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Das geht mir unter die Haut

© Tätowierung und Foto: Mikaël de Poissy, Paris
© Tätowierung und Foto: Mikaël de Poissy, Paris

Sie sind fast so alt wie die Menschheit, jeder fünfte Deutsche trägt sie und dennoch sind sie immer noch umstritten: Tätowierungen. Auch in der Bundeswehr galten sie lange als undenkbar. Doch bereits im frühen Christentum sind Tätowierungen zu finden. Paul-Henri Campbell beschreibt Tätowierungen als Mutter der sakralen Kunst. Christian Herwartz SJ trägt selber zahlreiche Bemalungen auf seiner Haut und fragt, ob diese auch die Beschriftung seines Herzens seien.

Seit seiner ersten Einsatzbegleitung fragt Militärseelsorger und Pastoralreferent Martin Diewald nach den Motiven und Motivationen für Tätowierungen bei Soldatinnen und Soldaten. Kaum ein Tattoo sei ohne tiefere Bedeutung. Fast immer sind sie für die Ewigkeit – Ewigkeit, die man auf sich trägt.

"Gott ist in allen Lebenslagen bei mir, hat mich fest in seiner Hand und ich spüre, er schenkt mir seine Nähe, hautnah!“

Militärdekan Bernd F. Schaller


Sie begleitet mich das gesamte Leben, misst – je nach Körpergröße und Körpergewicht – zwischen eineinhalb und zwei Quadratmeter und macht ungefähr zwanzig Prozent meines Körpergewichts aus. Sie wächst von Anfang an mit, erneuert sich alle dreißig Tage und ist das größte menschliche Organ: die Haut.

Meinen Mitmenschen fällt sie besonders ins Auge, wenn sie braungebrannt, fahl, fleckig, verbunden oder durch einen Sonnenbrand gerötet ist. Ich selbst bemerke sie vor allem dann, wenn sie schmerzt. Sie gehört so untrennbar zu mir, dass ich sie gar nicht mehr richtig wahrnehme, sie zur Selbstverständlichkeit verkommt. Solange sie funktioniert.

Und doch begleitet sie mich lebenslang in meinen Gefühlen, meinem Denken und meinem Reden. Sie ist das Medium im Kommunikationsprozess meines Lebens. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten spiegeln all das wider, was mich froh macht, was ich erfahre, durchlebe, durchleide. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, wenn alles zu meiner Zufriedenheit verläuft, meine Pläne und Wünsche in Erfüllung gehen, meine Bedürfnisse befriedigt werden. Ich könnte aus der Haut fahren, wenn alles aus dem Ruder läuft, meine Pläne über den Haufen geworfen werden, sich die ganze Welt gegen mich zu verschwören scheint, ich kein Licht mehr am Ende des Tunnels sehe. Manchmal muss ich mich meiner Haut wehren, wenn alle über mich herfallen, ein Schuldiger gesucht und gefunden wird, die Situation aussichtlos ist. Andererseits verkaufe ich meine Haut so teuer wie möglich, wenn sich die Möglichkeit bietet, die Gelegenheit günstig ist, der Vorteil auf der Hand liegt.

Es gibt Zeiten, da liege ich auf der faulen Haut, da lasse ich mich gehen, lasse den lieben Gott einen guten Mann sein, genüge mir selbst. Ich erlebe Situationen, wo ich nicht aus meiner Haut kann, keine Änderungen akzeptiere, ganz in meinen Gewohnheiten verharre und damit mir und anderen Chancen verbaue. Nicht selten bin ich froh, wenn ich mit heiler Haut davonkomme, ein anderer schuld ist, der schwarze Peter woanders zu finden ist, ich meine Hände in Unschuld waschen kann. Es gibt aber auch Augenblicke, da will ich nicht in der Haut des anderen stecken, nicht seine Ausweglosigkeit erleben, nicht ausgeliefert sein. Hier und da erlebe ich, wie mancher nur noch Haut und Knochen ist, verzweifelt ist, keine Perspektive mehr hat. Je älter ich werde, erfahre ich, wie mir mein Glaube, die Begegnung mit Gott zur zweiten Haut wird. Vieles rührt mich an, rüttelt mich auf, treibt mich um, lässt mich nicht kalt, geht mir unter die Haut.

