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"Bei Gelegenheit auch einen Rat von Geistlichen annehmen"

Franz Josef Strauß war Gast bei der 2. Gesamtkonferenz 1957

 
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (stehend) war Gast auf der zweiten Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge im November 1957 in Maria Laach. Sitzend rechts von ihm Militärbischof Joseph Kardinal Wendel. Die Zuhörer dürften fast alle Militärpfarrer sein. Quelle: AKMB
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (stehend) war Gast auf der zweiten Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge im November 1957 in Maria Laach. Sitzend rechts von ihm Militärbischof Joseph Kardinal Wendel. Die Zuhörer dürften fast alle Militärpfarrer sein. Quelle: AKMB

Ein Geschichtssplitter aus dem Archiv des Katholischen Militärbischofs - Von Barbara Dreiling 

Einmal im Jahr treffen sich über hundert Militärseelsorger und Militärseelsorgerinnen, Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfer seit 64 Jahren und in ständig wechselnder Besetzung. Umso interessanter sind alte Fotos aus dem Archiv des Katholischen Militärbischofs mit Menschen, die auch einmal Gäste bei einer Gesamtkonferenz waren. 

Zum Beispiel der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915–1988; Bundesminister der Verteidigung von 1956 bis 1962). Auf der zweiten Gesamtkonferenz im Jahr 1957 hielt er vor den Militärpfarrern eine Rede, in der er einige für ihn wichtige Aufgaben der zukünftigen Militärseelsorge benannte. 

„Hilfe für den Einzelnen“

An erster Stelle betonte Strauß, dass die Militärseelsorge eine „Hilfe für den Einzelnen“ sein soll. „In der besonderen Hilfe gegenüber dem einzelnen Soldaten liegt eine Hauptaufgabe der Militärseelsorge, deren Früchte lange Reifezeit brauchen und von außen kaum faßbar sind“, liest man heute in seinem Manuskript. Wie er sich diese „Hilfe“ konkret vorstellte, bleibt offen. Doch die Betonung des „Einzelnen“ entspricht damals wie heute dem Grundsatz der Militärseelsorge, vom Menschen als Soldaten, nicht vom Menschen im Soldaten, auszugehen. Damit fördert sie unter anderem die in Artikel 4 des Grundgesetzes beschriebene Freiheit des Gewissens. In der Zuwendung zum Einzelnen, z. B. im persönlichen Gespräch, sind Militärseelsorger zum Schweigen verpflichtet. 

Zu den Besonderheiten der Militärseelsorge in der Bundeswehr gehört auch, dass der Militärseelsorger dem Kommandeur zugeordnet, doch aus militärischer Sicht nicht untergeordnet ist. Das macht die Seelsorger für Soldaten zu unabhängigen Gesprächspartnern.

„Nicht zu zaghaft sein und Ihre Hilfe immer wieder anbieten"

Verteidigungsminister Strauß ermutigte damals die Militärseelsorger, gegenüber den Kommandeuren selbstbewusster aufzutreten und ihre Rolle in der neuen Armee wahrzunehmen: „Ich weiß, daß schon eine Anzahl von Kommandeuren und Kompaniechefs die Militärseelsorger gern zur Aussprache heranziehen. Sie können hier zusammen mit dem Truppenarzt – auch dem Rechtsberater – manche menschliche Hilfe geben, gegebenenfalls Vorurteile abräumen und Kontakte schlagen, die beiden Seiten dienen. Hier sollten Sie nicht zu zaghaft sein und Ihre Hilfe immer wieder anbieten. Es ist sicher nicht zum Schaden der Kommandeure, wenn sie bei Gelegenheit auch einen Rat von Geistlichen annehmen.“

Und die Moral von der Geschicht‘? – Die Militärseelsorge war schon immer pragmatisch und kümmerte sich nicht nur um das zukünftige Seelenheil der Menschen in der Bundeswehr. Im Gegenteil. Nach Franz Josef Strauß soll die Einrichtung von Soldatenfreizeitheimen durch die Militärseelsorge „mithelfen, den Soldaten in der Fremde eine Heimat zu bieten und sie vor schlimmen Auswüchsen zu bewahren.“ Was „schlimme Auswüchse“ sind, war den meisten der anwesenden Militärpfarrer wohl klar, doch Strauß bringt es noch einmal auf den Punkt: „Die Fähigkeit des Trinkens sollte nicht den Stil des Soldaten prägen!“ 

Bundeswehr und Militärseelsorge im Aufbau

So gesehen gibt Strauß‘ Rede vor den Militärpfarrern der ersten Stunde auch eine Richtung für die künftige Militärseelsorge in der Bundeswehr vor. Allein aus kirchlicher Sicht erlebt er die Militärseelsorge zukunftsweisend: „Besonders erfreulich ist, daß beide Konfessionen in echter Brüderlichkeit zusammen arbeiten“, sagte er laut Manuskript und sprach damit einen Zustand aus, der für die damaligen katholischen und evangelischen Christen in Deutschland keineswegs selbstverständlich war.

Am Ende seiner Rede erklärte er, dass die Militärseelsorge keinesfalls nur Erfüllung des Grundrechts auf Religionsfreiheit für Soldaten sein soll. Ihm zufolge soll sie das Grundverständnis der Bundeswehr und die Etablierung der Inneren Führung begleiten: „Wenn wir einen Ausblick in die Zukunft tun, müssen wir uns darüber klar sein, daß der innere Aufbau der Bundeswehr noch einer viel längeren Zeit bedarf als ein Aufbau der äußeren Organisation. Wir alle können nur Stein auf Stein fügen. Wenn Sie erst überall in den Einheiten festen Fuß gefaßt haben, wird Ihre Arbeit leichter werden.“

Kontakt zum Archiv



Archiv des Katholischen Militärbischofs
Dr. Markus Seemann, Leitung
Am Weidendamm 2
10117 Berlin
Tel: (030) 20617-171
Fax: (030) 20617-199

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Divisionspfarrer Dr. Julius Langhaeuser mit seinem Reitpferd auf einer Feldpostkarte, 1914. Quelle: AKMB
Divisionspfarrer Dr. Julius Langhaeuser mit seinem Reitpferd auf einer Feldpostkarte, 1914. Quelle: AKMB


Dienstwagen gestern und heute

Bilder aus dem Archiv des Katholischen Militärbischofs

Militärseelsorger müssen mobil sein. Das galt schon zu Zeiten von Julius Langhaeuser. 

Er gehört zu den wenigen katholischen Militärseelsorgern aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, von denen im Archiv des Katholischen Militärbischofs ein Foto existiert. Und darauf ist nicht nur er allein zu sehen, sondern auch sein "Dienstfahrzeug", ein Reitpferd.

Das Archiv des Katholischen Militärbischofs hütet zwar keine Oldtimer. Doch die Bilder der Dienstwagen geben einen Eindruck von der Mobilität der Militärseelsorger seit Julius Langhaeuser bis in die Gegenwart.




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