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20 Jahre KFOR – und nun?

© 2012 Bundeswehr / Bienert
© 2012 Bundeswehr / Bienert

Im Frühjahr 2019 sind es 20 Jahre seit dem Beginn des Kosovo-Kriegs und dem Start der NATO-geführten Schutztruppe „Kosovo Force“. Ende 2018 war das Feldlager in Prizren an die UN übergeben worden, womit sich die Bundeswehr weitgehend vom Balkan zurückgezogen hat. Für die meisten Leserinnen und Leser „erlebte Geschichte“, die aktuell noch fortwirkt.

Der Historiker Oberstleutnant Hans-Peter Kriemann, der zuletzt in mehreren Publikationen ausführlich über den 78-tägigen Konflikt schrieb, fasst hier das Wichtigste in Zeitstrahl und Text zusammen. Die ehemalige Staatssekretärin Karin Kortmann von der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ beschreibt im Interview, wie es jetzt weitergeht. Und der langjährige Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei fragt in seinem Kommentar: „… nicht der Rede wert?“

Um die gedruckte Juni-Ausgabe 2019 der Zeitschrift „Kompass“ nicht zu überfrachten, wurde das Zeugnis eines Militärseelsorgers „Alles wie immer und doch ganz anders!“ aus der Rubrik „Auf ein Wort“ hier veröffentlicht.

„Wo die Seele nicht im Reinen ist, kann der Staat auch nicht aufbauen.“

Karin Kortmann, Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin


Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw)

Kosovo 1999: Erster direkter Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutschland beteiligt sich am Luftkrieg der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien – ohne UN-Mandat.

Mit dem Ende des Kalten Krieges hatten mehrere jugoslawische Teilrepubliken und die serbische Provinz Kosovo ihre Unabhängigkeit erklärt. Angesichts fortgesetzter serbischer Repressalien gegen die kosovo-albanische Bevölkerungsmehrheit hatte sich der Kosovokonflikt kontinuierlich verschärft. Anfang März 1998 eskalierte die Sicherheitslage vollends. Eine humanitäre Katastrophe wie in Bosnien-Herzegowina sollte sich nicht noch einmal wiederholen. Die internationalen Verhandlungen zur Beilegung im Rahmen der Kontaktgruppe, der neben den USA, Frankreich, Deutschland und Italien auch Russland angehörte, liefen auf Hochtouren.

Fehlende Einigkeit der internationalen Akteure

Effektive Zwangsmaßnahmen nach Kapitel VII der UN-Charta scheiterten jedoch an der fortgesetzten russischen Verweigerungshaltung. Daraufhin begann die NATO mit Planungen verschiedenster Optionen des Einsatzes von Luft- und Landstreitkräften. Alsbald kristallisierte sich eine phasenweise Luftoperation als Mittel der Wahl heraus. Eine große Flughöhe und der Einsatz von Präzisionswaffen versprachen sowohl eigene Verluste weitestgehend ausschließen zu können, als auch unbeteiligte Opfer zu vermeiden. Darüber hinaus sollte eine in Phasen gestaffelte Intensivierung der Luftschläge durch eine dosierte Erhöhung des militärischen Drucks eine effektive Unterstützung des politischen Prozesses ermöglichen.

Als serbische Sicherheitskräfte im September 1998 erneut massiv gegen die kosovo-albanische Bevölkerung vorgingen, verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 23. September 1998 die Resolution 1199, in der Belgrad zur Einstellung der Gewalt aufgefordert wurde. Obwohl Russland die Zustimmung zu einem Mandat, welches Luftschläge der NATO legitimierte, unverändert ablehnte, erließ der NATO-Rat am 13. Oktober 1998 den Einsatzbefehl für die Operation Allied Force. Slobodan Miloševi?, der jugoslawische Staatspräsident, lenkte daraufhin am 13. Oktober 1998 ein und begann mit dem Teilabzug bewaffneter Kräfte aus dem Kosovo. Sowohl eine internationale OSZE-Beobachtermission (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die Kosovo Verification Mission (KVM), als auch die NATO-Luftoperation Eagle Eye sollten die Umsetzung der mit Belgrad getroffenen Vereinbarungen überprüfen.

