Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer begleiten
Wie können Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer gut begleitet werden? Dieser Frage gehen Dr. Peter Wendl, Peggy Puhl-Regler und Alexandra Hoff-Ressel, Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, in ihrer Broschüre „Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer begleiten“ nach. Im Interview geben sie Einblicke in ihre Arbeit und beantworten grundlegende Fragen zum Umgang mit trauernden jungen Menschen. Die Fragen stellte Theo Weisenburger.
Woran lässt sich erkennen, dass ein Trauerprozess bei Kindern in eine falsche Richtung verläuft? Welche langfristigen Folgen kann das haben?
Zunächst ist festzuhalten, dass der Prozess der Trauer, insbesondere bei Kindern, sehr individuell verläuft und stark von den Umständen des Todes abhängig sein kann. Manche Kinder ziehen sich zurück oder verhalten sich besonders angepasst. Andere reagieren mit großer Anhänglichkeit oder auch mit aggressivem Verhalten. Alle diese möglichen Reaktionen sind Teil eines „normalen“ Trauerprozesses. Sie können wechselnd oder vorübergehend sein, bis nach und nach ein Umgang mit der Trauer gefunden werden kann.
Trauerprozesse bei Kindern können vor allem in eine falsche Richtung verlaufen, wenn sie ihre Emotionen nicht zeigen können oder dürfen, oder wenn sie darin nicht angemessen unterstützt werden. Kinder brauchen dafür Freiräume und geschützte Zeiten, in denen sie ausdrücken und ausleben können, was sie fühlen. Wenn sich das Kind dauerhaft zurückzieht, aggressiv bleibt oder anhaltende Angstzustände zeigt, können das Anzeichen dafür sein, dass sich die Trauer in eine ungute Richtung entwickelt. Langfristige Folgen könnten dann emotionale Störungen, Verhaltensprobleme oder eine verzögerte Entwicklung sein. Es ist also wichtig, dass Kinder in solchen Situationen von Erwachsenen unterstützt und begleitet werden, um einen gesunden Trauerprozess zu ermöglichen.
Welche Rolle können Schuldgefühle bei trauernden Kindern spielen, auch wenn sie unbegründet sind?
Schuldgefühle können sich bei einem Kind zeigen, wenn es den Grund für den Tod bei sich selbst sucht, etwa nach einem nicht geklärten Streit oder in vermeintlich schlechtem Verhalten vor dem Tod. Besonders jüngere Kinder, die die Endgültigkeit des Todes noch nicht vollständig begreifen, glauben mitunter auch, dass durch ihr besonders braves Verhalten die verstorbene Person wieder zurückkehren kann. Umso wichtiger ist es, allen Kindern immer und zu jeder Zeit glaubhaft zu vermitteln, dass sie niemals Schuld am Tod des geliebten Menschen tragen und auch zu keiner Zeit hatten. Ansonsten können Schuldgefühle möglicherweise zu erheblichen emotionalen Belastungen führen und den Trauerprozess stark erschweren.
Welche Folgen hat es, wenn Trauer in der Familie verdrängt wird?
Gefühle, die im Zusammenhang mit der Trauer um einen geliebten Menschen entstehen, lassen sich im Grunde nicht unterdrücken und werden sich dann „andere“ Wege suchen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist es umso wichtiger, dass Erwachsene ihnen einen offenen Umgang mit Gefühlen vorleben und den Kindern Raum lassen. So lernen sie auch ihre eigenen Emotionen zuzulassen und zu verarbeiten. Wenn Trauer nicht gelebt werden darf, verzögert das möglicherweise nicht nur ein gesundes Verarbeiten des Verlustes. Langfristig kann das sonst zu langanhaltenden Konflikten führen und die Beziehungen manchmal sogar lebenslang erschweren.
„Aus meiner Sicht wage ich die These, dass die verletzlichste Stelle eines Soldaten oder einer Soldatin nicht unbedingt Leib und Leben sind, sondern die Menschen, die sie lieben und von denen sie geliebt werden. Daraus erwächst unsere Verantwortung, diese Beziehungen von Paaren und Kindern maximal zu stärken. Aber aus dieser Verantwortung heraus wollen wir aufgrund der Bedrohungslage kurzfristig auch in der Lage sein, die Broschüre um ein schweres Kapitel erweitern zu können, wenn eine nahe Bezugsperson im Kontext von Landes- und Bündnisverteidigung fallen würde. Auch wenn wir alle hoffen, dass wir diese Arbeit niemals benötigen werden.“
Wie können Erwachsene vermeiden, dass trauernde Kinder in Trauersituationen zu früh wieder „stark sein müssen“?
Indem sie ihnen zu jeder Zeit klar machen, dass sie es nicht sein müssen! Kindern ausdrücklich zu erlauben, ihre Emotionen zu zeigen und authentisch zu sein, hilft ihnen. Verzweiflung und auch abgrundtiefe Trauer sind nach dem Verlust eines lieben Menschen völlig normal und verständlich. Kinder trauern anders und müssen ihren eigenen Weg finden, mit dem Verlust umzugehen. Auch wenn das für Erwachsene, die nun ja meist selbst verzweifelt sind, nur schwer erträglich und kaum auszuhalten ist. So können Kinder beispielsweise auch vermeintlich einfach zum Alltag übergehen, ohne zunächst offensichtlich zu trauern, um die Wucht der Emotionen aushalten zu können.
