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Kolumne des Wehrbeauftragten

In der Kolumne des Wehrbeauftragten greift der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags monatlich ein aktuelles Thema aus seinem Wirkungsbereich auf.

2010

Schwarzer Karfreitag

Am Karfreitag sitze ich mit einer Gruppe von jungen Künstlern in meinem Berliner Amtssitz in einer Gesprächsrunde zusammen. Die Schauspieler, Sänger und Theatermacher wollen mit mir über die Frage diskutieren, weshalb es so wenig Verbindungen gibt zwischen den Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr und den Kulturschaffenden in Deutschland.
Einige meiner Gäste haben bereits persönliche Erfahrungen gemacht. Im vergangenen Jahr  waren sie mit meiner Unterstützung nach Afghanistan gereist, um im deutschen Feldlager Mazar-e Sharif einen musikalischen Abend mit Szenen und Sketchen von Karl Valentin aufzuführen. Ungeachtet der Tatsache, dass es bei der Vorbereitung dieser Reise einige organisatorische Probleme gab, waren alle jungen Künstler tief beeindruckt von der positiven Resonanz ihres nicht gerade alltäglichen Vorhabens. Sie waren – wie sie mir berichteten – mit durchaus „gemischten Gefühlen“ und vielen Fragen im Gepäck nach Mazar-e Sharif gefahren. Keiner der Künstler hatte jemals zuvor hinter eine Kasernenmauer geblickt. Wie würden die Soldaten auf ihre Vorstellung reagieren? Würde es Vorbehalte und gar Ressentiments bei den Gastgebern oder den Gästen geben?

Auf meine Frage, welche persönliche Bilanz die Künstler heute mit einigem zeitlichen Abstand ziehen können, bekam ich ausschließlich positive – ja fast euphorische – Antworten: Eine Opernsängerin zeigte sich besonders beeindruckt von der Begeisterungsfähigkeit des „Publikums in Flecktarn“. Sie habe gespürt, wie gut es den Soldaten getan hätte, zumindest für einen Abend einmal von dem schweren und gefährlichen Dienstalltag ein wenig abschalten zu können. Eine Schauspielerin war voll des Lobes über die Reaktionen der Soldaten auf ihr Stück. Sie hatte sogar den Eindruck, die Soldaten seien viel intensiver bei der Sache gewesen als das übliche Theaterpublikum in der Heimat. Und dem Regisseur der jungen Theaterakteure ist durch diese Reise an den Hindukusch erst richtig klar geworden, „dass wir es nicht bei dieser einmaligen Vorstellung bewenden lassen dürfen“.

Und wenn man wirklich etwas ändern wolle, so der Regisseur weiter, an dem von Bundespräsident Horst Köhler formulierten „freundlichen Desinteresse“ unserer Gesellschaft gegenüber den Soldaten, dann dürfe es nicht bei diesem „Versuchsballon“ bleiben. Er schlug vor, den Theaterabend für die deutschen Soldaten in Afghanistan nicht nur zu wiederholen, sondern gleichzeitig zu überlegen, wie man auch andere Künstler motivieren könne, sich für die Soldaten zu engagieren. Das müsse auf eine verlässliche und kontinuierliche Basis gestellt werden. Und sofort gab es von allen Seiten konkrete Vorschläge, wie dieser Gedanke mit Leben gefüllt werden könnte.

Bevor ich selbst etwas sagen konnte, klingelte mein Handy. Ich unterbrach die Gesprächsrunde. Der Anrufer fragt mich, ob mich die schreckliche Nachricht aus Kunduz schon erreicht habe. Bei schweren, lang anhaltenden Gefechten seien drei deutsche Soldaten gefallen. Zudem gebe es weitere schwer verwundete Kameraden.

Meine Gäste waren wie erstarrt. Betretenes Schweigen. Diesen „schwarzen Karfreitag“ wird sicher niemand der Anwesenden jemals vergessen.

Reinhold Robbe

Verlorene Maßstäbe

Gemeinsam mit dem Katholischen Militärbischof Dr. Walter Mixa und weiteren zahlreichen Ehrengästen nahm ich Anfang März an der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Augsburg teil. Diese Veranstaltung stand unter dem Motto „Verlorene Maßstäbe“. Rabbiner Dr. Henry Brandt, Vorsitzender des Koordinierungsrates, eröffnete die Woche und bezog hierbei deutlich Position zu verschiedenen aktuellen Fragen. So bezeichnete er beispielsweise die Krisen in Wirtschaft und Finanzwelt als „Symptome einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Malaise“.

Verloren gegangene Maßstäbe waren auch eine der Ursachen für die menschenunwürdigen Rituale in den Reihen der Rekruten des Hochgebirgszuges der Gebirgsjäger in Mittenwald und anderer Standorte unserer Bundeswehr. Abseits der Öffentlichkeit haben sich anscheinend über Jahrzehnte hinweg inakzeptable Rituale entwickelt, die wohl außerhalb der Dienstzeit stattfanden und sich deshalb jeglicher Kontrolle durch Vorgesetze entzogen. Vor kurzem habe ich mir im Rahmen eines unangemeldeten Truppenbesuches in Mittenwald ein Bild von der Situation bei den Gebirgsjägern gemacht. Bei diesem Besuch ging es mir weniger um den aktuellen Stand der Untersuchungen, die von den zuständigen Truppendienststellen nun durchgeführt werden. Ich wollte mir vielmehr einen unmittelbaren Eindruck über die Stimmungslage verschaffen. Außerdem wollte ich den Soldaten natürlich auch Rede und Antwort stehen für ihre Fragen und kritischen Hinweise.

Und so war der Gesprächsbedarf bei den Soldaten in Mittenwald dann auch sehr groß. Viele berichteten mir von der gedrückten Stimmung in allen Kompanien. Die bundesweite Berichterstattung über die Vorgänge hätte sich teilweise verheerend auf die persönliche Situation einzelner Soldaten ausgewirkt. Gerade jene Kameraden, die in Mittenwald lebten, würden sich ungerechtfertigten Vorwürfen ausgesetzt sehen, was gar zu Schlafstörungen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt habe. Viele Soldaten fühlten sich ohne Schuld wie auf der „Anklagebank“ und hätten kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Mir gaben diese Aussagen sehr zu denken. Weil einige Soldaten jegliche Maßstäbe verloren hatten, müssten nun alle Kameradinnen und Kameraden des Standortes unter den Folgen leiden. Wenn sich in dieser Situation bei den betroffenen Soldaten Enttäuschung, Frustration und Ärger breit machen, ist dies aus meiner Sicht nur allzu verständlich. Umso wichtiger ist es, dem von einigen wenigen Medien beförderten Generalverdacht entgegenzuwirken.

Die Gebirgsjäger gehören zu den Eliteverbänden der Bundeswehr. Ihre Leistungen dürfen sich gerade auch im internationalen Vergleich sehen lassen. Für die Stärkung der Kameradschaft können durchaus auch traditionelle Rituale dienlich sein. Aber nur, wenn sie transparent und unbedenklich sind. Die Gebirgsjäger haben es verdient, dass alle Verantwortlichen jetzt mithelfen, entstandene Irritationen aufgrund voreiliger Schlussfolgerungen auszuräumen.

Reinhold Robbe

Kleine Themen mit großer Bedeutung

Einmal im Jahr blickt die gesamte sicherheitspolitische Fachwelt nach München. Das war auch in diesem Winter nicht anders, als sich am ersten Februar-Wochenende wieder Delegationen aus allen Teilen der Welt im Bayerischen Hof zur 46. Münchner Sicherheitskonferenz versammelten. Es ging dieses Mal im Schwerpunkt um die Zukunft der NATO, die weitere Entwicklung in Afghanistan, um Ressourcen-Sicherheit und Rüstungskontrolle. Viele Reden und Diskussionen, viel diplomatisch Abgewogenes und wenig Konkretes. Aber auch wenn es – wie in diesem Jahr – keine großen Schlagzeilen gab, ist das Interesse an der Veranstaltung ungebrochen. Es gibt kaum eine Konferenz, bei der man so viele führende internationale Persönlichkeiten aus Politik, Streitkräften und Wirtschaft trifft. Denn fernab der offiziellen Debatten vor laufenden Fernsehkameras nutzen die Teilnehmer gern die Chance, am Rande der Konferenz neue Kontakte zu knüpfen und bestehende Verbindungen zu vertiefen. Auch ich nutze diese wunderbare Möglichkeit der informellen Kontaktpflege – und das nicht nur mit Blick auf die weithin bekannten Konferenzteilnehmer. Inzwischen ist es nämlich eine gute Tradition, dass ich mich mit jenen Feldjägern der Bundeswehr treffe, die – ebenso wie Studenten der Bundeswehruniversität München – die Sicherheitskonferenz in hervorragender Weise unterstützen. Bei diesen Gesprächen geht es dann weniger um die „großen Themen der Weltpolitik“. Was die Soldatinnen und Soldaten der Militärpolizei bewegt, sind ganz andere Sorgen. Beispielsweise die Notwendigkeit, in den großen Bundeswehrstandorten Möglichkeiten für die Kinderbetreuung zu schaffen. Oder die Frage, weshalb die Ehepartner der Soldaten nicht an Kurmaßnahmen nach einem Auslandseinsatz teilnehmen können. Aber auch die persönliche Schutzausrüstung im Einsatz und die Qualität der sanitätsärztlichen Versorgung sowie die Chancen für die Zeitsoldaten, als Berufssoldat übernommen zu werden, sind Punkte von elementarer Bedeutung. Bei diesen Gesprächen mit den Feldjägern spiegelt sich in der Regel die ganze Palette der Themen wider, die für alle Soldaten von Bedeutung sind. Meine Gesprächspartner wissen sehr genau, dass sie mir nicht etwas grundsätzlich Neues berichten. Aber für mich ist jedes geschilderte Problem bedeutsam. Denn aus der Summe all dieser Darstellungen erhalte ich ein umfassendes Bild über den Zustand unserer Streitkräfte. Und dies wiederum versetzt mich in die Lage, dem Parlament und damit gleichzeitig auch der Öffentlichkeit einen realistischen Zustandsbericht über die „Stimmung in der Truppe“ zu geben. Insofern hat sich für mich die Sicherheitskonferenz wieder in mehrfacher Hinsicht gelohnt.

Reinhold Robbe

Offene Fragen

Zu den bedrückenden Seiten meines Amtes gehört ganz sicher die Tatsache, dass ich jährlich bislang etwa 15, 2009 sogar 24 „Besondere Vorkommnisse“ zur Prüfung vorgelegt bekam, die die Selbsttötung eines Soldaten zum Inhalt hatten. In jedem Einzelfall erfolgte bereits eine sorgfältige Untersuchung durch den zuständigen Staatsanwalt.

In den wenigsten Fällen gibt es Abschiedsbriefe. Meist jedoch waren es offenbar Beziehungsprobleme, die zum Suizid führten. In einigen Ausnahmefällen lassen sich auch dienstliche Bezüge zum Freitod nicht ausschließen. Unabhängig von der Frage der Beweisbarkeit von Behauptungen und Vermutungen - beispielsweise mit Blick auf Mobbing durch Vorgesetzte oder Kameraden - ist es für die hinterbliebenen Angehörigen nur schwer zu akzeptieren, wenn offene Fragen zurückbleiben, weil Sachverhalte letzten Endes nicht ganz geklärt werden konnten. In derartigen Fällen biete ich den Angehörigen meine Hilfe an, indem ich versuche, in erster Linie Trost zu spenden. Zudem bemühe ich mich aber auch darum, Antworten auf die Fragen zu finden, die von den Ehepartnern, Eltern oder anderen Verwandten des verstorbenen Soldaten an mich gerichtet werden.

Vor einiger Zeit erreichte mich wieder ein „Besonderes Vorkommnis“. Ein Oberfeldwebel war durch Selbstmord im Einsatz ums Leben gekommen. Auf meine Nachfrage hin, welchem Angehörigen ich kondolieren könne, stellte sich heraus, dass der Oberfeldwebel nicht – wie sonst üblich – ein Elternteil oder die Ehefrau als Kontaktperson gegenüber seiner Stammeinheit angegeben hatte, sondern den Kompaniefeldwebel. Zudem erfuhr ich von den Kameraden des Oberfeldwebels, die Bundeswehr sei seine „Familie“ gewesen. Auch in diesem Fall gab es keinen Abschiedsbrief, so dass man nur vermuten kann, welche Beweggründe es gegeben haben könnte, die diesen jungen Mann in die Katastrophe führten.

Am meisten jedoch gab mir der Hinweis zu denken, die Bundeswehr sei seine „Familie“ gewesen. Wie einsam muss ein Mensch sein, der so etwas sagt? Wie verlassen muss sich der Soldat vorgekommen sein, als er den Entschluss fasste, freiwillig aus dem Leben zu scheiden? Welche unbeschreiblichen Enttäuschungen hat dieser junge Mensch durchleben und durchleiden müssen, bevor er keinen anderen Ausweg mehr wusste als den Tod?

Viele Fragen, auf die ich keine Antworten gefunden habe. Dieses traurige Beispiel hat mir einmal mehr vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die „Mühseligen und Beladenen“ in unserem engeren Lebensumfeld rechtzeitig zu erkennen und niemals unbeachtet und allein zu lassen.

