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Dialog, Mission oder Evangelisierung

© KS / Doreen Bierdel
© KS / Doreen Bierdel

Kürzlich meinte ein österreichischer Franziskaner im Gespräch mit mir, er halte es ja eher mit Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI.: Die vorrangige Aufgabe katholischer Organisationen sei die Evangelisierung. Er sage das auch in Bezug auf die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog. Die hat übrigens im Januar den „Drei-Königs-Preis“ des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin und des Katholikenrats beim Katholischen Militärbischof für hervorragende Arbeit für das Zusammenleben der Religionen erhalten. Mission sei das Wichtige, nicht der Dialog, führte der Ordensmann weiter aus.

Für mich als Leiter der franziskanischen Initiative 1219 war das ein herber Schlag in die spirituelle Magengrube. Wähnte ich mich doch immer auf der Seite des heiligen Franziskus, der im Jahr 1219 am Rand des 5. Kreuzzugs den Dialog mit Sultan Al-Kamil gesucht hatte, um diesen unseligen Krieg zu beenden. Eventuell hatte Franziskus sogar vor, den Sultan vom Christentum zu überzeugen. Die vermutlich naheliegendste Friedens-Strategie: Denn Homogenität ist konfliktärmer als Heterogenität. Geklappt hat das nicht, denn wie schon die Religionssoziologie feststellt, ist es für Mitglieder einer Universalreligion eher schwierig, die Angehörigen einer anderen Universalreligion vom eigenen Glaubenskonzept zu überzeugen.

"Über Glaubenssachen nur sprechen, wenn es Gott gefalle"

Franziskus zieht aus der Erfahrung der Gespräche mit dem Sultan und seinem mehrtägigen Aufenthalt im muslimischen Lager seine eigenen Schlüsse. Er schreibt nach seiner Rückkehr in den Entwurf seiner Ordensregel den schönen Hinweis, dass man sich als Franziskaner unter Muslimen so demütig zu verhalten habe wie gegenüber allen anderen Geschöpfen Gottes. Man solle jeglichen Streit und Zank vermeiden, aber sein Christsein nicht verleugnen. Wenn man gefragt werde, solle man Auskunft geben und ansonsten über Glaubenssachen nur sprechen, wenn es Gott gefalle – also mit anderen Worten, wenn die Gesprächssituation so ist, dass es eben nicht zum Streit kommt.

Was bedeutet das aber nun für uns, die wir in einer Gesellschaft leben, die immer pluraler und heterogener wird? In der es bedrohliche Tendenzen zur Abschottung, Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten gibt? Was ist in dieser Situation unsere vorrangigste Aufgabe als Christen? Tatsächlich die Evangelisierung? Eher nicht. Ohne Zweifel ist der Missionsbefehl im Matthäus-Evangelium ein wichtiger Auftrag. Doch wiegt für mich das Friedensgebot Jesu schwerer: Unsere Verantwortung heute ist es, für den gesellschaftlichen Frieden zu arbeiten, den Dialog zu suchen und Minderheiten zu schützen, die diskriminiert werden. Das schaffe ich jedoch nicht, wenn ich alle zum Christentum bekehren will, sondern nur, wenn ich mein Christentum offensiv und überzeugend lebe. 

P.S.: Die rasante Ausbreitung des Christentums in der Antike – das zum Trost für unseren österreichischen Pater – war übrigens nicht das Werk eines ausgetüftelten Missions- und Evangelisierungsplans, wie der Kirchengeschichtler Johan Leemans feststellt. Heiden wurden u. a. deshalb zu Christen, weil die Christen der damaligen Zeit solidarisch zusammenhielten, sich um die Armen und Schwachen kümmerten sowie ohne Angst ihren Glauben lebten.

 

Auf ein Wort (Kompass 07-08 / 2018) 

von Dr. rer. pol. Thomas M. Schimmel,
Geschäftsführer der franziskanischen Initiative 1219.
Religions- und Kulturdialog e. V.