Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Zur Unternavigation springen
Barrierefreiheit
Blaufilter
Schriftgröße
Zeilenhöhe
Zeichenabstand
Dyslexie-Schrift
Vorlesen
Leichte Sprache
Zurücksetzen

70 Jahre

Katholische Militärseelsorge für die Deutsche Bundeswehr

Glaube, Gewissen, Auftrag

70 Jahre Militärseelsorge

Am 4. Februar 1956 wurde Joseph Kardinal Wendel zum ersten katholischen Militärbischof der Bundeswehr ernannt. Seitdem begleitet die Katholische Militärseelsorge Soldatinnen und Soldaten sowie ihre Familien im Alltag, in Krisen und im Einsatz.

Sieben Jahrzehnte Militärseelsorge markieren dabei keinen abgeschlossenen Weg, sondern einen bleibenden Auftrag. Es geht um mehr als religiöse Begleitung: Die Militärseelsorge bietet Raum für Gewissensbildung, ethische Orientierung und vertrauliche Gespräche, besonders dort, wo Entscheidungen schwer wiegen.

„Die Militärseelsorge will sehr klare, durch den Glauben bestimmte sowie durch das Evangelium geformte wertbestimmte Ziele verkündigen und Soldatinnen und Soldaten auf dem Weg der persönlichen Lebens- und Glaubensgeschichte begleiten.“

Dr. Franz-Josef Overbeck, Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr

Kardinal Wendels Vermächtnis in der Militärseelsorge

65 Jahre nach seinem Tod: Kardinal Joseph Wendel – erster Katholischer Militärbischof der Bundeswehr

Am 31. Dezember 2025 jährte sich der Tod von Joseph Kardinal Wendel zum 65. Mal. Er war der erste Katholische Militärbischof für die neue Bundeswehr und prägte in nur wenigen Jahren die Militärseelsorge nachhaltig. Kardinal Wendel leitete die Militärseelsorge nicht von irgendeiner Zweckmäßigkeit ab, sondern sah in ihr einen Auftrag und eine Verantwortung der Kirche vor Gott. Er stellte sich schützend vor den Soldaten und deklarierte dessen Anrecht auf Seelsorge.

weiterlesen


Zuhören, begleiten, Orientierung geben:

Militärseelsorge im Dialog mit Soldatinnen und Soldaten

Kriege, Krisen und eine immer säkularer werdende Gesellschaft: Soldatinnen und Soldaten, aber auch die Katholische Militärseelsorge stehen vor immensen Herausforderungen. Was das für die künftige Arbeit bedeutet, darüber spricht Theo Weisenburger mit Pater Peter Henrich und Leutnant Julia S. von der Bundeswehr-Universität Hamburg.

Was bedeutet Militärseelsorge heute? Der Katholische Militärbischof spricht über seine Aufgaben, den Einsatz von Soldatinnen und Soldaten, ethische Fragen von Krieg und Frieden sowie die Rolle der Frau in der Kirche. Im Gespräch mit einem Studenten der Universität der Bundeswehr München entsteht ein persönlicher Austausch.

Webpaper

Ausgabe als PDF

Redaktion


Kompass. Soldat in Welt und Kirche

Katholisches Militärbischofsamt
Referat IV Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Am Weidendamm 2
10117 Berlin
Tel: (030) 20617-420
Fax: (030) 20617-499

zum Kontaktformular

Geschichte der Katholischen Militärseelsorge

Eine Serie die erzählt, wie Kirche Soldatinnen und Soldaten begleitet, ethische Orientierung bietet und seelsorglich unterstützt.

Zu kaum einer Zeit der jahrhundertealten deutschen Militärseelsorge war ihr Dienst so sehr von Nöten, wie während des Zweiten Weltkriegs 1939–1945. Waren Militärseelsorger bereits in den deutschen Kriegen des 19. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs 1914–1918 an den Fronten tätig, so stellte die Dimension des Zweiten Weltkriegs alles in den Schatten. Weit über eintausend Militärpfarrer wie auch Ordensgeistliche leisteten seit 1936 bis zum Kriegsende 1945 einen Militärseelsorgedienst.

