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101. Katholikentag: Suche Frieden

© KS / Doreen Bierdel
© KS / Doreen Bierdel

„Suche Frieden“ – das biblische Motto des diesjährigen Katholikentags am 9.–13. Mai in Münster ist besonders für Soldatinnen und Soldaten sowie die Militärseelsorge von spezifischem Interesse. Im Interview äußert sich Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), Präsident der Deutschen Kommission Justitia et Pax; der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Prof. Thomas Sternberg, geht auf „Auftrag und Sehnsucht“ ein. Der Bundesvorsitzende der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS), Oberst Rüdiger Attermeyer, zitiert „Willst Du den Frieden, rüste zum Krieg!“ und Dr. Enrico Fels von der Universität Bonn betrachtet die Friedenslage aktuell und weltweit.

Zugleich jährt sich im April 2018 zum 35. Mal die Veröffentlichung des wegweisenden Wortes der Deutschen Bischöfe „Gerechtigkeit schafft Frieden“, das 1983 in Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, der Friedensbewegung und in einer Reihe mit Erklärungen weiterer Bischofskonferenzen erschien.

„Ziel des militärischen Beitrags zur Friedenssicherung darf daher unter den heutigen Bedingungen nicht die Kriegführung, sondern muss die Verhinderung des Krieges sein, und zwar jeden Krieges.“

Gerechtigkeit schafft Frieden. Wort der Deutschen Bischöfe zum Frieden, 1983


von Dr. Enrico Fels,

Leiter der Forschungsgruppe „Sicherheit und Diplomatie“ am Center for Global Studies der Universität Bonn

Die Bedeutsamkeit von Frieden für das menschliche Zusammenleben ist kaum zu überschätzen. Überlegungen zur Erreichung eines „allgemeinen Friedens“ (Dante Alighieri) oder gar „ewigen Friedens“ (Immanuel Kant) gehen weit zurück. Dies ist begründet. Auf Willy Brandt geht die sprachstarke Formel zurück, dass „Frieden nicht alles, aber ohne Frieden alles nichts“ sei. Aus der alltagssprachlichen Verwendung wird ersichtlich, dass ‚Frieden‘ vorrangig zur Beschreibung eines (sozialen) Zustands verwendet wird, der von einer Abwesenheit von Gewalt bzw. Gewaltanwendung zwischen Individuen, Gruppen und menschlichen Institutionen wie Staaten geprägt ist. Ein solches Verständnis legen auch die etymologischen Wurzeln des Begriffs „Frieden“ nahe, welche im althochdeutschen fridu für „Schutz“ und „Sicherheit“ liegen. Frieden wäre somit gängig als Gegenbegriff zu Krieg, einem Zustand gewaltsamen Unfriedens, zu verstehen. Der Friedensforscher Johan Galtung sah in der Abwesenheit von Krieg indes nur einen „negativen Frieden“. Erst die Beseitigung von strukturellen Faktoren wie Unterentwicklung, Armut oder Hunger, die Gewaltanwendungen wahrscheinlicher machen, schafft laut Galtung einen „positiven Frieden“. Ebenfalls relevant ist zudem die Unterscheidung zwischen Innen und Außen in einem nach wie vor von Staaten geprägten internationalen System (trotz aller Interdependenzen und Supranationalisierungen) und damit für Betrachtungen zum gegenwärtigen Stand des Friedens in der Welt hilfreich.

Frieden heute

Mit dem Ende des Kalten Kriegs, der Forcierung der Globalisierung und der Zunahme demokratisch-organisierter Staaten kam es zu einer bemerkenswerten Reduktion offener zwischenstaatlicher Gewaltanwendung, die gemäß den Daten des Center for Systemic Peace aktuell beinah verschwunden ist. Anders als in früheren Jahrhunderten scheint der Krieg zwischen Staaten mit der Jahrtausendwende mittlerweile eine sehr seltene Ausnahme geworden zu sein.

