Zum Inhalt springen

"Jedes Kind lebt unter einem nuklearen Damoklesschwert"

Erstellt von Anna Fries (KNA) |
Die Zeitschrift
Die Zeitschrift "Kompass. Soldat in Welt und Kirche" veröffentlichte die Sonderausgabe 2018 zum Thema "Nuklearwaffen als ultimativer Garant der Sicherheit?" Titelbild: Der Atompilz über Nagasaki am 9. August 1945 stieg 18 km hoch. © gemeinfrei

Es sollte ein Schritt in eine sicherere Welt sein: Vor 50 Jahren unterzeichneten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion den Atomwaffensperrvertrag. Doch die nukleare Abrüstung lässt weiter auf sich warten.

Bonn (KNA) "Iran soll die Bombe bekommen", lautet das provokative Plädoyer des amerikanischen Politologen Kenneth Waltz zum iranischen Atomprogramm. Ausgelöst durch die einseitige US-Aufkündigung des Atomdeals mit Iran, gewinnt die Debatte neu an Aktualität. Das theokratische Regime in Teheran hatte gedroht, im Fall eines Scheiterns aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten. Iran müsste dann keine internationalen Vorschriften mehr einhalten - mögliche Konsequenzen sind Spekulation.

"Nuklearwaffen als ultimativer Garant der Sicherheit?" - Kompass Sonderausgabe 2018 (PDF, 20 Seiten, 1,38 MB)

Die Kernfrage. Nukleare Abschreckung zwischen Friedensethik und Sicherheitspolitik

Der Blick zurück zeigt, wie gefährlich die Situation durch Atomwaffen bereits zur Zeit des Kalten Kriegs war. "Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind lebt unter einem nuklearen Damoklesschwert, das an einem seidenen Faden hängt, der jederzeit zerschnitten werden kann durch Zufall, Fehlkalkulation oder Wahnsinn", erklärte 1961 der damalige US-Präsident John F. Kennedy vor den Vereinten Nationen - in der Hochphase des nuklearen Aufrüstens.

Vor diesem Hintergrund unterzeichneten die USA, Russland und Großbritannien am 1. Juli 1968 den Atomwaffensperrvertrag. Er sollte Sicherheit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs herstellen und ist bis heute die Grundlage weltweiter nuklearen Abrüstung. Die Atommächte verpflichten sich darin, ihre Waffenarsenale abzubauen.

Alle anderen Unterzeichner verzichten auf Atomwaffen und kooperieren bei der zivilen Nutzung der Technologie. Inzwischen erkennen 190 Staaten den Vertrag an, neben den Gründern auch die Atommächte China und Frankreich.

Eine wegweisende Idee - doch wie sieht die Praxis aus? Wie viele internationale Abkommen wirft der Vertrag Fragen nach der Wirkung auf. Denn Atomwaffen sichern Macht und Einfluss - zu Beschränkungen scheint kaum eine Regierung bereit. Nach Schätzungen gibt es derzeit fast 14.500 Sprengköpfe weltweit, 6.850 davon in Russland und 6.450 in den USA.

Dennoch: Seit Inkrafttreten des Vertrags haben mehrere Staaten ihre militärischen Atomprogramme aufgegeben, darunter Schweden, Brasilien, Weißrussland und der Irak. Trotzdem breitete sich die Technologie aus. Indien, Israel und Pakistan erkennen den Vertrag nicht an und entwickelten seit den 1960er Jahren Kernwaffen. Israel hat sich nie offen zu seinem Atomprogramm bekannt. Nordkorea ist 2003 aus dem Abkommen ausgetreten und testet seitdem regelmäßig Nuklearwaffen - unklar ist, ob das jüngste Treffen mit US-Präsident Donald Trump daran etwas ändern wird.

Auch die Abrüstungsbemühungen der Vertragsstaaten sind fraglich: Die Atommächte reduzieren ihre Waffenbestände kaum, investieren vielmehr in Modernisierungsprogramme. Aktuell werden weltweit Schätzungen zufolge umgerechnet rund 90 Milliarden Euro pro Jahr für Nuklearwaffen ausgegeben.

US-Politologe Waltz vertritt bis heute die These, dass mehr Atomwaffen das internationale Machtgleichgewicht stabilisieren.

Dahinter steht die Idee eines "Gleichgewicht des Schreckens". Kein rational handelnder Staat würde einen anderen mit Atomwaffen angreifen, da er befürchten müsse, in diesem Fall selbst angegriffen und vernichtet zu werden.

Andere Experten sind strikt gegen Atomwaffen. Sie argumentieren mit mangelhaften Kontrollmöglichkeiten: Was passiert etwa, wenn Nuklearwaffen nicht-staatlichen Akteuren wie Terroristen in die Hände fallen, für die rationales Handeln und das eigene Überleben keine Rolle spielen?

122 Staaten geht der Sperrvertrag daher nicht weit genug, sie einigten sich 2017 mit einem weiteren Vertrag auf ein Verbot von Atomwaffen. Der Einsatz von Nuklearwaffen ebenso wie deren Herstellung, Besitz, Lagerung und Stationierung sind demnach verboten. Wirkungskraft hat das Abkommen kaum, denn weder die Atommächte noch die NATO-Länder, darunter Deutschland, erkennen den Vertrag an. Vielmehr lagern auf deutschem Boden amerikanische Atomwaffen - als Teil der nuklearen Abschreckung der NATO.

Auch Papst Franziskus hatte Atomwaffen in der Vergangenheit scharf kritisiert. Nukleare Abschreckung und der Besitz von Atomwaffen seien nicht mehr ethisch vertretbar. Franziskus zeigte sich Anfang des Jahres zudem besorgt über einen möglichen Atomkrieg: "Ja, ich habe wirklich Angst. Wir haben eine Grenze erreicht. Es reicht ein Unfall, um einen Krieg zu entfesseln."

© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

Nachrichtenarchiv