Doch wieso gab es eine Katholische Militärseelsorge im sonst stark kirchenfeindlichen NS-Staat nach 1933? Zum einen lag es an der jahrhundertelangen Tradition der Militärseelsorge und an der Tatsache, dass Adolf Hitler als Soldat im Ersten Weltkrieg durchaus eine positive Sicht auf die Militärseelsorge zum Erhalt der Wehrkraft sah, aber nicht aus religiöser Ehrfurcht. Auf rechtlicher Basis einigte sich die Katholische Kirche im Reichskonkordat 1933 mit den Nationalsozialisten auf die Beibehaltung der Militärseelsorge in der Reichswehr und späteren Wehrmacht. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht durch Hitler im Jahr 1935 wurde die Katholische Militärseelsorge neu installiert. Damaliger Feldbischof war Justus Rarkowski (1873–1950), die faktische Ausgestaltung der Militärseelsorge aber legte er in die Hände seines eigens erwählten Militärgeneralvikars Georg Werthmann (1898–1980). Werthmann kümmerte sich bis 1939 vor allem um die Bereitstellung von Militärseelsorgern in den neu errichteten Wehrmachtsstandorten.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann eine neue herausfordernde Zeit für die Katholische Militärseelsorge. Werthmann hielt dabei immer engen Kontakt zu den Wehrmachtsdienststellen bis hin zum Oberkommando der Wehrmacht. Nun standen Militärseelsorger mit an den verschiedenen Fronten und waren Divisionen und kämpfenden Einheiten zugeordnet. Die Zelebration von Gottesdiensten, in den Kirchen der besetzten Gebiete oder direkt im Felde, war den deutschen Soldaten eine wichtige seelsorgliche Begleitung und Halt, war doch damals noch der Großteil der Soldaten streng religiös und konfessionell sozialisiert. Angesichts der schrecklichen Erfahrungen des Kriegs war ihnen der Glaube eine Stärke in dieser schwierigen Zeit. Für diese Seelsorge im Feld musste oft aufwendig das liturgische Material wie Gewänder, Kreuze, Sprengel, Gesangbücher, die heiligen Öle sowie Brot und Wein usw. angeschafft werden, wofür sich dann ein Feldkoffer als praktikabel erwies. Auch kam es zu gegnerischen Angriffen während der Gottesdienste nahe an der Front.

Eine weitere belastende Aufgabe der Militärseelsorger war die Spendung der Krankenkommunion und der Sterbesakramente an den schwer verwundeten und zum Tode geweihten deutschen Soldaten in den Kriegslazaretten nahe der Front. Auch assistierten sie den schnell durchgeführten Feldbeerdigungen nach Kämpfen, übten auch Seelsorge an verhafteten deutschen Soldaten aus und spendeten ihnen die Kommunion, bereiteten sie geistig auf das kommende Schicksal der Hinrichtung vor. So begleiteten sie zum Tode verurteilte deutsche Soldaten in den letzten Stunden. Sogar nicht wenige streng atheistische SS-Männer baten den Militärpfarrer auf dem Lazarettbett, den Tod vor Augen, gelegentlich um Beistand.

Einige Militärpfarrer gerieten auch selbst wegen vermeintlich „wehrzersetzenden“ Äußerungen ins Visier der nationalsozialistischen Verfolgung. Es gab seit Kriegsbeginn viele nationalsozialistisch gesinnte Wehrmachtsoffiziere, die gegen die Tätigkeit der Militärseelsorge eingestellt waren. 1941 verfügte die Wehrmacht über die Entlassung von vielen Ordensgeistlichen, und ab 1942 sollten vakante Dienstposten nicht mehr durch neue Militärseelsorger besetzt werden. Dass sie aber an allen Fronten weiter für die deutschen Landser gebraucht wurden, lag weiter auf der Hand. In den letzten beiden Kriegsjahren taten sie aufgrund des verlustreichen Rückzuges vermehrt den Dienst in den vielen Kriegslazaretten. Wann immer möglich, versuchten Militärpfarrer auch „feindlichen“ verwundeten oder gefangenen Soldaten die Sakramente zu spenden, und auch vor deren Hinrichtungen Gespräche zu führen. Auch den von deutschen Einheiten gefangenen zivilen Gruppen, zum Beispiel Mitgliedern der Widerstandsbewegung der französischen Resistance, spendeten sie Sakramente in Gefängnissen.

