Zum Inhalt springen

"Hier ist Frieden"

Leutnant Kevin heftet sich das Patch der Schweizer Gardisten auf den Arm. © KS / Barbara Dreiling
Leutnant Kevin heftet sich das Patch der Schweizer Gardisten auf den Arm. © KS / Barbara Dreiling

Mit seinen offenen Augen schenkt er jedem ein Lächeln. Es scheint, als gäbe es nichts auf der Welt, dass seine Laune beeinträchtigen und seinen Blick trüben könnte. Leutnant Kevin ist Soldat der Bundeswehr und verlegt mit hunderten anderer Kameraden gerade nach Südfrankreich. Aber nicht mit Bundeswehrfahrzeugen, sondern in einem Zug der Bahn-Touristik. Noch weiß er nicht genau, was ihn erwartet.

Sie sind auf Pilgerreise zur 58. Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes. Der katholische Marienwallfahrtsort am Rand der Pyrenäen zieht jedes Jahr mehrere Millionen Menschen an. Viele kommen, weil sie sich Heilung von ihren Krankheiten erhoffen. Die meisten kommen, um an der Grotte Massabielle eine Kerze anzuzünden und zu beten.

Vier Tage später auf einem Hügel am Rand von Lourdes: Kevin lebt mit seinen Kameraden im Zeltlager der Bundeswehr. Unter den Feldbetten haben sich in der Nacht kleine Regenpfützen gesammelt. Mit Regenjacke und Flipflops ist eine Soldatin zum Waschraum unterwegs. Der Sonntagmorgen ist frisch und neblig.

Wer im Zeltlager wohnt, kann den Blick auf die Burg über Lourdes genießen. © KS / Barbara Dreiling
Wer im Zeltlager wohnt, kann den Blick auf die Burg über Lourdes genießen. © KS / Barbara Dreiling

Kevin hat mit seinen Kameraden von der Universität der Bundeswehr in Hamburg gerade Gottesdienst gefeiert. Unter einem pyramidenförmigen Dach hat sein Militärpfarrer Pater Dr. Peter Henrich den Altar bereitet, Lieder angestimmt und das Evangelium vorgelesen. Damit die Zeltlagerromantik vollkommen wird, packen sie nun mitgebrachtes Brot, Wurst und Gurken für das Picknick aus.

Von Kevins rechter Schulterklappe hängt ein Rosenkranz mit schwarzen Perlen herab. Stolz erklärt er, dass es ein „Franziskus-Rosenkranz“ aus dem Vatikan sei, den ihm Schweizer Gardisten geschenkt haben. „Die sprechen gefühlt alle Sprachen“ und seien total offen und tauschen auch Sachen. So, wie sein Patch aus dem Vatikan, das er sich nun auf den Ärmel heftet, unter den Rosenkranz.

Über 10.000 Soldatinnen und Soldaten aus etwa 40 Nationen sind an diesem Mai-Wochenende nach Lourdes gekommen. In ihren Formationen marschieren sie durch die engen Gassen. Hinter den Fahnenabordnungen spielen die Musikkorps die landestypische Militärmusik. Die Soldaten treffen sich zu Gottesdiensten, zur Lichterprozession, zum Sportwettkampf und abends beim Bier. Sie tauschen nicht nur Patches, sondern auch Schulterklappen, Baretts und ganze Uniformteile. Auf diese Weise finden sie leicht Kontakt zueinander über Sprachgrenzen hinweg. Diese Offenheit hat Kevin beeindruckt. .

Uniformen, Musik und Frieden


Offiziell ist die Internationale Soldatenwallfahrt eine Friedenswallfahrt. Das gemeinsame Beten um den Frieden in der Welt kommt in allen Gottesdiensten vor. Doch kaum ein Soldat sagt, dass er hierhergekommen ist, um für den Frieden zu beten. Frieden geschieht einfach – im internationalen Zeltlager, auf der Brücke über die Gave, wo man schnell miteinander ins Gespräch kommt und in den Kneipen. Nichts scheint an diesem Wochenende einfacher zu sein als das internationale Miteinander. „Hier ist Frieden“, sagt IETA Marion. Sie gehört zur französischen Armee und studiert zurzeit an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Was sie mitnimmt? „Freude“, sagt sie und, dass sie hier so viele Soldaten aus anderen Ländern getroffen hat.

Für den Katholischen Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck ist die Soldatenwallfahrt „ein kleiner Baustein des Projekts Europa“. Gebet und Gemeinschaft – so der Bischof – prägten die Zeit zwischen Donnerstag und Sonntagabend in einem Land, das in den letzten Monaten von Terroranschlägen erschüttert worden ist. Er denke besonders an die Franzosen und spüre die Verunsicherung der Menschen, erklärt er gegenüber Journalisten.

Militärbischof Overbeck spendet Leutnant Kevin und Hauptgefreitem Alex das Sakrament der Firmung. © Christina Lux
Militärbischof Overbeck spendet Leutnant Kevin und Hauptgefreitem Alex das Sakrament der Firmung. © Christina Lux

Für Leutnant Kevin sind Gemeinschaft und Gebet auch außerhalb der Bundeswehr wichtig: „Ich bin gerne in der Kirche. In Schwerin, wo ich wohne und wo es nur drei Prozent Katholiken gibt, finde ich es wichtig, dass man sich zur Kirche bekennt“, sagt er. Er hatte auf dieser Wallfahrt ein ganz besonderes Erlebnis, denn er hat sich entschlossen, als Erwachsener das Sakrament der Firmung zu empfangen.

„Es gehört dazu“, sagt er, aber als Jugendlicher sah er nach einem Umzug kaum mehr Gelegenheit dazu. Die Firmung bedeutet für Christen die Stärkung durch den Heiligen Geist. Der Firmling wird auf der Stirn mit Chrisam gesalbt. Das ist in der katholischen Kirche ein Heiliges Öl und Zeichen für die Kraft Gottes, aus der heraus ein Mensch lebt und von seinem Glauben Zeugnis geben kann.

Die Kraft Gottes kann er gebrauchen, denn wie viele andere Soldaten lebt er in einer Fernbeziehung mit seiner Frau. Als Student der Psychologie hat er sich beruflich noch nicht festgelegt, aber für ihn ist klar, dass er „einen sorgfältigen Job machen“ möchte. Was er aus Lourdes mitnimmt? – „die Gemeinschaft mit den Kameraden“ und die „Offenheit der vielen unterschiedlichen Pilger“.

Barbara Dreiling