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das Gewissen

© Designed by Kireyonok_Yuliya / Freepik
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Ein sehr knappes Titelthema für diese Juli/August-Ausgabe 2019 der Zeitschrift „Kompass“. Anlass dafür ist der inzwischen sprichwörtliche „20. Juli 1944“. Vor genau 75 Jahren scheiterte das Bombenattentat des Obersten Graf von Stauffenberg auf Hitler und damit der Versuch des Umsturzes in Deutschland, der Beendigung des Kriegs und der Bildung einer neuen Reichsregierung. Zahlreiche Bezeichnungen – wie „Aufstand des Gewissens“ – gibt es für dieses Datum und für die Gruppe der Verschwörer, von denen viele aus dem Militär kamen und für ihre mutige Tat mit dem Leben bezahlten.

Um Bezeichnungen und Sprache geht es vielfältig auf den ersten Seiten dieses Hefts, wenn Pater Professor Rudolf Hein schreibt: „Die Welt des Gewissens ist voller Ungewissheiten.“; wenn der ehemalige Soldat Winfried Heinemann deutlich zwischen „Attentätern“ und „Verschwörern“ unterscheidet oder die Soldatin Simone Grün im Kommentar fragt, wie sich Gewissen und Gehorsam zueinander verhalten. Lesen Sie auch Antworten auf die Fragen: „Was ist das Gewissen überhaupt?“, „Was bedeutet Gewissensfreiheit?“ oder „Können wir unser Gewissen schulen?“

„Doch achte auch auf den Rat deines Gewissens. Wer ist dir treuer als dieses? Das Gewissen des Menschen gibt ihm bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte. Bei alledem bete zu Gott! Er wird in Treue deine Schritte lenken. “

(Jesus Sirach 37,13–15)


(Prämonstratenser-Orden), Münster, Professor für Moraltheologie

Schicken wir es gleich vorweg: Die Welt des Gewissens ist voller Ungewissheiten. So, jetzt können Sie enttäuscht weiterblättern – oder sich die Mühe machen, am Ball zu bleiben. Denn eines nimmt uns die Beschäftigung mit dem Gewissen ganz gewiss nicht ab: das Denken. So gelangen wir zur zweiten Enttäuschung: Nein, hier geht es nicht um ein „gutes oder schlechtes Gefühl“, das ich in Bezug auf eine Handlung in mir spüre, auf das ich mich gegenüber allen normativen Instanzen (Staat, Kirche, Arbeitgeber, Vorgesetzter) berufen kann und das mich wie ein Zaubertrank zum ethisch unverwundbaren Obelix macht. Gewissen, wer hört das heute gern, ist komplex. Und dies beginnt schon bei der Sprache. Okay, im Deutschen haben wir dieses wunderschöne Wort, das in seiner Eindeutigkeit alles genau zu beschreiben scheint. Wagen wir nun mal ein kurzes Brainstorming. Wie verwenden wir die Vokabel „Gewissen“?

• Jeder hat ein Gewissen und kann somit wissen, was gut und richtig ist.
• Mein Gewissen sagt mir, dass ich jetzt so und so handeln soll.
• Mein Gewissen lässt es mich spüren, dass ich falsch gehandelt habe.
• Gewissensfreiheit ist ein Grundrecht.
• Das ist für mich eine Gewissensentscheidung.
• Tief in mir habe ich ein schlechtes Gewissen.
• Das kann ich guten Gewissens behaupten.
• Diese Aufgabe hat sie gewissenhaft erfüllt.
• Im Gewissen begegne ich Gott.

(Vielleicht fallen Ihnen selbst noch viele andere Beispiele ein, besonders solche,
wo das Wort „Gewissen“ gar nicht vorkommt, wo aber dennoch – Ihrer Meinung nach zu urteilen –
von Gewissen die Rede ist, z. B. „innerer Gerichtshof“.)