Das fehlende UN-Mandat stellte insbesondere die neu gewählte rot-grüne Bundesregierung vor eine schwierige Entscheidung. Die innenpolitische Debatte bewegte sich im Spannungsfeld zwischen dem zurückhaltenden Einsatz militärischer Gewalt und der Verhinderung schwerster Menschenrechtsverletzungen. Am 16. Oktober 1998 erteilte der Deutsche Bundestag schließlich mit überwältigender Mehrheit ein Mandat für die Beteiligung der Bundeswehr.Zu Beginn des Jahres 1999 eskalierte die Gewalt erneut. Bei einem Gefecht serbischer Sicherheitskräfte in Ra?ak am 15. Januar 1999 wurden mindestens 34 Zivilisten getötet. Angesichts der massiven Verschlechterung der Sicherheitslage wurde im Rahmen der Friedenskonferenz von Rambouillet ein letzter Versuch zur Beilegung des Kosovokonflikts unternommen. Er endete ergebnislos. Auch die Fortsetzung der Gespräche in Paris konnte nichts mehr daran ändern. Nachdem die OSZE ihre Beobachter aus dem Kosovo abgezogen hatte, erteilte NATO-Generalsekretär Javier Solana den 350 Flugzeugen der NATO-Luftflotte am 24. März 1999 den Angriffsbefehl.

Die Bundeswehr beteiligte sich mit acht ECR-Tornados (Electronic Combat and Reconnaissance) zur Aufklärung und Bekämpfung gegnerischer Flugabwehrraketenstellungen sowie sechs RECCE-Tornados (Kurzwort für reconnaissance) und Drohnen des deutschen Heeres zur Luftbildaufklärung. Gerade durch den Einsatz der ECR-Tornados trug Deutschland auch mögliche innenpolitische Konsequenzen des Einsatzes bewaffneter Gewalt mit.

Der Luftkrieg beginnt

Im Rahmen der Phase I der Operation Allied Force sollte die Lufthoheit errungen werden. Die Kampfflugzeuge begannen mit Angriffen auf jugoslawische Flugabwehrstellungen und Flugplätze. In der Adria kreuzende NATO-Schiffe feuerten mit Tomahawk-Marschflugkörpern. Als Milosevic nach dreitägigem Luftkrieg nicht wie erhofft einlenkte, begann die NATO mit der Ausweitung der Angriffe auf Fernmeldeeinrichtungen, Operations- und Nachschubbasen sowie Verstärkungskräfte: Phase II. Trotz schwerer Schäden an der Infrastruktur erlitten die jugoslawische Luftverteidigung und die Landstreitkräfte nur geringe Verluste. Die Regierungen der NATO-Staaten gerieten zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Das betraf die Glaubwürdigkeit des Bündnisses, dem es nicht gelang, die humanitäre Katastrophe am Boden zu beenden.

Daher wurde bereits am 30. März 1999 die Ausweitung der Operation Allied Force auf die dritte und letzte Eskalationsstufe beschlossen. Im Rahmen der Phase III sollten zusätzlich Ziele nördlich des 44. Breitengrades bekämpft werden. Die Sorge der europäischen NATO-Staaten vor innenpolitischen Konsequenzen eventueller ziviler Opfer führte zum Ausschluss von 437 der ursprünglich 980 identifizierten Ziele. Dass solche Sorgen nicht unberechtigt waren, zeigten die etwa 500 zivilen Opfer des Luftkriegs.

Bis Mitte April 1999 blieb die Wirkung der Luftschläge weiterhin hinter den Erwartungen zurück. Immer mehr NATO-Flugzeuge wurden eingesetzt. In dieser Situation hatte Außenminister Joschka Fischer am 30. März 1999 fünf Forderungen an Miloševi?s zur Beendigung der Luftschläge formuliert. Auf Grundlage dieser fünf Punkte wurde im Rahmen von Abstimmungsgesprächen von NATO, EU und G8 ein Friedensplan für das Kosovo entwickelt. Diese umfassten ein sofortiges und nachweisliches Ende der Gewalt im Kosovo; den Abzug der serbischen Sicherheitskräfte; die Akzeptanz einer internationalen Militärpräsenz; die Zustimmung zur Rückkehr aller Flüchtlinge und zum ungehinderten Zugang humanitärer Hilfsorganisationen sowie die glaubhafte Garantie, auf eine politische Rahmenvereinbarung auf Grundlage der Vereinbarungen von Rambouillet hinzuarbeiten.