Und tagtäglich erlebe und erfahre ich, dass mir in den kleinen und großen Dingen des Alltags mein Glaube zum Leben hilft, mein Vertrauen in die Zuwendung Gottes manch neuen Blickwinkel eröffnet, ich mit Haut und Haaren ihm gehöre. Und eins weiß ich sicher: Gott ist in allen Lebenslagen bei mir, hat mich fest in seiner Hand und ich spüre, er schenkt mir seine Nähe, hautnah!

Militärdekan Bernd F. Schaller, Katholisches Militärpfarramt Berlin I

„Die Tätowierung ist die Mutter der sakralen Kunst.“

 

Kompass: Im vergangenen Jahr ist Ihr Buch „Tattoo & Religion“ erschienen. Seit wann beschäftigen Sie sich mit dieser Thematik und wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zu gestalten?
Campbell:
Seit vielleicht vier Jahren arbeite ich mit Tätowiererinnen zusammen. Eigentlich hat es mit einer Führung im Limburger Diözesanmuseum begonnen, wo ich einmal gearbeitet und eine Gruppe von Tätowierern geführt habe. Da entstand eher zufällig die Idee, etwas zur christlichen Ikonografie zu veranstalten. Eine Tätowiererin hat sich dann bereit erklärt, dies in ihrem Studio auszurichten. Als ich die Veranstaltung mehrmals an unterschiedlichen Orten wiederholte, war irgendwann auch das Fernsehen da. Gleichzeitig intensivierte ich Gespräche mit Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern, aber auch Tätowierende und der zwar überschaubaren, aber doch vorhandenen Gruppe von tätowierten Katholiken. Ich wollte wissen, wie diese Form der Zeichengebung funktioniert, wie sie tickt.

Kompass: Sie haben sicherlich auch vieles am eigenen Leib erfahren, oder?
Cäcilia Geerlings: 1945 war ich 13 Jahre alt. Wir Kinder kannten nur diese Kriegsjahre, in denen wir regelmäßig zum Schutz in den Keller mussten. Und auch nach 1945 waren es sehr schwere Jahre. Wir waren ganz ausgebrannt und hatten nichts. Zunächst haben wir bei Nachbarn gewohnt, dann haben wir Zimmer für Zimmer wieder aufgebaut. Das waren sehr bescheidene Zeiten.

Kompass: Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?
Campbell: Dass in Tattoo-Studios oft eine höhere Professionalität, ein größerer Respekt vor dem Körper der anderen und Hingabe an die eigene Kunst herrscht als in dem, was sich sonst so als sakrale Kunst bezeichnet. Außerdem hat mich überrascht, dass die Tätowierung im Christentum zahlreiche, bis in die ersten Tage heranreichende Traditionen ausgeprägt hat – von Jerusalem bis nach Goa in Indien. Die Tätowierung ist sozusagen die Mutter der sakralen Kunst. Und sie ist älter als die tridentinische Messe.

Kompass: Die Gesellschaft hat sich in Bezug auf die Akzeptanz von Tätowierungen in den vergangenen Jahren stark verändert. Wie sieht es in der christlich-jüdischen Tradition aus? Welche Relevanz haben Tätowierungen hier?
Campbell: Sicher, Tätowierungen sind ein Breitenphänomen. Die Studios sind unterschiedlich und richten sich an die unterschiedlichsten Menschen – also vom FinTech-Gründer bis zur Internistin, vom Skateboarder bis zum Landrat. Die Tätowierung geht auf jede Haut. Im Christentum ist wohl die koptische Tätowierung am bekanntesten: Also jene kleinen Kreuzzeichen, die sich die Christen in Ägypten in die Handwurzel einstechen oder bei Wallfahrten auf der Straße machen lassen. Es sind Zeichen der Frömmigkeit, aber auch in einer Minderheitssituation ein Erkennungszeichen, wie ein Ausweis.
Auch bekannt ist sicherlich die Jerusalemer Pilgertätowierung mit ihrer 700-jährigen Geschichte: Es gibt kleine, auf Olivenholz-Klötzchen geschnitzte Motive dazu, die erst gestempelt und dann nachgestochen werden. Diese zeigen oft den Heiligen Georg oder den Himmelfahrts-Christus. Im italienischen Loreto haben die Franziskaner und die Jesuiten bis in die 1920er-Jahre tätowiert. Dort ist aufgrund der Santa Casa der Madonnenkult sehr ausgeprägt. Eine Ethnologin hat im frühen 20 Jh. all diese Motive gesammelt. Auch in der Mystik im Mittelalter, etwa beim schwäbischen Dominikaner Heinrich Seuse, wurde der Tätowierung eine Form der Imitatio Christi nachgesagt. Das heißt, die Tätowierung bedeutet auch im Christentum zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten etwas anderes.