Die amtlichen und persönlichen Berichte der deutschen Militärseelsorger über ihre Tätigkeiten im Krieg von allen Fronten in Ost, West, Süd und Nord seit 1939 bis 1945 künden, insbesondere seit dem Rückzug aus Russland 1943 und der Invasion der Alliierten in Frankreich 1944, oft von unsäglichem Leid deutscher und auch gegnerischer Soldaten. Manchmal musste ein Militärseelsorger dem Begräbnis hunderter, teilweise auch schon verwester deutscher Soldaten, am Tag beiwohnen, oder ihnen die Sterbesakramente in den Lazaretten spenden, oft unter den widrigsten Umständen. Ebenso dokumentierten Militärseelsorger, wann und wo immer möglich, auch „letzte Wünsche“ von dem Tode nahen deutschen Soldaten, und gaben diese später an die Familie in der Heimat weiter. Die Tagebuchaufzeichnungen des Wehrmachtsseelsorgers Franz Leineweber über diese Ereignisse in den Lazaretten 1944 und 1945 sind nur beispielhaft für das unsägliche Leid am Kriegsende, das den Militärseelsorgern vor Augen stand.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des Dritten Reichs im Mai 1945 endete auch die Militärseelsorge in der deutschen Wehrmacht. Mit den Überlegungen zur Gründung einer neuen Armee in der BRD seit Anfang der 1950er Jahre kam dann auch die Idee auf, die Militärseelsorge wiederzubeleben.

Maik Schmerbauch
 

Mit dem Ende des Dritten Reiches im Mai 1945 war es mit der katholischen Militärseelsorge vorbei. Auch hatten die Alliierten nach der Übernahme der Besatzungsmacht 1945 alle Aktivitäten von deutschen Militärverbänden verboten.

Der Konflikt der beiden Siegermächte USA und der Sowjetunion führte zur Errichtung der DDR und BRD 1949. Anfang der 1950er gab es Bemühungen über die Wiedereinrichtung einer bewaffneten deutschen Armee in der BRD und in der DDR. In der BRD wurde die „Dienststelle Blank“ federführend, die seit 1951 von dem späteren ersten Verteidigungsminister Theodor Blank geleitet wurde. Seine Dienststelle wurde wichtig für die beiden großen Kirchen wegen der Neuerrichtung der Militärseelsorge. Neben Blank spielte auch der frühere Militärgeneralvikar der Wehrmacht Georg Werthmann erneut eine wichtige Rolle. Er und Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz hatten für eine westdeutsche Armee neue Konzepte vor, u. a. Unterstützung der Militärpfarrer durch Pfarrhelfer.

Der katholische Militärbischof sollte als ziviler Bischof in seinem Heimatbistum verbleiben. Rechtsgrundlage einer Militärseelsorge blieb der Artikel 27 des 1933 zwischen dem Deutschen Reich und dem Hl. Stuhl geschlossenen Reichskonkordats bestehen. Im November 1955 wurde die Bundeswehr in der BRD gegründet. Am 4. Februar 1956 ernannte der Hl. Stuhl im Einverständnis mit der Regierung der BRD als ersten Militärbischof den Erzbischof von München Josef Kardinal Wendel. 1957 wurde das für die evangelische und katholische Militärseelsorge geltende „Gesetz über die Militärseelsorge“ erlassen.