Die Wende im Kosovokrieg

Zu Beginn ihres Gipfels in Washington am 23.–25. April 1999 machte sich die NATO diese Forderungen zu eigen. Gleichzeitig sollte der militärische Druck auf Belgrad gesteigert werden. Die Zahl der Flugzeuge und Angriffsflüge wurde von 50 täglich zu Beginn der Operation auf 300 bis Ende Mai massiv erhöht. Sogar die Option eines Angriffs mit Landstreitkräften auf das Kosovo aus dem benachbarten Albanien und Mazedonien mit 175.000 Soldaten wurde im Verlauf des Monats Mai intensiv unter den NATO-Staaten diskutiert. Etwa zur gleichen Zeit erklärte sich Moskau zu einer Beteiligung an einer NATO-geführten Kosovo Force (KFOR) bereit. Noch am gleichen Tag signalisierte Belgrad Verhandlungsbereitschaft.

Am 3. Juni 1999 stimmte das serbische Parlament den Bedingungen zu. Nach der Unterzeichnung eines militärisch-technischen Abkommens am 9. Juni 1999 befahl der SACEUR (Supreme Allied Commander Europe), der US-amerikanische General Wesley Clark, um 3:36 Uhr die Einstellung der Luftangriffe.

Während der 78-tägigen Luftoperation Allied Force wurden in über 38.000 Einsatzflügen 28.000 Raketen und Flugkörper verschossen. Es beteiligten sich 14 NATO-Staaten mit über 900 Flugzeugen an den Luftschlägen, etwa 200 weitere Flugzeuge standen zur Unterstützung der Operation bereit. Die Bundeswehr trug mit insgesamt 438 SEAD-Einsätzen (Suppression of Enemy Air Defense) zur Unterdrückung der serbischen Flugabwehr bei und verschoss dabei 244 HARM-Raketen. Darüber hinaus beteiligte sich die Luftwaffe mit 46 Aufklärungsflügen deutscher Tornados und das deutsche Heer mit 162 Flügen der unbemannten Aufklärungsdrohne CL-289. Das entsprach in etwa dem Anteil anderer europäischer NATO-Staaten.

Die Rückkehr der Flüchtlinge

Allied Force und der anschließende Einmarsch der KFOR beendeten den Krieg am Boden zwischen serbischen Kräften und der UÇK (Befreiungsarmee des Kosovo) sowie die damit verbundenen Massenvertreibungen und Morde. Am 12. Juni 1999 überquerten die ersten Kräfte der NATO-geführten KFOR die Grenzen zum Kosovo. Bis zum Sommer 1999 erreichte die KFOR eine Stärke von 50.000 Soldaten. Die wenige Tage nach dem KFOR-Einmarsch beginnenden Ströme zurückkehrender Kosovo-Albaner sowie der Beginn der Arbeit der Einrichtungen des öffentlichen Lebens im Kosovo zeigten, dass es der multinationalen Truppe gelungen war, die Gewalt in einem Maße einzudämmen, welches die Voraussetzung der Implementierung der Inhalte von UN-Resolution 1244 durch die Interimsadministration UNMIK (United Nations Mission in Kosovo) bildete und dem Kosovo die Chance einer langfristigen Stabilisierung gab. Damit sollte sie den Einwohnern der staatsrechtlich nach wie vor zu Serbien gehörenden Provinz Kosovo ein von Belgrad autonomes Leben bis zur Klärung der Statusfrage ermöglichen.

20 Jahre sind seit dem Luftkrieg und dem Einmarsch der KFOR inzwischen vergangen. Das Kosovo wurde inzwischen weitgehend stabilisiert. Man könnte daher zu Recht von einem Erfolg des militärischen Einsatzes sprechen. Der NATO gelang es, den Kosovokrieg zu beenden und vor allem der Großgewalt nachhaltig Einhalt zu gebieten. Trotz dieser Erfolge bleibt die politische Situation im Land schwierig. Auch die Unabhängigkeit von 2008 ist nicht unumstritten. Noch immer befinden sich auch noch deutsche Soldaten vor Ort, allerdings nur noch im Hauptquartier der NATO in Priština. Das deutsche Feldlager in Prizren wurde Anfang 2019 an die UNMIK übergeben.

„Wo die Seele nicht im Reinen ist, kann der Staat auch nicht aufbauen.“

Kompass: Vor 20 Jahren begann der Einsatz der NATO-Sicherheitstruppe KFOR. Am 17. Dezember 2018 konnte nun das Feldlager in Prizren an die UNMIK, die Interimsverwaltungsmission der Vereinten Nationen übergeben werden. Wie geht es jetzt mit diesem Gelände weiter?

