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Zur Rolle der Kirchen in Politik und Gesellschaft in Fragen deutscher Sicherheitspolitik


Panel 1 mit Frau Dr. Franken als Moderatorin. © KS / Doreen Bierdel
Panel 1 mit Frau Dr. Franken als Moderatorin. © KS / Doreen Bierdel

An der Bundesakademie für Sicherheitspolitik kamen u. a. katholische und evangelische Theologen zu Wort. Religion – Resilienz – Sicherheitspolitik.

Resilienztheorie und daran orientierte empirische wie hermeneutische Forschungsansätze haben seit geraumer Zeit Hochkonjunktur und beziehen immer mehr Wissenschaftsdisziplinen ein. Selbst das Weißbuch der Bundesregierung „zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr“ (2016) kam bei der endgültigen Abfassung nicht umhin, Resilienz in den Blick zu nehmen. So heißt es an einer Stelle im regierungsamtlichen Weißbuch unter den Stichworten „Sicherheitsvorsorge und Resilienz“: „Nachhaltige Resilienzbildung in unserem offenen und demokratischen System ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gesellschaftlicher Selbstschutz und Selbsthilfe im Schadensfall ergänzen dabei staatliche und unternehmerische Vorsorge- und Bewältigungsmaßnahmen.“ Was kann damit gemeint sein und wie verhält sich dies zur Zugehörigkeit zu einer Religion bzw. Religionsungebundenheit?

Nun hat sich eine halbtägige Veranstaltung an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) der Beantwortung der Frage verschrieben, um u. a. herauszufinden, ob beispielsweise religionsgebundene Persönlichkeiten, die mehrheitlich eine Gesellschaft ausmachen, resilienter gegenüber Gefahren und Bedrohungen sind als Gesellschaften, die mehrheitlich von religionsungebundenen Menschen geprägt sind. Eine Erläuterung zu dem, was unter Resilienz verstanden werden darf, kann weiterhelfen. Auch wenn das Forschungsgebiet der Resilienz vielfältig, multidisziplinär und sehr umfangreich ist, so besteht doch ein gewisser Konsens: Als eine resiliente Persönlichkeit darf jemand bezeichnet werden, der in einem hohen Maß eine ausgeprägte psychische Widerstandsfähigkeit zeigt und damit in besonderem Maße befähigt ist, Krisen erfolgreich zu bewältigen. 

Dr. Andreas Püttmann (rechts) und Prof. Dr. Thomas R. Elßner. © KS / Doreen Bierdel
Dr. Andreas Püttmann (rechts) und Prof. Dr. Thomas R. Elßner. © KS / Doreen Bierdel

Es blieb dem Bonner Politik- und Sozialwissenschaftler Dr. Andreas Püttmann in seinem einführenden Statement vorbehalten, einige Ergebnisse der Resilienzforschung zu präsentieren. Er bezog sich dabei vorrangig auf Ergebnisse der Studie des US-amerikanischen Pew Research Center, einem nichtstaatlichen Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Washington D.C., welche erst kürzlich veröffentlicht wurde. Mit Blick auf Religion und öffentliches Leben kommt die Studie „Christsein in Westeuropa“ zu dem Ergebnis: „Westeuropa, wo das protestantische Christentum seinen Ursprung hatte und der Katholizismus den größten Teil seiner Geschichte innehatte, ist zu einer der weltlichsten Regionen der Welt geworden.“ Und weiter: „Die christliche Identität in Westeuropa ist mit einer höheren negativen Stimmung gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten verbunden.“ Trotz der sehr unterschiedlichen Befunde kann nach Auffassung Püttmanns davon ausgegangen werden, dass religiös gebundene Persönlichkeiten sich im höheren Maße resilienter gegenüber Gefahren und Bedrohungen verhalten. 

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (rechts) und Frau Dr. Franken. © KS / Doreen Bierdel
Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (rechts) und Frau Dr. Franken. © KS / Doreen Bierdel

Diskussionspodien in "Panels"

Doch zuvor war Gelegenheit gegeben, mit der vielfach wiederholten, aber unzutreffenden Behauptung, die (katholische) Kirche würde einem „gerechten Krieg“ das Wort reden, aufzuräumen. Die beiden katholischen Professoren Thomas R. Elßner, Referatsleiter in der Kurie des Katholischen Militärbischofs, und Heinz-Gerhard Justenhoven, Leitender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden (ithf), einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung der Katholischen Militärseelsorge zum Zweck der ethischen Auseinandersetzung mit Fragen des Friedens und der Friedensgefährdungen, referierten in diesem Zusammenhang die Grundzüge der katholischen Friedens- und Soziallehre. Elßner hob hervor, dass der „gerechte Friede“ zwischenzeitlich das Leitbild für Friedensethik und Friedenspolitik in der christlichen Ökumene ist. Justenhoven wiederum ging der Frage nach, in wieweit die öffentliche Diskussion zur Sicherheitspolitik von christlichen Grundwerten getragen ist. In diesem Zusammenhang war es vorrangiges Anliegen des katholischen Friedensethikers zu verdeutlichen, dass Grundwerte in Deutschland durchaus ihre Herkunft und Verankerung im Christentum finden. Trotzdem kann nicht ausschließlich von „christlichen Grundwerten“ gesprochen werden.

Mehrmals wurde in diesem ersten Panel der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Ernst-Wolfgang Böckenförde zitiert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ 

v. l. n. r.: OTL i. G. Martin Lammert, Dr. Dirck Ackermann und Moderatorin Frau Wagner. © KS / Doreen Bierdel
v. l. n. r.: OTL i. G. Martin Lammert, Dr. Dirck Ackermann und Moderatorin Frau Wagner. © KS / Doreen Bierdel

Ein zweites Panel bestritten zwei evangelische Theologen und ein Stabsoffizier der Bundeswehr, der u. a. in der Projektgruppe zur Erarbeitung des Weißbuchs 2016 mitgewirkt hatte. Oberstleutnant i. G. Martin Lammert, der jetzt im Planungsamt der Bundeswehr engagiert ist, informierte über die vielfältigen Stationen der Erstellung des Weißbuchs vom Entwurf über die Diskussionen bis zum abschließenden Produkt. Nach seiner Auffassung bietet das Weißbuch die Möglichkeit, Regierungshandeln auf dem Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik national wie international transparent zu machen. Zugleich werden in diesem Grundsatzdokument die sicherheitspolitischen Leitlinien für die kommenden Jahre formuliert. Lammert hob in diesem Zusammenhang den breit angelegten und über die Ressorts hinausgehenden öffentlichen Prozess der Erstellung des Weißbuchs hervor.

Der Leitende Militärdekan und Referatsleiter im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr (EKA), Dr. Dirck Ackermann, stellte die kirchlichen Inputs auf den Entstehungsprozess des gesamten Weißbuchs in den Mittelpunkt seiner Einlassungen. Oberkirchenrat Dr. Roger Mielke M. A., Referent für Fragen der öffentlichen Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), rückte die nukleare Teilhabe Deutschlands, die Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung mit Blick auf ihre Ansprüche im Kontext der Bündnisverpflichtungen in den Fokus seiner Überlegungen. Zugleich gaben beide Referenten einen Ausblick auf die innerevangelische Friedensdebatte und mögliche zukünftige Veröffentlichungen.

Josef König