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gemeinsam Wege finden

© 2017 Bundeswehr / Jana Neumann
© 2017 Bundeswehr / Jana Neumann

Ehrenamt, Freiwilligkeit, Engagement spielen in der Kirche eine noch größere Rolle als in der Bundeswehr – und es ist nicht immer einfach, gemeinsam Wege zu finden. Daher haben wir einen „Soldaten des Papstes“, den Jesuitenpater Roers, und Bundeswehr-Soldaten nach ihren Erfahrungen mit und ihrer Meinung zu ehrenamtlichem Engagement von „Laien“ in der Militärseelsorge, in Verbänden und Gemeinden gefragt.

Oberst i. G. Köster, der die katholischen Soldatinnen und Soldaten auf dem „Synodalen Weg“ der deutschen Kirche vertritt, berichtet von den ersten Schritten. Fregattenkapitän Müller und Hauptmann Soltner schildern sehr persönlich, welche Last, aber auch welche Freude die freiwillige, nicht hauptberufliche Arbeit mit sich bringen kann. Das Sich-Engagieren in Kirche und Militär zieht sich darüber hinaus weiter durch das März-Heft 2020, zum Beispiel beim Blick auf die Entstehung der „Gemeinschaft Katholischer Soldaten“ (GKS) vor 50 Jahren.

„Traut euch – es lohnt sich!“

Hauptmann Michael Soltner


Im „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung (5.2.2020) war über das österreichische Bundesheer zu lesen: „Sollte dies jemals in der BRD einfallen, würde es vollauf genügen, die Passauer Feuerwehr in Marsch zu setzen.“ Ein markiger Satz des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (1915–1988). Heute, so heißt es in der SZ weiter, gelte das wohl umso mehr, da die Feuerwehr von Passau ungleich besser ausgestattet sei als die Bundeswehr.

Wie auch immer. Als Jesuit, Mitglied der Gesellschaft Jesu (SJ), die im 19. Jahrhundert die Soldaten des Papstes genannt wurden und es damals auch wohl waren, frage ich mich: Wie ist die katholische Kirche heute ausgestattet? Nicht militärisch wohlgemerkt, denn die Seeschlacht von Lepanto (7.10.1571) mit einem Sieg über das Osmanische Reich im Ionischen Meer ist längst Geschichte. Vor dem Auslaufen der Heiligen Liga hatte der Dominikanerpapst Pius V. die Standarte gesegnet und nach dem Sieg das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz eingeführt (7. Oktober). Die Galeerengefangenen ruderten im Gebetsrhythmus der Geheimnisse des Rosenkranzes die Schiffe zum Sieg und zurück und wurden zum Dank freigelassen. Ihre Ketten stifteten sie in Loreto der Gottesmutter. Darüber mögen wir den Kopf schütteln. Auf Vatican News zeigt sich der Kirchenstaat heute friedlich und berichtet lieber über die Freizeitaktivitäten der Schweizergarde.

Der Theologe Gisbert Greshake (*1933) entwirft in seinem Buch „Kirche wohin?“ (Herder 2020) einen real-utopischen Blick in die Zukunft. Er zitiert den längst vergessenen Johannes Bours, der im Bistum Münster ein gefragter geistlicher Meister war. Ein Jahr vor seinem Tod 1987 schrieb er: „Wir erleben das Zerbrechen und Zu-Ende-Gehen einer Kirchengestalt.“

Ist nicht in jedem Jahrhundert etwas zu Ende gegangen? Die ursprüngliche Jesus-Bewegung wurde mit der Konstantinischen Wende zu einer Staatskirche. Kardinal Kurt Koch analysiert: „Die Christianisierung des römischen Imperiums hat ... unweigerlich auch zur Imperialisierung des Christentums geführt.“ Ende des Mittelalters waren bis zu einem Zehntel aller Einwohner des damaligen Deutschland Kleriker und Ordensleute. Wer getauft war, wollte damals mehr, nämlich Teil einer klösterlichen Gemeinschaft sein. Als Mönch oder Nonne hatte man der Welt entsagt und führte ein alternatives Leben.