Nun meine Frage an Sie: Glauben Sie wirklich, es wird hier überall von ein- und derselben Sache gesprochen? Geht es hier um ein oder um mehrere Phänomene? Gerne können Sie mir hier widersprechen und behaupten, hier ginge es um eine Sache, ein ganz bestimmtes Phänomen, das wir „Gewissen“ nennen und genau beschreiben können. Dann spiele ich allerdings den Ball wieder zurück an Sie: Machen Sie’s, beschreiben Sie nun einmal, was genau „Gewissen“ bedeutet. Meine Prognose: Sie werden im Rührkessel des Unbestimmten ein ziemlich undefinierbares Begriffssüppchen kochen.

Erlauben Sie mir nun, mit B. Schüller die folgende These aufzustellen: Das deutsche Wort „Gewissen“ bezeichnet mehrere Phänomene, ist also ein Homonym (wie etwa das Wort „Bank“). Gleichzeitig stehen diese Phänomene in einer sachlichen Verbindung – nämlich mit einem inneren sittlichen Urteil.

Wir könnten also innere Instanzen unterscheiden, auf die eben jene Phänomene verweisen:
1. Sittliche Erkenntnisinstanz
2. rationale Urteilsinstanz (vorauseilend / nachfolgend)
3. das eigene, sittlich entscheidende und frei handelnde Ich, der „Personenkern“.

Wo nun, glauben Sie, sind diese Phänomene verankert? Im Gefühl oder im Verstand? Für das Gefühl kommt allenfalls der dritte Gewissensbegriff in Frage, aber eben nicht exakt: mein Personenkern, mein frei handelndes Ich ist alles andere als bloß ein Gefühl.

Nur eine Sache verbleibt, die unmittelbar mit dem Gefühl zu tun hat, das sogenannte schlechte Gewissen, das, was mich nach einer als falsch erkannten Tat anklagt und fühlbar plagt. Hier könnte man auch unterscheiden zwischen Anklage (rational), Urteil (rational), und Bestrafung (emotional).

Es braucht also keine langen Herleitungen für die These: Alle drei Gewissensbegriffe sind ohne starke Bezugnahme auf den Verstand nicht zu verstehen. Richten wir nun den Spot auf diese drei Bereiche.

1. Sittliches Erkenntnisvermögen

Der Mensch scheint die Fähigkeit zu besitzen, sich eine Meinung heranbilden zu können über Dinge, die die Moralität betreffen, die man schließlich als (sittlich) „gut“ oder „schlecht“ bezeichnet. Doch wo stammt diese „Meinung“ her? Ist sie das Resultat einer unreflektierten (Bauch-)Entscheidung, dann dürfte es oft schwierig werden, sie anderen nahezubringen, die ebenfalls davon betroffen sind. Worauf also greift sie zurück?

Auf die Spur der Antwort kann uns die christliche Anthropologie führen: Der Mensch als Gottes Ebenbild (Gaudium et spes, GS 12) ist mit Würde ausgestattet und nimmt teil am Licht des göttlichen Geistes (GS 15) – und zwar durch seine Vernunft. Sie besitzt eben jene Eigenschaft, hinter den bloßen Einzelerscheinungen Strukturen zu erkennen (GS 15) und auf ihren ethischen Gehalt hin zu prüfen.

So beschreibt das 2. Vatikanische Konzil das Gewissen als sittliche Erkenntnisinstanz folgendermaßen: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss … Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seiner Würde gemäß ist und gemäß dem er gerichtet werden wird.“ (GS 16, S. 462)

Diese Entdeckung ist aber keine mystische Schau, sondern das Ergebnis eines Vernunftprozesses. Was in Wahrheit sittlich verpflichtend ist, muss für einen selbst (d. h. für die Vernunft) anerkennungsfähig und einsichtig sein. Das Konzil drückt dieses so aus:
„… und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.“ (Dignitatis humanae, DH 1; vgl. auch Veritatis splendor, VS 40)

Mit anderen Worten: Plausibilität überzeugt und verpflichtet. Somit ist es letztlich die Vernunft selbst, aus der die innere Verpflichtung hervorgeht – eben kraft jener Plausibilität sittlicher Gewissenserkenntnis.
Dies schließt allerdings notwendig ein, sich mit Normen und ethischen Fragen auch selbst zu befassen. Man muss sie kennenlernen, kritisch hinterfragen, ihren Sinngehalt durchdenken und immer neu aktualisieren, damit die Vernunft sie in den Schatz des Normenwissens aufnehmen kann. Hieraus leitet sich also die Informationspflicht ab. Das Gewissen als Erkenntnisinstanz muss also trainiert werden, damit fundierte Urteile abgegeben werden können.