Schwache Staatlichkeit als Bedrohung für den inneren Frieden

Von einem Rückgang zwischenstaatlicher Gewalt auf eine friedlichere Welt zu schließen, wäre aber verfehlt. Die Intensität innerstaatlicher Konflikte, welche sich nach dem Ende des Kalten Kriegs halbierte, weist weiterhin ein hohes und sogar leicht ansteigendes Niveau auf. Besonders betroffen hiervon sind Staaten mit muslimischen Mehrheiten, die vergleichsweise selten demokratisch verfasst sind. Neben einer starken und weiterhin anwachsenden Ausbreitung jihadistischer Lesarten des Islams, welche den Dar al-Islam (Haus des Islam) zivilisatorisch in die Zeit des Religionsstifters zurückentwickeln und expandieren wollen, sind für diesen Trend auch militärische Interventionen westlicher Staaten verantwortlich. Letztere bezweckten autokratische Governance-Strukturen in muslimischen Ländern wie bspw. Irak, Afghanistan oder Libyen in Reaktion auf die 9/11-Anschläge umzuformen, um eine Demokratisierung und Liberalisierung der binnenstaatlichen Verhältnisse einzuleiten. Durch die Beseitigung von innerstaatlichen strukturellen Gewaltquellen sollten neben einer besseren Wirtschaftsentwicklung auch außenpolitische Gewaltakte gegen andere Staaten unterbunden und damit Regionen friedfertiger werden. Ob diese westlichen Bemühungen gut begründet waren und letztlich gelingen, bleibt angesichts der überschaubaren Erfolge bisheriger Staatsbildungs-Bemühungen trotz hoher menschlicher und materieller Opfer offen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bspw. Irak und Afghanistan noch Jahrzehnte internationale Unterstützung benötigen, um über gefestigte staatliche Strukturen ihren Bürgern einen inneren Frieden gewähren zu können.

Die angesprochene „Re-Islamisierung“ (Stephan Conermann) hat auch zu einer Intensivierung innerstaatlicher Spannungen in mehrheitsmuslimischen Staaten beigetragen, die negative Auswirkungen auf die staatliche Stabilität der betroffenen Länder hat. Die Entstehung schwer regierbarer Räume, in denen entscheidende Staatsfunktionen wie etwa eine handlungsfähige Verwaltung oder leistungsfähige Institutionen zur Reduktion von innerstaatlicher Unsicherheit fehlen, ist ein Symptom fragiler Staatlichkeit. Die Herstellung eines inneren Friedens wird so schwierig bis unmöglich. Es sind vor allem muslimische Länder, die am stärksten unter terroristischen Anschlägen leiden, welche nach 9/11 enorm zugenommen haben. Die Folgen dieser offenen und verdeckten Bürgerkriege sind neben der Erosion staatlicher Strukturen und der Zerstörung wirtschaftlicher Potenziale aber auch das Vorantreiben einer „gesellschaftlichen Desintegration“ (Kai Hirschmann) etwa in Form ethnischer Säuberungen und religiöser Vertreibungen, wie sie u. a. die Jesiden oder Christen des Nahen und Mittleren Ostens in hoher Zahl betrifft. Die großen Grausamkeiten gegen die erste Gruppe hat im Westen zu Recht eine hohe (gleichwohl unzureichende) Aufmerksamkeit erhalten. Das weitgehende Schweigen westlicher Eliten gegenüber der weltweiten Christenverfolgung und -diskriminierung, die laut dem Hilfswerk Open Doors 200 Millionen Menschen betrifft, verwundert indes und lässt sich auch mit der Ablehnung des Eigenen („Oikophobie“, Roger Scruton) nur unzureichend erklären.

Ein weiterer Faktor für die Zunahme schwacher Staatlichkeit ist das enorme demographische Wachstum in unterentwickelten Ländern, welches sozio-ökonomische Problemlagen bei schwacher staatlicher Steuerungsfähigkeit verstärkt. Laut den Vereinten Nationen (VN) wird sich die Zahl der Menschen in Afrika bspw. bis 2050 von derzeit 1,256 Mrd. Menschen auf 2,528 Mrd. verdoppeln und im Jahr 2100 ca. 4,5 Mrd. erreichen. Wächst die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt der betroffenen Länder nicht ausreichend mit, können sich innerstaatliche Spannungen intensivieren und in offene Konflikte umschlagen. Verschärfend kommt hinzu, dass 60% der Menschen in Afrika 2017 unter 24 Jahren alt waren. Untersuchungen des Völkermord-Forschers Gunnar Heinsohn zum Youth Bulge legen nahe, dass insbesondere ein Überschuss an jungen Männern gesellschaftlichen Unfrieden, Bürgerkrieg sowie Migrationswellen antreiben kann.