Kompass: Welche Rolle spielten Soldatinnen und Soldaten bei Ihren Recherchen?
Campbell:Eigentlich eine sehr große, weil meine Familie eine große Nähe zum Militär hat. Ich habe in Stuttgart und Wiesbaden einige Soldaten der Army interviewt. Die Gespräche haben wir nicht ins Buch mit aufgenommen, weil das vielleicht einen eigenen Band geben könnte. Für viele Soldaten ist der Verlust von Kameraden eine schreckliche Erfahrung. Ein Soldat zum Beispiel hatte die Namen von Leuten aus seiner Einheit eintätowiert, die in Afghanistan umgekommen waren. Eine andere Soldatin hat die Namen ihrer Kinder eintätowiert, damit sie so oft wie möglich bei langen Einsätzen daran erinnert wird, warum und für wen sie eine sichere Welt möchte. Natürlich haben Tätowierungen im Militär eine sehr ausgeprägte Geschichte, die nicht erst mit den Abzeichen der römischen Legionäre beginnt und sich auf die Wappen bestimmter Einheiten bezieht, sondern sind hier, denke ich, auch sehr ausgeprägt, weil Soldaten und Soldatinnen mit extremen Situationen umgehen. Da ist es natürlich, dass man sich selbst Zeichen gibt, dass man Symbole finden möchte, die alles auf einen Punkt bringen. Außerdem hat ja das Militär insgesamt eine reiche Tradition an Zeichen – also von Signalflaggen bis hin zu Abzeichen.

Kompass: Was sind heute Motive für religiöse Tätowierungen?
Campbell:Es gibt einfach so viele Motive, wie es Sand am Meer gibt. Die Tätowierung ist nicht nur den Punks, Rockern und Seeleuten vorbehalten. Vielleicht war sie auch nie auf diese Gruppen beschränkt. Aber denk dir jeden Menschen, den du dir vorstellen kannst, dann gibt es auch ein Tattoo-Style dazu.

Kompass: Können Sie sich erklären, warum sich immer mehr Menschen tätowieren lassen?
Campbell:Weil es einfach geil ist. Weil wir das Bedürfnis haben, Dinge festzumachen, gerade Bilder, da alle Bilder so flüchtig sind. Wir suchen Dinge, die beständig sind. Wir wollen anders konsumieren, also nicht Produkte kaufen, sondern uns verändern durch unseren Konsum. Natürlich hat auch die Präsenz der Tätowierung in allen Medien eine Wirkung auf den Boom, aber ich glaube, eine Tätowierung ist eine relativ radikale Sache, weil es ein Verhältnis zum Selbst miteinbezieht. Da sind nicht so viele, die im Fernsehen das It-Girl oder den Macker sehen und sich sagen: „boah, ich auch“. Leute investieren ganz schön viel Energie in die Wahl ihres Tattoos. Das sollte man nicht unterschätzen.

Kompass: Außerdem wollten Sie eine societas indelebilis gründen, eine Art Bund katholischer Tätowierender? Wie ist der Stand des Projekts und wozu wird es benötigt?
Campbell:Dieser Verband ist gegründet. Wir sind ein Verein, der sich für eine katholische Tätowierkunst einsetzen möchte. Also wir sind schon offen und auch interreligiös drauf, gleichzeitig sind die meisten Leute bei uns halt auch Katholiken und wir machen es aus diesem Geist. Ich will nicht sagen, dass es keine evangelischen oder evangelikalen Tätowierer geben kann. Nur finde ich halt, ins Katholische passt es besser.

