Zum Inhalt springen

„Da blicke ich aus dem Fenster und sehe zu, wie die Blätter ihre Bäume verlieren …“

Gott, mein Gott bist du, dich suche ich,
es dürstet nach dir meine Seele.
Nach dir schmachtet mein Fleisch
wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. 

Psalm 63,1–3

© KS / Barbara Dreiling
© KS / Barbara Dreiling

Diesen Satz hörte ich am Telefon und stutzte. Abgesehen davon, dass der Betreffende die Grippe hatte, war er doch sonst eher von der aufgeweckten Sorte. Da hatte er was verwechselt. Oder?

Die Bäume verlieren ihre Blätter, nicht umgekehrt. Aber es geht eben auch umgekehrt, den üblichen Satz auf den Kopf stellend. Dann verlieren die Blätter ihre Bäume, ihre Zugehörigkeit, die seit dem Frühjahr gewachsen ist, ihren Halt, der sie die Baumkrone schmücken ließ durch alle Trockenheit, durch alle Sommerstürme hindurch. Sie verlieren ihr Grün, ihre Lebenskraft; beides wird ihnen förmlich entzogen. Aus der Sicht der Blätter hört sich der herbstlich natürliche Vorgang irgendwie dramatischer an, finde ich.

"Es tastet nach dir meine Seele"

Der Psalmbeter hatte vor einigen tausend Jahren die Wüste im Blick, in der er lebte, die ihm ihre Natur aufzwang, mit der er sich abzufinden hatte, Tag für Tag. In dieser Lebenswirklichkeit ist es die Dürre, die sengende Hitze, die Trockenheit, derer man wohl zuallererst gewahr wird, die als hervorstechend auch aus dem Herzen seufzende Gebete befruchten.

Unsere mitteleuropäische Lebenswirklichkeit sieht nur partiell etwas Hitze und Dürre vor. In diesem Jahr haben uns diese bereits verlassen. Jetzt stürzen die Blätter von den Bäumen, rückt der Herbst seine Farben heraus, sind die kürzeren Tage voll regenreichem Wind oder dickem Nebel. Würde der Beter in unserer Lebenswirklichkeit aus dem gleichen vollen Herzen nach Gott rufen, klänge es vielleicht so:

Gott, mein Gott bist du, dich suche ich,
es tastet nach dir meine Seele.
Nach dir greift meine fahrige Hand
wie das haltlose verfärbte Blatt,
dem der Baum sein Sommergrün entzog und es fallen ließ.

"Ohne"

So kann unser Gebet klingen, wenn Dämmerung und Dunkelheit eine Neuorientierung herausfordern. Ein echtes Gebet zu Gott, in dem ich zugebe, dass ich manchmal einfach „ohne“ bin: 

Ohne festen Glauben, ohne Zuversicht, ohne klare Ziele, ohne Vertrauen, ohne … – zugeben, dass ein Wind mich umwirft, Zweifel mich treiben, Gedanken an mir zerren, dass ich falle …

Dann kann ich wie der Psalmist auch weiter beten: Meine Seele hängt an dir, fest hält mich deine Rechte. Wenn die Klage raus ist, kann die Zuversicht neuen Raum gewinnen. Probieren Sie es doch aus.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne befreiende und orientierende Gebete in diesem Herbst!
Ihre Carola Lenz

Auf ein Wort (Kompass 10 / 2018) 
Die Autorin ist Pastoralreferentin am Katholischen Militärpfarramt Osterholz-Scharmbeck