Zum Inhalt springen

Positionen zu muslimischer Militärseelsorge

Erstellt von Barbara Dreiling |
© KS / Doreen Bierdel
© KS / Doreen Bierdel

Diese Seite enthält einen Überblick über die derzeitige Diskussion über den Aufbau einer muslimischen Militärseelsorge. In seinem Jahresbericht 2017 kritisierte der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels, dass es nach jahrelangen Gesprächen immer noch keinen muslimischen Militärseelsorger für die muslimischen Soldaten in der Bundeswehr gibt. Die Katholische Militärseelsorge mit ihrem Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck befürwortet den Aufbau einer muslimischen Militärseelsorge. Gleichzeitig hat sie einige Leitlinien formuliert, die aus ihrer Sicht beachtet werden sollten. (bd)

Zentralrat erneuert Forderung nach Imamen in der Bundeswehr

Osnabrück (KNA), 27.02.2018. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat erneut den Einsatz von Imamen in der Bundeswehr gefordert. "Es ist eine Schande, dass wir in Deutschland nach so vielen Anläufen und Anstrengungen über fast sechs Jahre nicht mal einen dringend benötigten muslimischen Militärseelsorger installieren konnten", sagte der Verbandsvorsitzende Aiman Mazyek der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag). Er kritisierte, dass "die Politik jedes Mal Bürokratie als Grund dafür vorschiebt".

Vor Jahren hatte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angekündigt, den Bedarf an Imamen in der Truppe zu prüfen und zu klären, wie deren Einsatz organisiert werden könne. Schätzungsweise 1.500 Bundeswehrsoldaten sind Muslime. Mazyek: "Die Bundeswehr ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, und solch ein Schritt hätte eine starke integrationspolitische Signalwirkung."

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels hatte in seinem Jahresbericht unlängst die Bundesregierung kritisiert: "Nach mehr als sechs Jahren ergebnislosen Prüfens macht sich langsam Ernüchterung breit." Als Vorbild nannte der Wehrbeauftragte Österreich, wo das Bundesheer inzwischen über einen Militär-Imam verfügt.

Auch in anderen europäischen Ländern wie Norwegen, den Niederlanden, Frankreich oder Großbritannien sind muslimische Militärseelsorger im Einsatz. In Deutschland existiert einstweilen lediglich eine Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen beim Zentrum Innere Führung. Das Verteidigungsministerium verweist auf noch zu diskutierende, rechtliche Grundlagen.

Der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck sagte kürzlich in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), er sehe die direkt Verantwortlichen, also Politik, Bundeswehr und Vertreter der Muslime am Zug. Zugleich verwies er auf noch zu lösende praktische Fragen; so seien die vergleichsweise wenigen Muslime bei der Bundeswehr auf viele verschiedene Standorte verteilt. Da gelte es auszuloten, wie überhaupt "muslimische Seelsorge" gehe.

© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

 

Muslime in den Streitkräften. Kompass-Ausgabe 09 / 2016 (28 Seiten, 2,6 MB)

Vortrag von Oberst i.G. Dr. Burkhard Köster (zu dieser Zeit Referatsleiter FüSK III 3 im Bundesministerium der Verteidigung) anlässlich der Arbeitsausschusssitzung der Deutschen Islam Konferenz im Bundesministerium der Verteidigung am Mittwoch, 27. April 2016 Link zum Vortrag (PDF, 20 Seiten, 388 KB)

 

Vor allem im Auslandseinsatz wünschen viele sich Militärimame

Muslime in der Bundeswehr: Glaube und Beruf oft schwer vereinbar
Von Dana Kim Hansen

Schätzungsweise 1.500 muslimische Soldaten leisten Dienst in der Bundeswehr. Oft haben sie Schwierigkeiten, Job und Glaube zu kombinieren - etwa bei den Gebetszeiten. Die Suche nach Lösungen läuft.