2. Urteilsinstanz

Hier berühren wir das Gewissen als Urteilsinstanz, oft im Bild einer deutlich wahrnehmbaren inneren Stimme beschrieben. Der Grundsatztext des 2. Vaticanums über das Gewissen (GS 16) formuliert: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz … dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes!“

Zwei wesentliche Aussagen beinhaltet dieser Text: Erstens, die Stimme dieser Urteilsinstanz mahnt immer zur Liebe und zum Tun des Guten. Das heißt, in allen Menschen steckt eine unzerstörbare Erkenntnis, dass das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen ist sowie eine Art unverlierbarer Drang, das Gute auch in die Tat umzusetzen.

Zweitens, die Stimme der Urteilsinstanz ist aber auch konkreter, sie fällt spezifische Urteile bezüglich der jeweiligen Situation, in der der Handelnde sich befindet („tu dies“).

Die erste Funktion nennt man in der Tradition Urgewissen (synteresis), sie ist sozusagen der Kern jener Urteilsinstanz, ein Fundament von Gewissen, das bei jedem Menschen vorhanden ist – auch bei denen, die man „gewissenlos“ zu nennen pflegt; denn auch diese Menschen würden nach dem streben, was ihnen selbst gut erscheint (z. B. die totale Vernichtung einer bestimmten Ethnie).

Die zweite Funktion ist das sogenannte urteilende Gewissen – entweder vor oder nach der Handlung – man kann auch das Bild des Gebieters und des Richters gebrauchen.

Diese Erfahrung haben wir schon häufiger gemacht: Sind Hasskommentare das probate Mittel, sich an einer Internetdiskussion zu beteiligen? Mein gebietendes Gewissen sagt nein, der innere Frust schreit ja: Wem folge ich?

Nach der Handlung vermischen sich zwei Dinge miteinander: Zum einen das rationale, nachfolgende Urteil des richtenden Gewissens („Das hättest du jetzt nicht tun sollen: Mit der gefundenen Kreditkarte im App-Store einzukaufen!“), also die Verstandeseinsicht – und zum anderen die beunruhigende Erfahrung der sogenannten Gewissensbisse („Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich schon zum dritten Mal Bestellungen mit dieser fremden Karte gemacht habe.“). Also: die manchmal unkontrollierbaren Nöte des sogenannten schlechten Gewissens (eher erfahrbar als die Freuden des guten) sind nicht dasselbe wie mein inneres Urteil, sondern eben nur dessen psychische Folge.

Damit wären wir beim Fazit: Auch das Gewissen als Urteilsinstanz verweist zunächst auf unseren Verstand, denn dieser fällt das Urteil. Damit allerdings sind die Gewissens-phänomene noch nicht ausgelotet.

3. Die Tiefendimension: das Gewissen als „Herz“

„Ob ich morgen beim Dienst halbtot über dem Zaun hänge oder nicht, das mache ich schon mit meinem Gewissen aus.“ Hier ist das Gewissen so etwas wie ein innerer Kern, ein Ort, der ganz tief in mir drin ist und der einen sittlichen Statusbericht abgibt: bin ich mit meinem Gewissen (d. h. eigentlich mit mir selbst) noch im Reinen?

