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Nichts ersetzt die Zeit mit den Kindern

Alltag in einer Soldatenfamilie

Christoph Eckstein ist Soldat auf Zeit und derzeit beim IT-Bataillon 383 in Erfurt eingesetzt. Diana Eckstein arbeitet bei der Stadtverwaltung. Seit über zehn Jahren sind sie ein Paar. Ihre Söhne sind neun und fünf Jahre alt.

Die Fragen stellte Friederike Frücht.

Wer hat bei Ihnen wie lange Elternzeit genommen?

Diana Eckstein: Bei unserem großen Sohn war ich das erste halbe Jahr zu Hause mit ihm in Elternzeit, und dann hat mein Mann acht Monate Elternzeit gemacht. Und bei dem Kleinen habe ich komplett die Elternzeit gemacht.

Was waren die Gründe dafür?

Christoph Eckstein: Bei der ersten Elternzeit war es so, dass ein Auslandseinsatz in Afghanistan bevorstand, an dem ich gerne teilgenommen hätte. Ich hatte darum gebeten, aufgrund des Einsatzzeitraumes entweder das erste Weihnachten oder den ersten Geburtstag mit meinem Kind verbringen zu können. Das wurde leider abgelehnt. Deswegen habe ich mich dann dazu entschieden, den Einsatzzeitraum komplett mit der Elternzeit zu überbrücken.

Wie ging es Ihnen mit dieser Entscheidung? 

Christoph Eckstein: Mein damaliger Zugführer sagte dazu: „Als ich ein junger Mann war und Vater wurde, hat das die Frau auch allein geschafft.“ Ich bin aber der Meinung, dass wir heute in einer anderen Zeit leben. Und wenn wir uns heute als Paar gemeinsam dafür entscheiden, Kinder zu zeugen, bedeutet die Entscheidung auch das Kindergroßziehen gemeinsam umzusetzen. 

Frau Eckstein, als Sie nach einem halben Jahr wieder arbeiten gegangen sind, haben sie auch Stimmen gehört in die Richtung: Ach, das ist aber früh?

Nein, es hat überhaupt keiner irgendwie sowas in der Art gesagt. Gerade in den früheren Generationen, was meine Familie betrifft, sind alle relativ zeitig gleich wieder arbeiten gegangen, sogar noch eher als ich. Und viele kennen das nur so: Kinder kriegen, Mutterschutz vorbei, und dann ging’s wieder los. Das war bei meinen Omas schon so.

Diese Generation, in der Mütter zwei Jahre zu Hause sind und Elternzeit nehmen, das war früher nicht so. Und ich kenne das auch vom Arbeitskreis her bei mir auf der Arbeit nirgendwo, dass das irgendeiner ungewöhnlich fand.

Wie ist der Alltag bei Ihnen aufgeteilt? Wer macht die Kinder morgens fertig? Wer bringt sie in den Kindergarten bzw. in die Schule? Wer geht zum Arzt? Wer ist bei Elternabenden da oder Elternsprechtagen?

Diana Eckstein: Bis vor sagen wir mal anderthalb, zwei Jahren habe ich die Kinder früh immer fertig gemacht und weggebracht. Jetzt, wo ich im Schulsekretariat arbeite, schaffe ich das leider nicht mehr. Da muss ich früher los. Jetzt macht das mein Mann. Ich kümmere mich dann am Nachmittag um sie, gucke, dass sie pünktlich abgeholt werden. Elternabende, egal, ob Kindergarten oder Schule, übernimmt mein Mann. Da halte ich mich raus. Im normalen Alltag teilen wir uns das eigentlich sehr gut ein. Früh macht halt momentan er und den Nachmittag mache ich.

Christoph Eckstein: Und die Arztbesuche übernimmt meine Frau dankenswerterweise.

Und wie sieht es im Haushalt aus? Wer kocht, wer putzt, wer wäscht?

Christoph Eckstein: Das ist unterschiedlich. Ich habe als gelernter Koch natürlich ein Faible für die Küche. Und auch, wenn es meine Frau richtig, richtig gut meint, wird sie dann vielleicht in der Küche etwas verdrängt, weil ich dann den Kochlöffel übernehme. Das Wäschewaschen hingegen liegt mir überhaupt nicht. Das überlasse ich dann sehr gerne meiner Frau. (lacht) Wenn ich waschen muss, dann ziehe ich nämlich nur schwarze Klamotten an oder die Bundeswehr-Uniform, da fällt mir das Waschen und das Sortieren nach Farben leicht.

Was machen Sie, wenn Ihre Kinder versuchen, Sie gegeneinander auszuspielen?

Christoph Eckstein: Eigentlich antworten wir immer erst mal mit einer Gegenfrage: Hast du denn die Mama oder alternativ eben den Papa schon gefragt, und was hat er oder sie denn gesagt? Und wenn es da heißt: Ja, habe ich, die hat nein gesagt, dann sage ich: Na, dann sage ich eben auch nein. Weil es einfach den Grund hat, dass es vielleicht in einer halben Stunde Abendessen gibt und natürlich das reguläre Abendessen im Vordergrund steht und nicht das Naschen von irgendeiner Süßigkeit.

