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Ethik der digitalen Kommunikation

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Aus mehreren aktuellen Anlässen – darunter das Thema Datenschutz und das Jubiläum „25 Jahre World Wide Web“ im Mai – befasst sich der Juni-Kompass 2018 mit Kommunikation, genauer mit der digitalen Welt und ihrer Ethik.

Hierzu präsentieren wir Stimmen aus der Politik: die Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär MdB, und der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier; aus der Praxis: Prof. Dr. Marlis Prinzing von der Macromedia-Hochschule in Köln und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB); aus der Kirche: Papst Franziskus zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, das Landeskomitee der Katholiken in Bayern und Prof. Andreas Büsch von der Clearingstelle Medienkompetenz in Mainz.

„Selbstverständlich bleiben ethische Fragen ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft und werden sogar immer wichtiger …“

MdB Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt


Digitale Ethik liefert den Kompass für eine aufgeklärte,
kommunikationskompetente Mediengesellschaft.

von Prof. Dr. Marlis Prinzing, Lehrgebiet Journalistik an der Hochschule Macromedia in Köln

Der mündige Mensch ist in der Krise: Was ist noch wahr, was noch privat? Wo geht es lang? Wir brauchen ethische Standards und journalistische Kompetenzen für alle sowie klare Zuweisungen an Akteure aus Journalismus, Wirtschaft, Politik, Informatik und Gesellschaft: Wer trägt Verantwortung und wofür? Nur durch digitale Aufklärung erhalten wir uns ein selbstbestimmtes Leben.

Warum uns ein Ethikkompass auf Kurs bringt in der digitalen Gesellschaft

Die Digitalisierung beschleunigt die Verbindung von Menschen und Maschinen und verknüpft verschiedenartige Funktionen. Spielkonsolen, Puppen und Fernsehgeräte können uns auch überwachen und unsere Gespräche aufzeichnen. Sprachassistenten bestellen Pizzas, Smartphones steuern Licht, Heizung oder Drohnen. Maßgeschneiderte Technik macht uns das Leben bequem – kurz: smart. Ein Ende ist nicht absehbar. Facebook beispielsweise experimentiert mit Sensoren, die Gedanken aus dem Gehirn auslesen und auf Computer oder Smartphone bringen – weit schneller als Menschen je tippen können.

Medienunternehmen vieler Länder investieren laut einem Bericht des Reuters Institute in Oxford in diesem Jahr vor allem in Künstliche Intelligenz-Technik, auch um automatisiert Texte zu produzieren, und in Inhalte für Sprachassistenten wie „Alexa“. Deren Stimmsteuerung liefert ihnen weitere biometrische Nutzerdaten. So bedienen sie auch ihr drittes Innovationsziel – Technik, die Nutzerdaten effektiver als bislang generieren, verfolgen und verwenden hilft – und verwirklichen ein Geschäftsmodell, das dem von Tech-Intermediären wie Facebook ähnlich ist.

Und wir alle erzeugen so immer mehr Daten, machen uns gläsern – und haben immer weniger Ahnung. Nur jeder fünfte Facebook-Nutzer hat laut einer österreichischen Studie beim Registrieren die Allgemeinen Geschäftsbedingungen wenigstens überflogen, nur jeder dritte weiß, dass er dem Tech-Intermediär damit erlaubt, Daten zu sammeln und weiterzugeben, nur acht Prozent ist klar, dass diese personenbezogenen Daten in die USA geschickt werden, aber wenn sie es wüssten, dann würden 88 Prozent dagegen stimmen. Die dieses Frühjahr neu aufgelegten Einstellungen empfehlen uns zudem, die Gesichtserkennung anzuklicken. Denn diese Funktion schütze davor, dass sich Fremde als uns ausgeben und dafür persönliche Fotos missbrauchen. Nicht erwähnt wird: Wer das einstellt, liefert Facebook neue personenbezogene Daten und damit weiteres Erlös-Potenzial. In vielen Debatten über Innovationen werden vor allem die Vorteile erwähnt; wo und wie sie uns schaden können hingegen selten und oft erst bei Skandalen, wie dem im März aufgedeckten Missbrauch von Facebook-Daten durch das nun für insolvent erklärte amerikanische Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica – ein Skandal, der hohe Wellen schlug, weil dies offenbar auch Wahlen beeinflusste.