Und genau hier stellt sich die Frage nach der sittlichen Integrität, nach der Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber: Wenn ich ganz massiv gegen mein Gewissen handele (z. B. bei der Frage um die Ableistung von Wehrdienst), dann verliere ich meine Selbstachtung und letztlich meine Ehrlichkeit mir selbst gegenüber – meine sittliche Integrität. Je nach Schwere des Falls kann ich an diesem Bruch innerer Integrität zugrunde gehen – oder aber völlig abstumpfen, indem ich die Stimme des warnenden Gewissens ständig überbügle – wie auch immer, letztlich bin ich nicht mehr integer, ich breche innerlich auseinander.

Wir Christen glauben, dass der Mensch in seinem Inneren einen Ort besitzt, wo er Gott begegnet: „Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.“ (GS 16)

Dieser Ort wird also ebenfalls „Gewissen“ genannt und verweist auf das „Herz“, den Personenkern, die Selbstwahrnehmung in moralischer Hinsicht.

Sie macht den Menschen zu einem besonderen Wesen, dessen Kern eben diesen Schutz verdient, weil er sonst innerlich zerbricht, seine Würde verliert.

Klar, das Gewissen als Urteilsinstanz kann irren, mein Vernunfturteil kann fehlgehen (selbst verschuldet oder unverschuldet). Damit habe ich allerdings immer noch Anspruch darauf, in meiner sittlichen Integrität geachtet zu werden. Von daher erklärt sich das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Gewissensfreiheit (Artikel 4 Grundgesetz) – auf Schutz eben dieses Personenkerns. Wer einen Menschen gegen sein Gewissen zwingt, lässt ihn zum Missbrauchsopfer innerer Gewalt werden.

Dieser Schutz endet dort, wo durch meinen Gewissensentscheid die Freiheitsrechte der anderen beschnitten oder erheblich verletzt werden. Die Berufung auf das Gewissen ist also kein Zaubertrank, der mich unverwundbar macht gegen Irrtümer und gegenüber jeglichem Zugriff externer Autoritäten. Und weiter: mein Gewissen (als Erkenntnis- und Urteilsinstanz) hat Pflege und Wartung ebenso nötig wie mein Lieblingsfahrzeug. Allein mit dem Treibstoff der Gefühle würde es gegen die Wand fahren.

„Aufstand des Gewissens“

Kompass: Am 20. Juli 1944 sollte ein politischer Mord an Adolf Hitler verübt werden. Was haben Sie darüber herausgefunden, wie die Attentäter um Stauffenberg das mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten?

Heinemann: Für die Attentäter – ich sage lieber Verschwörer – war dies eine wirklich schwierige Frage. Die meisten von ihnen waren christlich geprägt.
Von den evangelischen Soldaten wandten sich einige an Dietrich Bonhoeffer und diskutierten die Frage mit ihm, ob der Tyrannenmord an der gottgewollten Obrigkeit zulässig sei. Von den Katholiken ist bekannt, dass Major Freiherr von Leonrod seinen Beichtvater um Rat gefragt hat. Dieser Kaplan Wehrle hat nach eigenem Studium gesagt, dass unter bestimmten Umständen ein solcher Mord erlaubt sei. Das hat die Gestapo herausgefunden und dafür wurde er später auch vom Volksgerichtshof verurteilt und ermordet.
Sie hatten vor allem damit Gewissens-probleme, dass bei einem Bomben-Attentat auch Umstehende oder Unbeteiligte zu Schaden kommen könnten. Jedoch sind sie nach Abwägung aller Umstände zu dem Schluss gekommen, dass dies in Kauf zu nehmen sei.

Kompass: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang den Titel „Aufstand des Gewissens“, den eine Wanderausstellung zum Widerstand 1984 vom damaligen Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) trug?