 

Reinhold Robbe

Die Soldaten nicht vergessen

In den letzten Wochen haben sich im Bereich der deutschen Verteidigungspolitik und der Bundeswehr dramatische Dinge ereignet. Den Höhepunkt dieser Ereignisse bilden sicher der Rücktritt des ehemaligen Verteidigungsministers und die Abgänge des Generalinspekteurs sowie des Staatssekretärs. Und die Debatte um die militärische Operation am 4. September in Kunduz, bei der Taliban-Kämpfer und offensichtlich auch Zivilisten getötet wurden, geht weiter. Zwischenzeitlich befasst sich ein Untersuchungsausschuss mit den Vorgängen. Die Medien begleiten die zum Teil sehr emotional geführte öffentliche Diskussion entsprechend.All diese Auseinandersetzungen im politischen Berlin sind nicht spurlos an unseren Soldatinnen und Soldaten vorübergegangen. Aus vielen Gesprächen mit den Kameraden in den Heimatstandorten und im Einsatz weiß ich, wie geschockt die Soldaten von den Ereignissen sind. Ich mache in diesem Zusammenhang auch keinen Hehl aus meiner persönlichen Enttäuschung über manch polemische Übertreibung im politischen Raum. Jeder, der sich zu dem „Kunduz-Thema“ äußert, muss wissen, dass unsere Soldatinnen und Soldaten diese Diskussion mit größter Aufmerksamkeit verfolgen. Und jeder sollte wissen, dass die Truppe – aus meiner Sicht zu Recht – von allen politisch Verantwortlichen, von Regierung, Bundestag und Bundeswehrführung erwartet, dass insbesondere den in Afghanistan eingesetzten und hoch belasteten Kameraden in diesen schweren Zeiten der Rücken gestärkt wird.Leider ist in unserem Land nicht jedem Mitbürger immer bewusst, dass sich unsere Soldaten nicht freiwillig in den Auslandseinsätzen befinden. Der Deutsche Bundestag hat sie, mit einem Mandat versehen, dorthin entsandt. Die Soldatinnen und Soldaten stehen dort für deutsche Interessen ein. Daraus leitet sich auch die besondere Verantwortung des Parlaments für unsere Soldaten ab.Selbstverständlich können die meisten Soldaten sehr gut nachvollziehen, dass, wenn zentrale offene Fragen im Raum stehen, diese auch in einem Untersuchungsausschuss zu klären sind. Das ist in einer parlamentarischen Demokratie wie der unseren eine Selbstverständlichkeit. Das Vertrauen der Soldaten in die politische Führung unseres Landes ist aber ein hohes Gut und darf auf gar keinen Fall Schaden nehmen.Vor allem deshalb wäre es gut, wenn bei allem Verständnis für Zuspitzungen und scharfe Formulierungen zu keiner Zeit diejenigen aus dem Blickwinkel geraten, die gerade – viele Tausend Kilometer von der Heimat entfernt – in Afghanistan ihre Gesundheit und ihr Leben für deutsche Interessen einsetzen – während wir hier in der „warmen Stube“ über tatsächliche und vermeintliche politische Fehler diskutieren. Wir alle in Politik und Gesellschaft sind dies den Soldaten schuldig.

Reinhold Robbe



2009

Trauerarbeit

Der Volkstrauertag ist für mich ein Gedenktag mit einer ganz besonderen Bedeutung. Einerseits wegen der verschiedenen zentralen offiziellen Gedenkfeiern in Berlin, an denen ich in meiner Funktion teilnehme. Zum andern verbinde ich mit diesem Trauertag ganz persönliche Empfindungen. Am Volkstrauertag gedenken wir landesweit der Millionen und Abermillionen von Opfern beider Weltkriege und der Nazi-Gewaltherrschaft. Anders als in anderen Staaten bekommt dieser Gedenktag in unserem Land aber auch dadurch eine besondere Bedeutung, weil wir in der Verantwortung für diese Kriege und die Hitler-Diktatur stehen. Nicht zuletzt deshalb verbinde ich persönlich mit dem Volkstrauertag seit meiner Kindheit sehr intensive, auch zwiespältige Gefühle. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie ich bereits als Kind diesen Volkstrauertag erlebte. Es gehörte für mich nämlich zu einem festen Ritual, nach dem Gottesdienst an der Hand meines Vaters direkt zum „Kriegerdenkmal“ zu gehen. An diesem Denkmal waren die Tafeln mit den Namen der gefallenen Soldaten aus meiner kleinen Heimatgemeinde im ostfriesischen Bunde eingelassen. Ich stand dann ebenso neugierig wie beeindruckt in einer recht großen Schar von Einwohnern, um den Worten des Pastors zu lauschen, die ich jedoch mit meinen jungen Jahren noch nicht einzuordnen wusste. Ein Posaunenchor rundete die Feier am Denkmal damals ab. Erst viele Jahre später habe ich dann richtig begreifen können, wie wichtig meinem Vater diese jährlich wiederkehrende Gedenkfeier war. Er wurde selber schwer verwundet im letzten Krieg und hatte bis zu seinem Tod vor einigen Jahren körperlich und seelisch unter den schrecklichen Erlebnissen dieses Krieges zu leiden. Heute nennen wir diese seelischen Verwundungen Posttraumatische Belastungsstörungen. Zudem hatte mein Vater zwei Brüder verloren, die in Rumänien und Holland fielen und dort vermisst sind. Deshalb waren der Volkstrauertag und das alljährlich wiederkehrende Ritual am Denkmal für meinen Vater ein Stück Trauerarbeit. Eine Trauerarbeit, die ohne Gräber und reales Abschiednehmen von den geliebten Angehörigen zu bewältigen war. An dieses Kriegerdenkmal in meiner Heimatgemeinde fühlte ich mich erinnert, als ich am vergangenen Volkstrauertag am Ehrenmal für unsere Soldaten der Bundeswehr stand. Der neue Verteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg hielt die Gedenkrede. „Unsere Toten“, so der Minister, „sind nicht anonym. Sie sind Söhne, Töchter, Ehepartner, Lebensgefährten, Väter und Freunde. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein persönliches Schicksal, ein Leben, eine Familie.“ Der Minister hätte auch meinem Vater aus dem Herzen gesprochen.

Reinhold Robbe

Verändert

Es vergeht kaum ein Tag ohne Meldungen über stundenlange Gefechte unserer Soldatinnen und Soldaten im Großraum Kunduz. Seit einigen Monaten hat sich die Sicherheitslage in dieser Region zusehends verschärft. Ständig werden Bundeswehr-Konvois von den Aufständischen angegriffen und in schwere Kämpfe verwickelt. Bereits bei meinem letzten Truppenbesuch in Afghanistan im Juni dieses Jahres waren die Soldaten im Feldlager Kunduz von den regelmäßigen heftigen Kämpfen gezeichnet. Wenn es bis vor etwa einem halben Jahr noch so war, dass es vereinzelte Angriffe oder Anschläge gab, so weiß heute jeder Soldat, der für den Einsatz in Kunduz vorgesehen ist, dass er fest mit Kampfhandlungen rechnen muss. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die gesamte Situation im Verantwortungsbereich der Bundeswehr. Die ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen haben nach meiner Wahrnehmung auch die Soldaten verändert. Die schweren Gefechte und die damit verbundene ständige Anspannung wirken sich auf die größtenteils noch sehr jungen Soldaten sowohl in körperlicher als auch in seelischer Hinsicht zunehmend belastend aus. Erst kürzlich wurde mir das wieder ganz besonders bewusst. Ich besuchte in einem Bundeswehr-Krankenhaus einen Soldaten, der in Afghanistan in einem Feuergefecht schwer verwundet worden war. Gott sei Dank hatten die Erstversorgung durch die tüchtigen Sanitäter und die anschließende Rettungskette sehr gut funktioniert. So konnte der Hauptgefreite bereits nach kurzer Zeit mit einem MedEvac-Airbus in die Heimat geflogen werden. Hier wurden seine Knochenbrüche, Brand- und Splitterverletzungen von den Fachärzten der Bundeswehr weiter behandelt. Neben diesen äußeren Verwundungen war der Soldat aber auch sichtlich gezeichnet von den seelischen Eindrücken, die das Gefecht hinterlassen hatte. Im Gegensatz zu manch anderem betroffenen Kameraden konnte er über seine seelischen Belastungen ganz offen sprechen und wurde deshalb auch umfassend psychologisch betreut. Obwohl der Soldat wusste, dass er für seinen langen Gesundungsprozess sehr viel Geduld aufbringen muss, befasste er sich bereits mit der Frage, wie es nach seiner Genesung mit ihm beruflich weitergehen könnte. Mit ähnlichen Überlegungen hatte sich auch der Stabsgefreite Patric Sauer getragen, als er vor einem Jahr bei einem Anschlag in Afghanistan schwer verwundet worden war. Auch ihn besuchte ich kurze Zeit nach seinem Rücktransport ins Bundeswehr-Zentralkrankenhaus. Wenngleich die Verwundungen von Patric Sauer sehr schwer waren, hatte ich – ebenso wie seine Angehörigen und Kameraden – die große Hoffnung, dass er alles überstehen würde. Anfang Oktober verstarb Patric Sauer. Der Stabsgefreite hatte seinen langen und mit unglaublicher Geduld geführten Kampf verloren. Mit seiner Familie trauern die Menschen seiner Heimatstadt Fulda und seine Kameraden. Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller brachte seine persönliche Betroffenheit auf der Trauerfeier zum Ausdruck: „Der Krieg ist jetzt auch bei uns angekommen.“

Reinhold Robbe

Heldinnen

Mein letzter Truppenbesuch in den Vereinigten Staaten führte mich zu den deutschen Soldatinnen und Soldaten nach Fort Bliss und Holloman. Zuvor hatte ich schon das Führungskommando in Washington besucht und war in der amerikanischen Hauptstadt auch mit der Leitung des großen Militär-Krankenhauses „Walter Reed Army Medical Center“ zusammengetroffen. Hier wollte ich mich über aktuelle Behandlungs- und Forschungsergebnisse sowie Möglichkeiten der deutsch-amerikanischen Kooperation im Zusammenhang mit Posttraumatischen Belastungsstörungen informieren lassen. Den für mich sehr konstruktiven Gesprächen mit den Spezialisten folgte ein Rundgang durch die Rehabilitationsabteilung der Klinik. In den Behandlungsräumen und auf den Fluren begegnete ich vielen schwer verwundeten Soldaten in Rollstühlen. Vielen fehlten Gliedmaßen, fast alle waren sichtlich gezeichnet von dem, was sie im Irak- oder Afghanistan-Einsatz erlebt hatten. In einem Aufenthaltsraum fiel mir eine freundliche ältere Dame im Arztkittel auf, die sich um die dort wartenden verwundeten Soldaten kümmerte. Sie begrüßte jeden, drückte liebevoll die Hände, fragte nach dem Befinden und ob sie irgendwas tun könne. Ich erkundigte mich beim Klinikleiter nach dem Hintergrund dieser alten Dame. „Ach“, sagte er, „das ist unsere Liesa, die gute Seele des Hauses!“ Nein, Liesa sei weder Ärztin noch Krankenschwester. Sie sei bereits über achtzig und seit vielen Jahren ehrenamtlich tätig, wurde mir berichtet. Liesa habe für jeden Soldaten ein aufmunterndes Wort und kümmere sich in geradezu rührender Weise um die Verwundeten. Für die Soldaten sei sie so etwas wie eine treusorgende Mutter. Liesa sei eine wahre Heldin, sagte der Klinikchef. Szenenwechsel Einweihungsfeier des Ehrenmals der Bundeswehr Anfang September. Viele Gäste waren gekommen. Der Bundespräsident und der Vater eines gefallenen Bundeswehrangehörigen sprachen den Zuhörern und insbesondere den Hinterbliebenen von gefallenen und verunglückten Soldaten aus dem Herzen. Anschließend lud Verteidigungsminister Franz Josef Jung zum Empfang. Bereits im Eingangsbereich des Saales traf ich auf Ina Schlotterhose und Marlies Böken. Die beiden Frauen hatte ich vor einiger Zeit bei einem Treffen von Hinterbliebenen in meinem Amt kennengelernt. Ina Schlotterhose verlor ihren Ehemann bei einem Anschlag in Afghanistan und hat gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von getöteten Soldaten gegründet. Voller Stolz berichtete sie mir von ihrem gerade fertig gestellten Internet-Auftritt www.du-bist-nicht-allein.net. Marlies Böken sitzt im Rollstuhl und erholt sich derzeit von einem schweren Verkehrsunfall. Sie ist die Mutter von Jenny Böken, die vor einem Jahr auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ tödlich verunglückte. Auch für Marlies Böken war dieser furchtbare Verlust ein Anlass, sich um andere zu kümmern. Sie gründete die „Jenny-Böken-Stiftung“ www.jenny-boeken-stiftung.de) und stellte hierfür die ausgezahlte Lebensversicherung als Grundstock zur Verfügung. Die drei Frauen, von denen ich hier berichte, sind bewundernswerte Menschen – und es sind drei bemerkenswerte Beispiele für praktizierte Nächstenliebe.

Reinhold Robbe

Warum Soldaten?

Vor einigen Wochen wurde ich von Offizieranwärtern angesprochen, die derzeit an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg studieren. Es war eine Gruppe von Studenten, die sich in ihrer Freizeit und trotz der hohen Anforderungen des Studiums mit der Frage auseinandersetzen, wie das in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreitete "freundliche Desinteresse" an den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr abgebaut werden könnte. Diese studierenden Offizieranwärter baten mich, für ein von ihnen entwickeltes Projekt die Schirmherrschaft zu übernehmen. Ihr Vorhaben ist aus meiner Sicht ebenso einfach wie genial und besteht aus zwei Teilen. Zum einen sollen 1.000 Soldaten fotografiert werden. Dabei werden nur das Gesicht und ansatzweise die Dienstgradabzeichen der Uniform zu sehen sein. Diese Porträtfotos sollen im Rahmen einer Ausstellung in einem geeigneten Raum aufgereiht werden. Auf der gegenüberliegenden Seite sollen Statements von 1.000 zivilen Bürgerinnen und Bürgern abgebildet werden. Diese wurden zuvor aufgefordert, ihre Meinung zu der Frage "Warum Soldaten?" aufzuschreiben. Die Teilnehmer der Projektgruppe legen Wert auf die Feststellung, dass bei der Auswahl der verschiedenen Meinungen keine Zensur stattfindet. Die zu Papier gebrachten Äußerungen sollen authentisch sein: Ablehnung oder Zustimmung. Offene und ungeschminkte Meinungen, die das ganze Spektrum der unterschiedlichen Auffassungen in unserem Land abbilden. Nur zotige oder extreme Aussprüche, die "unter die Gürtellinie gehen", sollen von vornherein "ausgesiebt" werden. Als mir die Studenten ihre Idee in allen Details vorgestellt hatten, war ich sehr angetan. Ich sagte sofort meine Unterstützung für das Projekt zu, weil es nach meiner festen Überzeugung hervorragend geeignet ist, auf originelle Art und Weise das zu befördern, was sich viele Soldaten unserer Bundeswehr wünschen: Auseinandersetzung! Mehr Anteilnahme und menschliche Zuwendung; mehr Verständnis für den oft sehr schweren und gefährlichen Dienst in der Parlaments- und Einsatzarmee Bundeswehr. Was die kreativen Offizieranwärter entwickelten, ist deshalb so stark, weil sie der Bundeswehr im wahrsten Sinne des Wortes „ein Gesicht geben“. Ein Projekt, das in seiner unmittelbaren Aussagekraft ein Vorbild sein kann für die zeitgemäße Vermittlung eines Bürgerideals und somit interessant sein könnte für die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände ebenso wie für Sozial- und Sportverbände oder für unsere großen Volkskirchen. Vorstellen könnte ich mir beispielsweise, dass unsere Kirchenleitungen in ökumenischer Eintracht einen Sonntag im Jahr identifizieren, an dem in allen Gottesdiensten in unserem Land ein einheitliches Gebet, verbunden mit einem gemeinsamen Segenswunsch für die im Einsatz befindlichen Soldaten gesprochen wird. Im Anschluss daran könnten die Gemeinden Soldaten und deren Angehörige zum Gespräch bei Kaffee und Kuchen einladen. Wäre das nicht ein wunderbarer Versuch, Antworten zu finden auf die Frage "Warum Soldaten"?

