eingehüllten Sarges erwähnt habe. Dieses eingängige durch den FC Liverpool berühmt gewordene Lied, besingt nämlich nicht den Siegeswillen auf dem Fußballplatz, sondern spricht von der Dunkelheit, den Stürmen und Ängsten des Lebens. Der emotionale Song will in die tröstende Zuversicht einstimmen, dass niemand den Weg allein gehen müsse, sondern dass es immer jemand gäbe, der mitgeht. Wer der Wegbegleiter ist, lässt der Liedtext offen, so dass ihn jeder so interpretieren kann, wie es für ihn stimmt. Der christliche Glaube vertraut darauf, dass es Gott ist, der den Weg durch die finsteren Schluchten mitgeht (vgl. Ps 23,4). Das Lied tröstet mit dem Ausblick auf den goldenen Himmel, der nach dem Sturm komme und ermutigt, mit der Hoffnung im Herzen weiterzugehen. Über seine persönliche Hoffnung äußerte sich vor Kurzem Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg: Er glaube, dass nichts, was auf der Welt ist, einfach verschwinde, sondern er vertraue darauf, dass alles umgewandelt werde in andere Energieformen, Lebens- und Existenzformen. Er fühle, dass seine nächsten Verwandten, die bereits gestorben sind, nicht einfach weg sind, sondern dass sie schon da sind – angekommen am Ziel ihres Lebensweges.

Ob ein Fußballer stirbt oder Soldaten bei einem Auslandseinsatz fallen: Immer wieder werden wir mit Sterben und Tod konfrontiert. Vielen Menschen macht das Angst, weshalb sie sich lieber darüber Gedanken machen, wie man das eigene Leben optimieren kann. Doch wer weiß schon, wann das eigene Leben „abgepfiffen“ wird? Den Gedanken an die eigene Endlichkeit zuzulassen, kann dazu beitragen, mit weniger Angst zu leben und sich vielleicht sogar die Frage zu erlauben, wie man sich eigentlich nach dem Tod bestatten lassen will.

„Sterben, Tod und Trauer“

Militärdekan Hans-Richard Engel ist seit 2017 Militärseelsorger am Zentrum Innere Führung (Katholisches Militärpfarramt Koblenz III). Bereits am ersten Tag seiner Tätigkeit in der Militärseelsorge wurde er mit dem Titelthema konfrontiert. Denn als er am 1.9.2008 als Militärpfarrer in Zweibrücken ankam, stand sofort eine Trauerfeier für ein Opfer aus dem Einsatzkontingent der Fallschirmjäger auf der Tagesordnung.

Als Militärseelsorger in Köln-Wahn (Katholisches Militärpfarramt Köln II) kam er im Rahmen der Rückführung verstorbener, getöteter oder gefallener Soldaten immer wieder mit deren Angehörigen in Kontakt, wenn am militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn Särge eintrafen und Trauerfeiern zu halten waren. Dekan Engel vertritt die Katholische Militärseelsorge in der Arbeitsgruppe 1 des Netzwerks der Hilfe: „Angebote und Möglichkeiten der Unterstützung für Hinterbliebene“.

 

Kompass:Fallen Ihnen im Umgang mit dem Thema Sterben Unterschiede zwischen der Gesellschaft allgemein und der Bundeswehr auf?

Engel: In der Gesellschaft werden die Themen Sterben, Tod und Trauer oft individualisiert und privatisiert. Beim Militär liegen die Dinge anders. Hier kann der Tod in Ausübung des Dienstes oder im Auslandseinsatz nicht oder zumindest nicht in dem Maß verdrängt werden, wie dies in der Gesellschaft möglich ist. Die Gefahren für Leib und Seele, das Verwundungs- und Todesrisiko gehören zum Berufsbild dazu. „Verwundung und Tod“ sind Thema der Militärseelsorger nicht nur im Rahmen des Lebenskundlichen Unterrichts, sondern auch bei der Vor- und Nachbereitung eines Auslandseinsatzes.

Kompass: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr-Führung?

