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"Die aktuellen Entwicklungen geben Anlass zu Sorge"

Erstellt von KNA |
Friedhof für die Ermordeten des Massakers von Srebrenica © Jelle Visser / Flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0
Friedhof für die Ermordeten des Massakers von Srebrenica © Jelle Visser / Flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Historikerin Calic zum Massaker von Srebrenica und seinen Folgen

Von Joachim Heinz (KNA)

München. Zu Beginn der 1990er-Jahre setzte der Zerfall Jugoslawiens ein. Konflikte und Kriege waren die Folge, die bis heute das Leben der Menschen auf dem Balkan beeinflussen. Das Massaker von Srebrenica vor 25 Jahren gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschheit in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert die Historikerin Marie-Janine Calic, wie es zu dem Völkermord an den muslimischen Bosniern kam. Die 57-Jährige ist Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte in München. Sie war zeitweilig als politische Beraterin für EU und UN im Jugoslawien-Konflikt tätig. 2016 erschien ihr Buch "Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region" und 2019 ihre "Geschichte Jugoslawiens".

KNA: Frau Professorin Calic, im Bosnien-Krieg kämpften seit 1991 drei Parteien um die Vorherrschaft in Bosnien-Herzegowina: Serben, Bosniaken und Kroaten. Wie stellte sich die Situation unmittelbar vor dem Massaker von Srebrenica dar?

Calic: Im Sommer 1995 gab es ein militärisches Patt zwischen den Streitkräften der Bosniaken und Kroaten auf der einen Seite und den Streitkräften der bosnischen Serben auf der anderen. Beide Seiten kontrollierten zu diesem Zeitpunkt ungefähr je die Hälfte des Staatsgebietes von Bosnien-Herzegowina. Die Serben hatten Zugriff auf fast den ganzen Osten und den Norden mit Ausnahme einiger Enklaven, darunter auch Srebrenica.

KNA: Wer hatte hier das Sagen?

Calic: Diese Enklaven hatte die UN zu Schutzzonen erklärt, in denen Kriegsflüchtlinge unterkommen sollten. Dazu waren dort Blauhelme stationiert. Aber anders als von der UN gewollt, befand sich in Srebrenica auch bosnisches Militär. Die bosnischen Soldaten haben aus der Schutzzone heraus immer wieder serbische Stellungen im Umland unter Beschuss genommen.

KNA: Gleichzeitig arbeiteten die USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und Deutschland an einem Friedensplan.

Calic: Die Bosnien-Kontaktgruppe wollte die bestehenden territorialen Verhältnisse als Grundlage für eine künftige Ordnung nutzen. Das hätte bedeutet, dass die Enklaven den Bosniaken zugefallen wären.

KNA: Und die Serben?

Calic: Machten sich an die Eroberung dieser Enklaven. Ihnen ging es darum, bosniakische Siedlungen inmitten ihres Territoriums zu verhindern.

KNA: Aus der Militäraktion wurde ein Massaker, bei dem mehr als 8.100 bosnische Männer, egal ob jung oder alt, ob kampffähig oder nicht, getötet wurden. Wie lässt sich diese Eskalation der Gewalt erklären?

Calic: Dafür spielten neben militärischem Kalkül verschiedene Faktoren wie Rachegedanken und die Dynamik der Umstände eine Rolle. Die bosnischen Serben unter ihrem General Ratko Mladic wollten Vergeltung üben für die aus Srebrenica heraus geführten Angriffe der Bosniaken. Zugleich fürchteten sie einen Kontrollverlust in einer ohnehin sehr unübersichtlichen Lage. Schließlich wollten sie wohl auch ein Zeichen setzen und auf grausame Weise zeigen, was passiert, wenn man sich ihren Forderungen widersetzt.

KNA: Ähnlich wie beim Genozid im afrikanischen Ruanda 1994 hofften die in Srebrenica eingeschlossenen Menschen vergeblich auf den Schutz der Vereinten Nationen. Warum?

Calic: Es gab gravierende Fehler, die zu einem Totalversagen geführt haben. Weder der Sicherheitsrat noch die UN-Mitgliedsstaaten waren bereit, sich militärisch zu engagieren, um das, was sie beschlossen hatten, auch tatsächlich umzusetzen. Die Schutzzonen waren ein Konzept der Friedenssicherung, aber in Bosnien-Herzegowina herrschte Krieg. Hinzu kam, dass die Blauhelm-Truppen für die Schutzzonen weder personell noch militärisch angemessen ausgestattet waren. Für sechs Schutzzonen hätte man insgesamt mit 34.000 Soldaten benötigt. Tatsächlich waren es nur 7.500 - und die wurden belagert, hatten weder genug zu essen noch genug Treibstoff.