Reinhold Robbe

Menschliche Zuwendung

Meine letzte Inspektionsreise nach Afghanistan führte mich in alle Stützpunkte unserer Bundeswehr im Norden des Landes. Mit unglaublich vielen bewegenden und zum Teil emotional berührenden Eindrücken bin ich dieses Mal zurückgekehrt.

Seit einigen Monaten hat sich die Sicherheitslage zugespitzt. Nun sind auch unsere Soldaten im Norden stundenlangen Gefechten ausgesetzt. Ich konnte es den ernsten Gesichtern der zum Teil noch sehr jungen Männer ansehen, was sie in jüngster Zeit durchgemacht haben. Sie berichteten mir von gefährlichen Situationen, von schwer verwundeten Kameraden und von der Unbarmherzigkeit der Terroristen.

Bei diesen Schilderungen wurde mir einmal mehr vor Augen geführt, was es für unsere Soldaten bedeutet, der gnadenlosen Gewalt des terroristischen Gegners ausgesetzt zu sein. Ein Gegner, der keine Regeln kennt und vor nichts zurückschreckt. Ein Gegner, der nicht einmal die Genfer Konvention respektiert und offensichtlich ganz bewusst gerade jene Fahrzeuge ins Visier nimmt, die das ‚Rote Kreuz’ tragen.

Vor diesem Hintergrund kann ich verstehen, dass den Soldaten kein anderes Wort als „Krieg“ einfällt, wenn sie mir das in langen Feuergefechten Erlebte schildern. Und ebenso gut kann ich es verstehen, wenn die Soldaten mich bitten, alles dafür zu tun, dass die Truppe endlich mehr „moralische Unterstützung“ von unserer Gesellschaft bekommt. Damit meinen die Soldatinnen und Soldaten im Grunde mehr menschliche Zuwendung, mehr Solidarität – wir Christen sprechen auch von Nächstenliebe –, die sie bei ihren Mitbürgern in der fernen Heimat vermissen.

Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, macht sich ganz besonders dann breit, wenn Kameraden schwer verwundet werden, wie es leider auch während meines Besuchs in Kunduz wieder geschah. Ich saß gerade erst fünf Minuten im Büro des Kommandeurs, als eine Patrouille dem Oberst meldete, von Taliban-Kämpfern angegriffen worden zu sein. Die Bilanz am Ende des Tages: zwei Verwundete, einer davon schwer, in den eigenen Reihen und vermutlich mehrere Tote und Verwundete auf der Seite der Aufständischen.

Abends sitze ich mit unseren Soldatinnen und Soldaten im Gottesdienst. Nicht wenige suchen Trost im Wort Gottes. Der Pfarrer findet die richtigen Worte. Ich zucke ein wenig zusammen, als ich das Geräusch von Feuerstößen aus Maschinengewehren in der Ferne vernehme. Ein Soldat neben mir sieht mein fragendes Gesicht und flüstert mir zu: „Nichts Schlimmes, unsere Leute üben nur!“

Reinhold Robbe

Armee im Einsatz

In meinen zahlreichen Reden und Vorträgen innerhalb und außerhalb der Streitkräfte verweise ich regelmäßig auf die Tatsache, dass sich unsere Bundeswehr seit dem Mauerfall von einer Armee der klassischen Landesverteidigung zu einer Armee im Einsatz gewandelt hat. Außenstehende nehmen diese Tatsache meistens mit Interesse zur Kenntnis – oftmals aber ohne die gesamte Tragweite dieser Aussage richtig bewerten zu können. Was der Begriff „Einsatzarmee“ jedoch für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr wirklich bedeutet, erfahre ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder „hautnah“. Begrifflichkeiten wie „Verwundung“, „posttraumatische Belastungsstörungen“ oder „gefallene Kameraden“ kamen in der Nachkriegs-Bundeswehr so gut wie gar nicht oder nur in den Lehrbüchern vor. Heute hingegen sind diese Dinge für jede Soldatin und jeden Soldaten allgegenwärtig, sie gehören in der Einsatzarmee Bundeswehr zum „soldatischen Alltag“. Bevor ein Soldat in den Einsatz geht, empfiehlt ihm sein Dienstherr, für den „schlimmsten Fall“ vorzusorgen, indem er ein Testament hinterlegt. Spätestens hier wird dem Soldaten vor Augen geführt, was „Einsatzarmee“ in der Realität in letzter Konsequenz bedeuten kann. Trotzdem hoffen selbstverständlich alle Soldaten, stets gesund und wohlbehalten aus den Einsätzen zurückzukehren. Auch Sergej M. hatte diese Hoffnung als er die Nachricht erhielt, für vier Monate im afghanischen Kunduz eingesetzt zu werden. Wenige Monate später stehe ich in der Sankt-Johannes-Baptist-Kirche in Bad Saulgau an seinem Sarg. Der junge Soldat befand sich gemeinsam mit anderen Kameraden in einem Transportpanzer auf Patrouille, als die Fahrzeugkolonne von Aufständischen angegriffen wurde. Ein Geschoss durchschlug den Panzer und tötete Sergej M. Der Abschied von gefallenen Kameraden bedeutet für mich stets eine große persönliche Belastung. Auch bei dieser Trauerfeier spüre ich wieder ein Gefühl der Leere und der Hilflosigkeit in mir. Die von totaler Erschöpfung gezeichnete, trauernde Mutter des Gefallenen, die nicht minder verzweifelten anderen Familienangehörigen und die Tränen in den Gesichtern der anwesenden Kameraden von Sergej M. lösen auch bei mir Fragen aus, auf die ich keine Antworten weiß. Szenenwechsel: Wenige Tage später mache ich einen unangemeldeten Truppenbesuch bei einem Familienbetreuungszentrum in einer Kaserne im Osten Deutschlands. Rund 300 Familienangehörige und Freunde sind gekommen, um sich aus erster Hand informieren zu lassen über die Situation der in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten. Die Verantwortlichen haben sich sehr viel Mühe gegeben. Stellvertretend für den Kommandeur, der sich zurzeit selbst im Einsatz befindet, berichtet ein Reserveoffizier über die aktuelle Lage. Die Truppenpsychologin bereitet die Angehörigen auf die Rückkehr der noch im Einsatz befindlichen Söhne, Töchter, Ehemänner und Lebensgefährten vor. Auch der Standortpfarrer ist anwesend und steht mit Rat und Tat zur Verfügung. Höhepunkt des Familientreffens ist eine Videokonferenz mit den verschiedenen Feldlagern in Afghanistan. Für wenige Minuten können die Angehörigen mit den Soldaten sprechen. Nach dem offiziellen Teil nutze ich die Möglichkeit zum Gespräch mit den Familien. Die Angehörigen zeigen sich sehr dankbar für die Einladung zu diesem großen Treffen des Familienbetreuungszentrums. Sie berichten mir, wie intensiv die telefonischen und schriftlichen Verbindungen mit ihren Söhnen, Töchtern, Männern und Freunden im Einsatz sind. Es sind vor allem die Mütter, die mir sehr offen und emotional bewegt von ihren Sorgen um die Töchter und Söhne erzählen. Eine Mutter drückt meine Hand und bittet mich sehr eindringlich, meine ganze Kraft dafür einzusetzen, dass für die größtmögliche Sicherheit ihres Sohnes alles getan wird.

Reinhold Robbe

Vertrauen schaffen

Die Vertrauenspersonen sind ein fester Bestandteil des Prinzips der Inneren Führung und heute aus der Truppe nicht mehr wegzudenken. Sie sind Mittler zwischen dem Disziplinarvorgesetzten und den Soldaten ihrer Wählergruppe, deren Interessen sie vertreten. Sie kümmern sich, wenn irgendwas nicht so „rund“ läuft, wie es eigentlich sein müsste. Sie werden beteiligt, wenn es beispielsweise um Disziplinarmaßnahmen, Personalangelegenheiten, Fragen der Soldatenbetreuung bzw. Fürsorge oder des täglichen Dienstbetriebes geht. Und vor allem kennen sie ihre jeweiligen Bereiche und wissen, was ihre Kameradinnen und Kameraden bewegt. Damit dienen sie in ihrer Brückenfunktion letztlich auch den Interessen der jeweiligen Disziplinarvorgesetzten. Zumal diese für die Vertrauenspersonen als erste Ansprechpartner zuständig sind. Auch für mich als Wehrbeauftragten sind die Vertrauenspersonen wichtige Gesprächspartner bei all meinen Truppenbesuchen. Es sind in der Regel „gestandene“ Persönlichkeiten, selbst wenn sie – wie beispielsweise die „VPs“ der Mannschaftsdienstgrade – manchmal noch sehr jung sind. Gewählt werden die Vertrauenspersonen von ihren Kameradinnen und Kameraden auf den Ebenen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften – und zwar sowohl in der Heimat wie auch in den Auslandseinsätzen. Gerade weil die Vertrauenspersonen ganz wesentlich zur Lösung von bestehenden und zur Vermeidung von künftigen Konflikten beitragen können, spielen sie eine herausragende Rolle im Truppenalltag. Die Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr wissen das natürlich. Am allerbesten diejenigen, die schon einmal persönlich davon profitieren konnten, dass die Vertrauenspersonen eine so starke Stellung in den Streitkräften haben. Umso unverständlicher ist es aus meiner Sicht, dass nun schon seit längerem über die Rechte der Vertrauenspersonen in besonderen Auslandsverwendungen diskutiert wird. Ohne einen für mich nachvollziehbaren Grund wurde den in Auslandseinsätzen tätigen „VPs“ von den zuständigen Stellen des Ministeriums das Recht abgesprochen, in den jeweiligen Feldlagern Versammlungen aller Vertrauenspersonen durchzuführen. Nach meiner Erkenntnis gab es im Vorfeld weder eine nennenswerte Konfliktsituation noch irgendwelche „Reibungspunkte“, die es womöglich erfordert hätten, die Versammlungen für alle „VPs“ im Einsatz zu untersagen. Aus meiner Sicht weiß gerade auch jeder Kommandeur, was er an „seinen“ Vertrauenspersonen hat – und dass es nur von Vorteil sein kann, wenn diese zu einer guten Kommunikation im Feldlager, zur verantwortungsvollen Zusammenarbeit zwischen Vorgesetzten und Untergebenen aber auch zur Festigung des kameradschaftlichen Vertrauens beitragen. Auf meine Frage, weshalb die „VP“-Versammlungen im Einsatz nicht mehr stattfinden dürfen, habe ich bis heute keine überzeugende Antwort erhalten. Der Gesamt-Vertrauenspersonenausschuss (GVPA) beim BMVg, in dem Soldatinnen und Soldaten aller Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche sowie aller Laufbahn- und Statusgruppen vertreten sind, befürwortet die Wiedereinführung der Vertrauenspersonenversammlungen in den Auslandseinsätzen. Und gerade der GVPA weiß die Notwendigkeiten im Einsatz realistisch einzuschätzen. Meiner Auffassung nach muss für das Problem jetzt schnell eine Lösung gefunden werden. Ein Hinauszögern schadet dem vertrauensvollen Zusammenwirken.

Reinhold Robbe

Wie modern ist unsere Bundeswehr?

In diesem Jahr übergab ich dem Deutschen Bundestag und damit auch der deutschen Öffentlichkeit den vierten Tätigkeitsbericht seit meiner Vereidigung zum Wehrbeauftragten. Es ist gleichzeitig der 50. Jahresbericht seit der Schaffung des Amtes - und das ganze 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Angesichts dieser vielen besonderen Jubiläen liegt die Frage auf der Hand, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. Mindestens ebenso spannend aber ist auch die Frage danach, was sich nicht oder eben kaum verändert hat. Nun, wer die Berichte des ersten Wehrbeauftragten Helmuth von Grolman mit dem jetzt vorliegenden 50. Bericht vergleicht, kann viele Punkte erkennen, die sich fundamental verändert haben. Wie könnte es anders auch sein? Die Bundeswehr der Nachkriegszeit hat sich inzwischen zu einer modernen Einsatzarmee gewandelt. Aber erfüllt unsere Bundeswehr denn auch tatsächlich den Anspruch einer "modernen" Armee? Ist sie heute wirklich in jeder Hinsicht vergleichbar mit den modernen Rahmenbedingungen, über die viele unserer Verbündeten verfügen? Wie sieht es aus mit Ausstattung, Unterbringung, Ausbildung und Bezahlung? Ist die Betreuung durch den Dienstherrn tatsächlich als "modern" zu bezeichnen? Und wie verhält es sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Dienst - was ist daran wirklich "modern"? Das sind eine ganze Reihe von zentralen Fragen, die mich heute bewegen, und sicher nicht nur mich, sondern auch unsere Soldatinnen und Soldaten. Und dann gibt es noch eine Frage, die alle anderen Fragen wie eine Klammer umschließt. Es handelt es sich um die gesellschaftliche Anerkennung dessen, was die Bundeswehr heute in allen Teilen der Welt leistet. Die Würdigung jener Leistungen, die von den Soldatinnen und Soldaten unter Einsatz ihrer Gesundheit und auch ihres Lebens unter oftmals schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen erbracht werden. Manche sagen, unserer Gesellschaft seien die Soldatinnen und Soldaten vollkommen egal. Dieser Behauptung stimme ich nicht zu. Ich stelle immer wieder fest, dass es sehr wohl ein großes Interesse der Bevölkerung am "Innenleben" der Bundeswehr gibt. Dieses Interesse wurde beispielsweise sichtbar, als die ARD zur besten Sendezeit einen sehr emotionalen Spielfilm über einen an posttraumatischen Belastungsstörungen leidenden Soldaten zeigte. Die Reaktionen sprachen für sich: sehr viel innere Anteilnahme, sehr viel Betroffenheit und ehrliches Interesse. Dieses Beispiel macht aber auch deutlich, dass Interesse am Dienst der Soldatinnen und Soldaten nur dann entstehen kann, wenn unsere Gesellschaft die Gelegenheit bekommt, hinter die Kasernenmauern zu blicken. Je mehr Transparenz gegeben ist, desto größer ist die Chance, "freundliches Desinteresse" in aufrichtig gemeintes Interesse umzuwandeln.