Die Fragen stellte Friederike Frücht.

Wir sehen sie heute tagtäglich – auf Beinen, Oberkörpern, Händen, hinter den Ohren, im Gesicht oder an Stellen, wo man sich den Schmerz gar nicht vorstellen will – Tattoos. Sie haben längst unsere Körper erobert und sind Teil unserer Alltagsästhetik geworden. Egal wie man nun selbst dazu steht, sie gehen unter die Haut und sind oft ein echter Eyecatcher.

Dabei wäre es jedoch falsch, wenn man sie als heutige Modeerscheinung abstempelte, als eine Jugendsünde. Früher waren doch nur Matrosen oder „Knastis“ tätowiert?! Blödsinn!!! Tattoos gehören zur Menschheitsgeschichte: Bereits bei der Gletschermumie Ötzi konnten Tätowierungen festgestellt werden. Sie waren Mode bei alten Völkern, wie beispielsweise bei den Ägyptern, Kelten und Germanen, schon bei frühen Juden und Christen findet man sie auch. Während der Kreuzzüge tätowierten Krieger sich oft Kreuz und Namen in der Hoffnung auf ein christliches Begräbnis ein. In der Neuzeit wird es auch unter dem Adel und Klerus schick, Kaiserin Elisabeth („Sissi“), Winston Churchill oder Theodore Roosevelt sind nur einige prominente Tattoo-Fans.

Der Wunsch, sich etwas Bleibendes in die Haut zu ritzen, eine besondere Symbolik, eine Erinnerung oder ein Motto, ein persönliches Lebensziel, gehört zu uns. Seinen eigenen Körper als Zuspruch an sich selbst zu erfahren, die Tattoo-Nadel als segnende Berührung, all das lässt mich nachdenken. Doch von vorne: 2018 war ich im Rahmen einer Einsatzbegleitung in Litauen. Zwei besonders interessante Tattoos haben mich dazu angeregt, diesem Thema weiter nachzugehen.

Wir waren in Kaunas unterwegs – zwei Soldaten und ich sollten mögliche Betreuungsangebote für die Battlegroup vorerkunden. Im Gespräch wurde es schnell sehr vertraut. Ein Soldat erzählte mir von seiner Tochter, die er viel zu früh verlor. Betretenes Schweigen bei mir, der kurz vor dem Einsatz selbst erfahren hatte, dass meine Frau und ich ein Kind erwarten. Dann blickt mich der Soldat an und sagt, dass seine Tochter immer bei ihm ist – er zieht sein Hemd nach oben und auf seiner Brust sehe ich ein großes Tattoo für seine Tochter. Nadelstiche können scheinbar sogar heilen; nicht, dass nun alles „heil“ ist, aber es ist ein Weg, der eigenen Liebe Ausdruck zu verleihen, das eigene Kind nicht zu vergessen – es ganz nah am Herzen zu tragen.

Zur zweiten „Enthüllung“ kam es nach einem Feldgottesdienst, der am Ufer eines Sees auf dem Truppenübungsplatz stattfand. Nachdem der tschechische Pfarrer und ich in der Predigt zu oft die Metapher vom „Sprung ins kalte Wasser“ benutzten, ließen wir nun Taten folgen: Wir sprangen nach dem Gottesdienst beide in den kalten See. Das gefiel einigen Soldaten so gut, dass das obligatorische „Kirchencafé“ nun im Wasser stattfand. Als wir uns später wieder anzogen, sah ich auf dem Rücken eines Soldaten ein unglaublich geniales Tattoo. Er selbst bezeichnete sich zwar nicht unbedingt als überzeugter Christ (um es milde auszudrücken, auch wenn er gerne zum Gottesdienst gekommen war), doch hatte er sich auf der gesamten Fläche seines Rückens eine Darstellung tätowiert, wie ich sie von einer Grafik des Künstlers Carl Müller-Baumgarten kenne: Vier Totenköpfe sind zu sehen, die unter der Überschrift „Wer war der Tor, wer Weiser, wer Bettler und wer Kaiser“ aufgereiht sind. Eine Darstellung, die an viele kirchliche Motive, Grabsteine, Sakralkunst oder auch an Feste und Bräuche wie den D?a de Muertos erinnern lässt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit als Tattoo-Motiv hat schon etwas Religiöses: ein Aschermittwoch auf dem Rücken.