Alternativ? In Dänemark wurde der Gedanke des cohousing in den 1960er Jahren populär, berichtete M. Stolz im Magazin der ZEIT (2.1.2014). Er fand fast 150 Gemeinschaften, in denen Menschen häuserübergreifend in einer „WG zusammengefunden haben. Oft teilen sie ihre Einkommen, manche sind spirituell. Die meisten bauen Biogemüse an, manche sind vegan, wenige auch rauch- oder handyfrei, eine Minderheit praktiziert die freie Liebe.“ Auch im neuen Jahrzehnt schrieb DIE ZEIT vor Kurzem auf ihrem Titelblatt „Der Traum vom anderen Leben“ (7/2020). Offenbar sehnen sich nicht wenige Deutsche nach mehr Sinn im Arbeitsleben.

Was der Theologe Karl Rahner Mitte der 1950er Jahre prophezeite, ist eingetreten. Er sprach von einer „Kirche der Zerstreuung.“ Heute ist die ganze Weltgemeinschaft zerstreut. Als Jesus die ersten Jünger beruft, tut er es nach den Worten bei Matthäus (4,17–22) so: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Wenig später sagt Jesus: „Kommt her, mir nach!“ Sofort, so heißt es ausdrücklich, ließen die Jünger ihre Arbeit liegen und gingen mit ihm.

Jeder Christ ist aufgerufen, sich zu überlegen wie er jetzt leben will. Vielleicht stellen sich die Veränderungen zu einem besseren Leben ohne viel Stress und Arbeit nicht sofort ein, aber ohne unser Zutun geschieht gar nichts. Soldatinnen und Soldaten haben einen Eid abgelegt, damit die Befehlskette im Ernstfall ohne Verzögerung funktioniert. Oft ist die erste Seite des Johannes-Evangeliums in alten Bibeln sehr abgegriffen. Wer einen Eid ablegte oder einen Schwur, der legte seine rechte Hand auf diese Seite: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ In Goethes „Faust“ übersetzt der Protagonist den griechischen Urtext selber erst so: „Im Anfang war die Kraft!“ Nach kurzem Nachdenken schreibt Faust dann aber getrost: „Im Anfang war die Tat!“

Spirituelle Prozesse dauern meist länger als eine Übersetzung. Für beides braucht es sehr viel Geduld und es geht nicht alles sofort leicht von der Hand. Die Bibel immer wieder neu zu übersetzen, nicht nur im Wort, sondern in der Tat, das ist eine echte Herausforderung. Es ist eine lebenslange Übung – ohne Ende.

Georg Maria Roers SJ

Mit der ersten Synodalversammlung betrat die Katholische Kirche in Deutschland mit dem „Synodalen Weg“ Neuland. Es waren nicht nur die katastrophalen Ergebnisse der Missbrauchsstudie. Auch auf den damit verknüpften großen Vertrauensverlust, den sich verschärfenden Priestermangel, leerer werdende Kirchen, hohe Kirchenaustrittszahlen und eine zunehmend säkularisierte Gesellschaft mussten die Bischöfe reagieren.

Sie entschieden sich für das einzig Richtige: Sie reichten den Laien die Hand und baten das Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) um Mitarbeit auf Augenhöhe bei der Suche nach Wegen für die Zukunft unserer katholischen Kirche in Deutschland.

Wo der gemeinsame Weg enden wird, ist offen. Aber es ist überdeutlich, es muss etwas passieren. Die Themen „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, „Priesterliche Existenz heute“, „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ sowie „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ mögen von manchem Mitkatholiken als Zumutung oder Schock empfunden werden. Vertrautes steht auf dem Prüfstand. Aber ein „weiter so“ oder eine von Angst vor Neuem beherrschte Schreckstarre führen nur zum weiteren Bedeutungsverlust.