Engel: Mit Beginn der Einsätze hat die Bundeswehr vorhandene Instrumente weiterentwickelt und neue geschaffen. So wurden rechtliche und finanzielle Aspekte geändert oder ergänzt, Aufbau und Ausbau des Psychosozialen Netzwerks (PSN) für die Kameradinnen und Kameraden und deren Angehörige intensiviert. Neues wurde initiiert, so z. B. die Lotsen-leitstelle im Zentrum Innere Führung. Darüber hinaus verfügt die Bundeswehr über Rituale, in die der einsatzbedingte Tod eingebettet ist: Appelle, Ansprachen, Begräbniszeremonien, Trauerfeiern, Gedenkgottesdienste, Volkstrauertag, Ehrenmale, Gedenkstätten, der Wald der Erinnerung und vieles mehr.

Nicht nur jeder Soldat muss wissen, dass die Strukturen der Bundeswehr greifen, auch seine Angehörigen müssen sich darauf verlassen können. All das bestärkt die Bundeswehr in ihrem Auftrag, diesem Staat und der Gesellschaft zu dienen und dafür entsprechend geachtet zu werden. Das Wort der Kameradschaft und der Fürsorge endet nicht mit dem Tod, sondern gilt über den Tod hinaus auch für die Hinterbliebenen.

Kompass: Wie sehen Ihre Aufgaben für die Hinterbliebenen von Bundeswehr-Angehörigen aus? Gibt es auch eine ökumenische Betreuung für sie?

Engel: Zum einen bin ich Mitglied im Netzwerk der Hilfe, AG 1. Dieses Gremium besteht aus Vertretern der Bundeswehr, der Hinterbliebenen und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Es setzt sich für das Wohl von Angehörigen der gefallenen und verstorbenen Soldatinnen und Soldaten ein, versteht sich quasi als Schnittstelle zwischen Bundeswehr und Hinterbliebenen. Unsere Anliegen sind Maßnahmen der Betreuung und Fürsorge, der Gedenkkultur sowie finanzieller Unterstützung.

Daneben arbeite ich im Arbeitsfeld für unter Einsatz- und Dienstfolgen leidende Menschen mit. Dies ist ein von der Evangelischen Militärseelsorge getragenes ökumenisches Projekt. Die konkrete Begleitung, Hinterbliebenen-Wochenenden, Trauerseminare, Trauer-Pilgerwege und sonstige Begleitung (z. B. am Volkstrauertag) verstehen sich als Angebote beider Militärseelsorgen, die aus christlicher Verantwortung über konfessionelle Grenzen hinaus helfen. In geschützter Umgebung sollen außerhalb dienstlicher Strukturen Hinterbliebene auf dem Weg ihrer Trauer begleitet und befähigt werden, ihr Leben mit neuer Hoffnung zu füllen und neuen Lebensmut zu gewinnen. Unterstützt werden wir dabei von Psychologen, Künstlern und Therapeuten.

Kompass: Dafür, dass die Hinterbliebenen untereinander und mit Ihnen in Kontakt kommen, gibt es seit drei Jahren die Möglichkeit für diese Zielgruppe, an der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes teilzunehmen. Wie gestaltet sich das konkret?

Engel: Die Hinterbliebenen nehmen am regulären Programm der Wallfahrt teil. Sie fahren mit einem der Sonderzüge, lernen dort Soldatinnen und Soldaten kennen oder treffen auf ihnen bekannte Soldatinnen und Soldaten aus den Standorten. In Lourdes begleite und betreue ich die Hinterbliebenen, indem ich ihnen nicht nur über den Soldatenalltag berichte, sondern sie in Liturgie und Glauben der Kirche – besonders an einem Wallfahrtsort – einweise.