KNA: Während 25.000 Bosniaken Richtung Gelände einer ehemaligen Batteriefabrik in Potocari sechs Kilometer von Srebrenica entfernt flohen, traf sich der niederländische UN-Kommandanten Thomas Karremans mit Mladic. Ein Foto, auf dem beide Männer sich mit einem Glas in der Hand zuzuprosten scheinen, ging damals um die Welt.

Calic: Der Eindruck, dass Karremans und Mladic quasi Brüderschaft trinken, täuscht. Wenn man sich das Bild genau ansieht, erkennt man, dass Karremans eher verunsichert schaut.

KNA: Was war der Grund dafür?

Calic: Mladic hatte Karremans unmittelbar nach dem Sturm auf Srebrenica in ein Hotel rufen lassen. Gegenstand der Verhandlungen war, ob die UN-Blauhelme evakuiert werden könnten. Einige von ihnen befanden sich zudem als Geiseln in den Händen der bosnischen Serben. Das war für Karremans sicher eine beängstigende Situation. Aber das Bild zeigt natürlich auch, dass die Blauhelmtruppen völlig überfordert waren.

KNA: Sehen Sie ein persönliches Versagen von Karremans und seinen Soldaten?

Calic: Heute wissen wir, dass sich die Blauhelme wenig darum gekümmert haben, was mit den Zivilisten und den Kriegsgefangenen passierte, die zum Teil in UN-Bussen aus ihrem Stützpunkt Potocari abtransportiert wurden. Die Blauhelme machten kaum Anstalten, die Transporte zu begleiten und beruhigten sich damit, dass die Menschen in irgendwelche Lager verlegt würden.

KNA: Hat die Staatengemeinschaft Lehren aus dem Völkermord von Srebrenica gezogen?

Calic: Es hat sich eine Menge geändert. Eine Erkenntnis ist, dass die Welt solche Massenverbrechen nicht ungesühnt lassen darf. Der Internationale Strafgerichtshof ist aus den Ad-hoc-Tribunalen für Jugoslawien und für Ruanda entstanden. Ein weiterer Punkt ist das inzwischen weitgehend akzeptierte Prinzip der Schutzverantwortung.

KNA: Was heißt das?

Calic: Dass jeder Staat die Pflicht hat, seine Bürger vor Genozid, Krieg und Menschheitsverbrechen zu schützen. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, steht die internationale Gemeinschaft in der Verantwortung, notwendige Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Der erste solche Einsatz war die Militärintervention in Libyen, die der UN-Sicherheitsrat 2011 beschloss.

KNA: Das hat allerdings nicht besonders gut geklappt.

Calic: Militärische Gewalt kann zwar einen Krieg beenden, aber nicht zwangsläufig den Frieden herstellen.

KNA: Kehren wir zum Bosnien-Krieg zurück. Welche Rolle haben die Religionen dabei gespielt?

Calic: Man sollte den Faktor Religion nicht überbewerten. Der Krieg wurde aus säkularen, nationalistischen Motiven heraus geführt. Aber es gab und gibt eine unheilige Allianz zwischen dem Nationalismus und den einzelnen Religionsgemeinschaften. Das gilt sowohl für die serbisch-orthodoxe Kirche, die für einen aggressiven serbischen Kurs steht, als auch für die in Kroatien dominierende katholische Kirche, die eine Nähe zur extremen Rechten bis hin zur faschistischen Ustascha pflegt. Es betrifft aber auch die islamische Community, deren Geistliche bis in die Gegenwart beispielsweise ethnische Reinheit predigen und Mischehen verteufeln.

KNA: Haben Versöhnung und Aufarbeitung unter solchen Vorzeichen eine echte Chance?

Calic: Die juristische Aufarbeitung ist gut vorangeschritten. Auch haben sich politische Vertreter aller Konfliktparteien mit den Kriegsverbrechen von damals auseinandergesetzt. Doch die aktuellen Entwicklungen in Bosnien-Herzegowina geben Anlass zu Sorge.

KNA: Warum?

Calic: In der Republika Srpska sind immer noch Schulen nach Mladic und anderen Kriegsverbrechern benannt. Es besteht zudem eine gefährliche Tendenz, die Ereignisse von Srebrenica zu verleugnen. Andererseits ist das Massaker unter den Bosniaken zu einem Ursprungsmythos geworden. Wer aber seine nationale Identität auf einen Genozid aufbaut, kann zu Versöhnung nicht bereit sein.

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