Berlin (KNA), 23.02.2018. Nariman Reinke ist Soldatin. Und Nariman Reinke ist Muslimin. Seit 13 Jahren arbeitet sie bei der Bundeswehr, war zweimal in Afghanistan. Ihre Eltern stammen aus Marokko, sie selbst wurde in Deutschland geboren. Reinke ist praktizierende Muslimin. Nicht immer passt ihr Berufsalltag mit ihrer Glaubenspraxis zusammen.

Kompromissbereitschaft

Die Soldatin steht etwa vor dem Problem, wie sie in der Truppe die islamischen Speisevorschriften einhalten kann. Denn Muslime dürfen kein Schweinefleisch essen. Auch der Verzehr von Blut ist ihnen verboten. Das "halal" genannte, erlaubte Essen böten die Truppenküchen nicht an - ähnlich wie das im Judentum geforderte koschere Essen. "Man muss einfach kompromissbereit sein", so Reinke.

Sie selbst weicht auf vegetarisches Essen aus. Denn als Vegetarierin sei es einfacher, auf dem Küchenplan das Passende zu finden. Fünf Gebetszeiten pro Tag einzuhalten, ist da schon schwieriger. Wer sehr religiös sei, könne Probleme haben, beobachtet Reinke. "Natürlich wird es ermöglicht."

Allerdings: Der Dienst dürfe nicht beeinträchtigt werden und es müsse genügend Zeit für das Gebet da sein. Eigene Gebetsräume gebe es jedoch nicht: "Ich habe in den 13 Jahren meines Dienstes noch in keiner Kaserne einen solchen Raum gesehen."

Dialog fördern

Die Bundeswehr versucht, die muslimischen Soldaten zu unterstützen und den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen zu fördern. Dazu hat das Zentrum für Innere Führung eine Broschüre herausgegeben.
"Nach 2001 gab es eine Verengung, man hat den Islam nicht mehr frei von Terrorismus gedacht", erklärt Thomas Elßner vom Katholischen Militärbischofsamt, der an dem Heft mitgearbeitet hat. Titel:
"Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr".

Es sei wichtig gewesen, darin Begriffe wie Dschihad zu erklären, sagt Elßner. Daneben liefert die Broschüre Informationen zum Alltagsleben der Muslime, zu Speisevorschriften oder dem islamischen Umgang mit dem Tod. 2015 hat das Zentrum für Innere Führung zudem eine Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen ins Leben gerufen. Sie vermittelt Seelsorge außerhalb der beiden großen Kirchen. Hierhin könnten sich nicht nur Muslime wenden, erklärt Elßner.

Unterstützung bei der Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen

In der Einrichtung arbeiteten keine Seelsorger, sondern Soldaten.
"Sie können erste Auskünfte geben oder den Kontakt zu einer muslimischen Gemeinde in der Nähe herstellen", so der Referatsleiter im Militärbischofsamt. Spezielle muslimische Militärseelsorge bietet die Ansprechstelle also nicht. Doch die wünscht sich Reinke: "Ich kann nicht verstehen, dass es das in Deutschland immer noch nicht gibt, wenn sich sogar die Kirchen dafür aussprechen."

Besonders im Auslandseinsatz habe ihr ein Militärimam gefehlt.
Während ihres Einsatzes in Kundus sei es ihrem Vater daheim gesundheitlich schlecht gegangen. Sie aber habe Afghanistan zunächst nicht verlassen können. "Klar kann ich zum Militärpfarrer gehen, der hört mir auch zu und kann für mich da sein." Doch wenn es um den Islam gehe, könne der christliche Geistliche nicht helfen: "Was hätte der gemacht, wenn mein Vater gestorben wäre?"

"Umsetzungsprobleme"

Reinke verweist auf andere Länder: "Überall klappt es mit den Militärimamen, egal ob Amerika, Niederlande oder bei den Franzosen."
Die Briten hätten für 650 muslimische Soldaten zwei Imame. Es sei anstrengend, sich vor einem Auslandseinsatz selbst darum zu kümmern, was im möglichen Todesfall zu tun sei. Wer geht dann zu den Eltern und überbringt die Horrornachricht? "Dafür brauchen wir endlich Personal", fordert Reinke.