 

Kompass: Gute Möglichkeiten, die toten Soldaten und ihre Angehörigen aus der Anonymität und der Sprachlosigkeit zu holen, sind der Wald der Erinnerung in der Nähe von Potsdam, das Ehrenmal der Bundeswehr am Bendlerblock in Berlin und natürlich auch die verschiedenen Gedenkstätten, Soldatenfriedhöfe und Ehrenmale in aller Welt. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Engel: Das Ehrenmal der Bundeswehr, Gedenkstätten, Ehrenmale oder auch Soldatenfriedhöfe sind Teil einer umfassenden Trauerkultur. Der Wald der Erinnerung, der aufgrund einer Anregung aus dem Kreis der Angehörigen realisiert wurde, und in dem die Ehrenhaine aus den Auslandseinsatzorten stehen, ermöglicht eine Atmosphäre für Besinnung, Erinnerung und Trauer. Im Schnitt 10.000 Menschen besichtigen pro Jahr diesen Ort. Er ist eine Möglichkeit, dass die Toten der Bundeswehr aus der Anonymität heraus ein konkretes Gesicht und eine Geschichte erhalten. Trauern ist immer der erste Schritt zum Weiterleben und kann als Heilungsprozess verstanden werden. Die in den Ehrenhainen und an den Bäumen angebrachten Namenstafeln ermöglichen eine weitere konkrete Trauerarbeit. Der Name erinnert daran, dass es sich um einen konkreten Menschen mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit gehandelt hat. Symbole und Riten können Halt geben und etwas ins Wort bringen, das oft unsagbar scheint.

Kompass: Wie kann die Seelsorge gegen diese Anonymität helfen? Welche Bedeutung hat für Sie dabei der christliche Glaube?

Engel: Der Glaube der Bibel kann als ein Mittel gegen das Vergessen und die Erinnerungslosigkeit verstanden werden. Er lebt von Anfang bis Ende vom Erzählen einer Geschichte: das Gespräch mit Gott und die Zuwendung Gottes zum Menschen, zumal in Not und Bedrängnis. Auch wenn Menschen ihre Toten vergessen, leben sie bei Gott weiter und sind in seiner Hand eingeschrieben.

Die Fragen stellte Jörg Volpers.

Ein wichtiges Werk des Künstlers Joseph Beuys (1921–1986) wurde Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal in München gezeigt, wo man es bis heute im Lenbachhaus anschauen kann: zeige deine Wunde. Beuys hat die Kunstwelt auf den Kopf gestellt, weil er nicht einfach Bilder malt oder zeichnet, sondern vor allem in Aktionen (Fluxus) neue Wege aufzeigt.

„Die Arbeit, ‚zeige deine Wunde‘ behandelt das Thema des Todes in eindringlicher Weise. Die Aufforderung des Titels führt den Betrachtenden ihren verwundbaren Punkt, die Endlichkeit ihrer Existenz, vor Augen. Im Mittelpunkt des Environments stehen paarweise angeordnete Leichenbahren, alte Inventarstücke aus der Pathologie ...,“ schreibt Helmut Friedel. Im Netz finden sich weitere Details des Kunstwerks wie z. B. ein Thermometer oder ein Reagenzglas mit einem skelettierten Amselschädel. Es wird deutlich, dass unser Leben zwischen zwei Extremen steht, der Gefährdung und der Rettung etwa durch medizinische Hilfe. Selbst beim Herzstillstand können wir wiederbelebt werden.

Dennoch bleibt die Frage, die nicht nur Philosophen und Theologen, sondern auch Gehirnforscher beschäftigt: Wann lebe ich? Noch? Wer sich sagt: MEIN LEBEN IST ENDLICH, der wird sich auch fragen, was geschieht, wenn ich nicht mehr auf Erden bin. Wir Christen sagen, dann beginnt das ewige Leben. Erst dann? NEIN. Das ewige Leben beginnt mit jeder Liebe, die sich in meinem Herzen regt. Warum? Weil die Liebe unendlich ist. Sie steht außerhalb der Zeit wie die Liebe von Mensch zu Mensch, die Liebe zur Natur, die Liebe zu Kunst, Musik und Tanz. Horizonte weiten sich.