Unser katholischer Glaube hat Relevanz. Wir haben etwas zu bieten. Im Zentrum aller Überlegungen steht doch die Kernfrage: Wie kann die Frohe Botschaft, das Wort Gottes glaubwürdig verkündet werden? Wenn wir an die Frohe Botschaft glauben, wovor sollten wir Angst haben? „Der Heilige Geist wirkt und zwar wo er will, nicht wo es die kirchliche Hierarchie gerne hätte. Vielleicht manchmal auch außerhalb Roms oder angeblicher Traditionen.“

Wir Soldaten in der Militärseelsorge sind von den Themen unmittelbar berührt. Auch wir kennen und erleben in den Militärpfarrämtern Priestermangel. Viele arbeiten in einem säkularen Umfeld. Wir erleben unterschiedliche Formen von Beteiligung in den Militärpfarrämtern. Entspricht das, was wir erleben, den Bedürfnissen der Soldaten(familien)? Wenn die katholische Militärseelsorge den synodalen Weg aktiv mit begleiten will, gilt es, nach der Lebenswirklichkeit von Soldaten zu fragen und ihre Erfahrungen einzubringen. Dabei haben die Angehörigen der katholischen Militärseelsorge viel zu bieten:

• Wir kennen aus den Einsätzen existentielle Fragen und die Kraft, die der Glaube geben kann. Wir kennen aus den Einsätzen Anfragen konfessionsloser Soldatinnen und Soldaten auf ihrer spirituellen Suche. Machtstrukturen und Hierarchie spielen dabei keine Rolle.

• Gelingende Ökumene ist für uns kein Fremdwort, sondern im Alltag in den Kasernen und besonders in den Einsätzen gelebte Wirklichkeit.

• Für eine „Pendlerarmee“ ist die Frage nach Leben in gelingenden Beziehungen von höchster Relevanz. Bietet die Kirche die richtigen Antworten z. B. auf Fragen zur Sexualität oder ein Scheitern von Partnerschaften?

• Vielleicht können wir sogar unsere Veränderungserfahrungen in das Forum „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ einbringen. Auch die männerdominierten Streitkräfte brauchten in einigen Bereichen Zeit, um zu erkennen, dass die Öffnung für Frauen zu allen Bereichen insgesamt ein großartiger Gewinn ist. Mit Rollenmustern des 19. Jahrhunderts lässt sich schlichtweg keine Strahlkraft für die Zukunft unserer Kirche entwickeln.

Doch wie können die spezifischen Erfahrungen in den Reformprozess eingebracht werden? Viele Soldatinnen und Soldaten engagieren sich trotz der dienstlichen Belastungen in Pfarrgemeinderäten, in der GKS oder bei Einzelprojekten. Ihr Engagement zeigt, dass ihnen die katholische Kirche sehr am Herzen liegt. Der synodale Weg kann nur zu guten Ergebnissen kommen, wenn er auch in den Gemeinden, in den Militärpfarrämtern Thema wird. Hierfür gilt es Wege zu suchen. Ich wünsche mir nicht nur Informationen im Internet oder in Zeitschriften, sondern die Diskussion im Katholischen Militärbischofsamt, in den Militärdekanaten und in den Pfarrämtern. Ich wünsche mir engagierte Militärseelsorger, die Angebote machen und die Themen der synodalen Foren mit den Gläubigen herrschaftsfrei diskutieren. Die 59. Tage der Begegnung Ende März in Untermarchtal sollten der Frage nachgehen, wie Partizipation und Rückkoppelung an die Synodalversammlung gelingen kann. Von da aus kann ein Impuls ausgehen für den Beitrag der katholischen Militärseelsorge zum synodalen Weg. Wir sollten die Chance nutzen.

Oberst Burkhard Köster i. G., Mitglied im Katholikenrat und Vertreter im ZdK und der Synodalversammlung





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