Ähnlich sehen das die Islamverbände. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, spricht von "Umsetzungsproblemen". Seine Organisation habe mehrfach gefordert, in der Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen einen hauptamtlichen Vertreter muslimischen Glaubens einzusetzen. Das Thema sei auch in die Deutsche Islamkonferenz eingebracht worden, allerdings ohne Erfolg.

© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

 

Militärimame müssen "fachlich und persönlich geeignet" sein - Ein Überblick über Modelle in anderen europäischen Ländern

Von Dana Kim Hansen (KNA)

Die Zahl der Muslime in Europa steigt. Immer mehr von ihnen leisten Dienst in der Armee. Darauf haben bereits einige Staaten reagiert und Militärimame eingestellt.

Berlin (KNA), 23.02.2018. In Deutschland laufen die Diskussion noch, in manchen anderen europäischen Ländern arbeiten bereits muslimische Militärseelsorger. "In Norwegen gibt es seit dem letzten Jahr einen Militärimam", berichtet Thomas Elßner vom Katholischen Militärbischofsamt in Berlin.

Muslimische Militärseelsorger sind seit einigen Jahren auch in den Niederlanden, in Frankreich oder bei den Briten im Dienst. Seit Juli 2015 arbeitet Sijamhodzic Abdulmedzid als Militärimam im österreichischen Bundesheer. Er betreut die Muslime, die Mitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sind. Sie ist als Körperschaft öffentlichen Rechts die offizielle Vertretung der in Österreich lebenden Muslime.

Zunächst sei seine Stelle auf anderthalb Jahre befristet gewesen, erläutert Abdulmedzid. "Seit dem 1. Jänner dieses Jahres wurde sie auf unbefristete Zeit verlängert." Er kümmert sich um den Lebenskundlichen Unterricht und das Gemeinschaftsgebet, organisiert Veranstaltungen. Er begleitet aber auch die Soldaten, die sich eine persönliche seelsorgliche Betreuung wünschen, etwa bei Krankenbesuchen.

Die Kriterien für einen österreichischen Militärimam ähneln denen in Deutschland. Wer als Militärimam arbeiten wolle, müsse dafür fachlich und persönlich geeignet sein, so Abdulmedzid. Lebensmittelpunkt müsse in Österreich sein. In konfessionellen Belangen untersteht der Imam seiner Religionsgesellschaft. Er wird von der islamischen Glaubensgemeinschaft ausgewählt und entsandt.

In der Schweiz hatte im vergangenen Jahr der höchste Armeeseelsorger, Stefan Junger, eine Debatte angestoßen. Die Armeeseelsorge sei gut beraten, Vertreter aller großen Religionen in ihrem Kreis zu haben, sagte er der "Neuen Zürcher Zeitung". Die Geistlichen müssen unter anderem einen Schweizer Pass haben. Zudem suche man Leute, die selbst eine militärische Ausbildung durchlaufen hätten, so Junger weiter.

© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

Diskussion um islamische Militärseelsorge hält an - Größtes Problem: Wer ist Ansprechpartner auf Seiten der Muslime?

Von Dana Kim Hansen (KNA)

Eine muslimische Militärseelsorge ist wünschenswert - darüber sind sich die meisten betroffenen Menschen und Stellen in Deutschland einig. Doch es gibt noch Hürden.

Berlin (KNA), 23.02.2018. "Bundeswehr sucht Imam für die Truppe", titelte die "Bild"-Zeitung am 23. Mai 2015. Seit Jahren fordern Islamverbände, aber auch Politiker muslimische Militärseelsorger. Der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck sagte am Donnerstag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), er sehe die direkt Verantwortlichen, also Politik, Bundeswehr und Vertreter der Muslime am Zug. Zugleich verwies er auf noch zu lösende praktische Fragen: So seien die vergleichsweise wenigen Muslime bei der Bundeswehr auf viele verschiedene Standorte verteilt. Da gelte es auszuloten, wie überhaupt "muslimische Seelsorge" gehe.