Innerer Unfrieden kann ansteckend sein und auf Nachbarstaaten und -regionen übergreifen. Entwicklungen in fragilen Staaten haben damit auch Auswirkungen auf die Verfasstheit bisher starker Staaten in den Wohlstandszonen Nordamerikas, Ostasiens und Europas. Die Kohäsionskräfte westlicher Gesellschaften in Europa geraten bspw. im Zuge der „neuen Völkerwanderung“ (Hans-Peter Schwarz) derzeit unter gewaltigen Druck. Gesellschaftliche Verteilungskämpfe werden durch Vertrauensverluste und Entsolidarisierung im Zuge einer diversitätsinduzierten „social isolation“ (Robert Puttnam) weiter angeheizt. Neue wie alte religiöse, kulturelle und ethnische Verwerfungen und Konflikte belasten den inneren Frieden, während staatliche Sicherungs- und Sicherheitssysteme an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und Finanzierbarkeit geraten. Kontroll-Unwilligkeit der Politik führt so zu partieller Kontroll-Unfähigkeit des Staates samt einer wachsenden Legitimationskrise staatlicher Stellen mit potenziell irreversiblen Folgen für die Stabilität und Stärke der betroffenen Gesellschaften.

Der äußere Frieden unter Druck: Re-Geopolitisierung und fragmentierte Globalisierung

Auch der begrüßenswerte Rückgang zwischenstaatlicher Gewalt sollte kein Grund zur Entwarnung sein, befindet sich doch das internationale System derzeit in einem „tiefgreifenden Transformationsprozess“ (Hanns Maull). Kontinuierliche machtpolitische Verschiebungen (angetrieben durch wirtschaftliche Prosperität insbesondere in Asien) sowie der technologische Fortschritt sorgen neben dem demographischen Wandel für bedeutsame globale Veränderung. Dies führt bspw. zu einer Wiederauflage geopolitischen Denkens und setzt die internationale Ordnung, welche nach dem Ende des Kalten Kriegs errichtet wurde, unter enormen Anpassungsdruck. Die globalisierungsbedingte Wohlstandsvermehrung, die das durchschnittliche Lebensniveau aller Weltregionen verbesserte, hatte zudem Auswirkungen auf die Verteidigungsausgaben vieler Länder. Inflationsbereinigte Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI zeigen, dass die internationalen Rüstungsausgaben bereits seit mehr als einer Dekade höher als in den Jahren vor dem Ende des Kalten Kriegs sind. Aufsteigende Schwellenländer wie Brasilien, Südafrika und Indien beanspruchen mittlerweile offen mehr Mitspracherechte im Rahmen des VN-Sicherheitsrats. Auch ein selbstbewussteres Russland sowie ein wiedererstarktes China pochen auf mehr Multipolarität und Rücksicht auf ihre nationalen Interessen. Besorgniserregend ist, dass eine zunehmende Re-Geopolitisierung die Beziehung zwischen führenden Großmächten verschärft. Die chinesische und russische Kritik an außenpolitischen Vorstellungen der USA und ihrer Verbündeten wird dabei teilweise mit dem Einsatz militärischer Mittel untermauert. Derzeitige Konflikte in der Ostukraine, im Südchinesischen Meer oder auf der Koreanischen Halbinsel sind Symptome dieser kontrastierenden regionalen Ordnungsvorstellungen.

Insbesondere China kann enorme machtpolitische Gewinne seit Ende des Kalten Kriegs verzeichnen. Beispielsweise hat die chinesische Volkswirtschaft kaufkraftbereinigt die amerikanische seit einigen Jahren hinter sich gelassen (Internationaler Währungsfond 2017: 23,1 Mrd. Int$ (Internationale Dollar) vs. 19,4 Mrd. Int$). SIPRI-Daten zeigen zudem, dass Peking mittlerweile auch substanziell mehr Ressourcen für die eigene Rüstung aufwendet. Waren die US-Verteidigungsausgaben am Ende des Kalten Kriegs noch 22-mal höher als jene Chinas, gab Washington 2016 weniger als dreimal soviel wie Peking dafür aus. Auch droht die sino-amerikanische Rivalität, die Globalisierung im Zuge eines neuen Null-Summen-Denkens zu fragmentieren und die Welt in isolationistische Wirtschaftsblöcke aufzuspalten. Donald Trumps Politik des America First verträgt sich nur bedingt mit Xi Jinpings Chinese Dream, gerade weil beide einer ähnlichen, eigennutzen-maximierenden Logik folgen. Friedensstiftende Prosperitätsgewinne werden so durch neues Blockdenken gefährdet. Die globale Unsicherheit wird weiter erhöht, solange die „Große Mauer in den Köpfen“ (Xuewu Gu) nicht geschliffen ist.