Für den Neubeginn wurde das „Katholische Militärbischofsamt“ in Bonn als nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums der Verteidigung eingerichtet. Der alte Militärgeneralvikar Georg Werthmann übernahm erneut dieses Amt als rechte Hand von Wendel, war aber aufgrund seiner Wehrmachtszeit bei Teilen der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Dennoch war die katholische Militärseelsorge seit 1956/1957 wieder Teil der Armee. Nun galt es, Schritt für Schritt die Tätigkeit in den neuen Bundeswehr Standorten aufzubauen.

Dr. Maik Schmerbauch

Die katholische Militärseelsorge wurde mit der Gründung der Bundeswehr 1956 wieder ein Teil der westdeutschen Armee. Nun galt es, diese Schritt für Schritt in und nahe der neu oder wieder aufzubauenden ehemaligen Wehrmachts-Standorte und -Kasernen der neuen Bundeswehr einzurichten. Dieser Prozess des strukturellen Aufbaus der Militärseelsorge auf der kleinsten Ebene, also von der faktischen Organisation einer Infrastruktur vor Ort mit Büro, Telefon, Auto und Räumlichkeiten, dem Bau einer Kirche oder Kapelle zur Errichtung einer Militärpfarrgemeinde mit Gremien, verlangte von den ersten Militärseelsorgern, unter ihnen auch viele Ordensbrüder, viel Mühe. Das Militärbischofsamt musste das Gebiet zur effizienten Verwaltung in Dekanate strukturieren, und ein eigenes Verordnungsblatt wurde eingerichtet. Für den Aufbau wurde Militärgeneralvikar Martin Gritz der geeignete Organisator, der 1962 auf Georg Werthmann folgte.

Neue Bausteine zur traditionellen Militärseelsorge wurden der Lebenskundliche Unterricht sowie ein aktiveres Engagement der Laien in den neuen Militärpfarrgemeinden. Auch kam es bereits zu einer ökumenischen Zusammenarbeit, vor allem in den Bundeswehr-Standorten in der norddeutschen Diaspora. Ganz besonders bedeutungsvoll für die nächsten Jahrzehnte wurde die Teilnahme der Militärseelsorge 1958 an der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes sowie die jährliche Gesamtkonferenz des Militärbischofsamtes.

Ende der 1960er, also bereits zehn Jahre nach der Begründung der Bundeswehr, hatte die katholische Militärseelsorge gute Voraussetzungen zur Verstetigung ihrer Aufgaben für die kommenden Jahrzehnte geschaffen. Ohne die Unterstützung der Soldaten und Offiziere, von denen in den 1950ern und 1960ern noch über 80 Prozent ein tiefes religiöses Bekenntnis hatten, und die Akzeptanz der Militärseelsorge in der deutschen Regierung, die auch beträchtliche finanzielle Mittel bereitgestellt hatte, wäre dieser Aufbau nicht denkbar gewesen. Nun konnte die Militärseelsorge gut organisiert ihren Aufgaben nachgehen. Trotz dessen zeichnete sich für die kommenden Jahre in der westdeutschen Gesellschaft ein nie dagewesener Säkularisierungsprozess ab, der auch eine neue Herausforderung für die Kirche unter den Soldaten bedeutete. Auch wurde die katholische Militärseelsorge an einigen ausländischen Dienststellen der Bundeswehr tätig, ein vollkommen neues Aufgabengebiet. 

Dr. Maik Schmerbauch

Die katholische Militärseelsorge wurde in den 1960ern strukturiert und aufgebaut. Doch zeigten sich am jungen Armeesystem und auf kirchlicher Seite doch seit der Mitte der 1960er stärkere Veränderungen. Denn im Zuge der gesellschaftlichen Bewegungen in der BRD, die in den sogenannten 68ern gipfelten und viele konservative Werte und damit auch die Religion in Frage stellten, stieg die Zahl derjenigen, die den Dienst an der Waffe verweigerten und sich für den Zivildienst entschieden. Einher mit dieser Bewegung ging ein starker Säkularisierungsprozess der Jugend seit dem Anfang der 1970er: Religion wurde als konservativ, althergebrachter Zwang und als nicht mehr zeitgemäß empfunden, der Glaube an einen Gott geriet in den Hintergrund und war vielen nicht mehr wichtig.