Seitdem ist es für mich immer wieder interessant genauer hinzuschauen: Was sind das für Motive? Und sehr gerne frage ich mittlerweile nach. Kaum ein Tattoo ohne tiefere Bedeutung. Geburts- und Sterbedaten, Namen von Partnern und Familie, Glücks- und Kraftsymbole und immer wieder der Wunsch, dass ich nicht vergesse, dass ich ein Stück Ewigkeit auf oder in mir trage.

Pastoralreferent Martin Diewald,
Katholisches Militärpfarramt Erfurt

„Es gibt wahnsinnig viele christliche Motive in der Tätowierkunst.“

Kompass: Herr Ehlail, von wann bis wann haben Sie als Tätowierer gearbeitet? Sie sind ja jetzt nicht mehr aktiv, oder?
Ehlail:
Richtig, ich bin nicht mehr aktiv. Es waren etwa zehn Jahre, ungefähr von 2000 bis 2010.

Kompass: Wie haben Sie sich denn mit den Kunden vorbereitet? Also wenn jemand kam und etwas tätowiert haben wollte, gab‘s dann längere Gespräche?
Ehlail: Das war sehr abhängig vom Kunden. Mancher wollte einfach nur ein chinesisches Zeichen haben oder ein Tribal, also relativ „banale“ Motive. Dann haben wir aber auch Leute gehabt, die größere, identitätsstiftende Motive haben wollten. Und da war es schon so, dass man versucht hat, ein ausführliches persönliches Gespräch zu führen, um die Leute vorzubereiten und zu gucken, ob sie das auch wirklich haben wollen und was sie sich dabei gedacht haben. Natürlich unabhängig von den Gesprächen, was an Hygienevorschriften zu beachten ist.

Kompass: Und wie lief dann so eine Tätowierung ab? Sofort – oder haben die Leute erst noch mal Bedenkzeit gebraucht und sind später wiedergekommen?
Ehlail: Es läuft bei einer größeren Tätowierung nichts ohne Termin. Die Leute bringen entweder die Motive mit oder suchen sich eines aus. Dann wird das gezeichnet. Es wird auf eine sogenannte Matrize übertragen, die ist wie ein Pauspapier. Und dann wird es auf den Kunden übertragen. Also ein seriöses Tattoo-Studio macht eigentlich nichts ohne eine längerfristige Vereinbarung.

Kompass: Dann sind also erst mal die Hygienemaßnahmen zu nennen?
Ehlail: Es gibt einmal den inhaltlichen Aspekt: Was wollen die Leute haben, warum wollen sie das haben? Und dann werden verschiedene Aufklärungsmodalitäten besprochen: Welche Nachsorge man betreiben muss, dann Allergiefragen etc. Und zum anderen – was ich den spannenderen Aspekt finde – die inhaltliche Frage.

Kompass: Vermutlich ist es interessant, was die Leute sich dabei denken?
Ehlail: Genau, warum möchte man das? Zum Beispiel gibt es ja wahnsinnig viele christliche Motive in der Tätowierkunst. Also die betenden Hände, die Mutter Maria oder Jesus mit der Dornenkrone. Da gibt es total häufige Motive, die etwa aus der Gefängnis-Tätowiererei kommen, weil es ein Symbol der Hoffnung ist. Es war halt so, dass ich damals oft „Knackis“ hatte. Die wollten dann so einen Jesus oder das berühmte Kreuz auf dem Hügel zum Beispiel. Also gerade diese christlichen Motive kamen dann oft in Verbindung mit irgendwelchen ehemaligen „Schurken“.

