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Erinnern, mahnen, handeln

 
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Er pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen. Viele Soldatinnen und Soldaten engagieren sich, drei von ihnen berichten hier.

 

Oberst i.G. Wolfgang Tauschke

Erste Berührungen mit dem Thema rund um Kriegsgefallene machte ich bereits als Jugendlicher, als mein Vater mir von den Todesfällen seiner beiden Onkel in Gefechten des 2. Weltkrieges berichtete. Die Bilder der beiden jungen Menschen in Uniform und deren Frohnatur haben mich nachhaltig geprägt und lassen mich bis heute nicht mehr los. Beide Schicksale haben gemein, dass das Leben der Familie erstens völlig aus dem Tritt geriet, zweitens die beiden Toten bis heute nicht geborgen wurden. Ich hatte es mir bereits damals zum Auftrag gemacht, meinen Beitrag für die Schwerpunkttätigkeiten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. zu leisten, nämlich Kriegstote im Ausland zu suchen, zu bergen, sie würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen – meine beiden Vorfahren eingeschlossen. Mit meinem Eintritt in die Bundeswehr 2002 begann ich, mich als Freiwilliger für die jährliche Haus- und Straßensammlung einzusetzen und in meinem Bekannten- und Freundeskreis für Spenden zu werben. Wenn sich die Möglichkeit ergab, nahm ich zudem an Arbeitseinsätzen teil. Seit 2021 stehe ich im engen Austausch mit einem Länderbeauftragten und stehe als Kommandoführer von Arbeitseinsätzen zur Verfügung – letztmalig in Belgien, Recogne-Bastogne 2024.

Die Aufgaben für den Volksbund sind über alle Maßen sinnstiftend und dienen dem Zweck, Angehörigen von Kriegstoten und der Gesellschaft Orte der Trauer, des Gedenkens und der Versöhnung zu ermöglichen. Damit ist jedes Engagement für den Volksbund Friedensarbeit im aktivsten Sinne.

Gerade heutzutage nimmt die Botschaft, die von diesen Gräbern – ganz gleich welcher Nation – ausgeht, einen besonders hohen Stellenwert für mich ein: Die Erinnerung an die Folgen von Krieg, Gewaltherrschaft und insbesondere des Nationalsozialismus über unsere Grenzen hinweg wachzuhalten. Frieden ist nicht selbstverständlich! Das friedliche Miteinander erfordert gegenseitiges Verständnis, Aufklärung und einen dauerhaften Austausch der Generationen und Kulturen.

Jegliches Engagement für den Volksbund leistet einen wertvollen Friedensbeitrag! Sei es im Rahmen der Arbeitseinsätze im Ausland, wenn wir als deutsche Soldaten in Uniform zur Friedensverständigung aktiv beitragen, oder mit der Spendendose in der Hand ins Gespräch mit der Bevölkerung kommen und um eine Spende bitten. Jede Spende hat eine konkrete Wirkung: Spenden unterstützen die Pflege der Gräber, die Suche nach Vermissten und die internationale Jugendbildung – all das ist für einen nachhaltigen Frieden essenziell!

Ich möchte deshalb die Leserinnen und Leser ermutigen, sich für den Volksbund zu engagieren, Mitglied zu werden und die wichtigen Arbeiten des Volksbundes durch Spenden oder Mitgliedsbeiträge zu unterstützen. 

Der Kontakt ist fast ausschließlich positiver Natur, aber auch die wenigen kritischen Gespräche tragen zur Verständigung bei und sind ein Zeichen gegenseitiger Toleranz. Die Menschen freuen sich über den Austausch und sind dankbar für den persönlichen Einsatz. Die Spendenbereitschaft erachte ich generell als hoch, doch leider sinkt aus meiner Wahrnehmung die Bereitschaft sammeln zu gehen, so dass das Sammlungspotenzial nur in Teilen zur Geltung kommt. 

Der abscheuliche Irrsinn des Dritten Reiches wird auf den Soldatenfriedhöfen im Ausland sichtbar, weshalb mich besonders die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen der Soldaten tief berührt. Junge Männer mit hohem Potenzial, die ihr Leben noch vor sich hatten und Lebensträume nie verwirklichen konnten. Familien, die ihr Leben lang um den einzigen Sohn trauerten. Eine Mutter, die am Tod ihrer Söhne zerbrach.

Der Dienst als Soldat ist der Einsatz für den Frieden in der Gegenwart, während das Engagement für den Volksbund und die Kriegsgräberfürsorge die Erinnerung an die Vergangenheit wachhält. Beide Aufgaben fördern die Verantwortung für Frieden, der auf den Lehren der Vergangenheit aufbaut. 