Hass verengt meinen Blick und führt in eine Sackgasse. Selbst wenn Georg Herwegh im Lied vom Hasse (1841) die Tyrannei auf Erden beenden will und in der letzten Strophe prophezeit: „Und heiliger wird unser Hass / als unsre Liebe werden,“ und mit dem Aufruf endet: „Wir haben lang genug geliebt / Und wollen endlich hassen!“ Man kann nur entsetzt sein, wenn diese Worte wieder auf fruchtbaren Boden fallen. Der Hass ist eine Falle, so wie der Tod, wenn man ihn isoliert und endgültig betrachtet. Der Tod ist der Übergang zum ewigen Leben. Wut kann ein kurzer Moment in meinem Leben sein, aber nicht wirklich ein Konzept. Wer sein Leben lang wütet, wird voll Bitterkeit sterben. Niemand will als ein „Stück Kernseife“ enden, um einen Prediger zu zitieren, der seinen Zuhörern die Vergänglichkeit etwas zu drastisch vor Augen führen wollte. Kernseife ist nicht immer vegan. Man braucht dazu pflanzliche Fette wie auch tierische Fette aus Knochen der Tierverwertung. Deshalb finden sich unter den Bahren von zeige deine Wunde zwei mit Fett gefüllte Blechkästen. Ein Verweis darauf, dass auch der Körper des Menschen in den Zyklus der Natur zurückkehrt. Leib und Seele verändern sich. Die Seele bleibt geschmeidig – auch verletzlich, weil sie ihre Wunden zeigt, z. B. im Gebet.

Bleiben wir seelenvergnügt! Wer so lebt, der „lacht nicht nur äußerlich, sein ganzes Inneres ist von Freude und Leichtigkeit erfüllt,“ schreibt Anselm Grün im Buch: Was ist die Seele? Mein Geheimnis – meine Stärke (München, 2008).

Pater Georg Maria Roers SJ

ein Kommentar von Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Im November – häufig ein Monat voller grauer Tage – begehen wir den Volkstrauertag. Dieser Gedenktag, so sagte einmal ein geschätzter Kollege, ist vielleicht der komplizierteste deutsche Tag. Wir müssen jedes Jahr wieder darüber nachdenken, an wen, an was und wie wir gedenken wollen.

Dieses Jahr 2019 ist voller Gedenktage und Jahreszahlen. Wir gedachten am 1. September des Beginns des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall auf Polen und mit doppelten Lügen begann und sechs Jahre später in einer unfassbaren Katastrophe endete. Nicht umsonst heißt es, das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit.

Wir erinnerten am 20. Juli an das gescheiterte Attentat von Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf Hitler. Für die einen ein Held, für die anderen ein Verräter, für wieder andere ein erfolgloser Tyrannenmörder. Die Diskussion flammt mit jeder neuen Erkenntnis und jeder neuen Publikation wieder auf. Es ist tatsächlich so: Stauffenberg und seine Mitverschwörer waren keine Widerständler der ersten Stunde. Im Gegenteil: Sie hatten Hitlers Politik lange unterstützt und an den militärischen Eroberungsfeldzügen aktiv und mit großer Begeisterung teilgenommen. Aber Stauffenberg war trotz dieser anfänglichen Haltung in der Lage, klar zu sehen. Er sah die unglaublichen Grausamkeiten, die von deutschen Soldaten und Sondereinheiten im Osten begangen wurden. Er erkannte den Größenwahn eines Adolf Hitler und die Feigheit seiner willigen Helfer und Adjutanten. Er brachte den Mut auf, sich einzugestehen, dass er sich geirrt hatte, dass er sich von seinen falschen Idealen und Vorstellungen befreien musste. Und vor allem, er brachte den Mut zum Handeln auf. Stauffenberg und seine Kameraden wussten, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Nicht nur im Juli 1944, sondern schon in den zwei Jahren zuvor, als sie begannen, ein Netzwerk des Widerstands aufzubauen.

Was ist ein Held?

Ein Mensch, der ohne Rücksicht auf sein eigenes Schicksal den Mut aufbringt, das Schicksal anderer zu verbessern. Stauffenberg und seine Kameraden bewiesen ungeheuren Mut. Den Mut der Verzweiflung. Aber was lernen wir heute daraus?