Reinhold Robbe

Sorge um die Seele

Wenn ich im Auslandseinsatz oder auch in den Heimatstandorten mit unseren Soldatinnen und Soldaten spreche, wird oft beklagt, dass sich die Medien, insbesondere das Fernsehen, viel zu selten für das interessieren, was die Bundeswehr heute in allen Teilen der Welt und in deutschem Namen leistet.

Nicht selten werden Reportagen oder Berichte auf späten Sendeplätzen, häufig auch erst nach Mitternacht, ausgestrahlt. Dann also, wenn die meisten Menschen den Fernseher längst ausgeschaltet haben und schlafen. Anfang Februar brachte die ARD mit dem Spielfilm "Willkommen zu Hause" dann aber ein Thema zur Primetime, das bis dahin nur wenig gesellschaftliche Beachtung gefunden hatte.

Gezeigt wurde die Geschichte eines Bundeswehrsoldaten, der nach einem überlebten Terroranschlag in Afghanistan, bei dem sein Kamerad gefallen war, in die beschauliche Heimat zurückkehrt. Der Zuschauer sah den Protagonisten die einzelnen Stationen einer psychischen Erkrankung, der "Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)" durchleben. Zwar stark komprimiert, aber das muss im Rahmen eines massenwirksamen Spielfilms gestattet sein.

Aus meiner Sicht hat dieser Film etwas geschafft, was bis dahin kaum gelungen war - nämlich Betroffenheit in unserem Lande zu erzeugen. Und damit gleichzeitig Verständnis für die besonderen Belastungen, mit denen es die Soldatinnen und Soldaten in den Einsätzen zu tun haben.

Der Bundestag hat reagiert

In dieser Einschätzung wurde ich auch durch ein Gespräch mit zwei Soldaten noch einmal bestätigt: Hauptfeldwebel Frank Eggen und Oberfeldarzt Dr. med. Peter Zimmermann. Diesen beiden haben wir eine Initiative zu verdanken, die für unsere Soldatinnen und Soldaten eine Hilfe darstellt, die gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Es handelt sich um das Internet-Angebot angriff-auf-die-seele.de mit wertvollen Informationen über posttraumatische Belastungsstörungen, einem Chatroom und nützlichen Links: Und das alles in ehrenamtlicher Arbeit!

Hauptfeldwebel Eggen hatte die eigentliche Idee für diese wichtige Internet-Seite und der Oberfeldarzt beim Bundeswehr-Krankenhaus Berlin, Dr. Zimmermann, steht als Experte "im Hintergrund" zur Verfügung. Die beiden haben mir berichtet, dass die Zahl der Besucher auf ihrer Internet-Seite nach dem Fernsehfilm auf über 50.000 angewachsen sei. Sogar aus den USA und anderen Ländern gebe es entsprechende "Zugriffe".

Als Wehrbeauftragter unterstütze ich die großartige Arbeit der beiden gern mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Denn es ist Seelsorge im besten Sinne des Wortes: Sich um die Seele der Soldaten sorgen.

Reinhold Robbe

Gut gemeint - schlecht gemacht

In diesen Tagen bin ich wieder einmal dabei, meinen Tätigkeitsbericht für das zurückliegende Jahr zu schreiben. Dazu werden auch die vielen Petitionen ausgewertet, die mich 2008 aus der Truppe erreichten. Im Vergleich zum vorletzten Jahr ist die Zahl der Eingaben übrigens um rund fünf Prozent gestiegen. Das hat aber zunächst einmal noch nichts zu sagen. Denn die Eingabenhöhe an sich lässt nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Gesamtsituation der Bundeswehr zu. Auch gibt sie keinen umfassenden Aufschluss über die "Stimmung in der Truppe". Wenn ich dazu konkrete und belastbare Aussagen machen soll, dann stütze ich mich in erster Linie auf jene Erkenntnisse, die ich bei meinen zahlreichen unangemeldeten Truppenbesuchen gewinne. Und auch die vielen Einzelgespräche und "Runden Tische", die ich zu den wichtigen Themen unserer Soldatinnen und Soldaten organisiere, helfen mir bei meiner Meinungsbildung ganz wesentlich. Ohne etwas von dem vorwegzunehmen, was ich in wenigen Wochen dem Parlament und auch der Öffentlichkeit als Ergebnis meiner Arbeit der letzten zwölf Monate vorlegen werde, kann ich bereits heute feststellen, dass sich für die meisten Probleme der Truppe zwei wesentliche Ursachen erkennen lassen: Zum einen ist es einmal mehr das fehlende Geld - mit der Konsequenz, dass es an Personal und Material mangelt. Und zum anderen zeigt sich auch ein Defizit im Umgang miteinander. Ich meine damit vor allem die Unfähigkeit vieler Verantwortungsträger auf allen Ebenen, vernünftig und menschlich in die Truppe hineinzuwirken. Es fehlt oft an einer verständlichen und geeigneten Kommunikation untereinander. Nicht selten ist dies die Ursache für viele Probleme. Während der Feiertage beispielsweise wird das in den Einsätzen häufig deutlich. Manche Soldaten werden - fern der Heimat - an diesen Tagen "dünnhäutig", sind in Gedanken bei ihren Lieben daheim und reagieren dann entsprechend sensibel. Da können unbedacht gewählte Worte von Kameraden oder Vorgesetzten auch schon einmal zu Missverständnissen führen. Ebenso können unüberlegte Aufmerksamkeiten zum Weihnachtsfest das Gegenteil von dem bewirken, was sicher guten Willens bezweckt wurde. So bekam ich gleich zu Jahresbeginn viele Pakete, in denen sich Präsente des Dienstherrn für die in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten befanden. Hierbei handelte es sich um offensichtlich in Fernost produzierte billige Massenartikel, die zum Teil auch noch defekt waren. Auch wenn man eine gute Absicht unterstellt, so waren diese "Weihnachtsüberraschungen" wenig geeignet, um den Soldaten am Ende dieses ereignisreichen Jahres eine Freude zu bereiten. Wohl deshalb wandten sich viele Kameraden mit einer Eingabe an mich. Etwas mehr Einfühlungsvermögen, Sensibilität und auch Kreativität der Verantwortlichen hätte in diesem Fall viel Ärger und Enttäuschung vermieden. Mein Fazit: Gut gemeint, aber schlecht gemacht.

Reinhold Robbe

Unendlich dankbar

Wenn ich auf das hinter uns liegende Jahr zurückblicke, habe ich in erster Linie viele Gesprächspartner vor Augen – bekannte und weniger bekannte Gesprächspartner. Menschen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr. Menschen, die mir aus ihrem Leben berichteten. Naturgemäß ging es dabei oft um Themen, die direkt oder indirekt mit dem Dienst in der Bundeswehr zu tun hatten. Oder um die großen sicherheitspolitischen Fragen: Wie lange bleiben unsere Soldaten noch auf dem Balkan? Wie geht es weiter in Afghanistan? Aber am meisten berührt haben mich einige Begegnungen mit Soldaten, die gezeichnet waren von den Folgen eines Auslandseinsatzes.

Da war beispielsweise der durch einen Terroranschlag in Afghanistan schwer verletzte Kamerad, den ich in einem Bundeswehr-Krankenhaus besuchte. Seit dem Anschlag waren viele Wochen vergangen. Aber erst wenige Tage vor meinem Besuch hatten ihn die Ärzte aus dem künstlichen Koma geholt. Sein Immunsystem war noch sehr geschwächt, so dass mich die Ärzte baten, Kittel und Mundschutz anzuziehen, bevor ich das Krankenzimmer betrat.

Dem Besuch waren einige Telefonate mit dem Chefarzt der Klinik vorausgegangen. Ich wollte auf jeden Fall unnötige Belastungen für den schwer verwundeten Soldaten vermeiden. Deshalb war ich auch nicht wirklich sicher gewesen, ob ich den Soldaten zu diesem Zeitpunkt überhaupt besuchen sollte. Aber der Arzt hatte mich dazu ermuntert. Vor mir im Krankenbett lag ein junger Mann, dessen gesamter Körper großflächige Verbrennungen und weitere komplizierte Verletzungen aufwies. Er war sichtlich gezeichnet von den durchlittenen Qualen. Trotzdem strahlte der junge Soldat eine kaum zu beschreibende Zufriedenheit aus, die ich in dieser Situation nicht erwarten konnte. Dann sprach er mit mir recht unbefangenen über die Folgen des Anschlags: Er hob die Bettdecke und zeigte mir sein mit Schrauben und Stahlstiften fixiertes Bein, berichtete mir, wie großartig er gepflegt und versorgt werde im Krankenhaus. Gleichzeitig lobte er die Ärzte und ebens seine Kameraden vom Heimatstandort, die ihn praktisch rund um die Uhr betreuten.

Ich konnte es kaum fassen: Vor mir lag ein Mensch, der sich aufgrund seiner schweren Verwundungen kaum bewegen konnte und trotzdem nicht einmal den Hauch von Verzweiflung oder Entmutigung erkennen ließ. Dieser junge Soldat war einfach nur unendlich dankbar, dass er den schweren Anschlag überlebt hatte. Nicht einmal die Tatsache, dass er das von mir geschenkte Buch wegen
seiner beiden verbundenen Hände nicht anfassen konnte, stimmte ihn traurig. Ganz im Gegenteil. Er bedankte sich herzlich dafür und sagte beim Abschied geradezu aufmunternd: „Keine Sorge – in ein paar Tagen kann ich die Seiten des Buches wieder selber umblättern.“

Reinhold Robbe



2008

Die Sache mit der "Kippa"

Zu den Kernaufgaben meines Amtes gehört bekanntlich die Bearbeitung der jährlich etwa 6.000 Eingaben von den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Die Themen sind vielfältig. Sie reichen von maroden Kasernen über Materialmangel bis hin zum Fehlverhalten von Vorgesetzten. Hin und wieder erreichen mich aber auch Petitionen von Soldaten, die nicht gerade alltäglich sind. So auch vor einigen Wochen. Ein Soldat jüdischen Glaubens bemängelte, dass es in der Bundeswehr keine klaren Weisungen für das Tragen der „Kippa“ gebe. Es handelt sich hierbei um eine Kopfbedeckung, wie sie von jüdischen Männern vornehmlich in Synagogen und beim Gebet getragen wird. Im ersten Moment stutzte ich ein wenig, weil mir das angesprochene Problem nicht ganz einleuchten wollte. Beim nochmaligen Lesen der Petition wurde mir aber klar, worum es dem Soldaten ging. Offensichtlich hatte sich im Laufe der über fünfzigjährigen Geschichte unserer Bundeswehr noch keiner der tüchtigen Beamten des Verteidigungsministeriums Gedanken über das Tragen der „Kippa“ im Dienst gemacht. Eigentlich etwas erstaunlich, weil doch sonst so ziemlich alles geregelt ist, was überhaupt nur geregelt werden kann. Von der Mülltrennung im Einsatz bis zur Befestigung des Gummizuges in der Flecktarnhose. Aber für die Frage, wie die „Kippa“ mit der Uniformordnung zu vereinbaren ist, gibt es offensichtlich keine klare Regelung. Deshalb habe ich – wie bei jeder anderen Eingabe – eine Überprüfung eingeleitet. Unabhängig vom Ergebnis dieser Überprüfung freue ich mich aus tiefstem Herzen darüber, dass ich mich mit dieser Eingabe befassen darf. Denn wer hätte bei der Gründung der Bundeswehr vor mehr als 50 Jahren auch nur im Traum daran gedacht, dass es heute wieder Soldaten jüdischen Glaubens in unseren Streitkräften gibt. Niemand hätte damals geglaubt, dass der Bund jüdischer Soldaten heute wieder eine Reihe von Mitgliedern unter seinem Dach versammelt. Ebenso wenig hätte irgendjemand damals vermutet, dass es heute Soldaten mit islamischen Glaubensüberzeugungen geben würde. Das ist jetzt alles wieder in unserer Bundeswehr möglich. Gott sei Dank.

Reinhold Robbe

Erfahrungen aus dem Einsatz

Er spielte bei den Salzburger Festspielen den "Tod" im "Jedermann". In Berlin ist er auf den verschiedensten Theaterbühnen zu sehen. International bekannt wurde er als Bösewicht im James-Bond-Film "Casino Royale". In der Fernseh-Krimiserie "Unschuldig" spielt er eine Hauptrolle. Er heißt Clemens Schick, ist von Beruf Schauspieler, lebt in Berlin und sitzt mir im Frühsommer im Café Einstein gegenüber.

Eine gemeinsame Freundin hatte ihm empfohlen, mich anzusprechen. Clemens Schick hatte angedeutet, dass er etwas für die deutschen Soldatinnen und Soldaten tun wolle, die sich im Auslandseinsatz befinden. Ganz konkret will er von mir wissen, unter welchen Bedingungen die deutschen Soldaten in Afghanistan ihren schweren Dienst versehen müssen. Wie lautet der genaue Auftrag für die Bundeswehrangehörigen? Wie sehen die Feldlager aus? Wie lange dauert der Einsatz? Aber auch diese Frage interessiert den Schauspieler: Welche Möglichkeiten haben die Soldaten, sich ein wenig abzulenken? Und ganz zum Schluss fragte er mich, wie ich es bewerten würde, wenn er sein Ein-Personen-Stück "Windows" in einem deutschen Feldlager aufführen würde.

Die Antwort fiel mir nicht schwer. Aus meiner Sicht wäre das eine tolle Sache, sagte ich ihm. Die Soldaten würden mit Sicherheit dankbar für dieses einmalige Angebot sein. Dann erläuterte ich Clemens Schick die "Bedingungen", die die Bundeswehr an ihn richten würde. Bedingungen, wie den Verzicht auf Gage, keine Übernahme von Sicherheitsrisiken durch die Bundeswehr und auch keine Garantie dafür, dass alles nach Plan ablaufe, weil die Unwägbarkeiten im Einsatzland nicht unterschätzt werden dürften. Aber auch andere Fragen sind dem Schauspieler wichtig. Besteht die Möglichkeit, mit den Soldaten zu sprechen, nach der Aufführung des Stückes mit ihnen zu diskutieren?