Studien belegen auch: Viele Menschen verhalten sich paradox. Sie bewegen sich sorglos im Netz und investieren wenig in den Effort, kompetenter zu agieren, obwohl sie einsehen, dass dies nützlich wäre. Und die Mehrheit sieht wenig Alternativen: Man müsse sich halt an den freien Umgang mit persönlichen Daten im Internet gewöhnen. Das heißt aber nicht, dass sie sich dies auch so wünschen. Belegt ist ferner: Fast alle fühlen sich handlungsbereit, handlungsfähig und deutlich weniger hilflos, sobald man ihnen ethische Richtlinien gibt, an denen sie sich konkret ausrichten können. Wer im Netz verantwortungsbewusst und wahrhaftig kommunizieren will, muss wissen, dass er, bevor er etwas öffentlich macht, nachdenken sollte, welche Folgen dies haben kann. Und wem klar ist, was Privatheit wert ist, der reagiert empfindlicher auf Eingriffe. Anders gesagt: Digitale Ethik bringt auf Kurs in eine digital aufgeklärte Gesellschaft.

Der Philosoph Immanuel Kant erläuterte vor 234 Jahren, Aufklärung sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Wer wach ist, etwas wissen will und sich seines Verstands bedient, ermöglicht sich ein selbstbestimmtes Leben, in dem die Regeln fürs Miteinander im Diskurs ausgehandelt werden. Jetzt, knapp ein Vierteljahrtausend später, ist es höchste Zeit für eine digitale Aufklärung, wiederum gestützt auf Wissen und auf Diskurs über zentrale Fragen: Wie lässt sich unter den Bedingungen der Digitalisierung ein verträgliches Miteinander organisieren? Wie ein informationell selbstbestimmtes Leben, in dem wir darüber im Bild sind, was mit unseren personenbezogenen Daten passiert, und die Grenzen neu aushandeln zwischen dem Öffentlichen und dem bislang als unveräußerlich verankerten Menschenrecht auf Privatheit? Fragen, die auch klar machen, dass die Verantwortung hierfür auf den Schultern mehrerer Akteure liegt – vor allem aus Technik, Wirtschaft, Medien, Politik und Gesellschaft.

Wer in der Pflicht ist, Verantwortung zu übernehmen und wofür

Technik ist nicht neutral. Ein Algorithmus sortiert nach den Kriterien, die ihm angewiesen wurden: Höchste Zeit, Informatikern und deren Auftraggebern gezielt Verantwortung für die Folgen, die durch einen Algorithmus entstehen, zuzuweisen.

Für Unternehmen würde sich verantwortungsorientiertes Handeln auch darin widerspiegeln, dass sie Nutzer dann aktiv zum Einverständnis auffordern, ehe sie ein Gerät in Betrieb nehmen können, wenn damit eine massiv in die Privatsphäre eingreifende Bestimmung verbunden ist – wie das Abhören von Gesprächen im Raum –, statt dieses Einverständnis weiterhin irgendwo in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu verstecken. Und Unternehmen müssten zuverlässig und von sich aus offenlegen, wenn es Sicherheitslücken gibt oder sie unsere Datenspuren tracken.