Für die Militärseelsorge bedeutete das erkennbar weniger an zu betreuenden katholischen Soldaten in den Militärpfarrgemeinden, auch der Sinn von LKU und gottesdienstlichen Handlungen wurden zunehmend hinterfragt. Trotzdem hatte auch die Katholische Kirche einige Zeichen dieser Zeit erkannt, vor allem durch das II. Vatikanum. Die Soldaten als „Laien“, vom Offiziersgrad bis zu den Mannschaften, wurden nun aktiver beteiligt und tragende Säulen der Militärseelsorge. Viele ließen sich für die Arbeit in Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen aufstellen, was v. a. für den Ausbau der Infrastruktur nahe der Kasernen, z. B. von Kindergärten oder Jugendgruppen, und auch für ein aktives Gemeindeleben bedeutungsvoll wurde. Der „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ gründete die „aktion kaserne“, um einen besseren Kontakt zwischen Militärseelsorge und jungen Soldaten zu gewährleisten. Ebenso gründete sich die „Gemeinschaft Katholischer Soldaten“, das Elternwerk zur Unterstützung der Eltern und Kinder und die „Zentrale Versammlung“ als „oberstes Laiengremium“. Dazu wurden Grundlagen für den späteren Beruf der Pastoralreferenten in der Militärseelsorge gelegt und endlich auch Frauen die berufliche Mitarbeit in der Militärseelsorge ermöglicht.

Ebenso fasste die Bundeswehr seit Mitte der 1960er an ersten Auslandsdienststellen Fuß. So wurde z. B. ein Ausbildungskommando der Luftwaffe in Beja (Portugal) stationiert, wo Soldaten oft mit ihren Familien wohnten. Auch die Militärseelsorge richtete dort eine Dienststelle und Auslandspfarrei ein, die besonders für die Frauen und Kinder eine wichtige Basis zum gemeinsamen Miteinander wurde, um ihren Tagesablauf sinnvoll zu gestalten. Die 1970er wurden die Epoche der Grundlegung der Laienmitarbeit, ohne die eine Militärseelsorge auch angesichts sinkender Priesterzahlen vor Ort kaum noch denkbar war, und die zunehmende Präsenz der Bundeswehr im Ausland bedeutete für die Militärseelsorge ein neues Bestätigungsfeld in der Zeit des „Kalten Krieges“. Doch auch im nächsten Jahrzehnt, in den 1980ern, gab es gesellschaftliche Veränderungen, die für Bundeswehr und Militärseelsorge neue Herausforderungen bedeuteten.

Dr. Maik Schmerbauch

Konflikt, Entspannung, Perspektivlosigkeit?

