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Prager Botschaftssturm vor 30 Jahren

Erstellt von Hans-Jörg Schmidt (KNA) |
Die Flüchtlinge in der Prager Botschaft waren nur der Anfang. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. © Bundeswehr / Klaus Lehnartz
Die Flüchtlinge in der Prager Botschaft waren nur der Anfang. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. © Bundeswehr / Klaus Lehnartz

Ein Meilenstein zum Mauerfall - Als Genscher nicht mal zu Ende sprechen konnte

Die Flucht von DDR-Bürgern in die BRD-Botschaft in Prag 1989 war ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall der Berliner Mauer. Die Ostdeutschen stimmten an der Moldau mit den Füßen ab, um in die Freiheit zu gelangen.

Prag (KNA). Wer das wohl schönste deutsche Botschaftsgebäude besichtigt, das Palais Lobkovicz in Prag, der findet im Treppenhaus Zeugnisse von vor 30 Jahren. Besonderer Hingucker: eine aus schwarzen, roten und goldenen Stoffresten zusammengenähte Deutschlandfahne. Kleiner als DIN-A-4, verkörpert sie den großen Traum von der Freiheit - und die Sehnsucht der damaligen Botschaftsbesetzer, Honeckers DDR unter allen Umständen in Richtung Bundesrepublik zu verlassen.

Tausende Flüchtlinge

Im Frühherbst vor 30 Jahren sind die Umstände auf Prags malerischer Kleinseite abenteuerlich. Mehrere tausend Menschen aus dem Osten haben die Botschaft in Wellen gestürmt. Bei nasskalter Witterung, die den wundervoll gepflegten Park des Palais in eine Schlammwüste verwandelt, harren sie in furchtbarer Enge mit Zweifel und Hoffnung zugleich aus, um letztlich ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.

Die Botschaftsmitarbeiter und Helfer des Roten Kreuzes leisten Enormes, um alle zu versorgen. 35 Großzelte werden herangeschafft, vier Feldküchen, 3.000 Betten und Matratzen, fast 6.000 Schlafsäcke, 3.600 Wolldecken, 2.000 Trainingsanzüge, 1.200 Pullover, 2.500 Quadratmeter Holzpaletten aus einem Munitionsdepot der Bundeswehr, 20.000 Babywindeln, sogar 96 Kindernachttöpfe. Jeden Tag fahren Transporter ins oberpfälzische Weiden, um Lebensmittel zu besorgen.

Verhandlungen im Hintergrund

Die Milizen der damaligen Tschechoslowakei hindern die Menschen anfangs daran, die Zäune zu übersteigen. Doch zunehmend hält sich die politische Führung in Prag aus der Causa heraus. Für sie ist das, was sich in der Welschen-Gasse abspielt, eine Angelegenheit der beiden deutschen Staaten. Das Husak-Regime will nicht die deutsch-deutsche Suppe auslöffeln und am Ende im Regen stehen. Honecker schickt mehrfach seinen Vertrauten, Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, um die Besetzer von der Rückkehr in die DDR zu überzeugen. Sie könnten dort einen Ausreiseantrag stellen. Nur wenige vertrauen dieser Zusage.

Inzwischen hat am Rande der UN-Vollversammlung in New York fieberhafte politische Aktivität eingesetzt. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher gelingt es mit Hilfe des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse, eine Lösung für das Drama zu erreichen, der auch die DDR zustimmen kann. Die Flüchtlinge, die mittlerweile auch auf den Treppenstufen der Botschaft Schlaf zu finden versuchen, ahnen von all dem nichts.

Züge in den Westen

Am Abend des 30. September fliegen Genscher und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters von Bonn nach Prag. Um 18.58 Uhr betritt Genscher den Botschaftsbalkon, der heute seinen Namen trägt, und spricht zu den Landsleuten aus der DDR: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest seines Satzes geht im Jubel der rund 4.000 Menschen im Park unter. Genscher nannte diese Stunden später die "bewegendsten" seines 89-jährigen Lebens.

Mit Zügen fahren wenig später die Flüchtlinge von Prag aus in den Westen. Ostberlin besteht darauf, dass sie über DDR-Territorium reisen. Noch einmal befällt die Menschen Angst, sie könnten dort festgehalten werden. In Dresden und anderen Orten versuchen DDR-Bürger, die Züge zu entern, um mitzufahren. Doch die Behörden schlagen erbarmungslos zu.

Nicht aufzuhaltende politische Wende

BRD-Botschafter Hermann Huber schaut nach zwei Stunden Schlaf "sein" Haus und den Park an. "Über dem infernalischen Chaos lag eine gespenstische Stille", notiert er. Rot-Kreuz-Helfer laden seine Frau und ihn ein, im Hof eine Gulaschsuppe zu essen. "Wir waren dankbar dafür. Sie hatten wohl unsere seelische Verfassung bemerkt." Gegen Mittag begehren aber schon wieder ein paar hundert Menschen Einlass.

Am Ende sind es an die 7.000 DDR-Bürger, die sich auf dem völlig überfüllten Areal drängen. 600 von ihnen müssen im Heizungskeller nächtigen. Er ist der einzig verbliebene Raum. Die Weltpresse nimmt von deren Ausreise kaum noch Kenntnis. Die DDR führt danach erneut die Visapflicht für die Tschechoslowakei ein. Nur noch wenige Menschen kommen über die Grüne Grenze.

In den Prager Gassen bleiben Tausende Trabis und Wartburgs zurück. Die DDR-Bürger haben sie stehen gelassen, mit offener Tür und dem Schlüssel im Zündschloss. Die meisten finden schnell neue "Besitzer". Für die Tschechen waren die Botschaftsstürme selbst der letzte Anstoß, ihre eigene "Samtrevolution" zu starten. Binnen nicht mal zwei Wochen fegten sie auch dieses System hinweg.

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