Journalistische Medien tragen Verantwortung für die Folgen von Innovationen, die sie selber einsetzen, wie etwa der automatisierten Textproduktion, sowie als professionelle Kommunikatoren zudem dafür, ihrem öffentlichen Auftrag gerecht zu werden. Sie sollten also Hintergründe und Zusammenhänge der Daten recherchieren sowie beschreiben, was mit ihnen passiert. Sie sollten den Dialog mit dem Publikum pflegen, Raum zum Diskurs bieten, Verbraucherinformationen aber auch Erklärungen liefern zur Rolle von Medien als Garanten für eine demokratische Gesellschaft und zur Kommunikationslogik sozialer Medien: Die Tech-Intermediäre Facebook, Twitter oder Google setzen aufs Impulsive, auf die schnelle Reaktion, aufs Gefühl. Über den Bauch angesprochen, klicken, sharen, liken wir weit schneller, als über den Kopf, also wenn wir erst nachdenken. Je schneller wir reagieren, desto eher liefern wir das, worauf es den Tech-Intermediären ankommt: Nutzerdaten, aus denen sie Erlöse erzielen. Auf diese Auswahllogik hin optimieren diese global agierenden Unternehmen ihre Algorithmen.

Ist einem dieses Prinzip klar, wird deutlich, dass hier auch die Politik gefordert ist, grenzübergreifend regulierend einzugreifen. Weitere Beispiele auf EU-Ebene für eine bessere digitale Aufklärung sind die Ende Mai in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung und eine Richtlinie zum Tracking, die von Plattformbetreibern wie von Medienunternehmen verlangt, offenzulegen, wenn sie personenbezogene Daten sammeln und mit ihnen handeln. Auf Bundesebene gibt es viele Gründungspläne, die im Koalitionsvertrag aufgezählt sind: eine Digital-Agentur als Unterstützung der Regierung bei Plattform- und Telekommunikations-Regulierung, ein Digital-Rat für den Austausch zwischen Politik und nationalen Experten, ein Zentrum für Künstliche Intelligenz und eine Daten-Ethikkommission. Zunächst nur Zukunftsmusik, obwohl akuter Handlungsbedarf besteht. Schon lange und auf mehreren Ebenen. Der britisch-australische Medienwissenschaftler John Hartley behauptete schon vor knapp zwanzig Jahren, die Netzwerkmedien führten in eine „redaktionelle Gesellschaft“, in der Menschen neben etablierten Medien eigenständig Informationen aus dem Netz auswählen, selbst Inhalte produzieren, verbreiten und sich öffentlich artikulieren. Hartley begründete damit seine Forderung nach Medienkompetenz für alle, eine Forderung, die wir heute vielstimmig hören. Aber zwischenzeitlich sind wir so tief in eine virtuelle, eng vernetzte Gesellschaft eingetaucht, die alle Lebensbereiche umfasst, haben so viele Auswüchse von Affektkommunikation auf sozialen Medien gesehen, Lügenpresse-Unterstellungen gehört und in vielerlei Varianten Pöbeleien bis hin zu Hassreden erfahren, dass wohl den meisten klar ist: Wir müssen uns systematisch hin zu einer digital aufgeklärten, kommunikationskompetenten, ethisch geschulten Verantwortungsgesellschaft entwickeln.

Wer die systematische ethische Vermessung der digitalen Gesellschaft vorantreiben kann

In der digitalen Gesellschaft wird „öffentlich kommunizieren“ zu einer Kulturtechnik, die mit Rechnen, Lesen und Schreiben vergleichbar ist Sie sollte deshalb von Grund auf gelernt und geübt werden: Wer publiziert, muss jene journalistische Standards kennen, an denen sich ein verantwortungsorientiertes Veröffentlichen ausrichtet. Der Pressekodex enthält unter anderem auch Richtlinien, die sich als erste Handreichungen in einem Publikationskodex bündeln ließen, dem sich jeder, der öffentlich kommuniziert, verpflichtet: Sich wahrhaftig, also mit bestem Wissen und Gewissen an Belegbarem orientiert zu äußern, die Menschenwürde zu respektieren, die Unschuldsvermutung zu beachten, nicht zu diskriminieren, sich über Opfer von Verbrechen, kranke Menschen und Selbstmörder nur zurückhaltend zu äußern, Tätern möglichst keine Bühne zu geben, zu prüfen, ob eine Information sich durch eine zweite Quelle bestätigen lässt, und vor einer Veröffentlichung deren Folgen abzuwägen. Dieser Kodex ließe sich beispielsweise noch erweitern durch auf digitale Themen ausgerichtete Handlungsempfehlungen, wie sie z. B. die recht weit gediehene Initiative „Digitalcharta.eu“ für digitale Grundrechte in der Europäischen Union diskutiert.