Haben Sie im Alltag Unterstützung durch Großeltern oder Freunde? 

Diana Eckstein: Hin und wieder sind die Kinder mal bei der Uroma. Aber nicht unbedingt, weil wir das wollten oder weil wir sie um Hilfe gebeten haben, sondern weil die Kinder unwahrscheinlich gerne dort sind und selbst die Uroma immer von sich aus sagt: Ach, ich habe die Kleinen so lange nicht mehr gesehen, ich würde sie gerne mal wieder zu mir holen. Das ist für uns zwar schön und ist auf jeden Fall eine Entlastung, aber es ist nicht so, dass wir die Unterstützung bräuchten oder angefordert hätten. 

Christoph Eckstein: Aufgrund der Dienstzeiten bei mir oder meiner Frau war es teilweise so, dass unser großer Sohn morgens eine halbe, dreiviertel Stunde, alleine zu Hause gewesen wäre. Im Alter von sieben, acht, neun Jahren ist das eine Situation im Dunkeln im großen Haus, die man vielleicht nicht unbedingt haben möchte. Da haben wir zum Glück die Möglichkeit, auf die Nachbarn zurückzugreifen. Die sagen dann: Dann schickt doch den Kleinen früh noch mal zu uns. Und dann sitzt er da und malt und unterhält sich mit ihnen und wird dann von den beiden zum Bus geschickt. Das ist eine riesengroße Erleichterung.

Herr Eckstein, Sie waren als Soldat schon mehrfach im Einsatz und haben sicherlich auch oft Fortbildungen, Ausbildungen über mehrere Wochen und waren dadurch für längere Zeit getrennt. Wie haben Sie sich als Familie darauf vorbereitet?

Christoph Eckstein: Die Einsatzzeiträume bieten natürlich den Vorteil, dass man das ein halbes, dreiviertel Jahr im Voraus weiß und entsprechend viel Zeit und Möglichkeit hat, die Familie darauf vorzubereiten mit Gesprächen oder mit von der Militärseelsorge angebotenen Familienwochenenden. Ich erinnere mich besonders an meinen ersten Einsatz, wo ein Familienwochenende in Neudietendorf war. Das hat den Druck bei meiner Frau und bei den Kindern deutlich weggenommen. Die Zeitachse ist ein großer Faktor, wie man sich darauf vorbereiten kann. Das muss einfach jede Familie auch für sich entscheiden und eine Möglichkeit finden. 

Frau Eckstein, was haben Sie am Anfang gedacht, was ist das größte Problem bzw. vielleicht auch, wo haben Sie sich gar keine Gedanken drüber gemacht und es war dann nachher doch eine größere Herausforderung?

Diana Eckstein: Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinder ihren Papa so sehr vermissen. Sie waren es von Anfang an gewohnt aufgrund dessen, dass mein Mann schon auch über die Woche immer nicht da war, wenn er woanders stationiert war. Sie kannten die Zeit mit mir alleine. Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinder ihn wirklich so wahnsinnig vermissen würden. Sie haben sehr, sehr oft geweint. Und bei viele Sachen, irgendwelche Lieder, die sie an ihren Papa erinnert haben, die sie mit Papa gehört haben, bei denen die dann zu Weinen angefangen haben. Das hat mir in der Seele leidgetan, dass das wirklich so schlimm war. Ich weiß nicht, ob man sich da irgendwie hätte drauf vorbereiten können.

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Und wie ging es Ihnen?

Diana Eckstein: Die Anfangszeit war sehr, sehr schwer, wenn man dann erst mal wieder alleine war. Das hat sich dann so nach zwei, drei Wochen etwas gegeben, bis man mit der Situation ein bisschen besser zurechtgekommen ist. Man hat dann seinen anderen Alltag, den Rhythmus darin gefunden. Die erste Zeit hat es dann eigentlich relativ gut geklappt. Und dann kam irgendwann auch die Zeit, wo die Kinder ein bisschen gemerkt haben: Oh, jetzt ist Papa nicht mehr da, jetzt versuchen wir Mama mal zu übertrumpfen. Da wurde es dann wieder ein bisschen schwieriger. Das heißt, der mittlere Teil der Einsatzzeit der klappt eigentlich immer relativ gut. Zum Ende hin hat man wieder den schwierigen Teil, wo die Kinder versuchen wollen, ein bisschen ihren Kopf durchzusetzen, wo dann die tiefe Papastimme fehlt. 

Wie ist das für Sie, wenn Sie im Einsatz sind und dann eben weniger Kontakt haben? Oder was ist Ihnen da besonders schwergefallen?