Wenige Wochen später sitzt Clemens Schick im Luftwaffen-Airbus. Er ist auf dem Weg nach Afghanistan und wird sein Solostück in Kunduz, Kabul und Mazar-e-Sharif aufführen. Es werden für ihn vier Tage, die er nicht so schnell vergessen wird. Für ihn öffnet sich eine neue Welt. Die Soldaten honorieren seine Bereitschaft, diese Belastungen auf sich zu nehmen, mit viel Beifall und Anerkennung. Clemens Schick lernt den Truppenalltag kennen - mit allen Facetten bis hin zum plötzlichen Raketenalarm, der eine Verlegung der Aufführung in den Bunker notwendig macht.

Nach der Afghanistan-Reise treffe ich ihn erneut. Er schildert mir bewegt seine Eindrücke, zeigt Bilder und Videos. Berichtet mir von den Begegnungen mit zahlreichen Soldaten. Von vielen Gesprächen. Besonders beeindruckt hat ihn, wie offen die Soldaten über ihre Befindlichkeiten, Zweifel und Ängste mit ihm sprachen. Und positiv überrascht ist Clemens Schick von den Reaktionen seiner uniformierten Zuschauer. Die Soldaten seien unglaublich direkt und spontan gewesen. Auch hätte er gespürt, wie wichtig es für sie gewesen sei, einmal vom Soldatenalltag abgelenkt zu werden, der auch mit Verzicht auf Heimat und Familie und der Allgegenwart von Verwundung und Tod zu tun hat. Für den Künstler war diese Reise eine wichtige Erfahrung, die er trotz der enormen Belastungen nicht missen möchte. Die Reise hat bei ihm Spuren hinterlassen.

Reinhold Robbe

"Gott schütze dich"

Die Kreuzkirche in Zweibrücken ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Wieder einmal haben sich die führenden Repräsentanten unserer Bundeswehr zu einem Trauergottesdienst für einen gefallenen Soldaten zusammengefunden. Minister, Generalinspekteur, Abgeordnete, Wehrbeauftragter und viele Kameraden sind gekommen. Mischa M. fiel einem hinterhältigen Bombenanschlag zum Opfer. Er hatte das Leben noch vor sich. Ein großes Foto zeigt den fröhlich dreinblickenden Hauptfeldwebel. Links und rechts vom Sarg bilden Kameraden des Gefallenen ein Ehrenspalier. Der Pfarrer versucht, den Familienangehörigen Trost zu spenden. Zuletzt spricht der Oberbürgermeister. Er berichtet, wie intensiv in Zweibrücken die Beziehungen zwischen der Stadt und den dort stationierten Soldatinnen und Soldaten sind. Er schildert sehr eindrucksvoll, wie die Soldaten im Rathaus verabschiedet werden, bevor sie in den Einsatz gehen. Er sagt, dass die Bürgerinnen und Bürger Zweibrückens mit den Angehörigen trauern. Und dann kommt der Oberbürgermeister in seiner Trauerrede auf den Sinn des Einsatzes in Afghanistan zu sprechen. Mit deutlichen Worten spricht er aus, was oftmals unerwähnt bleibt. Die deutschen Soldaten, so der Bürgermeister, würden ihren gefährlichen Dienst nicht ohne Grund am Hindukusch versehen. Sie kämpften vielmehr im Auftrag ihres Landes gegen die Drahtzieher des internationalen Terrors. Und dieser Terror bedrohe auch Deutschland. Auch ich hatte in Zweibrücken den Eindruck, dass die ganze Stadt um den gefallenen Hauptfeldwebel trauert. Diese besondere Verbundenheit und die große öffentliche Anteilnahme helfen ganz sicher auch den Angehörigen, mit dem unbeschreiblichen Schmerz über den Verlust des geliebten Sohnes, Freundes und Kameraden fertig zu werden. Wenn ich bei meinen unangemeldeten Truppenbesuchen mit Soldatinnen und Soldaten zusammentreffe, wird das Thema „Akzeptanz der Bundeswehr in unserer Gesellschaft“ regelmäßig angesprochen. Auch wenn die Soldaten heute – ebenso wie Polizisten und Feuerwehrleute – durchaus anerkannt sind, tun sich unsere Mitbürger doch offensichtlich sehr schwer damit, den gefährlichen und schwierigen Dienst im Einsatz richtig zu würdigen und sich damit zu identifizieren. Das von unserem Bundespräsidenten geprägte Wort vom „freundlichen Desinteresse“ trifft leider nach wie vor zu. Das spüren die Soldaten. Sie vermissen die „moralische Unterstützung“ der Gesellschaft, wie sie mir immer wieder sagen. Wenn ich derartige Äußerungen aus der Truppe höre, muss ich unwillkürlich an bestimmte Beobachtungen in den USA denken. Auch wenn die USA nicht unbedingt mit uns in jeder Hinsicht vergleichbar sind, so habe ich großen Respekt vor der Art und Weise, wie Soldaten dort von ihren Mitbürgern behandelt werden. Ein Beispiel für diese besondere Verbundenheit durfte ich im Urlaub erfahren. In einer kleinen Gaststätte auf dem Lande an der Westküste waren mehrere Wände mit Abbildungen von Soldatenstiefeln („Boots“) beklebt. Beim näheren Betrachten fiel mir auf, dass Freunde und Verwandte, aber auch vollkommen Unbeteiligte einen kurzen Gruß auf diese „Boots“ geschrieben hatten – als Zeichen der persönlichen Verbundenheit. „Gott schütze dich!“, war da zu lesen oder „Komm gesund zurück“ oder auch „Ich denke an dich.“ Verbunden war dieses „Boots“-Projekt mit einer Spendensammlung zugunsten von sozial schwachen Soldatenfamilien. Eine, wie ich finde, wunderbare Möglichkeit, seinen Respekt und sein Mitgefühl gegenüber den Soldaten auszudrücken.

Reinhold Robbe

Parlamentsarmee Bundeswehr

Als ich bereits im Alter von 15 Jahren einer politischen Partei beitrat, war das nichts Unüberlegtes. Für mich stand damals schon fest, dass ich meinen - wenn auch kleinen und zu der damaligen Zeit noch nicht sehr konkreten - Beitrag dazu leisten müsse, dass sich die Hitler-Diktatur niemals wiederholen könne. Auch war ich der festen Überzeugung, dass gerade Christen in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung tragen. An dieser, meiner politischen "Triebfeder" hat sich im Grunde bis heute nichts geändert. Gerade deshalb hat mich die Debatte um das diesjährige öffentliche Gelöbnis am 20. Juli vor dem Reichstag in besonderer Weise berührt. Hinzu kam, dass ich selbst gebeten wurde, in Potsdam auf einer offiziellen Gedenkveranstaltung für den hingerichteten Widerstandskämpfer Henning von Tresckow die Gedenkrede zu halten. Während eines unangemeldeten Truppenbesuches hatte mich telefonisch die Nachricht erreicht, dass ein Sachbearbeiter des Bezirksamtes Berlin-Mitte die Durchführung des öffentlichen Gelöbnisses auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag mit einer - zumindest aus meiner Sicht - äußerst fragwürdigen Begründung abgelehnt habe. In einer Gesprächsrunde mit Soldatinnen und Soldaten stellte ich spontan die Frage in den Raum, ob dies jemand nachvollziehen könne. Erwartungsgemäß schüttelten alle mit den Köpfen und zeigten sich von dieser Entscheidung enttäuscht. Auch ich hielt gegenüber den Soldaten nicht mit meiner Meinung hinterm Berg. Gerade vor dem Hintergrund des vom Bundespräsidenten festgestellten "freundlichen Desinteresses" unserer Gesellschaft an dem, was unsere Streitkräfte im Auftrag des Deutschen Bundestages überall in der Welt leisten, konnte man beim besten Willen für die Absage kein Verständnis aufbringen. Hinzu kam noch das besondere Datum des geplanten Feierlichen Gelöbnisses - am 20. Juli, dem Tag des Widerstandes gegen die Hitler-Diktatur. Diese doppelte Symbolik, nämlich Parlamentsarmee und Bundeswehr in der Tradition des militärischen Widerstandes gegen Hitler, unterstrich die berechtigte Entrüstung und Empörung. Umso erfreuter war ich dann über das Einlenken der Berliner Behörden, die offensichtlich auf den vielstimmigen Protest reagiert hatten. Die Bundeskanzlerin und der Außenminister sorgten durch ihre Teilnahme dann auch dafür, dass die Irritationen bei den Soldatinnen und Soldaten weitestgehend wettgemacht wurden. Und der Festredner Altkanzler Helmut Schmidt gab den angetretenen Rekruten eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: "Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen!"

Reinhold Robbe

"Ein Stück Heimat"

Mein jüngster Truppenbesuch führte mich Anfang Juni für zehn Tage nach Afghanistan. Von Termez, der Versorgungsdrehscheibe in Usbekistan, ging es über Feyzabad, Kunduz und Kabul nach Kandahar im Süden Afghanistans. Über Mazar-e-Sharif kehrte ich schließlich via Termez zurück nach Berlin. Mit Blick auf meinen bisher längsten Besuch in einem Einsatzland fühle ich mich in meiner grundsätzlichen Haltung bestätigt, als Wehrbeauftragter mindestens einmal im Jahr alle Einsatzgebiete zu besuchen. Wie notwendig es ist, sich persönlich ein Bild von der Lage vor Ort zu verschaffen, wird besonders in Afghanistan deutlich. Vor einem Jahr war mein Besuch von dem Anschlag in Kunduz geprägt, bei dem drei deutsche Soldaten getötet worden waren. Damals standen die Trauer und die Betroffenheit der Kameraden im Mittelpunkt aller Gespräche. Dieses Mal waren es ganz unterschiedliche Themen, die von den Soldatinnen und Soldaten aufgegriffen wurden. Grundsätzliche Fragen, die mit der Sinnhaftigkeit des Auftrages und den politischen Rahmenbedingungen zu tun haben. Immer wiederkehrende Fragen, mit denen ich auch schon bei früheren Besuchen konfrontiert wurde, wie Unterbringung, Verpflegung oder Arbeitsbelastung. Und nicht zuletzt ging es um das große Feld der Betreuung. Dazu gehört unter anderem auch das, was unsere beiden großen Kirchen in den Einsätzen vorhalten. Beispielsweise in Form der "Oasen". Hier wird den Soldaten die Möglichkeit geboten, am Ende eines oft recht harten und belastenden Tages etwas Geselligkeit im Kameradenkreis zu finden, sonntags am Gottesdienst teilzunehmen oder ganz einfach die "Seele baumeln zu lassen". Ein Soldat drückte es mir gegenüber so aus: "Die Oase ist für mich ein Stück Heimat!"Gerade weil ich die besondere Bedeutung der "Oasen" bei meinen Besuchen immer wieder wahrnehme, unterstütze ich die berechtigte Forderung der Soldatinnen und Soldaten, in allen Einsatzgebieten einen solchen Ort zu schaffen. Für Außenstehende ist diese Bedeutung nicht immer nachvollziehbar. Aber auch bei manchen Verantwortlichen in der Bundeswehrverwaltung werden die "Oasen" hin und wieder als "Frittenbude" oder "Kostenstelle" definiert. Wie wichtig die "Oase" für unsere Soldaten im Truppenalltag ist, wurde mir besonders in Kabul deutlich. Unabhängig von den segensreichen Angeboten der Militärseelsorge bietet sie hier eine wichtige Alternative zur Truppenverpflegung, die von der französischen Armee verantwortet wird. Wegen der unzureichenden Qualität des Essens verzichtet etwa die Hälfte unserer Soldaten darauf und geht stattdessen in die "Oase" im "Camp Warehouse". Viele Soldaten verbinden mit dieser Stätte auch wunderbare Erfahrungen: Firmungen, Taufen, tröstende Gespräche, gegenseitige Stärkung und Hilfe in schwierigen Lebenslagen. In den "Oasen" - so formulierte es ein Soldat - finden die Kameradinnen und Kameraden das, was im Einsatz ganz obenan stehen soll, nämlich "Kameradschaft pur"! Ein solcher Ort wird in jedem Einsatz gebraucht und muss für die Truppe erhalten bleiben.

Reinhold Robbe

„Mister Innere Führung“

Die Menschenführung in der Bundeswehr stand im Mittelpunkt einer Tagung, zu der ich Soldatinnen und Soldaten aller Ebenen und Teilstreitkräfte nach Berlin eingeladen hatte. Menschenführung ist für mich in meiner Verantwortung als Wehrbeauftragter der zentrale Schlüsselbegriff der Inneren Führung. Sie begegnet mir tagtäglich in ganz unterschiedlichen Formen. Zum einen geht es permanent um die Frage, welchen Stellenwert die Menschenführung in der Truppe hat. Zum anderen werde ich leider auch immer wieder mit Eingaben konfrontiert, die davon zeugen, dass Vorgesetze bei ihrer vordringlichsten Aufgabe, nämlich der, die ihnen unterstellten Soldaten menschlich zu führen, schlichtweg versagen. Die Tagungsteilnehmer benötigten keine „Aufwärmphase“. Es ging gleich munter los. Nein – es gebe keinen Werteverfall. Das sei falsch. Es gebe aber einen Verfall der Tugenden. Die Werte würden im Grundgesetz und in der UN-Charta der Menschenrechte für immer und ewig verankert sein. Darüber brauche man sich keine Gedanken zu machen. Was jedoch immer mehr wegzubrechen drohe, das seien die Tugenden, die so wichtig seien für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Solche Sätze aus dem Munde eines Uniformträgers sind zumindest ungewohnt. Jedoch nur für Außenstehende, die Oberst Siegfried Morbe vom Zentrum für Innere Führung in Koblenz zum ersten Mal erleben! Kennengelernt habe ich ihn vor etwa einem Jahr - bezeichnenderweise in Buenos Aires. Ich war gebeten worden, der argentinischen Verteidigungsministerin und dem dortigen Generalstab das deutsche System der parlamentarischen Kontrollinstitution „Wehrbeauftragter“ vorzustellen. Um nun den argentinischen Gesprächspartnern von vornherein zu demonstrieren, wie unkompliziert der Umgang zwischen der Bundeswehr und dem Wehrbeauftragten ist, hatte ich das Zentrum für Innere Führung um Unterstützung gebeten. Als Vertreter des Zentrums kam dann Oberst Morbe. Obwohl wir vorher nie direkt miteinander zu tun hatten, klappte unser „Zusammenspiel“ auf Anhieb hervorragend. Wir konnten die argentinischen Gesprächspartner offensichtlich mit unseren Argumenten überzeugen. Denn die Ministerin erklärte anschließend, man werde in Argentinien ebenfalls einen Ombudsmann in Anlehnung an den deutschen Wehrbeauftragten schaffen. Für mich ist dieser Oberst mit seiner fröhlichen und kompetenten Ausstrahlung inzwischen ein außerordentlich gern gesehener und wichtiger Gesprächspartner. Er verkörpert das Prinzip „Innere Führung“ geradezu. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass viele ihn „Mister Innere Führung“ nennen.