All dies wird nur dann nicht auch Zukunftsmusik bleiben, wenn es gelingt, rasch und als Rückgrat digitaler Aufklärung eine Anlaufstelle einzurichten: einen Digital-Rat als gesellschaftliche Initiative, gemeinnützig ausgerichtet, idealerweise stiftungsfinanziert, aber unabhängig – ähnlich strukturiert wie bestehende Selbstregulierungsorgane (Presse-, Werbe-, PR-Rat z. B.), zusammengesetzt aus Menschen, die Expertise mitbringen aus Technik-, Wirtschafts-, Politik- und aus Zivilgesellschafts-Sicht. Ein solcher Digital-Rat müsste Zug um Zug Aufgabenpakete übernehmen und etwa einen Publikationskodex vorantreiben. Er müsste Taskforces bilden, die rasch und sorgfältig Konzepte erarbeiten für Themen, in denen sich besonders viel bewegt: Sicherung, Weitergabe und Verwertung von Daten; Algorithmen; Robotik; Blockchain; Künstliche Intelligenz; Virtuelle Realität; Manipulation durch gefälschte Informationen, Fotos und Bewegtbilder; Counter-Narrative und Anti-Hassrede-Strategien. Und er müsste schließlich auch Ort sein, wo jeder Beschwerden loswerden kann über digitale Themen, die ihn empören, oder auch Beschwerden, die sich an Plattformen wie Facebook & Co. richten, die noch immer schwer erreichbar sind. Als Koordinator, Gesprächsforum, Beschwerde-Institution und ständige Anlaufstelle könnte er beitragen zu einer selbstbestimmten Zukunft für uns alle, in der wir in der Lage sind, an das digitale Glashaus Jalousien zu montieren und selbst zu bestimmen, wann wir sie hochziehen wollen.

Interview mit MdB Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt

Kompass: Digitale Kommunikation über die unterschiedlichsten Formate und Plattformen ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. „Onliner“ haben gegenüber „Offlinern“ einen erheblichen strategischen Vorteil. Das Ausmaß an digitaler Kommunikation scheint unbegrenzt zu sein. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen? Benötigen wir eine Ethik des Digitalen? Wer könnte diese liefern?

Dorothee Bär: Die Digitalisierung wirkt in ausnahmslos alle Lebensbereiche hinein. Dabei geht es fast immer an die Grundsubstanz dessen, was unsere Gesellschaft ausmacht: Was bedeutet heute noch Privatsphäre? Wie fasse ich das Persönlichkeitsrecht im Zeitalter der Datenaus- und -verwertung auf? Wie ist das Verhältnis von menschlicher und künstlicher Intelligenz? Wie gelangen völlig unterschiedliche Informationen an die Rezipientinnen und Rezipienten und was machen die damit? Wie sieht unser heutiges Kommunikationsmodell eigentlich aus, was Sender und Empfänger angeht? Und wie gehe ich mit persönlicher Ansprache um, die immer auch in einem halb- oder komplett öffentlichen Raum stattfindet, wenn sie über Plattformen geschieht? Selbstverständlich also bleiben ethische Fragen ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft und werden sogar immer wichtiger, weil wir genau jetzt in den Diskurs einsteigen müssen, in dem wir festlegen, wie weit wir in all den betroffenen Bereichen gehen wollen und wo unsere Grenzen und roten Linien gezogen werden müssen.

Kompass: Nun ist in der Koalitionsvereinbarung für die 19. Legislaturperiode im 4. Kapitel der Digitalisierung ein erheblicher Anteil gewidmet. Dort heißt es u. a.: „Die Digitalisierung bietet große Chancen für unser Land und seine Menschen. Chancen für Wohlstand und sozialen Fortschritt. Unsere Aufgabe ist es, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit jeder daran teilhaben kann.“ Was haben Sie sich für diese Legislaturperiode dafür vorgenommen? Wer werden dabei Ihre Partner sein und wo wollen Sie Prioritäten setzen?