Kompass: Haben Sie selbst ein Lieblings-Tattoo?
Ehlail: Ich muss sagen, ich mag diesen Realismus. Insofern gefallen mir die christlichen Bilder eigentlich ganz gut, weil sie sehr symbolträchtig sind. In der islamischen Mythologie gibt es das halt gar nicht, höchstens die arabischen Schriftzeichen. Aber da ist die bildhafte Darstellung schwer verpönt. Ich mag tatsächlich die christlichen Motive. Ich hatte auch mal drüber nachgedacht, mir meine Freundin in Form einer Mutter Maria abbilden zu lassen. Aber mal gucken, wir verhandeln das noch ...

Kompass: Gab es auch Tätowierungswünsche, die Sie abgelehnt haben?
Ehlail: Klar, wir haben viele Sachen abgelehnt. Ich sage mal, natürlich gibt’s einmal die moralische Hürde, wenn jemand, der jung ist – also unter 18 sowieso nicht – und das erste Tattoo kriegt, und das soll auf der Hand oder im Gesicht sein. Das wurde abgelehnt. Oder alle Motive, die ich inhaltlich nicht mit mir vereinbaren kann. Ich hätte niemals jemandem ein faschistisches Motiv tätowiert oder so was, zum Beispiel. Und das war nicht selten, dass Leute kamen, die einen SS-Totenkopf haben wollten oder etwas Ähnliches wie ein Hakenkreuz, oder mal eine Wikinger-Rune. Das haben wir rigoros abgelehnt.

Kompass: Und wie oft kam es vor, dass Leute sich hinterher geärgert haben, entweder weil sie Freundin oder Freund gewechselt haben oder sonst irgendwie unzufrieden mit dem Motiv waren?
Ehlail: Sie meinen den Namen, der dann durchgestrichen werden muss?

Kompass: So etwas zum Beispiel.
Ehlail: Es gab mal eine Zeit lang einen ziemlichen Tattoo-Entfernungs-Boom, wo man mit Laser versucht hat, sie wieder wegzumachen. Aber dieses klassische Ding: Ich habe jetzt einen neuen Freund und will deswegen ein anderes Motiv, das passiert eigentlich nicht.

Aber was wirklich oft passiert, ist, dass junge Leute sich ein Tattoo nach dem anderen machen lassen und bereuen das dann später – mit der Rückkehr ins bürgerliche Leben oder so. Wobei man das heute nicht mehr richtig sagen kann. Ich wette, es gibt sogar Leute bei der Katholischen Militärseelsorge, die tätowiert sind.

Kompass: Ja, die gibt es auf jeden Fall.
Ehlail: Es ist wirklich so, wenn Sie heute einen Polizisten sehen, dann ist es nichts Unnormales mehr, dass der auch eine Tätowierung am Hals hat. Oder im öffentlichen Leben, in der Bank. Früher war ja klar: Der Bankkaufmann darf kein Tattoo haben.

Aber ich glaube, dieser Damm ist schon lange gebrochen. Ich muss sagen, wenn ich jetzt ein Teenager wäre und wollte aus der Masse herausstechen, ich glaube, ich fände es cooler, nicht tätowiert zu sein, ehrlich gesagt. Also das ist so übervoll. Ich fände es individueller, meinen Körper „sauber zu halten“ und würde gar nicht mehr in diese Richtung gehen. Ich werde dieses Jahr 39 und gehöre ja auch schon fast zum „alten Eisen“. Aber ich würde mich als junger Mensch jetzt gar nicht mehr tätowieren lassen.

Kompass: Sie sagten, Sie haben selbst Tattoos. Wie viele? Und was für welche?
Ehlail: Ach, ich habe alles Mögliche. Bei mir ist es so, ich habe auch wirklich viele schlechte Sachen, die aussehen wie chinesische Propagandaplakate, muss ich sagen. Manche trage ich aus persönlichen Gründen. Also ich bin nicht das beste Beispiel für jemanden, der sich individuell mit seinem Zeug schmückt. Ich habe zwei Boxhandschuhe mit einem Zahnrad auf der Brust tätowiert. Das war das Symbol des saarländischen Widerstands gegen den Faschismus in den 30er-Jahren. Damals hatten die Saarländer ja einen Sonderstatus, und die saarländische Boxunion hat Widerstand geleistet gegen die Nazis. Und so gibt es schon ein paar persönliche Sachen.