Reinhold Robbe

"... nur Soldaten können es"

Das seit Jahren vielleicht am häufigsten gebrauchte Wort in der Bundeswehr lautet "Transformation". Insbesondere in meinen Gesprächen mit den Soldatinnen und Soldaten höre ich es regelmäßig. Für einen Großteil ist es inzwischen gar zu einem "Un-Wort" geworden. Denn mit Transformation verbinden viele Soldaten die ganzen Negativseiten ihres Berufes: Auflösung von Standorten, Versetzungen über weite Distanzen, fehlendes Personal bzw. Material und so weiter. Problematisch ist ja nicht das Wort, sondern der Prozess. Und das vor allem deshalb, weil bei der Vereinigung der beiden deutschen Armeen nach dem Mauerfall die dringend notwendige Anschubfinanzierung für so weit reichende Reformen, wie sie die Transformation verlangt, unterblieben ist. Darunter leidet die Truppe bis heute. Transformation steht für die Umstrukturierung unserer Bundeswehr von einer Armee der Landesverteidigung zu einer multinational operierenden Einsatzarmee. Transformation steht aber auch für viele vollkommen neue Aufgaben, die damals im Nachkriegsdeutschland geradezu undenkbar gewesen wären. Denken wir nur an den zivilen Wiederaufbau in den Einsatzgebieten oder an die zunehmende Bedeutung der Beobachtermissionen im Auftrag der Vereinten Nationen. Einer meiner letzten unangemeldeten Truppenbesuche führte mich zu einer wichtigen Koordinierungsstelle für die deutschen UN-Beobachter, die heute in vielen Teilen der Welt ihre Aufgaben erfüllen. Chef dieser Koordinierungsstelle ist ein Oberstleutnant. Bereits beim Betreten seines Büros fallen mir Erinnerungsgegenstände auf, die seinen bisherigen Werdegang widerspiegeln: Abschiedsgeschenke seiner beruflichen Stationen, Fotos von der Familie, Urkunden für seine Erfolge als Leistungssportler. Viele Verwendungen. Oft im Einsatz. Einmal sogar von Rebellen gekidnappt. Ein Soldat, der weiß, wovon er spricht. Einer der mitten im Leben steht. Und vor allem ein Soldat, der nichts von den ihm unterstellten Frauen und Männern verlangt, was er nicht selbst zu leisten bereit wäre. Die Gespräche mit ihm und seinen Mitarbeitern bestätigen meinen ersten Eindruck. Ich bekomme eine exzellente Analyse aus den Einsatzgebieten. Ebenso kenntnisreich und detailliert erhalte ich Auskünfte über die eingesetzten Soldaten. Ich erfahre auch, wie intensiv man sich um die Familien der Militärbeobachter kümmert. Familienbetreuung wird groß geschrieben. Das kostet Zeit. Der Ausgleich steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand. Leider, wie ich hinzufügen will. Aber dieses besondere Engagement macht sich bezahlt. Nicht im materiellen Sinne. Nein, in kameradschaftlicher Hinsicht. Die gute Stimmung auf der Führungsebene überträgt sich auf die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Mir wird bewusst, welch herausragende Bedeutung die UN-Militärbeobachter unserer Bundeswehr heute haben. Sie tragen keine Waffen, erfüllen ihre Aufgaben unter schwierigsten Bedingungen und sind dabei willkommene, anerkannte Botschafter des Friedens. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld sagte einmal sinngemäß: Frieden schaffen ist kein Job für Soldaten, aber nur Soldaten können es! Dieser Satz ist aktueller denn je.

Reinhold Robbe

Wir stehen erst am Anfang...

Gemeinsam mit Karin Evers-Meyer, der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, hatte ich vor wenigen Wochen zu einem „Runden Tisch“ in mein Amt in Berlin eingeladen. Gekommen waren Experten aus der Bundeswehr, aus dem Verteidigungsministerium und vom Deutschen Bundeswehrverband. Die wichtigsten Gesprächspartner aber waren im Einsatz verletzte Soldaten. Junge Männer mit Körperbehinderungen oder seelischen Erkrankungen. Ziel unseres Gespräches sollte es sein, die Situation behinderter Soldaten in der Bundeswehr zu beleuchten, Schwachstellen auszumachen und Lösungen zu diskutieren.

Das Positive vorweg: Die Betroffenen sehen in den geltenden Gesetzen zur Einsatzversorgung und zur Weiterverwendung wichtige Fortschritte. Es sei – so ein Teilnehmer – heute Gott sei Dank keine Rede mehr vom „qualifizierten Dienstunfall“. Diese Feststellung war vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes noch eine Grundvoraussetzung für die Gewährung von Leistungen. Was mich an den Schilderungen der Soldaten am meisten beeindruckte, war ihr nüchterner und offener Umgang mit der eigenen Behinderung. Insbesondere diejenigen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen berichteten vor der großen Gesprächsrunde detailliert und sehr persönlich über ihr Schicksal. Die Soldaten sprachen davon, durch die Erkrankung den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Gestern noch der leistungsfähige, einsatzfreudige Soldat und Familienvater. Und heute der Problem beladene und von der seelischen Erkrankung gezeichnete Patient.

Schlimm ist, dass die Symptome der Belastungsstörungen nicht immer sofort erkennbar sind. Deshalb werden Warnsignale und Verhaltensauffälligkeiten beim Ausbruch der Krankheit oft missverstanden. Sowohl im Dienst wie in der Familie. Mit Unverständnis und Wut reagieren die betroffenen Soldaten auf fehlende oder unzureichende Unterstützung. Beispielsweise wenn es um die Anerkennung der für die Leistungszahlungen maßgeblichen „Minderung der Erwerbsfähigkeit“ geht.

Ein betroffener Soldat bringt seine Enttäuschung auf den Punkt: „Im Zweifelsfall wird fast immer gegen den Soldaten entschieden!“ Ich beobachte, wie seine Kameraden zustimmend nicken. Auch sie haben diese Erfahrung gemacht. Die Soldaten fordern deshalb eine zentrale Anlaufstelle, ausgestattet mit weitreichenden Kompetenzen, um im Bedarfsfall schnell und effektiv helfen zu können. Eine Anlaufstelle für die Betroffenen, aber auch für deren Angehörige.

Das Gespräch hat alle Beteiligten in besonderer Weise sensibilisiert. Für Karin Evers-Meyer und mich steht felsenfest: Das Thema „Behinderte in der Bundeswehr“ gehört ganz oben auf die Tagesordnung.

Reinhold Robbe

Hilfe zur Selbsthilfe

Im Dienstzimmer meines Amtes in Berlin habe ich schon viele Gespräche geführt, unzählige scheint es mir fast mit Blick auf die zurückliegenden knapp drei Jahre. Mal mit führenden Mitgliedern eines Verbandes, mal mit Vertretern einer Interessengruppe, oft mit Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Neben meinen Hauptaufgaben, der Durchführung von Truppenbesuchen und der Bearbeitung von Eingaben, gehören solche Gesprächstermine - wenn man so will - zum "Tagesgeschäft". Vor kurzem aber saßen mir zwei berufserfahrene Männer gegenüber, zwei Soldaten des Heeres: ein Hauptfeldwebel und ein Hauptmann. Der Hauptfeldwebel wendet sich mir plötzlich in meiner Muttersprache zu. Auf plattdeutsch übermittelt er Grüße von gemeinsamen Bekannten aus der ostfriesischen Heimat. Unser Thema allerdings ist ein ganz anderes, ein sehr viel ernsteres zudem. Was die beiden Kameraden nämlich verbindet, ist ein Schicksal, das sie mit vielen Menschen in unserem Lande teilen. Sie sind irgendwann der Alkoholsucht verfallen. Heute sprechen sie mit größter Unbefangenheit über ihre Krankheit. Ebenso selbstverständlich bezeichnen sie sich als "trockene Alkoholiker". Sie stehen zu ihrer Krankheit - und sie haben für sich einen Weg gefunden, die Alkoholsucht erfolgreich zu bekämpfen. Die beiden Soldaten berichten mir in aller Offenheit von ihrem persönlichen Lebensweg. Sie schildern eindrucksvoll, wie sie vom Alkohol abhängig wurden und sich dann gerade noch rechtzeitig aus dieser Notsituation befreien konnten. Sie machen kein Aufhebens darum. Sie erzählen von ihrem Weg in die Alkoholabhängigkeit, um mir deutlich zu machen, dass sie wissen, wovon sie reden. Denn es geht in unserem Gespräch um Selbsthilfe. Die beiden Soldaten wollen mit ihrem Verein "Soldatenselbsthilfe gegen Sucht e. V." betroffenen Kameradinnen und Kameraden Hilfestellung geben, ebenfalls von der Sucht loszukommen. Sie berichten mir anonymisiert auch von Einzelschicksalen, die sie seit Bestehen des Vereins betreuen. Nicht selten sind es die Partner der Kameraden, die sich mit dem Selbsthilfeverein in Verbindung setzen, weil sie als Angehörige keinen anderen Ausweg mehr sehen. Mit am schwierigsten sei es für die betroffenen Soldaten, sich selbst die Abhängigkeit einzugestehen. Meine Gesprächspartner berichten davon, dass das Abgleiten in die Alkoholsucht in fast allen Fällen unmittelbare Auswirkungen auf die Partnerschaft, die Familie oder auf die finanzielle Situation des Suchtkranken hat. Hier werde dann eine professionelle Begleitung durch Sozialberater und Psychologen notwendig. Ebenso wichtig sei aber auch die kameradschaftliche Unterstützung durch die jeweiligen Dienstvorgesetzten. Die beiden Repräsentanten sprechen erfreut über die "ausgezeichnete Kooperation" mit den zuständigen Stellen der militärischen Führung. Aber auch der Bundeswehrverband und die Militärseelsorge seien wichtige Partner bei der Hilfe für die betroffenen Kameradinnen und Kameraden. Ich bin tief beeindruckt von der segensreichen Arbeit dieser nicht sehr großen, aber außerordentlich wirkungsvollen Initiative. Diese Soldatenselbsthilfe, eine direkte Unterstützung von Kamerad zu Kamerad, darf sich sehen lassen.

Reinhold Robbe

Grenzerfahrungen

Viele nehmen den Jahresanfang zum Anlass, über die zurückliegenden zwölf Monate nachzudenken. Über gute und weniger gute Ereignisse. Über Höhen und Tiefen. Über alles, was das Leben mit sich bringt. Wenn ich noch einmal zurückblicke auf das vergangene Jahr, fallen mir vor allem Begegnungen mit Menschen ein - mit unglaublich vielen Menschen. Einige davon aber haben mich in besonderer Weise bewegt. Da ist zum Beispiel der Vater, dessen Sohn, ein Soldat, sich im Dienst das Leben nahm. Dieser Vater erzählt mir von den tiefen Emotionen und quälenden Fragen nach dem Tod seines Kindes. Es gibt keinen Abschiedsbrief. Es gibt keinerlei Hinweise auf die Hintergründe und Motive. Ganz im Gegenteil. Der Vater schildert mir seinen Sohn als fröhlichen, optimistischen jungen Mann, der mitten im Leben stand. Der Sohn hatte seine bisherige Laufbahn hervorragend absolviert. Nur positive Nachrichten. Kein einziges Indiz für irgendwelche Probleme im Leben. Und dann diese Katastrophe. Unfassbar für alle, die den jungen Mann gekannt haben. Die Kameraden hätten sich in rührender Weise um die Hinterbliebenen gekümmert, berichtet mir der Vater weiter. Und trotzdem bleibt die zentrale Frage nach dem "Warum". Warum hat er sich das Leben genommen? Gab es nicht doch irgendwelche Dinge, die er seinen Eltern nicht erzählt hat oder nicht erzählen konnte? Gab es dienstliche Ereignisse, die ihn belastet haben? Viele offene Fragen, die den Vater umtreiben und nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich höre ihm zu, versuche Trost zu spenden und spüre, dass es gut ist, in dieser schwierigen Situation einfach nur für ihn da zu sein - ihm das Gefühl zu geben, mit seinen Sorgen und Fragen nicht allein zu bleiben. Noch eine weitere Begegnung kommt mir in den Sinn, wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke. Auch diese hat mit einer Grenzerfahrung des Lebens zu tun. Ein junger Soldat, ein versierter und professioneller Könner seines Fachs, wird bei einem Unfall schwer verletzt. Er kann sich zwar zunächst aus eigener Kraft vom Unfallort entfernen, verliert dann aber das Bewusstsein und wird - wie durch ein Wunder - in letzter Minute gerettet. Er schildert mir die Situation in einer sehr sachlichen, nüchternen und fast distanzierten Weise. So, als würde er über einen Kameraden berichten. Ich höre die Schilderung eines Menschen, der den Tod vor Augen und mit dem Leben abgeschlossen hatte. Umso mehr beeindruckt mich die Tatsache, dass dieser Soldat schon nach wenigen Wochen wieder seinen Dienst verrichtet. Ich erfahre, was Gottvertrauen bedeuten kann: In einer ausweglosen Situation nicht aufgeben, sondern das eigene Schicksal in Gottes Hände zu legen.

Reinhold Robbe

Nicht gegen wen, sondern wofür?