Die 1980er Jahre begannen für die westdeutsche Gesellschaft unruhig: die Nachrüstungsdebatte um den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa, der Bruch der sozialliberalen Koalition unter SPD- Kanzler Helmut Schmidt 1982, die aufkommende Friedensbewegung, die zunehmende Arbeits- und Perspektivlosigkeit junger Menschen… All diese Ereignisse nahmen auch Einfluss auf Bundeswehr und Militärseelsorge. Für die Militärseelsorge stand dazu ebenfalls ein markanter Wechsel in der Führung an: Militärgeneralvikar Martin Gritz trat 1981 nach fast 20 Jahren im Dienst ab, ihm folgte der neue Militärgeneralvikar Ernst Niermann. Auch die Säkularisierung, die zunehmende Entchristlichung vieler junger Menschen von den Kirchen, wurde in den Militärpfarrgemeinden sichtbar, ging doch die Zahl der religiös gebundenen Soldaten in den Kasernen merkbar zurück, und damit vielerorts auch das früher so häufig praktizierte Engagement. Für die Ausübung der Militärseelsorge als kirchliche Aufgabe wichtig wurde die von Papst Johannes Paul II. 1986 erlassene Apostolische Konstitution „Spirituali Militum Curae“. Angesichts des durch die Säkularisierung verursachten Priestermangels konnten 1987 aufgrund von Vereinbarungen zwischen BMVg und Militärseelsorge erste Pastoralreferenten in den Militärpfarrgemeinden tätig werden. Diese wurden für die Aufrechterhaltung der Militärseelsorge an immer mehr vakanten Dienststellen fortan unverzichtbar, und leisten diesen wichtigen Dienst bis heute. Allgemein betrachtet befand sich die Militärseelsorge Ende der 1980er aber in einem doch eher tristen Zustand, Stimmen in der Politik stellten sogar deren Sinn in Frage. Dennoch nahmen die Militärseelsorger und Pastoralreferenten ihre Aufgaben für die Soldaten mit Engagement wahr. Doch zeichneten sich am Horizont bereits tiefgreifende politische Veränderungen im Ost-West-Verhältnis ab, die schließlich zur politischen Wende 1989 führte. Diese brachte auch für die Militärseelsorge ganz neue Aufgaben. Nicht zu vergessen sind aber auch die Soldaten der DDR. Denn die nur noch wenigen religiös gebundenen Soldaten, die in der Nationalen Volksarmee dienten, hatten auch in ihrer dreijährigen Dienstzeit durchaus ein Interesse an einer Seelsorge, vor allem da sie im Gegensatz zur Bundesswehr kaum Heimaturlaub hatten. Zur Militärseelsorge in der DDR, die es offiziell gar nicht geben durfte, berichtet die nächste Ausgabe.

Dr. Maik Schmerbauch

In der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR hatte Religion keinen Platz. Offizielle Militärseelsorge wie in der Bundeswehr war im streng atheistisch geprägten Staat undenkbar. Religiose Aktivitäten galten als potenzieller Loyalitätskonflikt gegenüber der sozialistischen Ordnung. Offene Glaubenspraxis konnte zur Überwachung durch die Staatssicherheit, zu Nachteilen im Dienst oder zur Zerstörung beruflicher Karrieren führen. Trotz dieser Restriktionen hielten viele christliche Soldaten an ihrem Glauben fest. Sie trafen sich heimlich zu Gebetskreisen, feierten inoffiziell Gottesdienste oder standen in Briefkontakt mit Pfarrern im Zivilleben. Manchmal besuchten Geistliche die Soldaten unter dem Vorwand privater Kontakte – die sogenannten Onkelbesuche. 

Einen Zivildienst wie im Westen gab es nicht, eine besondere Rolle spielten die Bausoldaten. Seit 1964 konnten junge Männer, die aus Glaubens- oder Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigerten, ihren Wehrdienst ohne Waffe leisten. Diese Einheiten waren im Ostblock einzigartig und entstanden maßgeblich auf Druck der Kirchen, nach zähen Verhandlungen mit dem Staat. Zwischen 1964 und 1989 leisteten etwa 15.000 Bausoldaten ihren Dienst. Viele Bausoldaten waren tief im kirchlichen Leben verwurzelt, während die Kirchen als wichtige Fürsprecher auftraten und die Rechte dieser Gruppe wiederholt verteidigten. In den Kasernen organisierten sie heimliche Andachten, lasen in der Bibel oder sangen Weihnachtslieder – nicht selten unter dem Risiko von Strafmaßnahmen. Der Dienst als Bausoldat war jedoch kein geschützter Raum. Oft wurden die jungen Männer als billige Arbeitskräfte in gefährlichen Betrieben eingesetzt. Politisch galten sie als Staatsfeinde light. Für die Staatssicherheit waren die Bausoldaten eine legale Konzentration feindlich-negativer Kräfte. Gleichwohl entwickelten sich in dieser Gemeinschaft Räume für Solidarität, Austausch und Glaubenszeugnis – eine Schule der Demokratie, wie Historiker später sagten. Viele von ihnen litten jedoch langfristig unter beruflichen Benachteiligungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung.