Kompass: Zum Thema Piercing, das haben wir noch gar nicht besprochen. Aber das gehört eigentlich schon zusammen?
Ehlail: Nicht unbedingt. Also man kann sagen, das Piercen ist „subkutaner Körperschmuck“. Die meisten Piercings sind reversibel, das heißt, man kann sie sich später mal rausnehmen. Ich würde schon einen Unterschied machen. Das Tätowieren ist für mich wirklich mehr Kunst als das Piercen. Denn es ist ein handwerkliches Schmuck-Implantieren oder -Einsetzen. Und beim Tätowieren sucht man sich schon den Tätowierer genau aus, das Motiv, wie es gezeichnet wird und so. Beides lief einige Jahre sehr gut. Dann war es aber irgendwann so, dass immer mehr Studios aufgemacht haben. Es gab eine große Konkurrenz und auch einen Preisverfall – da habe ich die Tür zu meinem Studio für immer zugesperrt.

Kompass: Wie kam es dazu, dass Sie über Ihre Erfahrungen mit den Studios ein Buch geschrieben haben?
Ehlail: Es gibt natürlich die aberwitzigsten Storys, die sich in so einem Piercing-Studio zutragen. Und ich habe immer wieder Leuten lustige Geschichten erzählt von „Blut, Eiter und Tränen“. Dann habe ich gesehen, dass dieser Verlag Anekdotenbücher veröffentlicht und habe dann aus der Not eine Tugend gemacht, weil ich sowieso immer diese Geschichten erzählen musste, und habe sie dann als eine Art Story-Sammlung zusammengefasst. Das lief auch ganz gut. Eigentlich ist es ja ein Privileg, dass man sagt: Ich konnte schon mal ein Buch schreiben, das wirklich veröffentlicht wurde. Das ist auch eine coole Erfahrung.

Die Fragen stellte Jörg Volpers.

Als Kind eines Vaters bei der Bundesmarine besuchte ich Schulen in vielen Städten, denn er wurde regelmäßig versetzt. Die Note in Mathematik blieb konstant, doch die Sprachen fielen mir schwer und in der siebten Schule ging mir die Puste aus. In Kiel folgte ein zweijähriges Praktikum auf der Werft, das ich für die Ingenieurschule in Köln benötigte.

Meinen Militärdienst begann ich bei der Technischen Truppe in Flensburg. Mit meinem Berufswunsch bekam ich die Ausbildung zum Reserveoffizier und leitete als Fähnrich die Ausbildung von Unteroffizieren in der Lüneburger Heide.

Mit dieser Erfahrung ging ich dann nochmals zur Schule. Und mit dem Abitur lebten alte Träume auf, denn mit zwölf Jahren hatte ich in Fulda eine Missionsausstellung mit Schwerpunkt Afrika besucht, die in mir nachwirkte. Die meisten Missionare starben jung an unbekannten Krankheiten, durch wilde Tiere und durch wehrhafte Kulturen. Aber mein Herz öffnete sich für diesen Lebensweg.

Auf dem Weg in die Welt

Als U-Boot-Kommandant fuhr mein Vater im Krieg bis nach Singapur. Als Ältester seiner sechs Söhne prägte mich seine Offenheit auch fremden Kulturen gegenüber. Ich suchte Kontakt mit katholischen Orden und ihren Missionen. Über die Jesuiten las ich nur ein Buch. Doch das wies mir am Rosenmontag 1969 den Weg zu ihnen. Der Eintritt war ein Kulturschock, den ich überstand. Mich freuten die praktischen Zeiten unter Obdachlosen und Kranken während der Ausbildung. Die Begegnung mit Michael Walzer, einem sympathischen Mitstudenten aus Süddeutschland, brachte die Wende: Er wollte mit mir zwei Jahre in der Fabrik arbeiten. Ohne lange zu überlegen, sagte ich zu. Unser Plan fand in der Gemeinschaft keine Zustimmung.