Heinemann: Der Begriff ist noch viel älter, er geht zurück auf ein Buch aus den 50er-Jahren von Annedore Leber, der Witwe von Julius Leber (nach dem die Bundeswehr auch zwei Kasernen benannt hat), das den Titel trug: „Das Gewissen steht auf“. Das war begriffsprägend. In den 50er-Jahren hat man sich wenig für die politischen Vorstellungen der Verschwörer interessiert. Erst in den 60er-Jahren geriet das in den Blick der Forschung und der öffentlichen Meinung.
Die Zielvorstellungen der Verschwörer vom 20. Juli und die Entwicklung der Bundesrepublik seit 1949 wiesen so große Differenzen auf, dass man sich damit behalf, aus der politischen Tat eine Entscheidung des persönlichen Gewissens zu machen. Auf der moralischen Ebene stimmten dann alle überein.
Die Erinnerungsarbeit an 1944 begann in Deutschland zu großen Teilen erst nach dem gescheiterten Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953. Heute würde ich sagen, dass wir den 20. Juli zunächst als Aufstand des Politischen, dann auch des Diplomatischen, aber schließlich auch als Aufstand des Militärischen verstehen müssen. Und dann müssen wir aber hinzufügen, dass aus dem Wissen um die militärische Lage nur ganz wenige Menschen die moralische Kraft zum Handeln gehabt haben.

Kompass: Haben aus Ihrer Sicht die Treue zum einmal geschworenen Eid und die Treue zum eigenen Gewissen miteinander zu tun?

Heinemann:Der Eid ist für die meisten Verschwörer nicht der Kernpunkt ihrer Zweifel gewesen. Sie haben sich recht schnell klar gemacht, dass ein Eid auf Gegenseitigkeit beruht, und dass darin auch das Versprechen des Eidnehmers liegt, für das Gemeinwohl des Volkes zu sorgen. Und dies hatte Hitler bis zu diesem Zeitpunkt schon tausendfach gebrochen.
Noch eine andere Überlegung: Der „Eid der Reichswehr“ wurde ohne religiöse Beteuerungsformel geleistet, was ihn in den Augen vieler schon weniger bindend erscheinen ließ. Der „Führereid“ auf Hitler wurde ausdrücklich mit religiöser Bindung gesprochen – das hat auch dazu geführt, dass einige der Verschwörer zu der Auffassung kamen: Dieser Eid kann uns zu nichts verpflichten, das gegen das göttliche Gebot ist. Ein solcher Eid steht unter göttlichem Vorbehalt und daher kann er uns nicht mehr binden, wenn er uns zu gottlosem Tun bewegen soll.
Die ganze Eidfrage ist erst durch Freisler am Volksgerichtshof und später durch die selbsternannten „Eidtreuen“ in die Diskussion gebracht worden. Für die Verschwörer selbst war das kein großes Thema.

Kompass: Wie ordnen Sie den „Primat der Politik“ gegenüber dem Militärischen damals und heute ein?

Heinemann:Der Primat der Politik setzt voraus, dass die Soldaten das tun, was ihnen befohlen wird. Der militärische Gehorsam ist also quasi der kleine Bruder des Primats der Politik. Die Unterscheidung zwischen der demokratisch legitimierten Bundesregierung und dem Dritten Reich besteht ja darin, dass es sich damals um einen verbrecherischen Krieg und ein verbrecherisches Regime handelte.
Die Wehrmacht lebte den Gehorsam gegenüber dem Primat einer verbrecherischen Politik – das ist das Schlimme daran. Der Widerstand zeigte die Grenzen dieses Vorrangs der Politik auf.

Kompass: Ist es nur ein Vorurteil, dass militärisches Handeln und Gewissen sich ausschließen, oder lässt sich beides tatsächlich schlecht vereinbaren?

Heinemann: Der 20. Juli ist für mich das klarste Beispiel in der deutschen Geschichte dafür, dass militärisches Denken zu moralischem Handeln führen kann. Insofern halte ich die Unvereinbarkeit ganz klar für ein Vorurteil.

Kompass: Was können wir aus der (Militär-)Geschichte darüber lernen, wie heute (soldatisches) Gewissen geschult werden sollte?

Heinemann:Als erstes sage ich immer, dass man aus der Geschichte nur lernen kann, dass man aus der Geschichte nichts lernen kann. Es ist immer alles anders, insofern kann man aus Früherem nicht einfache Schlüsse ziehen.
Aber der Umgang mit der Geschichte führt dazu, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

Die Fragen stellteJörg Volpers.

