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Wir ziehen um!

Partnerschaft in einer Soldatenfamilie

Alle zwei Jahre oder noch öfter wird ein Soldat / eine Soldatin der Bundeswehr an einen neuen Standort versetzt. Dann haben Soldatenfamilien die Wahl zwischen Fernbeziehung und Umzug

Manche Standorte sind so weit vom Wohnort entfernt, dass sich die Partner nur am Wochenende sehen. Andere pendeln täglich über weite Strecken. Doch für viele Soldatenfamilien ist Pendeln keine Option. Stattdessen haben sie sich entschieden, bei jeder Versetzung mit dem Partner / der Partnerin umzuziehen.

Wir haben sieben Soldatenfrauen nach ihren Erfahrungen gefragt. In den Videos und einem Text-Interview erzählen sie von den Herausforderungen des Lebens auf gepackten Koffern, vom Alltag an neuen Orten und was sie anderen Soldatenfamilien in einer ähnlichen Situation mit auf den Weg geben würden.

Von Friederike Frücht und Barbara Dreiling

Was sind die besonderen Herausforderungen im Leben einer Soldatenfamilie?

Stefanie Treml: Bei Soldaten kommen oft ziemlich spontane Einsätze oder Umzüge vor. Als Paar müssen wir immer wieder überlegen, wie gehen wir diesen Weg gemeinsam und wie können wir uns gut organisieren, sodass wir als Paar oder als Familie zusammenbleiben. Man überlegt eigentlich permanent hin und her, ob man mitzieht oder nicht. Und wenn man dann mal an einem neuen Ort ist, weiß man, dass man hier nicht bleiben wird. Ich bin immer darauf eingestellt, dass wir wieder Abschied nehmen müssen. Gleichzeitig versuche ich aber doch möglichst schnell anzukommen, schnell Kontakt zu knüpfen und mich möglichst schnell wohlzufühlen an diesem neuen Ort.

Ist das so einfach?

Stefanie Treml: Nein. Aber ich kann immer mehr auf meine eigenen Ressourcen bauen. Ich habe immer mehr Fähigkeiten entwickelt und Selbstvertrauen gewonnen. Offenheit für die neue Situation bringt einen natürlich immer weiter. Freundlichkeit. Und mit den neuen Leuten einfach ins Gespräch zu kommen und die „auszuquetschen“ für wichtige Infos. Sei es, dass man einen Arzt braucht, einen Frisör, einen Kindergarten. Und dann geht es meistens irgendwie gut.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Sie als Soldatenfamilie mit Kindern?

Das fehlende Netzwerk. Man sagt ja, es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen. Das hat man nach drei Umzügen nicht wirklich. Das soziale Netzwerk zur Unterstützung fehlt, das ist schwierig. Das ist, finde ich persönlich, die größte Herausforderung momentan.

Pia Vollmer

Wo finden Sie Halt und Unterstützung?

Stefanie Treml: Ganz wichtig ist, dass man viel miteinander spricht, dass nicht einer sein Leben für sich ausmacht. Man muss wirklich als Partner einbezogen sein und gemeinsam einen guten Weg finden, sodass man sich selber als Team empfindet. Das ist ganz wichtig. Mein Mann hat gerade noch eingeworfen: Humor ist ganz wichtig, nicht alles so ernst nehmen. Im Endeffekt: Dinge anzunehmen und wirklich das Beste daraus zu machen. Erst mal hat man am neuen Ort keinen Halt, das muss ich ehrlich sagen. Das klingt hart. Aber wenn man Glück hat, hat man noch Freunde, die einen ähnlichen Lebensweg gegangen sind oder gehen, sodass man sich mit denen austauschen und sagen kann: Du, ich sitze wieder vor vielen Kisten, und ich bin total durch. Dass man dann einfach telefoniert und sich mal den Rücken stärkt.

Gibt es Dinge, die Ihnen nach all den vielen Umzügen gar nicht mehr wichtig sind oder wo sich Prioritäten verschoben haben?

Stefanie Treml: Wir legen sehr viel Wert auf gute Freunde, die einen begleiten, egal, wo man lebt, egal, wie man lebt. Die das vielleicht nicht immer gutheißen müssen, aber die einen begleiten und besuchen an sämtlichen Orten. Das zieht sich durch den ganzen Lebensweg. Ich glaube, materielle Dinge sind dann nicht so wichtig, sondern das eigene Zusammensein mit der Familie. Und dort die eigenen Erlebnisse schaffen. Am neuen Ort zu sagen: Mensch, das bringt uns ein Stückchen weiter.

Wie wirken sich die Umzüge auf Ihre Kinder und Ihre Arbeit aus?

Stefanie Treml: Fangen wir bei den Kindern an: Wir hatten viele Umzüge, als sie klein waren. Der wichtigste Halt bin dann trotzdem ich. Ich bin die Stabilität in ihrem Leben, weil Papa, obwohl er mit umzieht, ja trotzdem oft nicht da und sehr oft unterwegs ist. Ich wollte sie nicht dadurch stressen, dass ich noch einen Fulltime-Job mache. Als Mama bin ich daheim, habe dann aber gern privat ein bisschen unterrichtet – egal an welchem Ort. Also ich habe immer ein bisschen was nebenbei gemacht. Wir haben uns gesagt: der Schwerpunkt ist jetzt die Familie.