Dorothee Bär: Das Spannende ist: Es geht hier nicht um Partikularinteressen oder um ein klassisches Feinschmeckerthema. Es geht um alle und um alles. Und deshalb müssen sich auch alle daran beteiligen, dass es gut wird: Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft. Sie und wir alle gehören dazu und alle spielen eine bestimmte tragende Rolle. Die Politik muss dabei regeln, was möglich und sinnvoll ist. Nicht jede Innovation braucht ein neues Gesetz, aber jedes Gesetz muss daraufhin überprüft werden, ob es noch zeitgemäß ist und das regeln kann, was es eigentlich einmal regeln wollte. Wenn wir uns zum Beispiel überlegen, ob wir Soziale Netzwerke regulieren sollten, dann ist das grundsätzlich keine schlechte Idee. Sie muss aber gut umgesetzt werden.

Kompass: Anfang April musste Facebook zugeben, dass möglicherweise deutlich mehr Nutzer vom Cambridge-Analytica-Skandal betroffen sind als bisher angenommen, nämlich 87 Millionen. Der Facebook-Erfinder und -Besitzer Mark Zuckerberg versprach bei Anhörungen vor dem Justiz- und Handelsausschuss des US-Senats, von nun an mehr in Datenschutz zu investieren und zusätzliche Regulierungen zu entwickeln. Was kann die Politik dafür erwirken? Sind Politik und Facebook sowie alle weiteren Internetgiganten eigentlich noch „auf gleicher Augenhöhe“?

Dorothee Bär: Ich behaupte: ja. Denn wir haben Gerichte und damit die richtigen und bewährten Instanzen, um Recht zu sprechen und über Straf-Tatbestände zu entscheiden. Ich glaube, wir überschätzen Plattformbetreiber, wenn wir ihnen zutrauen – ja, sie sogar verpflichten –, die Rolle der Gerichte zu übernehmen. Und ich möchte das auch nicht. Recht sprechen bei uns nicht die größten US-Konzerne, sondern die Judikative.

Richtig ist aber natürlich, dass wir dafür sorgen müssen, dass Regeln eingehalten werden und dass Menschen, die bestimmte Angebote – aus welchen Gründen auch immer – nutzen möchten, auch einfach wissen, was sie da eigentlich tun und was etwa mit ihren Daten geschieht.

Mit der EU-Datenschutzgrundverordnung, die Ende Mai in Kraft getreten ist, erweisen wir dem Datenschutz immerhin schon mal einen wichtigen Dienst, weil wir auch endlich europäische Standards im Sinne des Verbraucherschutzes und der Transparenz schaffen. Ein wichtiger Schritt auf einem Weg, der vermutlich niemals enden wird, weil sich immer wieder neue Pfade auftun. Wir müssen also immer wieder von Neuem evaluieren, wo wir nachjustieren müssen. Ich glaube dabei noch immer an das Triumvirat des digitalen Zeitalters: praktikable Gesetze auf der Höhe der Zeit, lebensbejahende Innovationsfreude und ein Höchstmaß an Medienkompetenz.

Die Fragen stellte Josef König.

ein Beitrag des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier

Die Digitalisierung hat die Welt rasant verändert. Sie durchdringt fast alle Bereiche des Lebens. Diese Transformation bietet enorme Potenziale. Aber immer stärker werden auch die Risiken sichtbar. Die Digitalisierung gibt keinen Anlass zur grenzenlosen Euphorie, sie führt uns aber auch nicht in die Apokalypse. Wie die großen technischen Umwälzungen zuvor, z. B. der Buchdruck, die Elektrizität, die Dampfmaschinen, Atomkraft oder Biomedizin, muss auch der Prozess der Digitalisierung gestaltet werden.