Ist es eine potenzielle Gefahr für uns Soldaten der Bundeswehr, dass das Gewissen nicht im Soldatengesetz verankert wurde?

In welchem Verhältnis stehen Gewissen und Gehorsam in den Streitkräften? Es wäre fatal für uns Soldaten, wenn es im täglichen Dienst einen Widerspruch zwischen Gehorsam und Gewissen gäbe. Der Gehorsam bildet eine Grundlage unseres Berufs und ist daher im Soldatengesetz verankert: „Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen.“ Ohne die Bereitschaft zum Gehorsam funktioniert weder Militär noch jede andere Form menschlichen Zusammenlebens, in der es Hierarchien gibt. Jeder von uns weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn Befehle nicht im Sinn des Soldatengesetzes „nach besten Kräften“ ausgeführt werden: Nichts geht mehr, sei es in der Kompanie oder in einem Referat. Kann es einen Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen geben, wie bei den Attentätern des 20. Juli 1944? Es war eine wesentliche Erkenntnis des berühmten Milgram-Experiments (1961), dass die Bereitschaft zum Gehorsam in jedem Menschen verankert ist. Sie kann aus Soldaten Killer machen – und, so ein Kommentar des SPIEGEL, aus fast jedem von uns „auf Befehl“ auch Folterer. Warum ist das Gewissen dann nicht im Soldatengesetz verankert? Vor dem Hintergrund des 20. Juli 1944, genauer: der Entscheidung der Attentäter, nach ihrem Gewissen zu handeln, anstatt Verbrechern zu gehorchen, wäre das ja denkbar.

Daher traten auch einige Mitglieder des Verteidigungsausschusses für die Verankerung des Gewissens in das Soldatengesetz ein, als es 1956 erstmals formuliert wurde. Es waren Wolf Graf Baudissin und andere Väter der Inneren Führung, die sich gegen diesen Vorschlag aussprachen. Das Gewissen, so Baudissin, sei zu unbestimmt, zu persönlich, um handlungsleitend zu sein. Die soldatische Pflicht zum Gehorsam würde ausgehöhlt, die Disziplin gefährdet, und die Bundeswehr wäre letztlich nicht einsatzfähig. Anstatt die „weiche“ Kategorie Gewissen in das Soldatengesetz aufzunehmen, müssten die „harten“ Kategorien der Menschenwürde, von Recht und Gesetz, den Befehlsgehorsam einhegen, um einen potenziellen Missbrauch zu verhindern. Ich bewundere sehr, wie der Kriegsveteran Baudissin es auf diese Weise gemeinsam mit seinen Mitstreitern schaffte, die Notwendigkeit soldatischen Gehorsams mit Konsequenzen aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zu verbinden. Bleibt es trotzdem ein Problem oder eine potenzielle Gefahr für uns Soldaten der Bundeswehr, dass das Gewissen nicht im Soldatengesetz verankert wurde? Als Soldatin eines Rechtsstaats erlebe ich keinen Konflikt zwischen der Gehorsamspflicht und meinem Gewissen. Die Bundeswehr wird nicht für eine verbrecherische Politik missbraucht, wie es der Wehrmacht unter der Führung ihres nationalsozialistischen „Oberbefehlshabers“ ergangen ist. Das hatte unter anderen Helmut Schmidt in seiner bekannten Gelöbnisrede vor Soldatinnen und Soldaten in Berlin klargemacht. Dieses Wissen gibt die Kraft, Gehorsam einzufordern und selbst gehorsam zu sein. Das Gewissen und das, was es mir rät, bleiben meine persönliche Sache. So richtig es ist, seinem Gewissen zu folgen, so wenig darf ein leichtfertiger Verweis auf das Gewissen die Gehorsamspflicht aushöhlen. Und genau das könnte passieren, wenn das Gewissen Aufnahme in das Soldatengesetz fände. Einsatzbereite Streitkräfte in einem Rechtsstaat dürfen sich das nicht erlauben.



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