Für die Kinder ist das unterschiedlich. Sie haben Fähigkeiten entwickelt und auch so eine Offenheit. Aber es dauert natürlich ein Stück weit. Ich muss oft den anderen Familien oder den anderen Erziehern erklären: Meine Kinder sind jetzt neu hier, die konnten sich jetzt nicht drei Jahre lang anschauen, wo sie mal in den Kindergarten gehen, sondern wir sind jetzt erst seit einem Monat hier, und es ist nicht einfach. Sie müssen sich permanent verabschieden, permanent umstellen. Wenn sie dann aber Freundschaften haben, sind sie meistens sehr zufrieden und ganz glücklich. Aber natürlich fließen dann Tränen beim Abschied. Das ist nicht einfach. Und ich versuche, ihnen zu vermitteln, dass man die Freundschaften auch erhalten kann, wenn man sich nicht sieht. Dass man wieder viel rumreist und dann die Freunde besucht.

Nutzen Sie dann den Urlaub für Besuche bei Freunden?

Stefanie Treml: Genau. Wir hatten jetzt das Glück, dass wir im August einen Abstecher zu Freunden gemacht haben. Das ist natürlich ein Benefit. Es bleiben immer liebe Menschen hängen, das muss ich jetzt auch sagen. Das Tolle ist halt: Du triffst an jedem Ort nette Menschen. Nicht, dass alle supernett sind, aber immer ganz viele. Und das gibt einem auch das Vertrauen, dass man sagt, egal, wo man hinkommt, es gibt immer nette Menschen. Und es bleiben ein paar hängen, die dann wirklich gute Freunde geblieben sind.

Wo finden Sie Unterstützung?

Aktuell sind es nur mein Mann und ich. Wir sind erst vor vier Wochen aus dem Ausland zurückgekommen. Auch unsere Familien unterstützen uns. Die wohnen aber natürlich umzugsbedingt nicht nebenan, sondern zwei bzw. fünf Stunden Fahrt entfernt. Aber dafür gibt es noch den Kindergarten zur Betreuung, wodurch man dann selber mal ein bisschen Zeit hat.

Pia Vollmer

Wie viel Vertrauen ist in Ihrer Partnerschaft notwendig?

Stefanie Treml: Bei Vertrauen hatte ich nie ein Problem, weil ich sage: Wenn wir uns nicht vertrauen würden, dann würde das Ganze nicht funktionieren. Und zwar beidseitig. Ich hätte ja genauso die Möglichkeit, nicht treu zu sein oder einen anderen Weg zu gehen. Das geht für mich nur, wenn man dem Partner vertraut und einfach das Beste vom Partner denkt. Es ist ein Geschenk, dass man zusammen sein darf. Das sehen wir eigentlich von Anfang an in unserer Beziehung. Wir sind dankbar für unsere Liebe. Es ist nicht immer leicht, aber im Endeffekt schätze ich das umso mehr wert, dass wir beieinander sind. Das hält die Liebe auch frisch. Es ist kein Alltag, sondern man hat sich immer was zu erzählen.

Gibt es Dinge, die Sie ganz für sich tun?

Stefanie Treml: Ich habe die ganzen letzten Jahre genutzt, um mich weiterzubilden. Egal, wo wir wohnen, es gibt immer irgendwelche coolen Sachen, die man nicht hätte, wenn man nicht rumkommt. Ich kann Dinge machen, die ich vielleicht sonst nicht machen würde, die mich dann im Alltag auch wieder bereichern und mir Kraft geben. Mein nächstes Ziel ist: Anderen Menschen Entspannung näherbringen.

Was können Sie jüngeren Soldatenfamilien, die in einer ähnlichen Situation sind, aus Ihrer Erfahrung raten?

Stefanie Treml: Ich höre in Gruppen immer wieder, dass einerseits ein wahnsinniger Stolz von den Frauen gegenüber dem Mann da ist und dass sie sich selber eigentlich über ihren Mann definieren. Aber zugleich sagen sie, sie wollen an ihrem eigenen Leben festhalten. Dieser Konflikt wird da sein, und ich glaube, den muss man auch annehmen, indem man sagt: Ich habe doch meinen Beruf, ich habe mein Leben! Jetzt könnte ich aber mitziehen, was mache ich denn? Ich denke, man muss sich dessen bewusst sein, dass dieser Konflikt da ist, dass man sich sagt: Ich finde nicht alles gut. Oder: Ich will da gar nicht mit hin. Ich glaube, dieses Vertrauen in das eigene Gefühl ist ganz gut und auch, es als Paar zu artikulieren. Und was mir immer hilft: dass es immer nur eine Phase ist. Dass man aufhört, sein Leben bis zum Tod zu planen, sondern zu sagen: Ja, das ist jetzt diese Phase, und will ich das jetzt annehmen oder will ich es nicht?