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Frieden für die Stämme Rendille und Burana

Die Menschen in Marsabit in Kenia schaffen es, die Stammeskonflikte in ihrer Region selbst zu beenden und miteinander in Frieden zu leben. Damit haben sie ihren Politikern einiges voraus.

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven © KS / Doreen Bierdel
Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven © KS / Doreen Bierdel

Der Direktor des Instituts für Theologie und Frieden, Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, hat an dem epd-Exposure „The Power of Religion in Peace Building“ teilgenommen und die Menschen in Marsabit besucht. Wir haben ihn nach der Bedeutung der verschiedenen Religionen für den Friedensaufbau gefragt.

Die Fragen stellte Barbara Dreiling.

Sind die Rendillen Muslime oder haben die eine Stammesreligion?

Justenhoven: Nein, die sind sowohl Christen als auch Muslime, deren Religiosität ganz stark von afrikanischer Spiritualität durchsetzt ist. Das geht für uns, für mich als Beobachter, nur schwer zusammen, das scheint aber dort kein Problem zu sein. 

Ich stelle mir das vor wie bestimmte Frömmigkeitsformen, die es auch bei uns gibt. 

Justenhoven: Stellen Sie es sich so vor: Da sitzen die Vertreter der einzelnen Familien zusammen, in der Regel die verheirateten Männer. Die Kenianer sind sehr religiös, das heißt, es gibt eigentlich kein Meeting, bei dem nicht gebetet wird, auch bei politischen Meetings. Und das Gebet wird von einem, der aus einer traditionellen Vorbeterfamilie stammt – so nennen sie das –, vorgetragen. Das ist nicht in unserem Sinne ein Priester! Er steht dann auf und trägt am Ende des Meetings die Dinge, die passiert sind, vor den Allmächtigen. 

Wie auch aus Ihrem Text hervorgeht, scheint interreligiöse Zusammenarbeit dort kein Thema zu sein, weil sie einfach praktiziert wird.

Justenhoven: Wir waren als Gruppe, als Eingeladene aus verschiedenen Ministerien, Bundeseinrichtungen und eben auch als Vertreter der Kirche in verschiedenen Projekten. In dem Projekt, in dem ich war, war das dezidiert Interreligiöse überhaupt nicht das Thema. Doch was ich gesehen habe, war, dass die Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören, selbstverständlich miteinander beten, gleichwohl am Freitag oder am Sonntag in ihre Moschee bzw. ihre Kirche gehen. 

Versammlung der Ältesten des Dorfes © Matthias Eder
Versammlung der Ältesten des Dorfes © Matthias Eder

Wenn religiöse und nicht religiöse Menschen in Europa miteinander reden, hat man den Eindruck, dass sie gerade die Unterschiede betonen.

Justenhoven: Und die Menschen dort betonen die Gemeinsamkeiten. Das ist noch nicht mal reflektiert, das ist einfach so. Es wird miteinander gebetet. Während wir uns daran gewöhnt haben, das Gegeneinander eher zu sehen und als problematisch anzusehen, ist es dort erstmal so, dass diese Unterschiede einfach akzeptiert werden. 

Worum ging es denn bei Ihrem Exposure?

Justenhoven: Das Exposure hieß: Die Kraft der Religion im Blick auf Friedensaufbau. Und es ging darum, Projekte kennenzulernen, in denen Friedensaufbau praktiziert und gelebt wird. Und ich hatte mir dieses Projekt ausgesucht, weil ich vor zehn Jahren am Hekima College in Nairobi verschiedene Male Seminare gegeben habe. Und die Frau, die das Projekt gemacht hat, Elisabeth Kanini, war eine Absolventin eines solchen Kurses (jedoch nicht bei mir). Und ich wollte mir einfach mal anschauen, was sie mit dem Gelernten konkret vor Ort macht. 

Können Sie das Modell eines Exposures ganz kurz beschreiben, was das eigentlich ist?

Justenhoven: Die Idee der „Exposure- und Dialogprogramme“ des EDP e.V. ist, zu Partnern im globalen Süden zu gehen und sich der Lebenswelt der Menschen dort auszusetzen und zu schauen, inwieweit wir aus den Wirklichkeiten der Lebenswelten für uns etwas mitnehmen können. Wenn man das auf andere, traditionelle Themen bezieht, dann heißt das zum Beispiel, dass Leute, die mit dem Kaffeehandel zu tun haben, dorthin gehen, wo Kaffeebauern von den Erträgen leben müssen. Oder dass man sich dort, wo Kleider produziert werden, anschaut, unter welchen Bedingungen Menschen leben müssen, die Kleider für Modeketten produzieren zu Preisen, die wir vom Norden her diktieren. Das ist sozusagen das klassische EDP, da nimmt man Leute aus der Industrie oder aus dem Handel mit, oder eben natürlich auch aus der Politik. 