Der Fall Nordkorea zeigt zudem, dass die zivilisationsgefährdende Bedrohung kernwaffen-gestützter Kriege keineswegs mit dem Fall des Eisernen Vorhangs endete. Pjöngjangs nukleare Aufrüstung gefährdet offen den äußeren Frieden in Ostasien. Die Unterminierung des Atomwaffen-Sperrvertrags durch Nordkorea als erstem Land, welches seine Unterzeichnung zurückzog, setzt Anreize für andere Regionalstaaten, im Sinne der nuklearen Abschreckung gleichfalls Kernwaffen anzuschaffen. Entsprechende Debatten in Südkorea und Japan haben bereits begonnen. Die desolate wirtschaftliche Lage des Kim-Regimes könnte zudem zur zukünftigen Forcierung nukleare Proliferation zur Devisengewinnung ermuntern. Das internationale Sicherheitsdilemma wird so in einer schwierigen Zeit der Machtverschiebung zwischen Großmächten und steigendem Rivalitätsdenken zusätzlich verschärft.

Deutschland in einer unfriedlicheren Welt

Die Zunahme sicherheitspolitischer Herausforderungen auf globaler, regionaler sowie nationaler Ebene hat in den letzten Jahren auch zu einem deutlichen sicherheitspolitischen Gestaltungswillen innerhalb der Bundesrepublik geführt. Lange hatte Berlin eine bequeme „Machtvergessenheit“ (Hans-Peter Schwarz) gepflegt, in der Deutschland eine oft sehr passive Rolle als Trittbrettfahrer zukam. Trotz seiner historischen Sonderrolle war Berlin mit dieser Passivität in der Zeit nach der Implosion der Sowjetunion nicht gänzlich alleine: Ein Mangel an realistischem strategischen Denken war nach dem Ende des Kalten Kriegs in vielen liberalen Demokratien angesichts der Hoffnung auf ein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) sowie eine fiskalische Friedensdividende zu beobachten. Zudem wurden sicherheitspolitische Fragen gerade im öffentlichen Diskurs Deutschlands lange tabuisiert.

Das politische Bewusstsein dafür, dass die komplexen, stark globalisierten Gesellschaften des Westens trotz ihrer vergleichsweise hohen konventionellen militärischen Stärke und wirtschaftlichen Prosperität grundsätzlich verwundbarer geworden sind, ist in den letzten Jahren gewachsen. Traditionelle und nichttraditionelle Herausforderungen für den inneren und äußeren Frieden kamen dabei gleichermaßen in den Blick der deutschen Politik. Jüngste Aussagen führender deutscher Politiker auf der Münchner Sicherheitskonferenz deuten darauf hin, dass Berlin im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit und angesichts der Zunahme neuer Bedrohungen die eigene Rolle in der internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik noch weiter ausbauen will. Inwiefern für diese Absichten auch die dringend benötigten Ressourcen bereitgestellt werden, bleibt abzuwarten. Dass die im globalen Maßstab kleine Bundesrepublik aber axiomatisch neben der bewährten transatlantischen Zusammenarbeit auch auf europäische Antworten für globale Herausforderungen setzt, ist im Hinblick auf die Errichtung eines von Kant vorgeschlagenen, dauerhaft friedensgenerierenden Staatenbunds grundsätzlich begrüßenswert.

Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), vor Beginn des diesjährigen 101. Katholikentags in Münster.

Kompass: Unter dem Leitgedanken „Suche Frieden“ richten der Zusammenschluss der katholischen Laienverbände und der Diözesanräte im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Bischof von Münster den 101. Deutschen Katholikentag in der westfälischen Domstadt aus. Ist es Ihrem Eindruck und Ihrer Sicht der Dinge nach das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt?