Im großen Sitzungszimmer meines Amtes, der sogenannten Galerie, habe ich einmal mehr Soldaten der Bundeswehr zu Gast. Sie blicken mich bei der Begrüßung freundlich an. Und doch ist es kein gewöhnlicher Besuch. Die Männer, die mir da gegenüber sitzen, verbindet etwas, nämlich ein "Bruch" im Lebenslauf. Es sind Soldaten, die überwiegend meinem Jahrgang angehören. So um die Fünfzig. Einer steht kurz vor der Pensionierung. Sie alle haben ihre Laufbahn nicht in der Bundeswehr begonnen, sondern in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Wenn ich über diesen Hintergrund nicht informiert wäre, würde ich es wohl kaum bemerken. Ich hatte den Landesverband Ost des Deutschen Bundeswehrverbandes darum gebeten, diese Begegnung zu ermöglichen. Denn nicht erst seit heute beschäftigt mich die Frage, wie es um die Integration der ehemaligen NVA-Angehörigen in die Bundeswehr bestellt ist. Zu Beginn mache ich gegenüber den Soldaten keinen Hehl aus meiner persönlichen Überzeugung, dass nicht alles optimal verlief - damals in der Wendezeit, als die beiden Armeen zusammengeführt wurden. Meine Gäste pflichten mir bei. Sie haben den "Übertritt" von der Volksarmee in die Bundeswehr zu keiner Zeit bereut. Ein Oberstleutnant: "Zu dieser Zeit haben wir uns in der NVA nicht mehr gefragt gegen wen, sondern wofür?" Auch die Eingliederung in die Bundeswehr war für sie im Großen und Ganzen kein Problem. Ein Oberleutnant erzählt, dass ihn der Uniformwechsel damals aber emotional doch sehr bewegt habe. Als "bittere Erfahrung" empfanden es einige meiner Gäste, dass ihre "neuen Kameraden" manchmal hinter vorgehaltener Hand getuschelt hätten. Da war auch schon mal vom "Ex-Kommunisten" die Rede. Doch blieben derartige Äußerungen eher die Ausnahme, sagen alle übereinstimmend. Sehr viel problematischer sei es gewesen, so ein Stabsfeldwebel, dass er nach Einsicht in seine Stasi-Akte habe feststellen müssen, dass einige ehemalige NVA-Kameraden "Informelle Mitarbeiter" der Staatsicherheit gewesen seien. Insgesamt, so berichten die Soldaten gleichlautend, habe man die Aufnahme in die Bundeswehr als sehr kameradschaftlich erlebt. Und zwar viel positiver, als dies zu erwarten war. Nur beim Thema "Besoldung" empfinden sie noch immer eine große Ungerechtigkeit. Im Laufe der zurückliegenden 17 Jahre seit der Wiedervereinigung waren fast alle im Einsatz, wie sie mir berichten. Und es sei nicht akzeptabel, dass es bis zum heutigen Tage nicht möglich war, die Bezahlung zwischen Ost und West anzugleichen. Denn es gebe nun mal keinen Unterschied zwischen den Kameraden aus den neuen und den alten Bundesländern. Alles sei gleich. Die gleiche Uniform, der gleiche Dienst, die gleiche Gefährdung für Leib und Leben im Einsatz. Nur in der Besoldung gebe es nach wie vor Ossis und Wessis. Leider.

Reinhold Robbe



2007

Der eine hilft dem anderen

Einer meiner letzten Truppenbesuche führte mich nach Bruchsal. An diesem Standort, etwa eine Autostunde von Stuttgart entfernt, befindet sich auch eine Ausbildungskompanie. Hier hatte ich die Möglichkeit, Wehrpflichtige und ihre Ausbilder während einer Übung zu erleben.

Ein hochgewachsener Rekrut steht mir gegenüber und schaut mich etwas ungläubig an. Gemeinsam mit etwa einem Dutzend Kameraden hat er um mich herum einen Halbkreis gebildet. Vor rund vier Wochen sind die jungen Männer in die General-Dr.-Speidel-Kaserne in Bruchsal einberufen worden. Sie leisten hier ihren Wehrdienst ab. Viele wollen länger als neun Monate bei der Bundeswehr bleiben. Einige haben auch den Wunsch, Berufssoldat zu werden.

Gerade gestern, so berichtet mir dieser Rekrut - mit noch immer ungläubigem Blick - sei ihm und seinen Kameraden im Politischen Unterricht erläutert worden, dass der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages seine Truppenbesuche fast ausschließlich unangemeldet mache. Es könne also durchaus sein, so der Ausbilder, dass der Herr Robbe ganz plötzlich und "ohne Vorwarnung in der Kaserne aufschlägt". Der Rekrut zu mir: "Und gerade mal einen Tag später sind Sie hier bei uns, hier in Bruchsal - das ist ja kaum zu glauben!" Meinem Hinweis, es würde sich wirklich um einen reinen Zufall handeln, schenkte er nur etwas widerwillig Glauben.

Dennoch, das Eis war gebrochen, wie es so schön heißt. Die Rekruten erzählten mir von ihren ersten "Gehversuchen" seit dem Tag der Einberufung. Alles in allem hörte ich recht positive Erfahrungen. Meine Fragen beantworteten die jungen Männer offenherzig. Mit den Rahmenbedingungen seien sie größtenteils zufrieden. Auch wenn die Stuben dringend renoviert werden müssten und das Essen nicht immer "wie bei Muttern schmeckt". Auch gegen etwas mehr Geld in der Lohntüte hätte keiner von ihnen etwas einzuwenden … Trotzdem, die meisten haben es sich "beim Bund" genau so vorgestellt.

Ich frage in die Runde, was die Rekruten in den ersten Wochen ihrer Allgemeinen Grundausbildung als besonders positiv empfanden. Die Kameradschaft sei eine ganz wesentliche Erfahrung, die ihnen unglaublich viel gebe, versichern sie mir. Sich gegenseitig stützen, der eine hilft dem anderen. Aber vor allem, sich auf seine Kameraden verlassen zu können. Insbesondere dann, wenn es schwierig wird. Doch die besten "Noten" bekommen die Ausbilder. Ein Rekrut: "Die verlangen von uns nichts, was sie nicht auch selber zu tun bereit wären!" Also so etwas wie "positive Autoritäten im besten Sinne des Wortes?", frage ich. Alle in der Runde nicken zustimmend.

Auf der Heimreise nach Berlin gehen mir angesichts der positiven Eindrücke aus Bruchsal alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Begegnung mit dem Menschrechtsbeauftragten der Russischen Föderation. Dieser hatte mir in einem Gespräch jene schrecklichen Berichte über Vorfälle bestätigt, nach denen Rekruten der russischen Armee von dienstälteren Vorgesetzten auf furchtbarste Weise misshandelt und sogar in den Tod getrieben worden waren. Die Zahl der durch Selbstmord, Misshandlungen und ähnliche Ursachen ums Leben kommenden Soldaten der russischen Armee soll sich - nach Angaben der Vereinigung der Soldatenmütter - zwischen zwei und drei Tausend bewegen. Jedes Jahr. Bis zum heutigen Tag.

Reinhold Robbe

Die Rechnung ist nicht aufgegangen

Am 12. Oktober sitze ich im Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Auf der Tagesordnung steht die Debatte über die Verlängerung des Mandats für den ISAF-Einsatz in Afghanistan. Eine erstaunlich sachliche Debatte. Zum Teil sehr persönlich gehalten. Es geht um das Für und Wider. Es geht um die richtigen Strategien. Und es geht vor allem um die Frage, ob bislang genug geleistet wurde.

Ein Entwicklungspolitiker berichtet von den vielen positiven Veränderungen, die seit dem Einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch sichtbar geworden sind. FDP-Fraktionschef Guido Westerwelle bekommt viel Beifall für eine emotionsgeladene Rede, die wesentlich geprägt ist von seinem Besuch im afghanischen Norden. Er berichtet von einem Verbrechen, bei dem ein Jugendlicher grausam hingerichtet wurde, weil man bei ihm eine Dollar-Note gefunden hatte.

Die meisten Abgeordneten stimmen Westerwelle zu, indem sie die Notwendigkeit unterstreichen, das ISAF-Mandat zu verlängern. Neben den Befürwortern gibt es aber auch Kritiker in der Bundestagsdebatte. Sie fordern eine sofortige Beendigung des Bundeswehr-Engagements. Vertreter der "Linken" sind der Auffassung, die Hilfsorganisationen könnten ihre Aufbauarbeit sogar besser ohne militärischen Schutz leisten. Die Kritiker können keinen Sinn mehr darin erkennen, wofür unsere Soldatinnen und Soldaten Gesundheit und Leben einsetzen.

Während ich von meinem Platz an der Stirnseite des Plenarsaals aus die Debatte verfolge, muss ich unwillkürlich an eine meiner vielen Begegnungen mit Soldaten im Rahmen meiner Truppenbesuche zurückdenken.

Thomas Möller (Name wurde vom Verfasser geändert) hatte das, was man Soldatenglück nennt. Glück, das er bis zum heutigen Tag nicht recht begreifen kann. Bei meinem letzten Truppenbesuch in Afghanistan sitzt er mir im Feldlager von Mazar-e-Sharif gegenüber. Sein Einheitsführer hatte mich nach dem offiziellen Programm zu einem gemütlichen Treffen im Kameradenkreis eingeladen. Hier lerne ich Thomas Möller kennen. Er erzählt mir, was sich damals zugetragen hat. Damals, im Jahre 2003, hatte ein Selbstmordattentäter vier deutsche Soldaten mit in den Tod gerissen. Sie saßen zusammen mit ihren Kameraden in einem Bus, der sie vom Camp Warehouse in Kabul zum Flughafen bringen sollte. Sechs Monate hatte ihr Einsatz gedauert.

Die Soldaten freuten sich darauf, endlich ihre Familien wiederzusehen. Der Bus fuhr in einem Konvoi. Plötzlich überholte ein Taxi die Kolonne und rammte den Bus. Eine Autobombe detonierte. Viele Tote, zahlreiche Schwerverletzte - ein Bild des Grauens.

Thomas Möller schildert mir den Verlauf der Ereignisse. Er saß im Fahrzeug unmittelbar hinter dem Bus. Er sah die Explosion und reagierte sofort, nachdem er den ersten Schock überstanden hatte. Instinktiv kümmerte er sich um seine schwerverletzten Kameraden.

Obwohl seit dem Anschlag inzwischen einige Jahre vergangen sind, gibt es noch immer keinen Tag, an dem Thomas Möller nicht an das Attentat erinnert wird. Der Anschlag hat bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Ohne seine Frau, seine Familie und ohne den Beistand vieler treusorgender Kameraden hätte er die Folgen des Attentats und die seelischen Belastungen nicht verkraftet.

Afghanistan ist für Thomas Möller in erster Linie mit diesem traurigen Ereignis verbunden. Und dennoch meldete er sich erneut für den Einsatz. Mehr noch - er bat seine Vorgesetzten, mit ihm gemeinsam den Ort des Anschlags zu besuchen. Es kostete ihn Kraft und Selbstüberwindung. Für Thomas Möller schließt sich damit ein Kreis. Er macht mit seinem Besuch am Ort des Attentats vielleicht aber auch deutlich, dass die Rechnung der Taliban nicht aufgegangen ist.

Reinhold Robbe

"Die kleine Nadina ist über den Berg"

Eine knappe Stunde dauert der Tiefflug mit dem Hubschrauber von Mazar-e-Sharif nach Kunduz. Ich befinde mich auf einem Truppenbesuch in Afghanistan. Die Maschine bewegt sich nur wenige Meter über dem Boden. Bei geöffneter Heckklappe kann ich sehen, was unter uns geschieht. Aufgeschreckt vom Lärm der Rotorblätter stürmt eine Ziegenherde auseinander. Beduinenkinder blicken neugierig nach oben. Wüstensand wird aufgewirbelt, ein undurchsichtiger Schleier entsteht. Die Piloten sind Meister ihres Faches. Kaum spürbar landet der Hubschrauber im Feldlager des Wiederaufbauteams (PRT) in Kunduz. Vor kurzem noch stand ich während der Trauerfeier in Köln vor den Särgen der drei bei einem Selbstmordanschlag in Kunduz getöteten Soldaten. Jetzt sitzen mir im Gemeinschaftsraum des Feldlagers ihre Kameraden gegenüber. Die Stimmung ist gedrückt. Die Soldaten sind von den Ereignissen gezeichnet. Man kannte sich untereinander gut. Viele waren mit den drei getöteten Kameraden befreundet. Niemand kann das Geschehene fassen. Einem gestandenen Feldwebel laufen Tränen übers Gesicht. Er blickt traurig nach unten, als ich ihn frage, wie er mit dem Verlust seines Freundes umgeht. Ein anderer Soldat macht sich selber Mut - es muss weitergehen, meint er. Irgendwie. Für die Soldaten im PRT ist der Anschlag auf ihre Kameraden nicht ohne Folgen geblieben. Nichts ist mehr so, wie es mal war. Unsicherheit hat sich breit gemacht. Es geht das Gerücht um, die Stimmung unter den Afghanen in den umliegenden Dörfern sei gekippt. Die Menschen fürchteten sich vor weiteren Anschlägen und seien den Deutschen gegenüber jetzt wesentlich reservierter. Andere behaupten, dem einen Anschlag würden weitere folgen. Die Taliban wüssten sehr genau, wie sensibel die deutsche Bevölkerung auf das Selbstmordattentat und den Tod der Soldaten reagiere. Ziel der Terroristen sei es, die deutsche Regierung unter Druck zu setzen, um eine Verlängerung des ISAF-Mandates zu verhindern. Viele offene Fragen, die das Leben im PRT-Lager nicht einfacher machen. Nach einem Zwischenstopp in Feyzabad treffe ich in Kabul ein. Am Nachmittag begleite ich eine Gruppe von Soldaten in das Salimi-Kinderkrankenhaus im Zentrum der Stadt. Das Hospital wurde vor längerer Zeit von einem Ehepaar aus Schwaben gegründet. Seitdem deutsche Soldaten in Kabul im Einsatz sind, unterstützen sie die segensreiche Arbeit dort mit Geld- und Sachspenden. Dieses Mal haben die Soldaten einen Scheck mitgebracht. Stolze 3000 Euro sind zusammen gekommen. Zudem sorgen mehrere Kartons mit Kuscheltieren und Malutensilien für strahlende Kinderaugen. Ich werde von der Klinikleiterin auf die Intensivstation geführt. In einem Bettchen liegt Nadina, gerade mal 40 Tage alt. Sie wurde mit einer komplizierten Verengung der Speiseröhre eingeliefert und musste notoperiert werden. Beatmungsschläuche und Magensonden wirken geradezu monströs bei diesem kleinen Wesen. Der behandelnde Arzt sagt mir, dass eine andere Klinik die Behandlung verweigert habe. Das Kind wäre gestorben. Nachdem ich die vier afghanischen Stützpunkte der Bundeswehr und die logistische "Drehscheibe" Termez besucht habe, sitze ich gemeinsam mit 150 deutschen Soldaten im Luftwaffen-Airbus, der uns nach Deutschland, nach Hause, zurückbringt. Kurz vor Abflug hatte mich noch ein Anruf der Klinik-Leiterin erreicht: Nadina sei über den Berg, berichtet sie mir voll Freude. Bei meinem nächsten Besuch hier wird die Kleine vielleicht schon laufen können.

