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Kampfwerte

Wofür es sich zu kämpfen lohnt
Eine Überlegung von Korvettenkapitän Simon Beckert

   

Auf die Ziele kommt es an © Bundeswehr / Simon Beckert
Auf die Ziele kommt es an © Bundeswehr / Simon Beckert

Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Diese Frage betrifft nicht nur das Militär, aber dieses in besonderem Maße. Es handelt sich um eine existenzielle Frage, die auch den Sinn des Lebens an sich berührt. Wer kämpft, setzt sich Risiken aus und kann verlieren. Es gibt dennoch Situationen, in denen sich der Kampf lohnt, da der Preis für Flucht oder Unterwerfung zu hoch wäre. Schon seit jeher haben Streitkräfte die Aufgabe, Kämpfe zu führen. Daher müssen sie wissen, wann diese sich lohnen. Zu kämpfen ist in den meisten Gesellschaften kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck, um höhere Werte zu verteidigen. Werte, wie beispielsweise die Menschenwürde oder die Gerechtigkeit sind dagegen ein Selbstzweck, der keiner weiteren Begründung bedarf. Begründet werden müssen jedoch stets die Mittel, welche zum Kampf für diese Zwecke (Werte) eingesetzt werden. Man spricht hierbei von Normen.

Verantwortlich handeln

Um den ethischen Zusammenhang zwischen Werten und Normen darzustellen, bietet sich ein kurzer Vergleich der Bundeswehr mit der Wehrmacht und der Waffen-SS an. Eine Norm der Bundeswehr sieht beispielsweise explizit ‚Grenzen für Befehl und Gehorsam‘ vor, ein Grundsatz, mit dem sich die Bundeswehr in dieser Klarheit deutlich von Wehrmacht und Waffen-SS abhebt. Ein Kriegsverbrechen hat in der Bundeswehr beispielsweise rechtliche Konsequenzen für alle Beteiligten. Der Empfänger eines Befehls kann sich hier nicht herausreden, dass er nur Befehle ausgeführt habe. Eine weitere Norm erwartet jedoch auch die Anwendung des Prinzips ‚Führen mit Auftrag‘ als einen der Grundsätze der Inneren Führung. Dieses Prinzip wurde jedoch durchaus auch von der Wehrmacht und der Waffen-SS praktiziert. Wie ist dies zu erklären, wo sich die Bundeswehr doch klar von diesen Institutionen der Vergangenheit abzugrenzen versucht?

Die Bundeswehr kultiviert zahlreiche Normen, mit denen sie sich von vielen anderen Armeen in Geschichte und Gegenwart unterscheidet. Neben der genannten ‚Befehlsverantwortung‘ und der ‚Remonstrationspflicht‘ ist auch die Vorbereitung von Angriffskriegen in Deutschland verboten. Die Armee steht unter einer umfangreichen Kontrolle durch das Parlament, womit die Gewaltenteilung gewahrt und zu viel Machtkonzentration verhindert werden soll. Eine wichtige Institution ist in diesem Zusammenhang der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. Des Weiteren wird in der Bundeswehr auf eine Erziehung zum Hass verzichtet. 

Militärische Normen

Zudem werden umfangreiche staatsbürgerliche Unterrichtungen angeboten und die ‚Innere Führung‘ mit dem ‚Leitbild vom Staatsbürger in Uniform‘ sorgt dafür, dass die Armee sich als Teil der Gesellschaft versteht und sich nicht von deren Werten abgrenzt. Schließlich besteht auch für die Soldatinnen und Soldaten ein verfassungsmäßiges ‚Recht zum Widerstand‘ (vgl. Grundgesetz Artikel 20,4), um eine Willkür- und Gewaltherrschaft zu verhindern. Diese und weitere Normen bieten eine Antwort auf den Missbrauch militärischer Macht in der deutschen Vergangenheit und geben einen festen ethischen Kompass vor, welcher sich deutlich von den Normen der Wehrmacht und der Waffen-SS unterscheidet.

Doch die Bundeswehr verfügt auch über klassische militärische Normen, die auch bereits bei der Wehrmacht und noch früheren Armeen zu finden sind. Grundsätze, wie das ‚Führen mit Auftrag‘, das ‚Führen von vorne‘, bei dem es um vorbildliches Verhalten geht, sowie auch heute erforderliche ‚Soldatische Tugenden‘, wie etwa Treue, Tapferkeit, Verschwiegenheit oder Kameradschaft haben für die Bundeswehr einen hohen Stellenwert, genau wie dies in der Wehrmacht und auch in der Waffen-SS der Fall gewesen sein dürfte. Es handelt sich hierbei um Verhaltensnormen, die sich auch international in unterschiedlichen militärischen Organisationen, Kontexten und Epochen als besonders effektiv herausgestellt haben. In der Menschheitsgeschichte hat man derartige Normen immer wieder kultiviert, da diese seit jeher einen Beitrag zur Überlebensfähigkeit von Gemeinschaften leisten. 

Universelle Werte

Normen sind im Gegensatz zu Werten jedoch kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Sie erlangen ihre ethische Bedeutung und Berechtigung erst durch die Ziele (Werte), denen sie dienen. Dies ist vergleichbar mit dem Gebrauch von Werkzeugen. Eine Zange kann man beispielsweise dazu benutzen, um einen schmerzenden Zahn zu ziehen, man kann sie aber auch als Folterwerkzeug missbrauchen und damit Schmerzen zufügen. Auch eine Tugend, wie der Fleiß, kann beispielsweise einem Bauern helfen, sein Feld gut zu bereiten, sie kann aber auch einem Räuber dazu dienen, möglichst viel Diebesgut zu sammeln. Dies bedeutet jedoch nicht, dass solche Tugenden etwas Schlechtes sind, es kommt nur eben darauf an, für welche Ziele sie zum Einsatz kommen.

Die Bundeswehr verteidigt universelle Werte, wie Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie und Solidarität. Diese Werteordnung unterscheidet sich elementar von Werten der Wehrmacht und der Waffen-SS. Die Mittel mögen also teilweise identisch sein, der Zweck und die Ziele waren es jedoch keinesfalls. Die Bundeswehr hat damit die Frage, wofür es sich zu kämpfen lohnt, mit Blick auf die Vergangenheit grundlegend neu beantwortet.



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