Werte, die mich dabei leiten, sind Respekt, Nächstenliebe, Gerechtigkeit sowie vor allen Dingen der Wunsch nach Freiheit und Frieden für meine Familie und weiterführend für alle Menschen.

„Gutes tun“ für die Friedensarbeit des Volksbundes besteht in meiner Wahrnehmung aus einem Dreiklang: Spenden als finanzielle Unterstützung durch Mitgliedsbeiträge oder Anlassspenden, Freiwilligenarbeit als Sammler*in und in Form der Kriegsgräber-Pflegeeinsätze im Ausland und die Aufklärung durch Weitersagen, Ermutigung sowie den konstruktiven Austausch mit Verwandten, Freunden und Kameraden.

Zum einen ist die persönliche Entwicklung hervorzuheben, d. h. die sinnstiftende Tätigkeit, die persönliche Entwicklung und das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Zum anderen ist die gemeinsame Verantwortung für eine friedliche Zukunft zu betonen. „Gemeinsam für den Frieden“ ist auch ein Aufruf an jeden Einzelnen, selbst aktiv zu werden, die Erinnerung wachzuhalten und die Völkerverständigung zu fördern.

 

Kapitänleutnant Martin Voß

Ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin Kapitänleutnant Martin Voß, 43 Jahre alt, bin verheiratet, habe 2 Kinder, wir wohnen seit 13 Jahren hier im schönen Stralsund. 

An der Marinetechnikschule Parow bin ich als ehemaliger Seefahrer einer Fregatte zuständiger Ausbilder in der jeweiligen Systemausbildung. Zusätzlich engagiere ich mich seit 15 Jahren ehrenamtlich für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. 

Als verantwortlicher Offizier der Marinetechnikschule Parow bin ich zuständig für die Pflege von Kriegsgräberstätten im Ausland. Aber nicht nur das Pflegen von Gräbern im Ausland gehört zum „Ehrenamt“, sondern auch die gerade stattfindenden Kasernen-, Haus- und Straßensammlungen und das Organisieren und Durchführen von Gedenkveranstaltungen. 

Doch wie sieht nun mein Ehrenamt in der Praxis aus? Ich möchte kurz von meinen Eindrücken auf der letzten Kriegsgräberstätte berichten.

2025 war ich für den Volksbund mit neun weiteren Kameraden wieder im Einsatz. Diesmal in der Nähe von Daugavpils in Lettland. Auf dem dortigen Soldatenfriedhof „Alt Schödern“ sind 400 deutsche Soldaten aus dem 1. Weltkrieg beerdigt. Die Grabkreuze, alle aus Beton gegossen, sind dicht mit Moos überwachsen. Namen sieht man kaum noch. Fichten und dicke Eichen sind mit den Jahren in die Höhe geschossen, zusammen mit dem Unterholz hüllen sie diese Stätte in Schatten. Zwischen den Grabsteinen stehen kniehohe Farne und Efeu kriecht über den Boden. 

Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass in den Reihen vereinzelt Grabsteine fehlen. Davor meist eine Vertiefung im Boden. Plünderer waren mal wieder vor uns hier. Später wird nach mühevoller Suche in den Erdhügeln, die die Plünderer links und rechts hinterließen, ein Kreuz wiedergefunden. Die Arbeit beginnt: Bäume werden gefällt; Wurzeln aus dem Boden gezogen; vermisste Grabsteine werden gesucht und vereinzelt geborgen; Sand umgeschichtet, um die Gräber zu schließen. Gebrochene Kreuze werden geklebt, das Moos mühevoll abgebürstet. Alle werden neu ausgerichtet.

Musketier Fritz Wrobel – gefallen am 16.04.1916, 

Gefreiter Hans Mülling – gefallen am 21.03.1916,

unbekannter Russe. 

Da stehen sie, die Namen derer, die hier einst ihr Leben ließen.

Noch heute, so viele Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs, löst die Arbeit vor Ort Betroffenheit bei jedem Einzelnen aus. Vor den Gräbern zu stehen, gelegentlich den eigenen Familiennamen zu lesen und zu realisieren, dass viele der dort begrabenen Soldaten einfach zu jung waren, das macht nachdenklich. 

Nach zehn Tagen schweißtreibender Arbeit kommen alle noch einmal zusammen, um gemeinsam der Toten zu gedenken. Der deutsche Militärattaché aus Riga, der Landrat der Gemeinde, der Bürgermeister, der Verbindungsoffizier, die Gemeindearbeiter, die uns unterstützten, allesamt mit kleinen Blumensträußen in der Hand. Es ist eine friedliche Stimmung. Unsere lettischen Freunde sind erfüllt mit Dankbarkeit. 