Karin Kortmann: Seit 1906 gibt es bereits eine militärische Verwendung auf diesem Gelände in Prizren. Soldaten des damaligen Osmanischen Reiches nutzten es zuerst. Nach dem Ende des Kosovokrieges hat die Bundeswehr das Gelände übernommen und dort sehr viel Know-how investiert. Zwischenzeitlich hat es Platz für 1.600 Soldatinnen und Soldaten geboten. 2016 hat sich die Bundeswehr dazu entschieden, das Feldlager 2019 zu schließen. Nachdem sich die kosovarische und die deutsche Regierung darauf geeinigt hatten, Möglichkeiten für die zukünftige Nutzung des Lagers zu prüfen, hat das BMZ die GIZ beauftragt, eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, in der ein Konzept für die zivile Nachnutzung des derzeitigen Lagergeländes vorgeschlagen wird.

Die GIZ engagiert sich bereits seit 20 Jahren im Kosovo und steht in einem engen Austausch mit der Regierung. In Prizren bietet sich nun die wunderbare Voraussetzung an, ein militärisches Gelände in eine zivile Nutzung zu überführen. Hieran ist zu erkennen, dass das militärische Eingreifen immer nur eine Ultima Ratio sein kann. Danach sollte Unterstützung in die zivile Nutzung investiert werden. Die Bevölkerung muss spüren, dass sie etwas von diesem Gelände hat und es dem Gemeinwohl dient. Um das Gelände und die vorhandenen Räumlichkeiten optimal zu nutzen, wurden die Sektoren mit dem größten Wachstums- und Beschäftigungspotenzial in Kosovo identifiziert. Auch die strategisch günstige Lage, in unmittelbarer Nähe zu Albanien, Nord-Mazedonien und Montenegro wurde berücksichtigt. In folgenden Bereichen wurde großes Potenzial gesehen:

  1. Informations- und Kommunikationstechnologie und technologiebasierte Unternehmen
  2. Agrar- und Lebensmittelverarbeitungsbereich
  3. Kreativ- und Kulturwirtschaft, in der Verbundenheit mit Tourismus. Alle drei Bereiche verbinden zwei Querschnittsaufgaben: Zum einen die berufliche Aus- und Weiterbildung und zum anderen die Forschung und Entwicklung.

Das ist der aktuelle Stand. Es gibt bereits Unternehmen, die sich proaktiv nach dem Projekt erkundigen. Jetzt gilt es zunächst einmal abzuwarten. Um konkrete Geschäftsinteressen auszumachen, werden Ausschreibungen veröffentlicht und verbreitet.

Kompass: Sind diese Ausschreibungen auf ein Land beschränkt oder gelten diese für Unternehmen weltweit?

Karin Kortmann: Die Ausschreibung richtet sich sowohl an nationale als auch internationale Unternehmen. Genau das braucht der Kosovo. Der Park hat eine unglaubliche strategische Bedeutung für die gesamte Region. Wenn er in eine zivile Nutzung geht, dann kann er Grundlage sein, das Wirtschaftswachstum zu steigern, Ausbildungsplätze und neue Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen und so für eine Befriedung der Region zu sorgen. Weil ein Miteinander zusätzliche Wirtschaftskräfte mobilisieren könnte. Das ist ein riesengroßes Ziel, welches da zur Verwirklichung ansteht. Vielleicht gelingt es ja schon bis Ende des Jahres, erste Betriebe im Park anzusiedeln. Das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben.

Kompass: Gibt es besondere Herausforderungen bei diesem Projekt?

Karin Kortmann: Man muss die Gesamtsituation nochmals unter dem politischen Gesichtspunkt betrachten. 1999 kamen die deutschen Soldatinnen und Soldaten und haben ein altes militärisches Gebiet genutzt. Sie haben damit zu einer Befriedung in diesem Land, in dieser Region beigetragen. Es war das erste Mal, dass die Bundeswehr in der Nachkriegszeit ein solches Feldlager aufgebaut hat. Dass es jetzt ein solches Konversionsprojekt gibt, zeugt von Verantwortung, die wir jetzt übernehmen. Einfach nur abzuziehen wäre das Eine gewesen. Jetzt zu sagen, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist nach wie vor tätig, zeugt eben von einer nachhaltigen Verantwortung.

Als GIZ, aus unserer 20-jährigen Erfahrung im Kosovo, wissen wir, wie wichtig es ist, dass man gerade in junge Generationen und Zukunftsbranchen investiert. Damit haben wir jetzt das erste Mal auch eine riesige Chance. Jetzt geht es um eine wirtschaftliche Prosperität, der wir gerne Unterstützung geben möchten.