Christoph Eckstein: Zum einen ist es ein riesengroßer Vorteil, dass es mittlerweile die Möglichkeit gibt, mit den verschiedensten Nachrichtendiensten den Kontakt zur Familie zu halten. Dass das nicht in jedem Einsatz immer gleichermaßen gut funktioniert, das ist ganz klar. Zuletzt in Litauen und auch im Kosovo war das überhaupt kein Problem. Die Kontaktmöglichkeit nach Hause war zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jedem Umfang gut gegeben. Zu dem, was meine Frau gerade ansprach, glaube ich, da ist das dritte Drittel eben das, was wir als Erwachsene besser im Griff haben. Es ist eigentlich nicht, dass die Kinder versuchen, jetzt noch mal einen auf dicke Hose zu machen, sondern es ist dann eher diese große Vorfreude darauf, dass Papa bald wieder da ist, dass die Familie wieder ein normales Familienleben führen kann. Damit können die Kinder in dem Alter nicht umgehen.

Und Sie selber, wie können Sie damit umgehen, weg zu sein? 

Christoph Eckstein: Ich habe einen ganz klar definierten Auftrag: 24/7 im Einsatz. Und der lässt mir häufig gar nicht so intensiv die Zeit und Möglichkeit, über verschiedene Dinge nachzudenken, über Probleme oder Ähnliches, die zu Hause auftauchen. Da bin ich meiner Frau dankbar, dass sie vielleicht das eine oder andere von mir ferngehalten hat. Das macht es natürlich einfacher. Das ist ein großer Vorteil. Natürlich ist der Einsatz nicht mit der Ankunft am Flughafen oder zu Hause vorbei, sondern dann geht ja das ganze Projekt „Wir finden als Familie wieder neu zusammen“ wieder neu von vorne los. Das sind Strukturen, die sich über drei bis sechs, sieben Monate eingefahren haben zu Hause.

Ich hatte keinerlei Auftrag und keinerlei Rolle, wenn man so möchte, in der Zeit. Und da gilt es natürlich, auch wieder eine gewisse Rolle zu übernehmen und langsam wieder in diese Rolle hineinzufinden. Und wenn es irgendwelche Verfahrensweisen gab, dann kann ich nicht von jetzt auf gleich wiederkommen und sagen: Und jetzt machen wir das anders. Dann muss man schauen, warum wurde das so gemacht, warum hat sie das so entschieden, und dann gemeinsam vielleicht mal sprechen, wie man damit künftig umgeht, oder ob man vielleicht sagt, es bleibt sogar so.

Haben Sie eine bestimmte Situation, an die Sie jetzt denken? 

Christoph Eckstein: Puh. Da fällt mir jetzt so ganz spontan nichts ein. Häufig sind das wirklich Kleinigkeiten. Bevor ich weggegangen bin, haben sich die Kinder erst angezogen und danach gefrühstückt und dann die Zähne geputzt. Das sind Kleinigkeiten, an die ich mich neu gewöhnen muss, wenn ich wiederkomme. Es sind nicht unbedingt die ganz großen Dinge.

Wie ist das für Sie, Frau Eckstein, ist es für Sie auch eine Herausforderung, dann Sachen wieder abzugeben, um die sie sich die ganze Zeit alleine kümmern mussten?

Diana Eckstein: Nein. Ich bin an sich sehr, sehr froh, wenn er wieder da ist und wenn ich Sachen abgeben kann. Ich musste ihn dann nur immer wieder ein bisschen miteinbeziehen in Sachen, die ich eingeführt habe. Ich habe zum Beispiel beim letzten Einsatz ein Gesichterbuch eingeführt mit den Kindern. Da hatte ich rote, gelbe und grüne Gesichter. Die roten Gesichter waren für „Der Tag lief gar nicht gut“, die gelben Gesichter für „Es war so lala“ und die grünen Gesichter für „Das war heute richtig gut“. Und dann gab es Belohnungen oder Strafen für die grünen oder roten Gesichter. Ich war auf jeden Fall immer froh, wenn er wieder da war und ich sagen konnte: Jetzt kannst du bitte mal wieder deinen Garten übernehmen? Ich habe absolut keinen grünen Daumen und ich war froh, als ich die Pflanzen wieder abgeben durfte und alle einigermaßen gut überlebt hatten. 

Wurden Sie schon mal aufgrund Ihres Berufes mit Vorurteilen konfrontiert?

Christoph Eckstein: Es gibt natürlich immer mal wieder Menschen, die der Meinung sind, der Soldatenberuf ist ja total überbezahlt. Vor allem wenn sie hören, dass man für den Auslandseinsatz mehr verdient. Aber Geld ersetzt nicht den Vater oder die Mutter, wenn derjenige nicht mehr oder verletzt oder schwer verletzt oder mit PTBS zurückkehrt. Und Geld ersetzt auch nicht die Zeit, die man als Familie nicht nutzen konnte. Da sind wir wieder beim Anfang. Erster Geburtstag, erstes Weihnachten des ersten Kindes. Das sind, glaube ich, Festivitäten oder Feste, die jede Mama und jeder Papa mit dem Kind verbringen möchte. 


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