Reinhold Robbe

"Ja, ich will"

Mike Reichelt *), Mitte zwanzig, ist als Feldjäger im Kosovo eingesetzt. Genauer gesagt als Personenschützer. Man sieht, dass Sport für ihn eine große Bedeutung hat. Kräftige, durchtrainierte Figur, gelenkig und wendig. Kahler Kopf, Sonnenbrille und der unvermeidliche "Knopf im Ohr", an dem alle Bodyguards schnell zu erkennen sind. Er ist ein gebürtiger "Ossi" und hat keine Probleme damit, so bezeichnet zu werden. Anlässlich meines letzten Truppenbesuches bei den deutschen KFOR-Soldaten in Prizren lernte ich Mike Reichelt kennen. Er gehörte zu jenem Personenschutz-Kommando, das für meine Sicherheit zusammengestellt worden war. Während der Fahrten zu den einzelnen Programmpunkten komme ich mit ihm ins Gespräch. Er ist höflich, antwortet präzise auf meine Fragen. Ein fröhlicher Typ, der umsichtig und freundlich reagiert. Ich spüre schnell, dass ihn der Soldatenberuf in jeder Hinsicht ausfüllt, trotz der besonderen Belastungen, die er als Feldjäger zu bewältigen hat. Am Sonntag steht die Teilnahme am Gottesdienst auf meinem Programm. Ein Kamerad aus Mike Reichelts Feldjäger-Kommando bittet mich, beim Fürbittengebet im Gottesdienst einen Part zu übernehmen. Dies wäre eine große Freude für Mike, denn er werde doch am Sonntag getauft. Seine Feldjäger-Kameraden hätten sich bereit erklärt, als Taufpaten zu fungieren. Und wenn der Wehrbeauftragte ohnehin am Gottesdienst teilnehme, so Mikes Kamerad weiter, wäre es eine schöne Sache, wenn der Gast aus Berlin eine Fürbitte für Mike "übernehmen" könnte. Ich stimmte gern zu, und so sollte ich eine Erwachsenentaufe im Einsatz miterleben, wie schon einige Male zuvor. Der Gottesdienst musste wegen der großen Beteiligung von der Kapelle in die "Oase" verlegt werden. Viele haben sich eingefunden. Mike Reichelt ist eben sehr beliebt. Die Hauptperson hat in der ersten Reihe Platz genommen, "eskortiert" von seinen Kameraden, die alle in voller Montur erschienen sind, mit Bristol-Schutzweste und Pistole im Halfter. Die anfängliche Nervosität legt sich nach dem zweiten Lied, das von Gitarre und Harmonium begleitet wird. Die Pastorin findet sofort den richtigen Ton für die Soldaten. Sie vergleicht in ihrer Predigt das Leben mit einer Schaukel, die mal unten und mal oben ist. Zur Unterstreichung ihrer Worte hat sie unmittelbar neben dem Altar eine Schaukel befestigt. Dann wird es ernst für Mike. Gemeinsam mit seinen Taufzeugen schreitet er zum Taufbecken und antwortet mit leiser, aber fester Stimme auf alle ihm gestellten Fragen mit einem "Ja, ich will". Die Pastorin überreicht eine Kerze und wünscht dem neuen Gemeindeglied Gottes reichen Segen. Dem schließen sich alle an. Nach dem Gottesdienst beim "Kirchenkaffee" sitze ich mit Mike Reichelt zusammen. Er schildert mir seine Beweggründe für die Taufe. Er ist erleichtert, diesen für ihn wichtigen Schritt nun vollzogen zu haben. Ihm ist die Freude darüber anzumerken, dass er jetzt in der Christengemeinde seinen festen Platz hat. Für mich war es sehr bewegend, bei diesem besonderen Ereignis dabei sein zu dürfen - bei dem Taufgottesdienst für einen Soldaten, der aufgrund verschiedener Lebensumstände erst sehr spät mit Fragen des Glaubens in Berührung kam. Die Tatsache, dass gerade im Einsatz recht viele Soldaten den Wunsch verspüren, sich durch die Taufe zum Christentum zu bekennen, spricht für sich. Ohne die besonderen Erfahrungen im Einsatz, ohne die Konfrontation mit schwierigen und oft auch gefährlichen Situationen wäre Mike Reichelt vielleicht nicht auf den Gedanken gekommen, sich taufen zu lassen. *) Name wurde vom Verfasser geändert

Reinhold Robbe

"Ich hatt' einen Kameraden"

Am Pfingstsonntag saß ich im Gottesdienst mit Taufe und Abendmahl. Der Pfarrer sprach geradezu euphorisch vom Pfingstfest. Da gehe "die Post ab", meinte er in seiner Begrüßung. Zu Pfingsten erlebe die Christenheit ein besonderes Gefühl der Solidarität. Die wenigen Gottesdienstbesucher schauten eher etwas skeptisch vor sich hin. Davon, dass "die Post abgehen soll", konnte eigentlich nicht die Rede sein. Auch ich war in Gedanken woanders. Musste zurückdenken an eine Trauerfeier, an der ich wenige Tage zuvor in einem großen Flugzeughangar in Köln teilgenommen hatte.
Dort waren die drei toten Soldaten aufgebahrt worden, die bei einem heimtückischen Selbstmordattentat im afghanischen Kunduz ihr Leben verloren hatten. Drei junge Männer, die als Verwaltungsbeamte in Uniform ihre Pflicht erfüllten. Sie waren mit anderen Kameraden zusammen in die Stadt gefahren, um auf dem Markt einzukaufen. Und dann wurden sie von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben gerissen. Ein Attentäter hatte auf sie gewartet. Riss die deutschen Soldaten, fünf afghanische Zivilisten und sich selbst in den Tod.

Vor der Trauerfeier versammelten sich die Trauergäste im Gästekasino. Die Stimmung war gedrückt. Gespräche wollten nicht so richtig entstehen. Jeder der Anwesenden hatte mit sich und seinen Gefühlen zu tun: Fassungslosigkeit und Entsetzen über den Tod, gepaart mit vielen offenen Fragen. So die Frage nach dem "Warum". Warum mußten diese Männer so jung ihr Leben lassen? Warum war es den getöteten Soldaten nicht vergönnt, lebend zu ihren Lieben zurückzukehren? Und auch die Frage nach dem Sinn des Einsatzes deutscher Soldaten am Hindukusch blieb nicht ausgeklammert.

Unter den Gästen befand sich auch der Krankenhauspfarrer vom Zentralkrankenhaus der Bundeswehr in Koblenz. Zusammen mit ihm waren die beiden leicht verletzten Soldaten gekommen, um ihren toten Kameraden das letzte Geleit zu geben. Beiden waren die Schrecken des Anschlages in Kunduz ins Gesicht geschrieben. Der Pfarrer überbrachte mir gute Nachrichten von den zwei Schwerverletzten, die in Koblenz behandelt werden. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiere, so meinte er, seien sie "über den Berg".
Ortswechsel. Flugzeughangar. Die Angehörigen hatten in der ersten Reihe vor den Särgen Platz genommen. Neben ihnen die Militärbischöfe, der Minister, der Generalinspekteur und zahlreiche weitere Ehrengäste. Unter ihnen die beiden verletzten Soldaten und einige Kameraden, die aus Kunduz mitgekommen waren. Die Trauerredner erinnerten an die verstorbenen Soldaten. Sie würdigten deren Einsatz. Sprachen davon, dass ihr Engagement nicht umsonst gewesen sei. Ganz zum Schluß intonierte das Musikkorps "Ich hatt' einen Kameraden". Die Angehörigen blickten fassungslos auf die mit Trauerflor versehenen, großformatigen Fotos ihrer Ehemänner, Söhne und Freunde. Eine Ehrenformation des Wachbataillons trug die Särge aus dem Flugzeughangar. Viele Trauergäste hatten Tränen in den Augen.

An diese berührenden Szenen musste ich denken, als ich am Pfingstsonntag während des Gottesdienstes die Taufe eines neuen Erdenbürgers miterlebte. Vor wenigen Tagen der Abschied von drei Soldaten, die mitten im Leben standen, selber kleine Kinder hatten oder kurz davor waren, eine Familie zu gründen. Und jetzt die Taufe eines Säuglings, für den alle hoffen, dass sein Lebensweg unter einem guten und friedlichen Stern stehen und von Gott gesegnet sein möge. Auch die drei getöteten deutschen Soldaten waren dazu bereit, die Freiheit zu verteidigen. Damit unser neuer kleiner Erdenbürger eine friedliche Zukunft haben kann.

Reinhold Robbe

Null – Toleranz bei menschenverachtendem Video!

Bei meinen Truppenbesuchen stehen die Gespräche mit den Soldatinnen und Soldaten immer im Mittelpunkt. Hier können sie mir das sagen, was ihnen unter den Nägeln brennt. Offen und ungeschönt, ohne Anwesenheit ihrer Vorgesetzten.

Vor wenigen Wochen führte mich ein solcher Truppenbesuch zu einem Standort, an dem Rekruten ausgebildet werden. Nachdem ich mir einen Eindruck vom Zustand der Kaserne verschafft hatte, kam ich in einer Gesprächsrunde mit den Ausbildern - überwiegend Feldwebeldienstgrade - zusammen. Bereits nach wenigen Minuten entwickelte sich eine muntere Debatte über alle möglichen Themen. Mir fiel ein Hauptfeldwebel auf, der sehr eindeutige und klare Vorstellungen hinsichtlich einer optimalen Ausbildung hatte. Er sprach von der Notwendigkeit, mehr Gewicht auf die Charakterbildung der jungen Rekruten zu legen. Denn dies komme häufig zu kurz, wie er meinte. Ein Ausbilder müsse Vorbild sein. Seine Kameraden in der Gesprächsrunde stimmten ihm zu.

Nach dieser Diskussion hatte ich Gelegenheit, mir die Ausbildung vor Ort einmal anzuschauen. Auf dem Programm stand das Überwinden einer Hindernisbahn. Die Rekruten hatten eine Vielzahl von Hürden mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu bewältigen. Die Gesichter mit Flecktarnfarben geschminkt, waren die Soldaten kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Und so musste ich zweimal hinschauen, um in der Gruppe jenen Ausbilder wieder zu erkennen, der mir noch vor einer Stunde im Gespräch gegenüber gesessen hatte.

Hier draußen war er in seinem Element. Er hatte "seine" Rekruten über die Besonderheiten der einzelnen Geländeübungen genauestens informiert und führte selbst vor, was er anschließend von ihnen erwartete. Mir wurde schnell bewusst, dass er von jedem Einzelnen die Stärken und Schwächen kannte. Er wusste, auf was zu achten war. Und: er lobte immer wieder gerade diejenigen, die nicht ganz so elegant und schwungvoll die Hürden überwanden, wie er selbst dies vorzumachen verstand. Dabei fiel mir noch etwas auf: Vor jeder Übung machte der Ausbilder den Rekruten bewusst, was wirklich zählte - dass nämlich die Stärkeren in der Gruppe auf die Schwächeren zu achten hatten.

Von Bedeutung war, dass nicht nur die sportlich fitten Rekruten schnell das Ziel erreichten, sondern die gesamte Gruppe. Auch diejenigen, die eben Mühe hatten, über die Bretterwand zu klettern oder durch einen engen Erdtunnel zu robben. Rücksichtnahme, Kameradschaft, Solidarität: diese Tugenden standen im Mittelpunkt. Das spürten die Rekruten, und deshalb hatten sie großes Vertrauen zu ihrem Ausbilder.

An diesen Truppenbesuch musste ich unwillkürlich denken, als ich vor wenigen Wochen ein Video sah, das inzwischen auch der Öffentlichkeit bekannt ist. Die zweiminütige Aufnahme zeigt, wie einem Rekruten bei dessen Schießausbildung von seinem Ausbilder befohlen wurde, menschenverachtende, ja rassistische Beleidigungen auszurufen. So etwas ist aus meiner Sicht weder nachvollziehbar noch zu entschuldigen. Vor allem aber haben solche Szenen rein gar nichts mit dem Ausbildungsalltag gemein, wie er regelmäßig in der Truppe stattfindet - und wie auch ich ihn bei meinen Besuchen immer wieder erlebe. Insofern betrachte ich es als besonders schlimm, dass diese Videoszenen alle vorbildlichen Ausbilder in Misskredit bringen - auch jenen, den ich bei meinem eingangs geschilderten Truppenbesuch erleben konnte. Nicht zuletzt deshalb darf es für derartige Vorkommnisse bei der Bundeswehr nach meiner festen Überzeugung nur einen Grundsatz geben: "Null-Toleranz".

Reinhold Robbe




Reinhold Robbe © 2005 Bundeswehr / Sandra Elbern
Reinhold Robbe © 2005 Bundeswehr / Sandra Elbern

Reinhold Robbe

Geboren am 9. Oktober 1954 in Bunde (Ostfriesland); evangelisch-reformiert.

  • 1960 bis 1970 Hauptschule, 1970 bis 1973 Berufsbildende Schule.
  • 1973 Kaufmannsgehilfenprüfung bei der IHK Hannover.
  • 1975 bis 1976 Zivildienst.
  • 1974 bis 1975 Verlagskaufmann, Zeitung "Rheiderland",
  • 1976 bis 1986 Verwaltungsmitarbeiter und Betriebsratsvorsitzender der Lebenshilfe Leer,
  • 1986 bis 1994 Pressesprecher und Geschäftsführer beim SPDBezirk Weser/Ems.
  • Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft; Vizepräsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft
  • 1970 Eintritt in die SPD, seit 1972 Mitglied im Ortsvereinsvorstand,
  • 1979 bis 1987 stellvertretender Unterbezirksvorsitzender und bis Mai 2005 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bunde, stellvertretender Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Leer, bis Mai 2005 Schatzmeister des SPD-Bezirks Weser/Ems
  • 1976 bis 1991 Mitglied des Gemeinde- und Samtgemeinderates Bunde, 1980 bis 1991 Fraktionsvorsitzender.
  • Mitglied des Bundestages von 1994 bis 12. Mai 2005, Vorsitz im Verteidigungsausschuss von November 2002 bis Mai 2005.
  • Am 14. April 2005 mit 307 gegen 276 Stimmen bei 15 Enthaltungen und einer ungültigen Stimme zum Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gewählt. Vereidigung und Amtsübernahme am 12. Mai 2005, Amtsübergabe am 19. Mai 2010.