Die Herausforderungen sind vielfältig. Nutzen und Schaden liegen dicht beieinander: Die globale Vernetzung bietet niemals zuvor gekannte Möglichkeiten zum Austausch von Informationen und zur Verbindung von Menschen weltweit und in Sekundenschnelle. Zugleich wachsen die Gefährdungen durch Falschnachrichten, klickzahlenorientierte Berichterstattung, maschinelle Kommentierungen oder selbstreferenzielle Meinungsbildung in der digitalen Echokammer. Die digitale Kommunikation kann aber auch neue Dynamiken entfalten, die nicht zuletzt in Ländern mit autoritären Regimen neue Formen des Informationsaustausches, der Organisation und Aktivierung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht. Digitale Techniken sind jedoch auch die Basis von Manipulationen, Totalüberwachung und Beschränkung des demokratischen Diskurses, und es können persönlichste Daten zur gefährlichen Handelsware werden. Andererseits wiederum eröffnen neue digitale Geräte und digitale Informationsquellen neue Wege des Lernens, stellen einen nie dagewesenen Wissensspeicher dar und bieten unerschöpfliche, auch niedrigschwellige Angebote zur Wissensvermittlung gerade für junge Menschen. Damit verbunden sind jedoch auch Gefahren des Mobbings, der Gewaltverherrlichung, jugendgefährdender Pornografie und sexuellen Missbrauchs. Die Digitalisierung hat einen globalen Handelsplatz etabliert, neue Marktzugänge ermöglicht und neue Berufswege und Ertragschancen eröffnet. Das hat jedoch auch industrielle Konglomerate und Monopole hervorgebracht sowie ganz neue Räume für kriminelle Machenschaften eröffnet. In der Medizin bieten sich neue Methoden der Gesundheitsprävention, der Behandlung und Diagnostik an, und tragbare Computersysteme in Form von Wearables werden immer mehr zu unseren Alltagsbegleitern. Zugleich besteht die Gefahr einer Dehumanisierung, wenn Ärzte auf Bildschirmen erscheinen, Computer operative Eingriffe am Menschen vornehmen oder Roboter Pflegepersonal ersetzen. Die enormen Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz und virtuellen Realitäten werden uns mehr und mehr in unzähligen Bereichen bei der Arbeit und im Haushalt unterstützen und vieles erleichtern und beschleunigen. Aber es werden auch Arbeitsplätze verloren gehen und der private Bereich dem Risiko der Überwachung ausgesetzt. Maschinen werden immer stärker menschlich agieren – sie rechnen längst nicht mehr nur, sondern ihre Algorithmen entscheiden auch. Immer stärker wird die alte Frage wieder relevant werden, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht.

Die Ambivalenz der Digitalisierung erfordert Regeln. Wie bei jeder neuen Technologie ist festzustellen, dass die Regelungen hinterherhinken. Dennoch stehen wir den neuen Entwicklungen nicht machtlos gegenüber. Deutschland ist führend im Bereich des Datenschutzes. Hessen hat als Pionierland bereits in den 1980er Jahren erste Grundlagen für den rechtlichen Schutz persönlicher Daten geschaffen und den ersten Datenschutzbeauftragten ernannt. Das Bundesverfassungsgericht hat mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung einen neuen Grundrechts-Tatbestand entwickelt. Wichtige Schritte sind auch in jüngster Zeit erfolgt, z. B. durch die Schaffung des Straf-Tatbestands der Datenhehlerei. Die Verabschiedung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes trägt zur Eindämmung von Hass und Hetze im Netz bei.

Dennoch zeigen sich auch Grenzen. Das „World Wide Web“ mit den international agierenden Akteuren ist nicht allein mit nationaler Gesetzgebung zu kontrollieren. Hier sind Lösungen auf supranationaler Ebene erforderlich. Insbesondere auch im Hinblick auf Konglomerate, Unternehmenskartelle und Steuerschlupflöcher braucht es starke Gegengewichte und Durchsetzungsfähigkeit. Die Datenschutzgrundverordnung der EU ist ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch muss sie praxistauglich umgesetzt werden. Länderübergreifend kooperierende Staatsanwaltschaften agieren gegen Kriminalität im Netz. Auch der Forschung im Bereich Cyber-Sicherheit kommt immer größere Bedeutung zu – Hessen nimmt hier weltweit eine der führenden Positionen ein.