Bischof Ackermann: Das Thema Frieden ist derzeit definitiv das richtige Thema. Schauen wir auf die Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten, im Verhältnis zu Russland oder auf der Koreanischen Halbinsel dann wird deutlich, dass wir vor sehr ernsten Herausforderungen stehen. Nehmen wir die vielfältigen Konflikte und Gewaltprobleme z. B. in Lateinamerika und Afrika sowie den Veränderungsdruck durch den Klimawandel hinzu, dann kann gar kein Zweifel bestehen, dass wir gut beraten sind, uns mit diesen Problemen zu befassen. Allerdings sollten wir uns vor der Versuchung hüten, uns durch eine allzu harmonische und „nette“ Befassung mit den Themen vor allem selbst zu beruhigen. Wer etwas für den Frieden tun will, muss sich Unrecht und Gewalt stellen. Friedensarbeit führt daher notwendig in den Konflikt. Sie ist immer Beziehungsarbeit. Dabei kommt ernsthaften Dialogen eine zentrale Bedeutung zu. Der Katholikentag ist dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit. Der besondere Genius loci von Münster kann dabei nur hilfreich sein.

Kompass: Nun beten Christinnen und Christen und mit Sicherheit auch weitere Menschen guten Willens zu Beginn eines jeden neuen Jahres für den Frieden in der Welt, für den Frieden zwischen den Völkern und Staaten und unter den Menschen. Reicht es Ihrer Meinung nach aus, für den irdischen Frieden zu beten, oder ist nicht gerade von Christen mehr zu erwarten? Was können dafür die Weltkirche, die Ortskirchen und jeder einzelne Christ, jede Christin dafür tun?

Bischof Dr. Ackermann: Das Gebet ist unverzichtbar. Es hilft uns sowohl, uns nicht entmutigen zu lassen als auch unsere Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Die Ausrichtung auf den Herrn hilft uns auch, der menschlichen Versuchung zu widerstehen, den bisweilen unangenehmen Auseinandersetzungen auszuweichen. Es beginnt also mit einer klaren Haltung, die zugleich demütig und entschieden ist. Ohne diese im letzten geistliche Haltung verfällt man allzu schnell in Aktionismus, dem nach gewisser Zeit die Luft ausgeht und der dann in Enttäuschung und Frustration endet. Doch es ist ganz offensichtlich, dass die richtige geistliche Haltung aus sich heraus zum sichtbaren Zeugnis und zu praktischem Handeln drängt. Gewaltüberwindung und Friedensarbeit bedeuten, der Gewalt und ihren Folgen ins Gesicht zu schauen und praktische Antworten zu formulieren. Es reicht nicht, das Elend der Welt zu beklagen. Dazu gehört, dass wir uns insbesondere zu den Opfern in konkrete solidarische Beziehung setzen. Das ist nicht immer einfach, aber es gibt keine Gewaltüberwindung und perspektivisch gesellschaftliche Versöhnung ohne die Opfer. Dabei schauen Christen und Christinnen nicht weg – auch wenn es bisweilen schwerfällt. Es gibt keinen Frieden und keine Versöhnung am Kreuz, an den Opfern vorbei. Das Zeugnis der Kirche, getragen vom Heiligen Geist und den Gläubigen, ist dabei vielfältig. Ich denke z. B. an die großartige Unterstützung und Zuwendung, die viele den Geflüchteten in unserem Land haben zuteilwerden lassen. Aber ich denke auch an die beharrliche Arbeit der Rüstungsexport-Berichte, die die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung seit vielen Jahren herausgibt. Es kommt darauf an, dass wir der Gewöhnung an Gewalt und Unrecht entgegentreten und praktische Räume schaffen, in denen die Gewalt, ihre Ursachen und ihre Folgen zur Sprache kommen, damit sie nicht das letzte Wort haben. Dabei können wir gerade auch weltkirchlich viel voneinander lernen, weshalb die Deutsche Kommission Justitia et Pax gemeinsam mit ihren Partnern den Austausch dieser Erfahrungen z. B. mit Workshops fördert. Wir sollten in diesem Zusammenhang auch nicht die Bedeutung der ökumenischen und interreligiösen Zusammenarbeit unterschätzen. Das gemeinsame Zeugnis für Frieden ist uns – wo immer möglich – abverlangt. Die beeindruckenden Beispiele der christlich-muslimischen Kooperation in Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik sind weit über diese Kontexte hinaus bedeutsam.

