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75 Jahre Kriegsende in Europa – Kein Frieden ohne Versöhnung

Seit vielen Jahren verbinden Internationale Wallfahrten Soldatinnen und Soldaten unterschiedlichster Länder. © KS / Friederike Frücht
Seit vielen Jahren verbinden Internationale Wallfahrten Soldatinnen und Soldaten unterschiedlichster Länder. © KS / Friederike Frücht

Gebetsstunde am 8. Mai sowie Gemeinsame Erklärung des Katholikenrats beim Katholischen Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr und der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS)

Kriegsende – General Rieks in der "Wolfsburg"

Hier zum Nachsehen: Generalleutnant Ansgar Rieks, Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe, vermittelte anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes seine Gedanken in der Akademiekirche der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim an der Ruhr. In einer Hora, einer Gebetsstunde.

Wortlaut der Gemeinsamen Erklärung:

"Der Zweite Weltkrieg gehört zu den dunkelsten Epochen der Geschichte. Millionen von Menschen wurden Opfer eines rassenideologischen Vernichtungskrieges nie gekannten Ausmaßes.

Letztlich waren es die alliierten Soldaten, die am 8. Mai 1945 nach zähem und aufopferungsvollem Ringen Deutschland in die bedingungslose Kapitulation zwangen und damit die Befreiung Europas von der Tyrannei des Nationalsozialismus vollendeten. Wenngleich Deutschland an diesem Tag von der Nazi-Diktatur befreit wurde, endete für viele Menschen das Leid noch nicht bzw. es begann neues Leid.

Der 8. Mai 1945 kennzeichnet einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte, denn die Waffen schwiegen, aber für Jahrzehnte war Europa geteilt. In Westeuropa boten die Siegermächte nach jahrhundertealten Konflikten zwischen den Staaten mit vielen Kriegen und trotz der Verbrechen des NS-Regimes West-Deutschland bereits wenige Jahre nach Kriegsende die kostbare Chance zu einem Neuanfang. Es wurde schnell in die jeweiligen Wirtschafts- und Sicherheitsorganisationen integriert und ist inzwischen seit Jahrzehnten eine anerkannte Kraft und ein Gestalter innerhalb dieser internationalen Organisationen.

Als Gründungsmitglied der damaligen Montanunion und wesentlicher Treiber in der späteren Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union wandelte sich beispielsweise nicht nur die alte „Erbfeindschaft“ zu Frankreich in ein freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis auf den unterschiedlichsten Ebenen, sondern es entwickelte sich über die Jahrzehnte ein Prozess der engen europäischen Zusammenarbeit, welcher das Fundament für ein freies und friedliches Europa wurde. Mit dem Beitritt zur NATO im Zuge des sich verschärfenden Kalten Krieges wurde die Bundeswehr früh in ein kollektives transatlantisches Sicherheitsbündnis integriert, das bis heute die Sicherheit Deutschlands in Frieden und Freiheit garantiert.

Im Zuge der Wiederbewaffnung West-Deutschlands wurde der Aufbau der Bundeswehr von Anfang an durch die Militärseelsorge begleitet und bereits drei Jahre nach Gründung der Bundeswehr nahmen deutsche Soldaten auf Einladung des französischen katholischen Militärbischofs 1958 an der ersten Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes teil, um hier gemeinsam für den Frieden in der Welt zu beten. Neben vielen jungen Wehrpflichtigen trafen sich hier auch Soldaten, die noch dreizehn Jahre zuvor auf gegnerischen Seiten gestanden hatten und trugen so gemeinsam zur Versöhnung der Nationen bei. Auch heute noch treffen sich jedes Jahr wieder tausende Soldaten in Lourdes, um weiter an internationaler Verständigung und Frieden zu arbeiten.

Die Feier des von Papst Paul VI. am 8.11.1967 initiierten Weltfriedenstages ist ein weiteres besonderes Anliegen der Katholischen Militärseelsorge und der Gemeinschaft Katholischer Soldaten. Durch die Teilnahme von Soldatinnen und Soldaten an den festlichen Gottesdiensten der Ortsbischöfe, die diese aus Anlass des Weltfriedenstages feiern, verdeutlichen sie das Selbstverständnis, mit dem sie ihren Dienst leisten in der Übereinstimmung mit der Friedenslehre der Kirche.

Die Katholische Kirche hat bereits 1965 in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ klar formuliert, dass Friede mehr ist als die bloße Abwesenheit von Krieg. Friede kann vielmehr nicht erreicht werden, ohne dass alle Menschen vertrauensvoll in Sicherheit und Freiheit leben können. Gleichzeitig hat sie mit Realismus erkannt, dass die sündhafte Natur des Menschen die Gefahr des Krieges bis zur Wiederkunft Christi aufrechterhalten wird (Gaudium et Spes, Nr. 78 ff).

Aber auch 75 Jahre nach dem 8. Mai 1945 sind wir noch weit davon entfernt, dass alle Menschen in Sicherheit und Frieden leben können. Uns Soldaten ist klar, dass es nicht möglich ist, mit reiner Anwendung von Gewalt Frieden zu schaffen, aber wir stehen dafür ein, dass das Recht und die Freiheit der Völker nicht vor Unrecht und Gewalt weichen müssen. So sehen wir uns fest verankert in den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils als Diener der Sicherheit und der Freiheit der Völker (Gaudium et Spes, Nr. 79).

Die europäische Geschichte nach dem 8. Mai 1945 zeigt uns: nur wenn letztlich Feindschaft und Hass überwunden und stabile Beziehungen etabliert werden, ist ein dauerhafter Frieden möglich (Gaudium et Spes, Nr. 82). Der Einsatz militärischer Mittel kann für uns daher immer nur die letzte Möglichkeit sein, um weitere Gewalt einzudämmen und den Politikern sowie zivilen Friedensinitiativen Zeit und Raum zum Verhandeln einer dauerhaften und gerechten Friedenslösung zu verschaffen.

Der 8. Mai 1945 steht für uns daher nicht nur als Verpflichtung für den Frieden, sondern auch für die Hand der Versöhnung und die Chance auf einen positiven Neuanfang. Als katholische Soldatinnen und Soldaten leisten wir im Einklang mit unserem christlichen Glauben und geleitet von der Achtung der Werte des Grundgesetzes auch in vielfältigen Einsätzen unseren Dienst. Als Staatsbürger in Uniform fordern wir den notwendigen Rückhalt für unseren ethisch begründeten Dienst in Politik, Gesellschaft und bei unseren katholischen Mitschwestern und Mitbrüdern."

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