Erwachsene sollten Kindern also zuhören, deren Gefühle aushalten und sie trösten, anstatt sie zu drängen, stark zu sein oder nicht zu weinen oder umgekehrt gar jetzt intensiv trauern zu sollen. Auf diese Weise können Kinder sich der neuen Wirklichkeit annähern, sich weiterentwickeln und müssen Gefühle weder unterdrücken noch Erwartungen erfüllen. Es gilt in diesen Zeiten, eine gute Balance zu entwickeln zwischen Nähe und Abstand, wenn das Kind für sich sein möchte. Dabei gilt es jedoch das Kind stets wissen zu lassen, dass es jederzeit mit seinen Sorgen und der Traurigkeit kommen darf. Die Erwachsenen müssen für diese Zeit aber auch nicht für jede Situation eine Lösung parat haben oder selbst stark sein. Es kann den Kindern ebenso helfen zu realisieren, dass auch sie einfach traurig und sprachlos sind und vorerst keine Antworten haben.
Welche weiteren Hilfsmöglichkeiten zur Unterstützung trauernder Kinder und Jugendliche wären wünschenswert? Was kann Militärseelsorge tun?
Eine wichtige Aufgabe besteht darin, trauernde Erwachsene in deren Trauerprozess zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihren Kindern bestmöglich beistehen zu können. Eine Stärke der Militärseelsorge ist neben der persönlichen Begleitung, dass sie geschützte Räume anbieten kann. So können im seelsorglichen Gespräch oder beispielsweise während Intensivveranstaltungen emotionale Verarbeitung, Austausch oder auch wichtiges Durchatmen erleichtert werden.
Weitere Unterstützungsmöglichkeiten der Militärseelsorge für den Umgang mit Tod und Trauer liegen zudem sicherlich im Gebet für- und miteinander, in wertvollen Ritualen oder auch entsprechenden Gottesdiensten, wo Hoffnung ohne billigen Trost gespendet wird und wo das Unaussprechliche ohne Worte ausgedrückt werden kann. Die wohl herausragende Stärke der Seelsorge liegt aber vermutlich darin, das sei mir hier erlaubt zu sagen, wenn die Hoffnung vermittelt werden kann, dass die Liebe stärker ist als der Tod…
Nicht zuletzt kann die Militärseelsorge, übrigens oft in enger Zusammenarbeit speziell mit dem Sozialdienst, der Sozialberatung und dem gesamten PSN, auch auf zivile Unterstützungsangebote verweisen. Weitere Hilfsmöglichkeiten zur Unterstützung trauernder Kinder und Jugendlicher könnten daher sein: professionelle Beratung durch Trauerbegleiter/innen, Therapeuten und Therapeutinnen, Selbsthilfegruppen für trauernde Kinder und Jugendliche, schulische Unterstützung durch Lehrer und Schulpsychologen sowie Online-Ressourcen oder Informationsmaterialien für Kinder, Jugendliche und ihre Familien.
Die Fragen stellte Theo Weisenburger
Broschüre: Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer begleiten
Was Kinder brauchen und Angehörige wissen sollten
Für viele, die einen geliebten Menschen verlieren, verändert sich die Welt: plötzlich, schmerzhaft, oft unvorstellbar und nur schwer in Worte zu fassen. Erwachsene, die meist selbst betroffen sind, stehen dann vor der herausfordernden Aufgabe, Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer zu begleiten, ohne vielleicht selbst den notwendigen Halt zu verspüren. Die vorliegende Broschüre bietet für diese Zeiten daher eine erste und schnelle Orientierung, indem sie einfach und übersichtlich wichtiges Wissen dazu vermittelt und praktische Impulse für den Umgang mit Kindertrauer gibt.
Kostenlos erhältlich an Ihrem Katholischen Militärpfarramt.
Weitere Publikationen des ZFG
Auf unserer Website finden Sie weitere Broschüren, Ratgeber und Materialien für Soldatenfamilien und Paare. Praxisbezogene Handreichungen zu Partnerschaft, Familie und Alltagsfragen sowie die Kinderbücher, greifen Themen wie Fernbeziehungen, Auslandseinsatz oder Veränderungen im Familienalltag auf. weiter zu den Publikationen
Das Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) ist eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung. Zwischen der Katholischen Militärseelsorge und dem ZFG besteht seit 2002 eine intensive Kooperation. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit werden insbesondere spezifische Herausforderungen für Partnerschaft, Ehe, Familie und Erziehungsfragen im Kontext von Bundeswehr und Militärseelsorge untersucht. Darüber hinaus konzipiert das ZFG präventive Veröffentlichungen, Materialien und Seminare für Paare, Familien sowie für Mitarbeiter des psychosozialen Netzwerks der Bundeswehr.