Auch ich bin dankbar dafür, dass sich hier an der Marinetechnikschule Parow jedes Jahr eine Vielzahl an Soldaten freiwillig und somit ehrenamtlich melden, um mit mir zusammen diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. So spürt man dabei, dass die Bedeutung für die Gesellschaft weit über die Grabpflege hinausgeht. 

Jeder Friedhof, jeder Stein mit einem Namen ist zugleich auch die Erinnerung und Mahnung an jetzige und künftige Generationen. Jedoch gehen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft Spendenbereitschaft und ehrenamtliches Engagement zurück. Doch die Verantwortung bleibt. 

Ich möchte meinen Bericht mit einem Zitat von Jean-Claude Juncker beenden: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!“ 

Oberstabsfeldwebel Dirk Wolf

„Mit Herz und Hand für den Frieden“ - Warum ich mich für Kriegsgräberpflege engagiere: Mein Weg zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. führte über die eigene Familiengeschichte. Als ich 2005 begann, nach meinen Ahnen zu forschen, stieß ich auf die Online-Gräbersuche des Volksbundes. Dabei wurde mir bewusst, wie viele Einzelschicksale hinter den nüchternen Namen auf den Grabsteinen stehen - Menschen mit Hoffnungen, Familien, Träumen. 2006 trat ich dem Volksbund bei. Aus anfänglichem Interesse wurde mit der Zeit eine Herzensaufgabe. Seit 2022 leite ich als Kommandoführer eigenständig Kriegsgräber-Pflegeeinsätze im Ausland. Für mich ist diese Arbeit mehr als nur Pflege von Grabstätten, sie ist gelebte Friedensarbeit. Jede Inschrift erinnert daran, dass Krieg immer menschliches Leid bedeutet. Und sie mahnt, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Besonders berührt hat mich ein Moment in Italien, genauer auf dem deutschen Soldatenfriedhof Cassino, als ein älterer Herr zum Besuch des Grabes seines Vaters kam. Er selber hatte ihn nur wenige Monate in seinem Leben als Vater fühlen dürfen, nur als Neugeborener, bis sein Vater in den Krieg zog. Nun wollte er Abschied nehmen von seinem Vater, den er selber nie als junger Bub und heranwachsender Jugendlicher erleben konnte. Der Mann suchte, nach eigenen Angaben, zum Abschluss seines Lebens, noch einmal den Kontakt zu seinem Vater. In Ruhe Abschied zu nehmen und Danke zu sagen, das war sein Wunsch. Er war sehr gerührt und begeistert von der Arbeit, die die jungen Soldaten auf diesem Friedhof leisteten. „Sie sorgen dafür, dass Menschen wie ich und Familien der Gefallenen, einen würdigen und gepflegten Ort der Erinnerung und Trauer erhalten. Vielen, vielen Dank dafür!“, waren seine Worte zum Abschied.

In diesen Momenten wird greifbar, was Versöhnung bedeutet: nicht zu vergessen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Ob der Sohn sich mit dem Vater versöhnt, indem er seinem Vater verzeiht, dass dieser nicht bei ihm gewesen war, als er ihn brauchte, oder ob junge Menschen gemeinsam gegen das Vergessen und für den Frieden arbeiten. Genau das motiviert mich, immer weiterzumachen. Mit meiner Initiative „Heart and Hand for Peace“ habe ich inzwischen eine ehrenamtliche Gruppe mit über 20 Mitgliedern aufgebaut. Wir wollen Kriegsgräberstätten auch dort erhalten, wo Mittel knapp werden und notfalls auf eigene Kosten handeln. Erinnerung darf nicht von Haushaltszahlen abhängen. Als Soldat der Bundeswehr sehe ich eine tiefe Verbindung zwischen meinem Dienst und meinem Engagement beim Volksbund. Beide beruhen auf Werten wie Verantwortung, Kameradschaft, Respekt und dem Einsatz für Frieden. Ich glaube an das Gute, das entsteht, wenn Menschen füreinander einstehen. „Gutes tun“ bedeutet für mich, Spuren zu hinterlassen, die verbinden - zwischen Generationen, Nationen und Herzen. Wer seine Zeit, Kraft oder auch eine Spende in den Dienst der Erinnerung stellt, leistet einen stillen, aber bedeutsamen Beitrag zum Frieden. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen diese Erfahrung machen, dass aus Pflege Verantwortung wächst und aus Erinnerung Versöhnung.

Weitere Informationen zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. | Gemeinsam für den Frieden

Theo Weisenburger