So gab es in der NVA keine Militärseelsorge im institutionellen Sinn. Und doch blieb Glaube präsent,  getragen von kleinen Netzwerken. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 erhielten die Soldaten in den ostdeutschen Standorten Zugang zur offiziell organisierten Militärseelsorge. Im nächsten Teil unserer Serie blicken wir darauf, wie die Militärseelsorge nach 1990 in den neuen Bundesländern neu aufgebaut wurde.

Theo Weisenburger

Neuanfang im Osten: Militärseelsorge nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung stand die katholische Militärseelsorge vor einer grundlegenden Aufgabe: dem Aufbau eigener Strukturen in den neuen Bundesländern, denn in der DDR hatte es keine Militärseelsorge gegeben.

Mit der Vereinigung übernahm die Bundeswehr die Kasernen und Teile des Personals der NVA. Die seelsorgliche Betreuung begann nahezu bei null. Prälat Heinrich Hecker, ein erfahrener Militärseelsorger, wurde zum Militärdekan Ost ernannt und erhielt 1990 den Auftrag, den Aufbau im Osten zu leiten.

Zwischen 1991 und 2002 entstanden unter seiner Leitung neue Militärpfarrämter an ehemaligen NVA-Standorten. Heckers Herausforderung war doppelt: Strukturen mussten geschaffen und zugleich Vertrauen aufgebaut werden. Viele Soldaten hatten keine religiöse Bildung; an manchen Standorten waren nur rund fünf Prozent getauft.

Hecker setzte auf Kooperation mit den Bistümern und Pfarrern vor Ort. Viele übernahmen die Seelsorge im Nebenamt, wodurch eine enge Verbindung zur regionalen Kirche entstand. Diese Praxis erleichterte die Akzeptanz, da die Seelsorger als Teil des örtlichen Lebens wahrgenommen wurden und nicht als Vertreter einer „Westkirche“.

Zugleich sicherte die enge Abstimmung mit den ostdeutschen Bischöfen die kirchliche Einbindung. Schrittweise entstand so ein Netz von Pfarrämtern, Pfarrhelfern und ehrenamtlichen Mitarbeitern, das den Grundstock einer dauerhaften Struktur bildete.

Die meisten Soldaten aus der DDR hatten nie eine kirchliche Bindung erfahren. Kirche und Glaube waren weitgehend unbekannt. Erst durch Begegnungen mit Militärpfarrern – etwa bei Gelöbnissen oder Kasernengottesdiensten – entstanden erste Berührungspunkte. Diese Erfahrungen prägten die Arbeit der Seelsorge nachhaltig.

Der Aufbau der Militärseelsorge wurde als Teil der „militärischen Vereinigung“ verstanden, also der Integration der Bundeswehr in den neuen Ländern. Die Seelsorge genoss bald hohe Wertschätzung, musste aber auch auf den religiösen Wandel in der Truppe reagieren musste – auf Entkonfessionalisierung und Pluralisierung.

Bis zu Heckers Ruhestand 2002 war die katholische Militärseelsorge im Osten fest etabliert. Sie wurde von Soldaten zunehmend als Teil militärischer Lebensbegleitung wahrgenommen. Damit war ein zentraler Abschnitt der deutschen Einheit abgeschlossen: der Aufbau einer kirchlichen Struktur, die seelsorglich wirkte und zugleich Brücken zwischen Ost und West schlug. Mit dieser Folge endet unsere Serie zur Geschichte der Katholischen Militärseelsorge nach dem Zweiten Weltkrieg.

Theo Weisenburger

Die Serie ist bereits in den Ausgaben 05-12/2025 des KOMPASS erschienen. Sie können alle Hefte im Ausgabenarchiv der Zeitschrift einsehen und herunterladen

Chronik der Katholischen Militärseelsorge in der Bundeswehr

Daten aus der Festschrift „Kirche unter Soldaten 1956 – 2006“, zusammengestellt und ergänzt von Markus Seemann

zur Chronik