Die Herausforderungen liegen darin, mit welchem intensiven Interesse Unternehmen sich dort ansiedeln wollen. Dass das alles gut geprüft ist und wir nicht mit Eintagsfliegen zu tun haben. Es geht darum, eine mittelfristige und langfristige gute Nutzung zu garantieren. Das ist eine Verpflichtung, die wir damit eingehen. Wenn wir mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt werden, dann heißt es ja genau, diese Mittel- und Langfristigkeit zu prüfen und dafür auch gute Grundlagen zu schaffen. Das wird intensiv von der GIZ durchgeführt. Das ist etwas, das stimmig sein muss. Worin wir am meisten investieren können, ist, dass es gerade für junge Menschen keinen Grund gibt, das eigene Land zu verlassen. Hier schaffen wir die besten Voraussetzungen, in diesem Land zu bleiben: Eine gute Bildung, Ausbildung und Beschäftigungsmöglichkeit zu bekommen, die mir eine Zukunftsperspektive gibt. Wenn wir das schaffen, dann ist mir nicht bange um das Projekt.

Kompass: Haben sie sich im Vorfeld mit anderen Akteuren und Institutionen ausgetauscht?

Karin Kortmann: Ja, es gab immer schon Kontakte mit anderen Akteuren. So haben wir bereits mit den Jesuiten gesprochen. Sie genießen einen ganz herausragenden Ruf und sehr viel An-erkennung. Wir sind dankbar, dass sich die Jesuiten bisher an diesem Projekt beteiligt haben. Es gab auch ein Gespräch des deutschen Botschafters mit der GIZ und Bundestagsabgeordneten in Berlin, bei dem über das Projekt informiert wurde. Auch der frühere Wehrbeauftragte, Reinhold Robbe, ist sehr intensiv in der Unterstützung dabei. Es zeigt die große Verantwortungsgemeinschaft, die da gemeinsam mit den Kosovaren schaut, dass man ein Konzept hat, das sich verwirklichen lässt. Je mehr wir auf Bausteinen aufbauen können, die im Kosovo selber schon vorhanden sind, an Organisationen, an Institutionen, an Unternehmen, desto besser. Wir wissen, das Kriegsende ist noch nicht so lange her. Und wir wissen, wie wichtig es ist, gerade in Nachkriegszeiten Stabilität und Sicherheit zu geben. Deswegen legen wir einen so großen Wert auf dieses Projekt und sind sehr dankbar, dass das BMZ uns mit dieser Arbeit beauftragt hat.

Kompass: Inwiefern spielt Seelsorge eine Rolle in ihrer Projektarbeit?

Karin Kortmann: Seelsorge ist nicht der Begriff, mit dem wir als GIZ arbeiten. Und wir haben auch keine Geistlichen, die für diese Fragen als Fachleute zur Verfügung stehen. Aber was wir gelernt haben – über die verschiedenen Einsatzorte und Einsatzländer – ist, dass es wichtig ist, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Das führt dazu, dass Gesellschaften zusammen leben und zusammen arbeiten können. Traumabearbeitung, das Reden über Menschenrechtsverletzungen und Versöhnungsarbeit sind hier drei Stichpunkte, die das beschreiben. Das geht so in die Richtung von Seelsorge. Wo die Seele nicht im Reinen ist, kann der Staat auch nicht aufbauen. Das menschliche Fundament ist so unabdingbar dafür, dass Menschen sich verstehen und auch Zeiten von Bürgerkrieg so verarbeitet werden, dass wieder etwas Neues aufgebaut werden kann. Deswegen sind wir auch in solchen Programmen tätig. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Für ihn muss Sorge getragen werden. Viele Verletzungen, die aus der Kriegszeit da sind, können wir nur erahnen. Man muss Räume schaffen, die die Möglichkeit bieten, dass man darüber wieder sprechen kann. Dass man sein Inneres auch mal wieder nach außen kehren darf. Dafür sind wir auch an so vielen Orten in der Welt tätig. In so vielen Ländern geht es darum, wieder Zivilisation einkehren zu lassen. Das schafft man über Begegnungen und gemeinsame Projekte. Umso wichtiger, dass man ein solch großes Projekt nur mit der kosovarischen Regierung gemeinsam entwickeln kann. Wir gehen hier als Gastarbeiter in Länder, wo wir erwünscht und gefragt werden und geben unsere Expertise ab. Und was sich zum Schluss daraus entwickelt, ist Aufgabe der amtierenden Regierung. Das zu wahren und zu achten ist auch Auftrag von Kolleginnen und Kollegen, die dort tätig sind.