Das alles hätte aus Sicht des Wehrbeauftragten des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), längst angegangen werden können. In seinem am Dienstag vorgestellten Jahresbericht hält er stattdessen fest: Nach mehr als sechs Jahren des ergebnislosen Prüfens mache sich "langsam Ernüchterung breit". Einstweilen existiert lediglich eine Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen beim Zentrum Innere Führung.

Rechtliche Grundlagen: Ansprechpartner fehlt

Die Deutsche Islamkonferenz (DIK), bestehend aus Vertretern von Bund, Ländern und Kommunen sowie den Repräsentanten muslimischer Verbände, hat sich in den vergangenen Jahren mit dem Thema befasst. Das Ziel: sichtbare Fortschritte bei der religiösen Betreuung muslimischer Soldaten. Nach drei Jahren Beratung und Diskussion erklärte die DIK im März 2017, die Einführung der muslimischen Militärseelsorge sei "ein mittel- bis langfristiges Ziel". Sie empfiehlt eine Arbeitsgruppe "Islamische Militärseelsorge", die beim Verteidigungsministerium angesiedelt sein soll.

Das Verteidigungsministerium verweist auf noch zu diskutierende, rechtliche Grundlagen. Erst wenn es darüber auf Seiten der Muslime zu einem Konsens gekommen sei, könne die Arbeitsgruppe etabliert werden. Wie lange das dauert, sei nicht abzusehen. Die größte Herausforderung: Es fehlt ein muslimischer Ansprechpartner, der alle Verbände und Gemeinden vertritt, berichtet Thomas Elßner, Referatsleiter im Katholischen Militärbischofsamt. Strukturen wie die Deutsche Bischofskonferenz oder die Evangelische Kirche in Deutschland fehlen auf muslimischer Seite. "Es ist schwer zu entscheiden, welcher Verband als Ansprechpartner infrage kommt", so Elßner.

Gleiche Voraussetzungen wie für christliche Militärseelsorger

Hier sei es an den Verbänden, Lösungen zu finden, sagt Elßner. Für mögliche Militärimame müssten dieselben Voraussetzungen gelten wie für christliche Militärseelsorger: "Der jeweilige Imam sollte ein in Deutschland anerkanntes Theologiestudium haben und deutscher Staatsbürger sein." Zudem sei Erfahrung in der Gemeindearbeit sinnvoll. Voraussetzung ist auch, dass der Bedarf an einer islamischen Militärseelsorge hoch genug ist, fordert die DIK.

Seit 2015 arbeitet die Ansprechstelle für Soldaten anderer Glaubensrichtungen am Zentrum für Innere Führung in Koblenz daran, diesen Bedarf festzustellen. Es gibt nur Schätzungen, wie viele Soldaten Muslime sind, etwa 1.500 dürften es wohl sein. Aus datenschutzrechtlichen Gründen muss in der Armee niemand seine Religionszugehörigkeit angeben. Wie viele Muslime einen eigenen Militärimam wünschen, ist nicht erfasst.

Nebenamtliche Militärimame

Elßner, der selbst jahrelang am Zentrum für Innere Führung gearbeitet hat, schätzt den Bedarf an einer muslimischen Seelsorge eher gering ein. Es gebe hauptsächlich Nachfragen, die sich auf praktische Umsetzungen wie das Einhalten der Gebetszeiten oder die islamischen Speisevorschriften bezögen. Er könne sich dennoch zwei bis drei nebenberufliche Imame in der Truppe vorstellen: "Bei Bedarf könnten sich die Soldaten an sie wenden."

Auch das Verteidigungsministerium hält solche nebenamtlichen Militärimame für denkbar. Das geht aus einem Dreistufenplan hervor, den das Ministerium 2015 vorgelegt hat. Ist in einem ersten Schritt die Nachfrage groß genug, könnten Nebenamtler eingestellt werden. Bewährt sich das Modell, könnte es hauptamtliche Seelsorger geben. Derzeit befindet man sich noch in der Bedarfsermittlung, heißt es aus dem Zentrum für Innere Führung. Bis christliche und muslimische Militärseelsorger im Gleichschritt unterwegs sind, wird es also noch einige Zeit dauern.

© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

Nachrichtenarchiv