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"Mein Finger an der Waffe krümmt sich als letztes"

 

Am Jahrestag der Gründung der Bundeswehr, am 12. November, ebenso wie am Jahrestag des militärischen Widerstands, am 20. Juli, legen traditionell hunderte Rekrutinnen und Rekruten ihr Gelöbnis ab. Sie geloben "der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen". Die Mitglieder des militärischen Widerstands ließen sich in ihrem Handeln gegen die Nationalsozialisten von Gewissensentscheidungen leiten.
Was Gewissen und Gelöbnis auch heute miteinander zu tun haben, erklärt der katholische Militärpfarrer Jörg Plümper.

Die Fragen stellte Barbara Dreiling.

   

Militärpfarrer Jörg Plümper beim Kreuzweg mit Soldaten während der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes © Christina Lux
Militärpfarrer Jörg Plümper beim Kreuzweg mit Soldaten während der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes © Christina Lux
Sie waren selbst als Soldat bei der Bundeswehr. Wie war das für Sie, als Sie Ihr Gelöbnis abgelegt haben?

Plümper: Zunächst einmal war es kalt, weil es im Dezember stattfand. Es war in der Sache nichts großartig Bedeutendes für mich, sondern einfach ein Abschluss der Grundausbildung. Persönlich muss ich fast sagen, dass ich durch die Vorbereitung damals wenig von der eigentlichen Bedeutung des Gelöbnisses oder Eides mitgenommen habe. 

Weil Sie damals schon wussten, dass Sie Priester werden wollen?   

Plümper: Ich wollte Priester werden und trotzdem einen Dienst für mein Land tun. Das, was wir in unserem Grundgesetz verankert haben, diese Rechte und Freiheiten, das Menschenbild, sind mir so viel wert gewesen, dass ich dafür einen Einsatz bringen wollte. Auch wenn es mir damals als Rekrut und Wehrpflichtiger nicht so bewusst war, glaube ich, dass es unterschwellig da war.

Warum fühlten Sie sich nicht so gut auf das Gelöbnis vorbereitet?

Plümper: Die Vorbereitung machte mir nicht die Tragweite des Gelöbnisses bewusst. Ich muss ehrlich gestehen, ich kann mich an keinen Militärpfarrer in meiner Wehrdienstzeit erinnern. Das was ich heute mache, während der Grundausbildung bewusst den Kontakt mit den Soldaten zu suchen, ist die Konsequenz daraus, dass ich in meiner Grundausbildung keinen Pfarrer erlebt habe.

Welche Rolle spielt der Militärpfarrer bei der Vorbereitung auf das Gelöbnis? 

Plümper: Ein Soldat wird heutzutage zweifach vorbereitet. Zum einen durch seinen Teileinheitsführer, meist der Kompaniechef. Da wird er sozusagen auf das Protokollarische als auch auf das „Was ist denn ein Eid?“ hingewiesen. Zum anderen wird er durch den Militärpfarrer in die „Tragweite und die ethische Bedeutung“ eingeführt, wie es in der Vorschrift heißt.

Was machen Sie in Ihrem Lebenskundlichen Unterricht zum Thema Eid und Gelöbnis?

Plümper: Das Thema mit den Soldaten zu bearbeiten, finde ich immer recht spannend. Sie sind etwas wacher als bei anderen Unterrichten, weil es um ihre Entscheidung geht. In den Unterrichten stelle ich die Frage, was ein Eid eigentlich ist, wer zu einem Eid dazugehört und wozu wir einen Eid überhaupt brauchen? Ein Eid ist mehr wert, als wenn ich einem Freund zehn Euro leihe und er mir verspricht, dass er sie morgen zurückgibt. Das, was ein Soldat im Gelöbnis und im Eid leistet, ist mehr als das normale zwischenmenschliche Versprechen. 

Am Ende bedeutet das Lebenseinsatz…

Plümper: Genau. In letzter Konsequenz bedeutet es, alles zu geben, auch das Leben. 

Beim Eid der Bundeswehr gibt es diese Beteuerungformel „So wahr mir Gott helfe“. Muss sich der Soldat nicht selber verantworten?

Plümper: Die Religionsgemeinschaft, der der Soldat angehört, kann ihm helfen, mit diesem Eid oder dem Gelöbnis konkret umzugehen. Nach Immanuel Kant gilt nicht Gott, sondern das Gewissen als letzte Instanz. Der Soldat selbst ist der Letztverantwortliche. Er muss dafür geradestehen, was er tut. Der Glaube kann dabei helfen, das Wertesystem einzuordnen. Da kann Gott für beide Seiten – für den Eidnehmer und den Eidgeber – ein Fürsprecher sein. 

Darf man einen Eid brechen?

Plümper: Generell würde ich sagen: Nein. Es kommt immer darauf an: Was habe ich denn versprochen? Bevor ich einen Eid breche, muss ich mir erst einmal gut überlegen, welchen Eid ich ablege. Das ist eine Frage, die ich den Soldaten gerne stelle: Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun! 