Kompass: Die Kirche bekräftigt seit Langem, dass weder die Androhung noch der Einsatz von Atomwaffen annehmbar sind. Zuletzt tat dies Papst Franziskus zu Beginn einer internationalen Konferenz für eine atomwaffenfreie Welt und atomare Abrüstung Anfang November 2017 im Vatikan. Das Treffen im Vatikan war das erste zu diesem Thema seit der Unterzeichnung des Abkommens für ein Atomwaffenverbot, das 122 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen Anfang Juli unterzeichnet haben. Deutschland und andere Regierungen unterzeichneten nicht. Belassen es auch die Mitglieder der Deutschen Kommission Justitia et Pax dabei oder ist mit weiteren Initiativen zu rechnen?

Bischof Dr. Ackermann: Die Deutsche Kommission Justitia et Pax befasst sich schon seit Langem mit den Herausforderungen der nuklearen Bewaffnung. Dabei haben wir feststellen müssen, dass die Bedrohungen durch Atomwaffen nicht zuletzt durch die gewachsenen Proliferationsrisiken in den letzten zwanzig Jahren wieder erheblich gestiegen sind. Dementsprechend begrüßen wir auch die Initiative von Papst Franziskus. Sie stärkt die politische Aufmerksamkeit für ein Thema, dass allzu schnell von der Tagesordnung rutscht. Auch hier gilt: Wir dürfen uns nicht an die nukleare Abschreckung gewöhnen. Es ist hohe Zeit, dass die von den Atommächten gegebenen Versprechen zur nuklearen Abrüstung endlich erfüllt werden. Die aktuellen Tendenzen zur Modernisierung der Atomwaffen erhöhen die Unsicherheit und sind ausgesprochen bedrohlich. Als Kommission erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie sich zukünftig stärker für die nukleare Abrüstung einsetzt. Die Haltung der Bundesregierung in dieser Frage, z. B. sich nicht an den Verhandlungen zum Atomwaffen-Verbotsabkommen zu beteiligen, war bisher sehr unbefriedigend und definitiv ein falsches Signal. Ich denke, wir sind gut beraten, auch alte politische Gepflogenheiten wie die nukleare Teilhabe auf den Prüfstand zu stellen. Ein „Weiter so“ in der Hoffnung, dass es schon gut gehen wird, wäre höchst fahrlässig und zudem angesichts der Kosten der nuklearen Rüstung nicht zu vertreten. All diese Fragen werden wir am 11. und 12. Oktober 2018 im Rahmen eines friedenspolitischen Kongresses zur nuklearen Abrüstung in Berlin diskutieren. Damit wollen wir ein starkes politisches Signal setzen, dass wir von der Politik mehr konstruktive Initiative erwarten. Dabei werden wir auch die Perspektiven unserer Partner aus Europa, den USA, Afrika sowie Asien einbringen. Es ist eine globale Herausforderung. Das muss sich in der Art und Weise widerspiegeln, wie wir diese Fragen diskutieren. Manchmal will mir scheinen, dass die Nuklearfragen sozusagen im Modus 2.0 der alten Blockkonfrontation behandelt werden. Das hieße aber, die gewandelten internationalen Verhältnisse zu unterschätzen. Wer die nukleare Bedrohung überwinden will, muss sich intensiv mit den globalen sicherheitspolitischen Problemstellungen und Bedürfnissen befassen. Die Fragen sind zu ernst, um sie den Atommächten allein zu überlassen.

Die Fragen stellte Josef König.

Prof Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Seit ihren frühesten Anfängen sind Katholikentage mit dem Anspruch verbunden, die Zeichen der Zeit zu erkennen und aus der Perspektive des christlichen Evangeliums zu betrachten; nein, nicht nur aus „sicherer Distanz“ zu kommentieren, sondern teilzunehmen und teilzuhaben an der Suche nach Antworten und Lösungen für die damit verbundenen Herausforderungen. Glaube und Politik, Weltverantwortung und Gottesdienst, persönliches Engagement und Erleben der Gemeinschaft: an den Katholikentagen kommt dies zusammen.

