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Würde und Freiheit des Menschen

 

Am 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989 erinnert sich der katholische Militärdekan Stephan Lorek an das Ende der DDR. Als katholischer Priester des Bischöflichen Amts Magdeburg erlebte er den sozialistischen Staat und den Fall der Mauer als damals 25-jähriger. Heute ist er Militärseelsorger in Neubrandenburg.

Die Fragen stellte Barbara Dreiling.

   

Militärdekan Stephan Lorek © KS / Halina Wegrzynowicz
Militärdekan Stephan Lorek © KS / Halina Wegrzynowicz
9. November 1989. Konnten Sie sich vorstellen, dass sich etwas ändert?

Lorek: Nein. Nicht so in dieser massiven Form. Es gab 1989 eine gewisse Unruhe, doch aus meiner Perspektive habe ich mit so einer grundlegenden Veränderung nicht gerechnet. Im Frühjahr waren die Ereignisse in China und da hätte ich eher gedacht, dass die Machthaber der DDR mit militärischen Mitteln jedes Aufbegehren unterdrücken werden.  

 

Hatten Sie Angst oder Sorge, wie es weitergeht?   

LorekEs war nicht Angst, wohl aber Sorge, was kommt. Durch die hohe Zahl derer, die über Budapest, Prag und Warschau in die Bundesrepublik gegangen waren, erlebte man einen Staat, der immer mehr zerfiel. Manches Alltägliche kam immer mehr ins Stocken, blieb liegen. Mir wurde erzählt, dass in Krankenhäusern manches nicht mehr gemacht werden konnte, weil Krankenschwestern und Ärzte weggegangen waren. In Betrieben fehlten Arbeitskräfte neben der ohnehin schon knappen Materialversorgung. Die Zerstörung der Umwelt war sichtbar, hörbar und zu riechen.

Sie haben im Juni 1989 die Priesterweihe empfangen. Sie wussten, dass Sie sich als Priester in der DDR auf Nachteile einstellen müssen. War auch Rebellion dabei, als Sie entschieden haben, Priester zu werden? 

LorekDie erste Motivation zum Priesterberuf lag darin, dass ich meinen katholischen Glauben durch Eltern, Großeltern und die ganze Familie als etwas Befreiendes, Frohmachendes erlebt hatte. Ab einem gewissen Zeitpunkt fragte ich mich dann schon, ob dieser Glaube ein bisschen mehr für einen bedeutet und ob dieser Jesus Christus mit einem mehr zu tun haben will. Darauf habe ich mich entschlossen, ab 1980 in die Ausbildung zum katholischen Priester zu gehen, also Abitur und Studium zu absolvieren. Rebellion gegen den Staat war es so nicht, sondern es war erst mal eine sehr persönliche, personale Angelegenheit. Weniger Rebellion, wohl aber etwas Widerstand gegen eine atheistisch verordnete Kultur und Philosophie spielten daneben sicherlich eine Rolle. Diese Kultur wollte den Menschen begrenzen auf das Hier und Heute, auf das nur Greif- und Sichtbare.

   

Menschen feiern die Öffnung der Berliner Mauer am Brandenburger Tor 1989 © Bundeswehr / Klaus Lehnartz
Menschen feiern die Öffnung der Berliner Mauer am Brandenburger Tor 1989 © Bundeswehr / Klaus Lehnartz
Viele Menschen aus der ehemaligen DDR fühlten sich später in der Bundesrepublik vom Staat enttäuscht oder gar abgehängt. Wie ging es Ihnen?

LorekDiese Erfahrung kann ich für mich nicht bestätigen, weder gleich nach der Wende, noch heute.

 

Welche Auswirkungen hatte die politische Wende, das neue Leben in der Bundesrepublik auf das Leben in Ihren Gemeinden?

Lorek: In Stichworten gesagt: zuallererst überwiegend Freude und Euphorie; dann erst einmal halbleere Kirchen, weil viele an den ersten Wochenenden in „den Westen“ fuhren. Dann gab es viel Unsicherheit über die weitere Entwicklung, der Gedanke der Einheit war so konkret nicht gleich da, und Sorge um die Arbeitsplätze. Auch Einzug von verstärkter Verwaltung. Die Umstellung im Kirchensteuersystem brachte eine hohe Anzahl von offiziellen Kirchenaustritten, sozusagen „Karteileichen“, und einen starken Rückgang an offiziellen Gemeindemitgliedern. Dann gab es Begegnungen mit Partnergemeinden – kirchlich und kommunal, oder Jugendfahrten in den nun „zugänglichen“ Teil Deutschlands.