Elisabeth Kanini im Gespräch mit jungen Männern, die sie als Peacebuilder ausgebildet hat © Heinz-Gerhard Justenhoven
Elisabeth Kanini im Gespräch mit jungen Männern, die sie als Peacebuilder ausgebildet hat © Heinz-Gerhard Justenhoven

Bei Ihrem Projekt ging es um Friedensaufbau…

Justenhoven: Wir waren jetzt bei einem neuen Projekt, bei dem es um die Bedeutung von Religion für den Friedensaufbau ging. Das hat viel damit zu tun, dass wir eine Praxis haben, in Konflikte in Staaten von außen einzugreifen und den Versuch machen, mit unseren Vorstellungen die Gesellschaft zu verändern. Das ist, was man klassischerweise Statebuildung nennt, was in Afghanistan oder Mali passiert. Das geschieht häufig, ohne sich nochmals klarzumachen, welche Bedeutung die Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenleben und auch die Religion in diesen Gesellschaften haben, weil wir sie einfach nicht kennen. Und die Exposures sind ein Versuch, Entscheidungsträger mitzunehmen, ihnen Gelegenheit zu geben, in Gesellschaften ganz tief einzutauchen und ihre Funktionsweise zu erleben, ein Gespür dafür zu bekommen, welche Bedeutung Religion im Leben dieser Menschen hat und wie diese Menschen versuchen, Gesellschaft zu verändern.

Nun gewinne ich aus Ihrem Bericht den Eindruck, dass diese Friedensinitiative zwischen den Stämmen der Burana und Rendille etwas schafft, was der Staat in Kenia noch lange nicht schafft.

Justenhoven: Genau.

Sie sprachen eben davon, dass diese Friedenschritte von den beiden Stämmen selbst getan werden. 

Justenhoven: Das ist die Arbeit von Elisabeth Kanini, dass sie den Leuten klarmacht, dass ihre traditionelle Art und Weise, mit Konflikten umzugehen, die auch von außen instrumentalisiert wird, ihnen die Lebensgrundlagen entzieht. 

Elisabeth Kanini im Gespräch mit einem ehemaligen Schüler, der nun selbst Lehrer ist © Heinz-Gerhard Justenhoven
Elisabeth Kanini im Gespräch mit einem ehemaligen Schüler, der nun selbst Lehrer ist © Heinz-Gerhard Justenhoven

Was passiert da genau?

Justenhoven: Das traditionelle Männlichkeitsideal dieser Gesellschaft ist, dass junge Männer erstens auf das Vieh aufpassen. Vieh ist das Gold, der Wertbestand einer solchen Stammesgesellschaft in einem Umfeld, in dem alles, was wir kennen – Geld und Banken –, nicht funktioniert. Wert wird in Tieren angelegt. Wenn ich also Geld brauche, um mein Kind zur Schule zu schicken, muss ich ein Schaf verkaufen oder eine Ziege. Das heißt, die jungen Männer werden erzogen, diesen Wert der Gemeinschaft zu hüten. Das tun sie, indem sie ihn gegen alle möglichen Feinde verteidigen. Das fängt bei den wilden Tieren an bis hin zu konkurrierenden Stämmen oder Räubern. Gleichzeitig gehört es offensichtlich zum Männlichkeitsideal dazu, den anderen etwas wegzunehmen und Tiere abzujagen, auch um den Preis, dass jene, die sich auf der anderen Seite verteidigen, dabei zu Tode kommen. Das wird durchaus wertgeschätzt. 

Die schlimmsten Treiber sind Mütter und künftige Bräute, denn ein tapferer junger Mann wird höher angesehen als einer, der sich dem verweigert. Dann tritt das Problem auf, dass Gewalthandlungen sich gegenseitig aufschaukeln. 

Und hier setzt die Arbeit von Frau Kanini an.

Justenhoven: Sie zeigt hier eine Alternative und macht den Menschen klar: Dieser Weg hat vor Jahrhunderten vielleicht mal funktioniert, aber heute – angesichts der Tatsache, dass die Stämme zunehmend auch sesshaft werden, Dörfer gründen und dann mit ihren Nachbarn in Konflikt geraten, in denen sich die politischen Repräsentanten zusätzlich noch als starke Männer anbieten –, führt er dazu, dass es Überfälle von der anderen Seite gibt, dass Frauen und Kinder weglaufen, dass sie die Dörfer verlassen. Die Art, wie dort mit Konflikten umgegangen wird, zerstört die Lebensgrundlage der Menschen. 

Ist Religion geeignet, um Frieden zu stiften? Viele Menschen in Europa sind der Meinung, dass Religion Konflikte erst schafft und keinesfalls Frieden fördert.

Justenhoven: Ich würde das anders sehen. Ein Beispiel: Frau Kanini hat mir einen jungen Mann vorgestellt, den sie gefragt hatte, was er später werden will. Darauf hat er geantwortet: Ich will Burana töten, also die anderen. Und was sie versucht hat, ihm klarzumachen, war, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und nicht nur der eigene Stamm. Ein genuin christlicher Gedanke, der aber auch in anderen monotheistischen Religionen vorhanden ist, nämlich, dass sich alle der Schöpfung eines guten Gottes verdanken und deswegen alle gleich sind, sodass es keinen Grund gibt, die Mitglieder der eigenen Gruppe den Anderen vorzuziehen, oder andere zu töten.