Im Lebenskundlichen Unterricht schaue ich gerne auf die Soldateneide der letzten hundert Jahre. Und ich stelle den Soldaten die Frage: Wem verspreche ich was? Was kann ich eingehen und was kann ich nicht eingehen?

Wem sollte man einen Eid leisten, wem nicht?

Plümper: Ein sauberer Eid, den ich mit ruhigem Gewissen leisten kann, ist der, den ich einer Allgemeinheit verspreche, den ich meinem Vaterland, der Republik oder dem deutschen Volk verspreche. Unruhig müsste ich werden, wenn ich einen Eid genau an eine einzelne, konkrete Person leiste, was im Nationalsozialismus passiert ist. Dann gebe ich wirklich mein Gehirn am Kasernentor ab und lasse ihn entscheiden. Wenn er sagt „Spring!“, dann springe ich. 

Bei der Allgemeinheit bin ich ja selbst ein Teil davon. Bundeswehr-Soldaten sind ja Staatsbürger in Uniform, sie sind Teil dieses großen Etwas, dem sie versprochen haben und das sie auch trägt. 

Sie sprachen vom Gewissen. Das hat mit Wissen zu tun und auch mit Professionalität. Auf dieses Gewissen haben sich die Soldaten des militärischen Widerstands gegen Hitler berufen. Was haben Eid und Gewissen miteinander zu tun? 

Plümper: Das Gewissen ist die große Tragweite. Wenn ich einen Eid eingegangen bin, ein Gelöbnis versprochen habe, ist das Gewissen die tragende Kraft, die letzte Entscheidung, die letzte Instanz, um zu prüfen, was geht. Selbst bei einem Schießbefehl ist ja nicht derjenige letztverantwortlich, der den Befehl gibt, sondern derjenige, der den Befehl ausführt. Mein Finger an der Waffe krümmt sich als letztes, deshalb muss ich entscheiden, krümme ich oder krümme ich nicht, weil ich meinem Gewissen folgen muss. Ich kann nicht das Gewissen meines Vorgesetzten anzapfen, das klappt nicht. Er muss sich prüfen, ob der Schießbefehl, den er gegeben hat, rechtens ist. Ich muss nach meinem Gewissen prüfen, ob ich den Befehl ausführe oder nicht.

Das heißt, dass ein Soldat in seiner ganzen menschlichen Verantwortung steht.

Plümper: Ja. Der Soldat steht mit seinem ganzen Leben für die Entscheidung, die er trägt. Nicht nur für die Entscheidung, dass er den Eid geleistet hat, sondern auch für die Entscheidung, wie er diesen Dienst ausführt. Also, wie er das lebt. Seine Handlung muss tragfähig sein, das muss er mit seinem Gewissen vereinbaren können. 

Ist das nur eine Pflicht oder kann man stolz sein, dass einem so viel Verantwortung zugetraut wird?

Plümper: Als erstes ist es eine Pflicht. Aber wenn ich weiß, wofür ich mich einsetze und es ist ein gutes, höheres Gut, dann kann mich das auch stolz machen, mich für jemanden anderen einzusetzen.

Wir haben zwei schöne alte Begriffe im Gelöbnis der Bundeswehr: nämlich Treue und Tapferkeit. Treue bedeutet, zueinander zu stehen, bei dem zu bleiben, was ich versprochen habe. Und Tapferkeit bedeutet, sich über das eigene Maß hinaus einzusetzen, auch in Extremsituationen, für den anderen und ein anderes höheres Gut bis an die eigene Grenze und im Notfall darüber hinauszugehen. Es ist gut, dass wir so ein hohes Ziel in unserem Eid haben, an dem ich mich messen lassen kann, an dem ich auch arbeiten kann, um es zu erreichen. 

Ein anderes altes Wort ist Gehorsam. Soldaten müssen gehorsam sein. Wie kann man das verstehen?

Plümper: In Gehorsam steckt das Wort Hören. Da gehören zwei Seiten dazu: Ich muss hören, was mein Vorgesetzter von mir will. Und mein Vorgesetzter muss auf mich hören, um zu wissen, was ich kann. Blinder Gehorsam ist nie gut. Denn ohne etwas zu hinterfragen, ohne mit wachem Verstand dabei zu sein, möchte ich weder von Waffen Gebrauch machen, noch einen körperlichen Einsatz haben.

Ist das nicht zu idealistisch? 

Plümper: Das Hören gehört zu beiden Seiten. Ich kann nicht irgendwas befehlen und ich weiß gar nicht, ob der Wille da ist, das Material da ist, das Personal da ist. Als Vorgesetzter muss ich wissen: Was kann ich meiner Truppe abverlangen? Gleichzeitig muss die Truppe sich darauf verlassen können, dass sie – soweit Kenntnis darüber besteht – immer zum Besten eingesetzt wird. Fällt mir als Soldat etwas auf, das nicht bedacht ist, dann habe ich es kundzutun. Das ist meine Pflicht. Das nennt sich mitdenkender Gehorsam. Sonst funktioniert das Prinzip von Befehl und Gehorsam nicht. 

 

   




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