Unverzichtbar bleibt der eigene sensible Umgang mit Daten. Grundsätzlich sind Bildung und Befähigung dabei die entscheidenden Voraussetzungen, um der wachsenden Verantwortung gerecht zu werden. Wir werden auch künftig für unser Handeln – und das heißt auch für das Programmieren – Verantwortung übernehmen müssen und werden diese nicht an Maschinen delegieren können. Computer haben kein Gewissen. Der gesellschaftliche, fachliche und politische Diskurs muss intensiviert werden, um die notwendigen Fragen zu stellen und zu beantworten.

Bei vielen der neuen Fragestellungen können wir durchaus auf bestehende Erfahrungen zurückgreifen. Die Vernünftigkeit und Freiheitlichkeit in einer Gemeinschaft von Individuen gleichen Wertes sind seit der Aufklärung Maß und Ziel des ethischen Handelns und prägen unser Menschenbild, das auch dem digitalen Wandel zugrunde gelegt werden muss. Die Werteordnung unseres Grundgesetzes nimmt dies auf und bildet den Rahmen auch für den Umgang mit den neuen Herausforderungen. Die Gewährleistung der Autonomie des Menschen, das Austarieren von Freiheit und Verantwortung, die Reflexion über Handlungsfolgen und das Streben nach dem summum bonum, dem höchsten Glück, sind keine neuen Herausforderungen, sondern bekannte ethische Grundfragen. In einer Risikogesellschaft, die fundamental technisch geprägt ist, gehört die Beschäftigung damit zum Pflichtprogramm und muss uns nicht schrecken.

Die erforderlichen Debatten müssen aber transparent erfolgen, alle gesellschaftlichen Gruppen einbeziehen und dürfen nicht nur Experten überlassen bleiben, auch wenn die technische Komplexität nicht dazu einlädt. Ziel muss es sein, die richtige Balance zu schaffen, zwischen einem innovations- und experimentierfreudigen Klima einerseits und Grenzziehungen zur Vermeidung von Risiken anderseits. Dabei gilt es vor allem, die neuen Möglichkeiten so auszugestalten, dass sie die Menschen mitnehmen, egal welchen Alters, egal wie gebildet oder aus welcher sozialen Schicht. Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Die Digitalisierung kann und muss menschlich gestaltet werden.

„Liebe und tu, was du willst!“, sagte der heilige Augustinus – womit das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe recht gut zusammengefasst ist. Aber was heißt das konkret? Wieviel Liebe haben die Programmierer aufgewendet, deren Arbeit zu einem tödlichen Unfall mit einem autonom fahrenden Auto führte? Oder ist die Frage schon falsch gestellt – schließlich ist jede und jeder selbst dafür verantwortlich, ob und wenn ja, welche und wie viele Daten er bzw. sie einem datensammelnden Unternehmen zur Verfügung stellt?

 

Letzteres, häufig anzutreffendes Argument, trifft den Kern des Problems aber nur bedingt: Wenn der Mensch im Mittelpunkt stehen soll, muss er dies nicht nur mit allen Rechten, sondern auch mit allen Pflichten tun. Nun erleben wir aber seit fast einem Jahrzehnt einen revolutionären Wandel der Kommunikations-Möglichkeiten durch die Digitalisierung: das alte Prinzip der Massenkommunikation – Einer sendet, der Rest hört, liest oder schaut zu; und diese Rollenaufteilung ist nicht umkehrbar – ist obsolet geworden. Wir sind in Social Media prinzipiell beides: Sender und Empfänger – und zwar in Echtzeit! Das bedeutet auf der einen Seite faszinierende Möglichkeiten der Kommunikation, der Zusammenarbeit und Partizipation, wie wir sie noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten. Auf der anderen Seite bedeutet es aber auch, dass die Verantwortung für unser Handeln zugenommen hat, da wir eben nicht mehr nur Rezipienten, sondern immer auch Produzenten von Inhalten sind. Überflüssig zu betonen, dass diese Mehr-Verantwortung weder bei Privatpersonen (#hatespeech) noch bei Präsidenten (#fakenews) immer hinreichend wahrgenommen wird.

