Ein neues Studienbuch: „Schulter an Schulter“
Namhafte Theologinnen und Theologen, Praktiker und Praktikerinnen aus verschiedenen christlichen Konfessionen sowie aus unterschiedlichen jüdischen Richtungen haben gemeinsam „Ein Studienbuch zur Rolle des Judentums in christlicher Theologie“ mit dem Titel „Schulter an Schulter“ erarbeitet.

Die insgesamt 38 Autorinnen und Autoren vereint das gemeinsame Grundanliegen, „einen Beitrag zu antisemitismuskritischer Bildung in der Theologie und aus der Theologie heraus zu leisten“ (S. 9). Zwar ist das Buch schon vor dem 7. Oktober 2023 abgeschlossen gewesen, aber jener terroristische Anschlag der Hamas gegen Israel konnte und durfte nicht unerwähnt bleiben, da der Antisemitismus nicht nur in Deutschland, sondern ebenso weltweit wachse. Als einen unverzichtbaren theologischen Beitrag gegen diese Entwicklung versteht sich das hier vorzustellende Buch.
Das Buch selbst ist in nahezu klassischer Weise in zehn Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung im ersten Kapitel (11-26) wendet sich das zweite Kapitel (27-49) sogleich den Grundlagen zu. Dazu zählen sogenannte Basics, Ausführungen zum theologischen Antijudaismus sowie eine Hinführung hinsichtlich des Dialogs bzw. der Dialoge zwischen Kirche und Judentum in aller Pluriformität.
Kapitel drei (50-76) schlägt den Bogen zur verflochtenen Geschichte von Judentum und Christentum. So werden Fragen nach Entstehung des Judentums, der Bedeutung der Septuaginta, der Darstellung der Juden im Neuen Testament sowie der Diskurs bezüglich des Hervorgehens des Christentums aus dem Judentum bzw. umgekehrt erörtert.
Das vierte Kapitel (77-118) beschäftigt sich mit „Die Heiligen Schriften als Trennendes und Verbindendes zwischen Judentum und Christentum“, und zwar von den Kirchenvätern an bis in die Gegenwart hinein. Das fünfte Kapitel (119-142) thematisiert die „Emanzipation – Die Wahrnehmung des Judentums als eigenständige Denkform“ (sic). Hier stehen im Fokus die jüdische Aufklärung, das sogenannte lange 19. Jahrhundert sowie jüdisches Denken vor und nach der Shoa.
Kapitel sechs (143-172) beschäftigt sich mit Themen bezüglich der vielfältigen Gottesdienstpraxis im Judentum und im Christentum mit Blick auf Gemeinsames und Trennendes. Im siebenten Kapitel (173-221) geht es um äußerst eminent zentrale Fragen, die den Kernbereich jedweder christlichen Theologie betreffen. Hier werden Bereiche angesprochen, denen kein Theologe und keine Theologin letztlich ausweichen kann. Stichworte wie beispielsweise „Glauben Juden und Christen an denselben Gott?“; die „Bedeutung des Jude-Seins Jesu in Geschichte und Gegenwart“; „Christologie diesseits und jenseits von Antisemitismus“, das Nein zur Judenmission und „Zu einer christlichen Theologie des Landes und des Staates Israel“ deuten das schwierige, um nicht zu sagen dornenreiche theologische Gelände an.
Das achte Kapitel (222-255) verhandelt Etappen des jüdisch-christlichen Dialogs in all seiner Vielschichtigkeit. Das vorletzte, das neunte Kapitel beschreibt bzw. zeigt auf, wie z.B. interreligiöses Lernen als ein Verständigungsprozess gelingen kann, wie dem Antisemitismus theologisch zu begegnen ist. Auch die schwierige Frage nach dem Messianischen Judentum wird keineswegs ausgeklammert, und es werden Wege aufgezeigt, wie man sich mit diesem Phänomen angemessen auseinandersetzen kann. Im abschließend zehnten Kapitel (309-317) geht es um „Anregungen für eine judentumssensible christliche Theologie und christliche Existenz“.
Der Titel des Buches „Schulter an Schulter“ nimmt ausdrücklich Bezug auf die vor nunmehr sechzig Jahren am 28. Oktober 1965 veröffentlichte wegweisende Erklärung Nostra aetate (NA) des II. Vatikanischen Konzils, worauf das Studienbuch namentlich Bezug nimmt (z.B. 9; 17; 223). Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus dem Buch des Propheten Zefanja 3,9.
Dieses Buch ist besonders allen Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorgern zu empfehlen, die im LKU sich auch dem Thema Antijudaismus/Antisemitismus vor dem Hintergrund der je eigenen Kirchengeschichte zu stellen haben.
Thomas R. Elßner