Profil geben

Folgerichtig kennt ein Katholikentag zunächst einmal keine thematische Beschränkung. Alles, was Menschen beschäftigt und umtreibt, was sie besorgt macht und natürlich auch das Schöne in unserer Welt – oder wie es am Anfang der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“ – all das gehört zu einem Katholikentag. Dennoch bekommt jeder Katholikentag aus der Zeit heraus, in der er stattfindet und unter Berücksichtigung des jeweiligen Ortes zusätzlich sein besonderes Profil.

Friedensstadt Münster

In der Stadt Münster und im Blick auf das Jahr 2018 haben wir nicht lange nach einem solchen unverwechselbaren Generalthema suchen müssen. Münster wurde – zusammen mit Osnabrück – zur Friedensstadt, nachdem im grausamsten Krieg der frühen Neuzeit über drei Jahrzehnte hinweg Millionen Menschen getötet und ganze Länder Europas verwüstet worden waren und man 1648 endlich, endlich hier den Westfälischen Frieden schließen konnte. Dreißig Jahre zuvor, also vor genau 400 Jahren – wurde dieser von den Menschen als wahrer Weltenbrand empfundene Konfessionskrieg entfacht.

Und wir werden noch an einen weiteren grausamen Krieg erinnert werden, in dessen Verlauf ebenfalls unvorstellbare Gräuel stattfanden, und der wieder millionenfaches Leid über Europa brachte. 100 Jahre wird es dann her sein, dass der 1. Weltkrieg, im Englischen der „Great War“, mit seinen unfasslichen, unsinnigen Menschenschlächtereien, im Herbst 1918 zu Ende ging.

Mehr als Abwesenheit von Krieg

1618 und 1918: Beide Jahreszahlen und die damit verbundenen Ereignisse werden beim Katholikentag in Münster eine Rolle spielen. Aber nicht nur Frieden als Begriff für die Abwesenheit von Krieg und Gewalt hat uns zu dem Leitwort motiviert. Viele Entwicklungen wie Globalisierung, Pluralisierung der Gesellschaft und Zusammentreffen von Kulturen und Religionen haben als Kehrseite Versuche der Abschottung, die Suche nach einer Abgrenzung. Menschen suchen nach Identität und Leitbildern für die Gestaltung des Lebens. Darum wird es uns in Münster auch um die Suche nach dem Frieden zwischen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen gehen.

Friede ist aber auch das Thema des alltäglichen Zusammenlebens, die Suche nach gesellschaftlichem Frieden, nach Frieden mit dem Nachbarn und Nächsten und nicht zuletzt auch um den Frieden mit mir selbst, wie ihn Angehörige vieler Religionen sich wünschen: Pax, Shalom, Salam. Und es geht um den Frieden, der uns in der Bibel und im Gottesdienst zugesagt wird: „Meinen Frieden gebe ich Euch“. In alter biblischer Tradition wird der Friede kombiniert mit der Gerechtigkeit; beide bedingen sich gegenseitig.

Friede ist ein schwieriges Wort: Es gehört zu denen, die jeder gleich einverständig für gut und richtig hält. Wir wollen in Podien und Gottesdiensten neu darüber nachdenken. Das kurze Zitat aus dem 34. Psalm könnte mit einem Rufzeichen geschrieben werden, so wie es im Zusammenhang, einer Regel für ein gutes Leben, heißt: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“. Für den Katholikentag ist uns auch die andere Lesart wichtig: Wie „Suche Arbeit“, „Suche Wohnung“ bringt es zum Ausdruck: Ich brauche etwas, ich sehne mich nach Frieden in der Welt, mit der Schöpfung, mit anderen, mit mir selbst und mit Gott. Hierin spiegeln sich Aspekte, die jeden Katholikentag ausmachen: Das Hören auf Gottes Wort in Bibellesung, Gebet und Liturgie und zugleich das Bekenntnis zur christlichen Weltverantwortung.

 

Das Leitthema des 101. Katholikentags „Suche Frieden“, ist alles andere als „von gestern“, wie uns der Blick auf aktuelle Nachrichten immer wieder verdeutlicht. „Als wenn Frieden keine Tat wäre“, notierte Hans Scholl, der vor 75 Jahren hingerichtete Widerstandskämpfer. Für den Frieden muss man etwas tun, das ist klar, der passiert nicht von allein. Wir sehen zahlreiche Regionen auf der Erde, in denen der Friede nicht nur bedroht ist, sondern wo Krieg in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen herrscht. Über manche, wie etwa Syrien oder Mali, wird regelmäßig berichtet und die internationale Gemeinschaft engagiert sich dort. Andere Konflikte werden nur wenig beachtet, wie im Jemen, oder geraten in Vergessenheit, wie in Somalia.