Michael ging in die Jugendarbeit nach Ravensburg und ich ins Theologiestudium nach Frankfurt, wo ich an den vorlesungsfreien Donnerstagen jeweils vor einem Umzugsunternehmen auf Arbeit wartete. Mit meinem LKW-Führerschein bekam ich sie immer, manchmal auch als Fahrer. Jeder Umzug stellte uns vor neue Herausforderungen, auch weil viele Kollegen aus der Haft kamen.

Arbeiterpriester – zwischen Frankreich und Deutschland

Das Engagement der Arbeiterpriester, auf das mein Leben zusteuerte, begann 1943 in Deutschland. Mit Rückendeckung der Französischen Bischofskonferenz ließen sich Priester heimlich anwerben, um ihre nach Deutschland verschleppten Landsleute zu begleiten. Diese ersetzten, oft ohne Schutz bei Bombardierungen, den Arbeitsausfall derer, die als Soldaten an der Front standen. Wurden sie als Priester entdeckt, dann landeten sie im KZ.

Viele von ihnen engagierten sich nach dem Krieg weiter als Arbeiter in den Gewerkschaften, was den Unternehmern ein Dorn im Auge war. Sie erwirkten 1950 in Rom ein Verbot, das erst das 2. Vatikanische Konzil wieder aufhob.

Meine Mitbrüder in Toulouse nutzten mit vielen anderen diese Freiheit. Zur Vorbereitung waren sie als Gastarbeiter im Ausland gewesen. Einer lud mich in ihre Gemeinschaft ein. Wie ein Gastarbeiter folgte ich diesem Ruf, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. In Toulouse fand ich Arbeit in einer neuen Fabrik mit einer riesigen Presse für Aluminiumprofile.

Kreuz auf dem Rücken – Sehnsucht auf dem Herzen

In Toulouse besuchte ich eine Siedlung mit vielen Romas. Eines Tages sah ich dort Jugendliche zwischen den einfachen Häusern Fußball spielen. Auf einem ihrer Rücken erstaunte mich eine große Tätowierung: Die Kreuzigung Jesu. Darunter Johannes und Maria. Ich bewunderte den Mut des jungen Mannes, dieses Glaubenszeichen auf der Haut zu tragen. Ein mich herausforderndes Bekenntnis. In Berlin ließ ich mich in Erinnerung an diesen Roma-Jungen auch tätowieren und fand in der Bibel die Aussage: Das Herz Gottes ist mit unseren Namen beschriftet – also tätowiert. Im Gegenzug steht wohl auf unseren Herzen die uns anvertraute Sehnsucht, die unser Leben antreibt und gelingen lässt.

Welche Sehnsucht steht auf meinem Herzen? Als ich nach meiner Militärzeit in die Schule zurückkehrte, ging ich einen Schritt der Befreiung. Ich legte meine Angst vor Verspottungen ab, denn ich suchte die Solidarität mit Menschen, die oft übersehen werden. In Frankreich gehörte ich zu den aus vielen Ländern stammenden Gastarbeitern. Auch in Berlin wohnte ich mit Flüchtlingen aus vielen Ländern zusammen. Ja, Gott geht mit uns einen Befreiungsweg.

Dornen und Flammen auf der Haut

Die zentrale Geschichte in der Bibel erzählt davon, dass Mose aus dem Sklavenhaus in Ägypten in die Steppe floh. Dort entdeckte er Gott, der in einem brennenden – aber nicht verbrennenden – Dornbusch auf ihn wartete und ihm den Auftrag gab, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. An diesen Befreiungsweg erinnernd, umhüllen meinen linken Arm bis auf die Schulter viele Dornen und Flammen, die wie die Liebe brennen, aber nicht verbrennen.

Tätowierungen breiten sich leicht auf andere Körperteile aus. An was will ich mich noch erinnern? Als Wiedererkennungszeichen der Christen stehen jetzt auf dem anderen Arm ein Fisch und ein Clown, der die Wahrheit sagt, und ein großer Anker auf dem Rücken, der an die Taufe erinnert. Ist das auch die Beschriftung meines Herzens?

Christian Herwartz SJ





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