Kompass: Liebe Frau Kortmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Friederike Frücht.

Im Oktober 2018 endete der deutsche KFOR-Großeinsatz im Kosovo. Er hatte im Juni 1999 begonnen – und gilt seit Jahren als „vergessener Einsatz“. Völlig zu Unrecht! Der vorhergehende NATO-Luftkrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien zur „Abwendung einer humanitären Katastrophe“ war in seinen Wirkungen zwiespältig und ist bis heute sehr umstritten. Anders der KFOR-Einsatz: Der militärische Auftrag des UN-Sicherheitsrates – Absicherung des Friedensabkommens, sicheres Umfeld für die Flüchtlingsrückkehr – wurde erfüllt. Gestoppt wurde die in den 1990er Jahren auf dem Balkan grassierende Kriegsseuche. Damals bestand die realistische Furcht vor weiteren kriegerischen Flächenbränden. Dass keine nachhaltige Stabilität entstand, dass weiterhin viel Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Korruption und Organisierte Kriminalität herrschen, ist unbestreitbar, lag aber außerhalb der Wirkungsmöglichkeiten von KFOR.

Die Bundeswehr war an dieser Großleistung kollektiver Kriegsverhinderung mit weit mehr als 100.000 Soldaten in 50 Kontingenten verlässlich, führend und vorbildlich beteiligt. 27 Bundeswehrsoldaten verloren während des Einsatzes im Kosovo ihr Leben, niemand durch feindliche Einwirkung. Trotz des erheblichen Konflikt- und Gewaltpotenzials vor Ort kam es nur in wenigen Fällen zu Schusswaffeneinsatz und Feuerwechseln. Der deutsche KFOR-Einsatz unterschied sich um 180° vom Balkankrieg der Wehrmacht. Ein Ausreißer in dieser Positivbilanz waren die März-Unruhen 2004, als das deutsche KFOR-Kontingent dem albanischen Mob nicht entschlossen genug entgegentrat und erneute ethnische Vertreibungen geschehen ließ. Umso mehr wurde danach aber aus Fehlern gelernt. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses war ich politisch mitverantwortlich für den deutschen KFOR-Einsatz und besuchte den Kosovo, die deutschen Soldaten und Polizisten zwölfmal, erstmalig im Oktober 1999.

Genau 19 Jahre später wurde „Camp Prizren“, der deutsche Hauptstützpunkt, an den kosovarischen Staat übergeben. Diese historische Zäsur fand in der deutschen Öffentlichkeit – befördert durch unterlassene Öffentlichkeitsarbeit des BMVg – fast keine Beachtung. Das erinnerte mich daran, wie die deutsche Beteiligung am bis dahin längsten, größten – und erfolgreichen! – Einsatz, dem in Bosnien, 2012 zu Ende gebracht worden war: völlig sang- und klanglos, als wäre Verhinderung von Massen- und Kriegsgewalt nicht der Rede wert. Daraufhin schrieb ich in einem Brief an den Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn:

„(…) Die abertausenden deutschen KFOR-Soldaten haben – zusammen mit Kameraden vieler anderer Nationen – im Kosovo Rückfälle in den Krieg verhindert, Stabilität gefördert. Sie taten das mit hohem Einsatz und viel Klugheit. Sie haben damit Menschenleben gerettet und menschliches Leid verhindert. Sie haben sich um die Menschen im Kosovo und Westbalkan, um Frieden und Sicherheit in Europa in hohem Maße verdient gemacht. Die KFOR-Veteranen können stolz auf ihren Einsatz sein. Sie verdienen Aufmerksamkeit, hohe Anerkennung und herzlichen Dank von Seiten der politischen Auftraggeber, aber auch der Gesellschaft insgesamt. Ihre Leistungen sind beispielhaft und ein Eckstein der bundeswehreigenen Tradition. (…)“

Ab Juni 2019 besteht die hervorragende Möglichkeit, in öffentlichkeitswirksamer Weise an die Großleistung von 20 Jahren KFOR-Einsatz, von über 100.000 Frauen und Männern der Bundeswehr zu erinnern. Es ist die Gelegenheit, diese Staatsbürger in Uniform die verdiente Anerkennung spüren zu lassen, die sie ansonsten sehr vermissen.



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