Wie selbstverständlich werden Frieden und Krieg geradezu als Widerspruchspaar verwendet. Das ist richtig und falsch zugleich: Gerade im Krieg suchen wir den Frieden als den erstrebenswerten Zustand. Zugleich wissen wir, dass das Schweigen der Waffen allein noch nicht der Friede ist, den wir suchen und unter dessen Bedingungen sich Menschen in Würde entfalten können. Allein die potenzielle Gefahr von terroristischen Anschlägen etwa verändert das Leben, wie wir alle bemerkt haben, und weist deutlich auf das Fehlen von Frieden im konkreten Umfeld hin. Im umfassenden Sinne gilt ohnehin, dass das Ende des Krieges als militärische Auseinandersetzung nicht allein den Frieden herbeiführt. So wird deutlich, dass die Überschrift zum Werkstattgespräch der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) beim Katholikentag durchaus provozierend gedacht ist. Der Ansatz „Willst Du den Frieden, rüste zum Krieg!“ steht für ein Gleichgewicht des Schreckens, das bestenfalls einen Krieg zu verhindern mag, für die Gestaltung des Friedens aber nicht als Richtschnur taugt.

Wenn die Gestaltung des Friedens als umfassende Aufgabe verstanden wird, dann ist klar, dass Politik in allen Feldern gefordert ist, das Zusammenleben zu gestalten – national wie international. In der politischen Ausgestaltung der in Frieden lebenden Gesellschaft wird dem Militär eine klare Rolle als legitim zugewiesen. Dem „Primat der Politik“ folgend, wird es politisch eingesetzt und begrenzt. Krieg ist dann nicht nur die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln, wie es Clausewitz beschrieb, und Politik bleibt auch immer bestimmend, während militärische Gewalt angewendet wird. Sie ist nicht nur bestimmend für den Beginn und ordnet sich nicht unter das Militärische, wie noch zu Zeiten des Ersten Weltkrieges gedacht wurde. Als Lehre aus der Geschichte wurde die Bundeswehr von Beginn an streng politisch reglementiert, nachdem Deutschland zehn Jahre gar keine eigenen Streitkräfte hatte. Naheliegende Aufgabe ist sicher die Verteidigung des eigenen Landes in existenzieller Bedrohung – und auch die Verteidigung im Bündnis und die Verteidigung des Bündnisses lässt sich daraus herleiten. Beim Einsatz von Streitkräften außerhalb der Region stellt sich die Frage nach der politischen Legitimierung und Begrenzung immer im Einzelfall. Die Frage nach der eigenen Bedrohung muss dann ebenso sorgfältig beantwortet werden wie die Frage nach dem Einsatz anderer, nichtmilitärischer Mittel.

Es gibt Situationen, in denen man dem Gewalttätigen in den Arm fallen muss, um Schlimmeres zu verhindern. Damit ist zugleich der Maßstab gesetzt: Die Gegengewalt muss das „kleinere Übel“ sein, damit sie sinnvoll und letztlich auch legitim eingesetzt werden darf. Auch im Falle einer humanitären Intervention ist nach denselben Maßstäben zu bewerten, wie bei jedem anderen Einsatz militärischer Gewalt: nur so lange und soweit erforderlich, um die humanitäre Katastrophe zu verhindern. Politisch überwacht und durch andere politische Maßnahmen zur Konfliktbewältigung begleitet, ist dabei eine stetige Forderung, die gerade auch von Soldatinnen und Soldaten erhoben wird, die genau wissen, wie sich militärische Gewalt vor Ort darstellt und was ein Einsatz für sie persönlich bedeutet.

Diese Zusammenhänge darzustellen, hat sich die GKS für das Werkstattgespräch im Rahmen des Katholikentags in Münster vorgenommen. In einer der Städte des Westfälischen Friedens, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, drängt sich die Thematik auf und wir sehen der Gesprächsrunde mit Spannung entgegen.

Oberst Rüdiger Attermeyer, Bundesvorsitzender der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS)



Kompass 04 / 2018

 

 

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