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Offener Austausch von Ethik bis Europa

Erstellt von Norbert Stäblein |
Prof. Dr. Günter Riße, Professor für Religionswissenschaft / Fundamentaltheologie bei seinem Vortrag. © KS / Doreen Bierdel
Prof. Dr. Günter Riße, Professor für Religionswissenschaft / Fundamentaltheologie bei seinem Vortrag. © KS / Doreen Bierdel

Wenn Generale, Admirale und deren Partnerinnen an einem Wochenende zusammenkommen, dann ist das schon etwas Besonderes.

Berlin, 12.04.2019. Wenn der Katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck und Seelsorger durch den Tagesablauf führen und das Katholische Militärbischofsamt die Räume stellt, dann kann es nur „Tag der Besinnung“ sein. Ohne dienstlichen Zwang, ohne strenge Formalitäten trafen sich Führungskräfte der Bundeswehr am Freitag und Samstag in Berlin, um Distanz zum Dienst zu gewinnen und gleichzeitig Themen miteinander zu bereden, die im Alltag oft nur angekratzt werden können. 

„Ich komme wegen Bischof Overbeck. Er ist einer der Wenigen, der aus theologischer Sicht die Gesellschaftspolitik bewertet und praktische Ideen anspricht“.

Generale, Admirale und ihre Lebenspartnerinnen im Gespräch
Rund 80 Teilnehmer, verbunden durch den katholischen Glauben, erhielten Impulse des Militärbischofs zu tagesaktuellen Ereignissen. Overbeck begann seinen Impuls mit der Frage „Wer sind wir als Mensch?“. Bereits am Tag zuvor hatten sich die Zuhörer mit Professor Günter Riße über den Dialog zwischen Christen und Muslimen ausgetauscht. Er erörterte nach seinem Vortrag Fragen, wie: „Wenn der Papst kürzlich in Arabien zu Besuch weilte, ist dann ein Gegenbesuch in Sicht?“.

Suche nach fundiertem Wissen
Riße, Professor für Religionswissenschaft und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, hatte ausgefächert, welche Berührungspunkte und Unterschiede das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen prägt. Er sprach die vielen Richtungen im islamischen Glauben an und wies darauf hin, dass „Grundkenntnisse über den jeweils anderen fehlen“. Medien nutzten meistens Begriffe wie jihadistisch, islamistisch oder IS in den Schlagzeilen. Dass es aber auch in der islamischen Welt ein Ringen um die Freiheit der Menschenrechte und den Wunsch nach individuellen Rechten gäbe, werde oft übersehen. Er erinnerte an die Erklärung von Marrakesch aus dem Jahr 2016, in der Muslime aus der ganzen Welt für Religionsfreiheit für nicht-muslimische Religionen eintreten.

Bibel und Koran als Grundlage des Glaubens
Auch die zeitlichen Unterschiede zwischen Bibel und Koran sowie die daraus resultierende Auslegung des Wortes sprach Riße an. So erfuhren die Zuhörer, dass der Koran von Muslimen als „Original“ angesehen werde, während die Bibel eine Aufzeichnung von Begebenheiten, also streng genommen durch Erzähler verwässert sei. Daraus ergebe sich, dass in der Diskussion beider Religionen ein gemeinsames Fundament gefunden werde müsse. 

„Der Tag der Besinnung trägt mich. Ich werde mir wieder bewusst, wo ich stehe“.

Wie können Christen und Muslime miteinander umgehen?
Das führte zu Nachfragen: „Was ist denn das Ziel eines Dialogs?“ lautete eine davon. „Den Dialog der Wissenschaftler verstehen nur Fachleute“, leitete der Theologe seine Antwort ein. „Praktisch müssen Gespräche am Arbeitsplatz, in der Schule, überall im Alltag geführt werden. Auch der Besuch einer Moschee oder die Einladung in eine Kirche tragen zum Dialog bei“, versuchte Riße zu konkretisieren. Weitere Fragen drehten sich um die Ansprechpartner bei den Muslimen, oder die Bedeutung des Islam in den muslimischen Familien.

Militärbischof stellt den Mensch ins Zentrum der Digitalität
Militärbischof Overbeck nahm die Generale, Admirale und ihre Partnerinnen am Samstag mit auf eine Tour zur Frage, wie sich der Mensch in der Digitalität zurechtfände. „Wie leben wir gemeinschaftlich?“, fragte er und erläuterte, dass die digitale Gesellschaft Grenzen verwische: Person und Subjekt, Familie, die nicht mehr so eindeutige Bestimmung geschlechtlicher Identität; schwere Kost für ein Wochenende. Overbeck betonte immer wieder die Verantwortung jedes einzelnen in der Gesellschaft und mahnte die militärischen Entscheider, Eltern, lebenserfahrenen Zuhörer: „Wo Vertrauen zerstört wird, kann Gemeinschaft nicht leben!“. 

„Ich bin mit einem Soldaten verheiratet und selbst bei der Bundeswehr. Der Tag der Besinnung ist eine Erweiterung im Leben, eine Besinnung darauf, wo die Bundeswehr in der Gesellschaft steht. Der Militärbischof bringt dazu immer wieder neue Anstöße“.

Ethik in einer Welt mit wenig Glaubenszeugnissen
Mit Blick auf die Militärseelsorge ging er neben dem Lebenskundlichen Unterricht, in dem Soldaten Fragen der Ethik besprechen, auch auf eine wachsende Gruppe von Menschen ein, „die kein religiöses Zeugnis abgeben“. Sie seien ohne Kirche aufgewachsen. Gerade wegen der Religionsfreiheit sei ihnen ebenso wie bekennenden Gläubigen Gehör zu schenken. Der Bischof betonte, im Bundeswehrumfeld, besonders auch vor dem und im Einsatz begleiten die Militärseelsorger „ihre“ Truppe und könnten deshalb konkrete Antworten zu ethischen Fragen geben. Das sei den Soldaten auch wichtig.

„Die Besinnung an sich, die Heilige Messe tun gut. Ich komme aus dem Alltag heraus, bin unter anderen Menschen, ohne beobachtet zu sein“

Militärbischof erhält Zuspruch mutig zu bleiben
Overbeck ging zudem auf den Einfluss des katholischen Christentums bezüglich des „Friedensprojektes Europa“ ein. „Katholiken haben Europa wesentlich mitgeprägt“, betonte er. Mit „Schumann, Gasperi und Adenauer“, zählte er einige Gestalter auf. Somit sei Europa auch ein Friedensprojekt von Katholiken. Für die klaren Worte des Bischofs gab es Lob von den Zuhörern: „Ich muss Ihnen ein Geständnis machen“, begann ein Teilnehmer. „Ich komme immer wieder gerne hierher. Sie werden konkret, referieren intellektuell geschliffen. Bitte haben Sie den Mut, so weiterzumachen“.

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