 

Das Ende der DDR wäre ohne die Friedensgebete vermutlich anders verlaufen. Warum machen sich Christen eigentlich Gedanken über den Staat, über Freiheit oder Gerechtigkeit?

LorekDa müssen Sie die Christen fragen. Ich persönlich hoffe doch, dass sich jeder Bürger Gedanken über Staat, Politik, Gesellschaft macht. Als Christ ist man immer auch Teil der politischen Gesellschaft, man ist nicht nur Angehöriger einer Religionsgemeinschaft, sondern auch Teil einer politischen Gemeinschaft. Ich bin Bürger dieses Landes und als solcher habe ich das verbriefte Recht und auch die Pflicht, mir Gedanken zu machen über das Zusammenleben, meine Meinung frei zu äußern, mich in bestimmte Dinge einzumischen. 

Sie sind in Ihrem Lebenskundlichen Seminar mit den Soldaten zur KZ-Gedenkstätte Langenstein und zum Grenzübergang Marienborn gefahren. Sie haben die Folgen des Nationalsozialismus und des Sozialismus gemeinsam betrachtet. Was ist diesen Ideologien gemeinsam?

LorekWir haben uns in diesem Jahr aus Anlass des Mauerfalls vor 30 Jahren mit den Ideologien des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt, die ihre Wirkung brutal entfaltet hatten. Diesen Ideologien, also Faschismus, Nationalsozialismus und real existierender Sozialismus, ist gemeinsam, dass sie die Würde des Menschen verletzten, seine individuelle Freiheit eingrenzten.

Und das, obwohl sie eigentlich nach ihrem Selbstverständnis gerade dies sich selbst auf die Fahne geschrieben hatten. Verkürzt gesagt: Diese politischen Ideologien hatten – aus christlicher Sicht – ein unvollständiges Menschenbild. Das hat sich dann zu einer unheilvollen Gesellschaftslehre fortgepflanzt.

Davor sind wir auch heute nicht gefeit.

LorekKeine Gesellschaft ist ideologiefrei! Es wäre ja auch schlimm, wenn es beim Zusammenleben von Menschen keine Ideen, also keine „Zielvorstellungen“, geben würde. 

Eine gute Gesellschaft zeichnet sich aber dadurch aus, dass die Ideale von den unterschiedlichen politischen Akteuren eingebracht werden und durch freie Wahlen bestätigt oder durch Abwahl korrigiert oder ersetzt werden. Politisch ideologische Systeme schließen die Freiheit der Wahl durch das Volk aus, werden einseitig und grenzen Menschen aus, die nicht auf ihrer Linie, bei ihren Ideen sind.

An den beiden Stationen – Marienborn und Langenstein bei Halberstadt – sieht man sehr deutlich die Konsequenzen solchen Denkens und Handelns.

Warum ist ihnen dieses Thema im Lebenskundlichen Unterricht wichtig? Was möchten Sie Soldaten mitgeben?

LorekIch möchte für politisches und ethisches Verhalten sensibilisieren. Soldaten sind ja Staatsbürger in Uniform. Da geht es um die Frage: Wie hätte ich mich in einem ideologischen System verhalten? Hätte ich mitgemacht, mich angepasst, oder hätte ich Widerstand geleistet? Hätte ich mich gegen das eigene Volk einsetzen lassen?

Es gibt keine Bestandsgarantien für Gesellschaftssysteme. Jede Diktatur kann sich in eine gerechte Gesellschaft verändern. Jede Demokratie kann zerfallen.

Mitgeben möchte ich Wachheit für gesellschaftliche Entwicklungen auch heute, Wachheit für ihre Sprache in der ganzen Bandbreite des politischen Spektrums.

Ich beende jeden LKS mit einer Filmdokumentation über den Mauerfall, und da möchte ich auch die Freude darüber vermitteln, „dass zusammenkommt, was zusammengehört“, wie es von Willy Brandt überliefert ist.

 

 




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