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Prof. Sabine Riedel © KS / Halina Wegrzynowicz
Prof. Sabine Riedel © KS / Halina Wegrzynowicz

Nationalismus und Kirche: am Ende verliert die Religion

Nachdenkliche Stimmen zur Verbindung von Nation und Religion auf der 62. Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge in Berlin-Steglitz

Berlin, 24.10.2017. Die Begeisterung für das Nationale ist nicht erst seit den vergangenen Wahlen in Europa ein Thema. Schon seit längerer Zeit ist nicht nur im Osten Europas ein Erstarken des nationalen Bewusstseins wahrzunehmen, und in diesem Zusammenhang tauchen auch immer wieder religiöse Würdenträger gerade in der Nähe von nationalen Führern in der Berichterstattung auf. Die 62. Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge befasst sich derzeit mit dem Verhältnis von Nation und Religion und die mahnenden Töne sind deutlich.

Prof. Thomas Schirrmacher © KS / Halina Wegrzynowicz
Prof. Thomas Schirrmacher © KS / Halina Wegrzynowicz

Prof. Dr. Sabine Riedel, Politologin an der Universität Magdeburg, zeigte in einer historischen Betrachtung auf, dass der Preis, den die Kirche für Schutz und Förderung durch den Staat in Monarchien und totalitäre Systeme zu zahlen hatte, immer ihre eigene Unabhängigkeit und ihre kirchliche Identität war. Gleichzeit öffne eine zu große Staatsnähe der Kirchen auch dem Missbrauch von Religion und der Kirche als Institution Tür und Tor. Auch Indienstnahme von Kirche für politische Expansionsbestrebungen und Kolonialismus belegte die Wissenschaftlerin an den Beispielen von England und Frankreich. Die Geschichte habe gezeigt, dass Kirche, die sich zu symbiotisch an die Nation oder einen Staat hält, in der Regel als Mittel der Einflussnahme benutzt werde, so Riedel. Nach der Bevorzugung einer religiösen Gemeinschaft folge immer ihre Indienstnahme zur Festigung der Macht oder als ideologisches Führungsinstrument.

Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, stellvertretender Sekretär der Evangelischen Allianz, verwies auf einige problematische Ereignisse, welche die Brisanz zeigen, wenn Staat und Kirche keine deutliche Trennung mehr aufrechterhalten. Die Rede des damaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière beim Abschied von Soldaten in Afghanistan, das Gebet zur Eröffnung des Parlaments in den USA zeigen, so Schirrmacher, deutlich, wie problematisch eine so enge Verquickung ist. „Es ist richtiggehend perfide“, so ein Teilnehmer, „dass jemand wie der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán, sich als Verteidiger des Christentums aufspielt und eigentlich die Politik verfolgt, christliche Flüchtlinge aus dem Land zu halten und zurückzusiedeln.“ Grundsätzlich werde bei einem religiösen Nationalismus die Religion von ihrem Inhalt weitgehend entleert. Es gebe hier keine Rückbindung an eine konkrete Kirche oder einen wirklichen gelebten Glauben. „Wenn bei Demonstrationen ein beleuchtetes Kreuz, in den Nationalfarben Deutschlands angestrichen, mitgeführt wird, hat das keinen Bezug zu den Inhalten des christlichen Glaubens, sondern ist nur ein Symbol der Abgrenzung gegen andere.“ Kein wirklich religiöser Mensch würde daher so etwas tun. „Es sind eher die kirchlich distanzierten Menschen, die sich für einen religiösen Nationalismus begeistern können“, fasst der Professor abschließend zusammen.

Dr. York-Herwarth Meyer