 

Getrieben wird diese Kommunikations-Revolution von großen Konzernen ebenso wie von kleinen Startups, denen eines gemeinsam ist: Sie haben Geschäftsmodelle, die auf dem Sammeln, Speichern, Auswerten und Vermarkten von Daten basieren. Und es ist schon jetzt für Nutzerinnen und Nutzer schlechterdings nicht mehr möglich zu wissen, wer alles was über ihn bzw. sie gespeichert hat. Insofern ist der Einzelne in seiner Verantwortung schlicht überfordert und wir brauchen eine Ethik der Digitalität, die auf die zentralen Fragen, wie wir künftig miteinander leben wollen und welche Entwicklungen unserer Gesellschaft wir anstreben, überzeugende Antworten liefert.

 

Diese Antworten sind sicherlich alles andere als einfach; die scheinbar einfachen Antworten haben mehr oder minder schnell erkennbare Haken. Und das macht es auch für die Politik so schwierig, überzeugende gesetzgeberische Lösungen zu finden – zumal ja immer auch ein vernünftiger Interessenausgleich hergestellt werden muss. Hin und wieder mag es scheinen, dass Digitalisierung dabei eher rein ökonomisch betrachtet wird, mit großer Freude an Innovationen und Sorge vor Umwälzungen z. B. des Arbeitsmarkts. Aber das kann und darf nicht die einzige Perspektive sein: die Grundrechte, auf die wir in einer demokratischen Gesellschaft stolz sein können, müssen als kritischer Maßstab der Entwicklungen angeführt werden – es geht um nicht weniger als Meinungs- und Informationsfreiheit, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Menschenwürde. Ob dazu die Gespräche der dritten oder vierten Führungsebene eines Konzerns wie Facebook mit der Bundesjustizministerin schon ausreichend sind, sei dahingestellt.

 

Neben diesen Fragen nach Ethics by design und rechtlichen Rahmungen gibt es aber auch Phänomene wie Hate Speech, Fake News, usw., die belegen, dass Netzdiskurse an sich offensichtlich immer weniger in der Lage sind, normative Fragen angemessen zu behandeln. Notwendig ist daher eine Rückbesinnung auf Werte und Normen, die der Digitalisierung vorausliegen und die durch eine Medienbildung für alle Generationen diskursiv vermittelt werden müssen. Dazu braucht es keine neuen, „digitalen“ Werte, sondern vielmehr ein neues Wertebewusstsein, dass die „analogen“ Werte auf Digitalisierung hin und in der Kommunikation durch und über digitale Medien neu übersetzt und anwendet. Gerade angesichts der angesprochenen Phänomene dysfunktionaler Kommunikation brauchen wir eine Rekonstruktion klassischer Werte wie Menschenwürde, Nächstenliebe, Toleranz etc. in digitalen Kontexten. Die Liste der Werte ließe sich noch deutlich fortsetzen – vor allem aber müssen diese Werte im alltäglichen Leben von uns gelebt werden. Insofern brauchen wir vor einer Ethik der Digitalität vor allem ein praktisch gelebtes Ethos, eine Haltung und ein aktives Eintreten für eine „Kultur der Verständigung, der Versöhnung und der Freundschaft“ (Benedikt XVI., 2009). Das wäre sicherlich auch im Sinne des Hl. Augustinus.

 

Prof. Andreas Büsch,
Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz
der Deutschen Bischofskonferenz
an der Katholischen Hochschule Mainz



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