Wir müssen darauf hinarbeiten, dass wir nie wieder in eine solche Situation kommen, dass ein solcher Mut der Verzweiflung gar nicht notwendig wird. Bertolt Brecht sagt das sehr treffend in seinem Werk Das Leben des Galilei: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Wir müssen daran arbeiten, dass wir in einer Gesellschaft leben können, in der man mutig ist, in der man Mut zum Frieden hat.

Denn zum Frieden schützen und zum Frieden schaffen – dazu benötigt man sicher mehr Mut als zum Krieg. Frieden braucht Mut! Das ist eine Erkenntnis und das Thema, unter dem der Volksbund in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum begeht. Wir präsentierten im Juni in Kassel, dem Sitz unserer Bundesgeschäftsstelle, eine Woche lang unsere Arbeit unter dem Motto: „Frieden braucht Mut!“ In einer großen Ausstellung zeigen wir weiterhin, wie eng unsere Verbandsgeschichte mit der deutschen Geschichte verknüpft ist – auch in den dunklen Kapiteln.

In ihrer täglichen Arbeit brauchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbunds Mut.

Sie recherchieren die Schicksale von Vermissten und Kriegstoten, informieren die Angehörigen und begleiten sie auch manchmal auf den Kriegsgräberstätten. Das erfordert nicht nur Sensibilität, das erfordert auch Mut. Mut, sich mit der Trauer eines anderen Menschen auseinanderzusetzen und ihn zu trösten. Zu sehen, wie groß das Leid über 75 Jahre später noch ist. Ich habe vor wenigen Tagen auf unserem Friedhof in Rossoschka in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, einem Sohn die Erkennungsmarke seines Vaters übergeben. Wir haben die Gebeine und die Erkennungsmarke dieses Soldaten im Herbst letzten Jahres dort gefunden. Diesen und viele weitere Tote konnten wir mit Hilfe des Bundesarchivs identifizieren. Die Angehörigen haben nun Gewissheit und wir können ihnen auch zeigen, dass ihr Vater, ihr Onkel, ihr Großvater würdig bestattet ist oder zumindest sein Name auf einem Gedenkstein erscheint.

Die Gewissheit ist wichtig, aber die Trauer bleibt.

Als Volksbund leiten wir aus unserer Arbeit, die wir seit hundert Jahren machen – immer noch finden wir die Toten der Kriege –, die Mahnung zum Frieden ab. Aber nur das wäre uns zu wenig. Wir arbeiten für den Frieden, in dem wir die Kriegsgräberstätten zu Lernorten weiterentwickeln. In dem wir Jugendliche dorthin führen und sie an den Daten auf den Grabsteinen sehen, dass auf diesen Friedhöfen Menschen liegen, die so jung waren, wie sie selbst gerade sind. Aber auch, dass sie sich in den internationalen Workcamps begegnen und anfreunden. Ich denke, sie werden so immun gegen stumpfe Vorurteile und Klischees. Eine junge Frau formulierte das sehr schön: „Wenn ich jetzt Russland höre, denke ich nicht mehr an ein fremdes Land, sondern an die Menschen, die ich nun dort kenne.“

Grenzen, vielleicht auch Vorurteile zu überwinden, das gehört zum Lernen für den Frieden. Auch das erfordert Mut. Es ist viel schwieriger als das bequeme Verharren auf vorgefasste Meinungen. Deshalb wünsche ich mir eine mutige Gesellschaft, die Populisten und dumpfer Propaganda entgegentritt mit Mut zum Widersprechen, mit Mut zum Einstehen für andere. Kurz: mit Mut zum Frieden.



Kreuz im Herbst © Herbert Berghus
Kreuz im Herbst © Herbert Berghus

Lass uns reden und lass gehen

01.10.2019. Der Tod plötzlich ganz nah. Eine Betrachtung zum Lebensende, wenn aus einem redaktionellen Thema Realität wird. Ein Beitrag von Norbert Stäblein.



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