Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Ausbildung ukrainischer Soldatinnen und Soldaten in Europa zu einem zentralen Pfeiler der militärischen Unterstützung geworden.
In der EU-Ausbildungsmission EUMAM UA wurden seit Oktober 2022 Angehörige der ukrainischen Streitkräfte auch auf deutschem Boden auf ihren Einsatz vorbereitet, unter anderem durch Soldaten der Unteroffizierschule der Luftwaffe aus Appen und Heide. Dort begleitete die Katholische Militärseelsorge, Pastoralreferent Ludger Nikorowitsch gemeinsam mit dem Militärseelsorgeassistenten Christian Szarka, über zwei Jahre immer wieder ukrainische Soldaten und ihre deutschen Ausbilder. Für dieses Engagement zur Unterstützung der ukrainischen Soldaten wurde Nikorowitsch zum Abschluss der Ausbildung 2025 ausgezeichnet.
„Wir kämpfen nicht gegen die Russen, wir kämpfen für die Menschen, die wir lieben.“
Die Ausgangsfrage für ihn war: „Was können wir als Menschen, Christen und Seelsorger zur Unterstützung der ukrainischen Soldaten und der Ausbilder in dieser Situation beitragen?“ Zudem liegt eine familiäre Verbundenheit vor. Bereits Jahre vor der aktuellen Ausbildungsmission, von 2013 bis 2022, begleitete er als Seelsorger am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg verletzte ukrainische Soldaten aus der Ostukraine.
Bei den Besuchen begegneten Nikorowitsch und Szarka Menschen, deren Leben sich durch Krieg und dessen Auswirkungen grundlegend verändert hat.
Neben Gottesdiensten waren es vor allem die Gespräche mit den Soldatinnen und Soldaten, die Nikorowitsch in Erinnerung geblieben sind:
„Das waren manchmal nur so fünf bis zehn Minuten, so ein Innehalten, so ein Gebet, Gedenken für die Familien, für die Angehörigen und natürlich auch für die gefallenen ukrainischen Kameraden.“
In Erinnerung blieb ihm aber auch ein Satz: „Wir kämpfen nicht gegen die Russen, wir kämpfen für die Menschen, die wir lieben.“
Um die Sprachbarriere zu überwinden, nutzte Nikorowitsch seine Russischkenntnisse aus der Schulzeit und die Unterstützung der sprachbefähigten Soldaten. Gottesdienste fanden so mehrsprachig statt: auf Ukrainisch, Deutsch und Englisch.
Inmitten der herausfordernden Ausbildung schufen Nikorowitsch und Szarka kleine Oasen der Ruhe: Atemholen für Leib und Seele.
Ein besonderes geistliches Symbol dieser Zeit wurde eine Ikone der Freundschaft, die Christus und den heiligen Abt Menas zeigt. Ein befreundeter Mönch aus dem Kloster Nütschau hatte sie eigens für diesen Zweck gestaltet. Dieses Bild, auf kleine Karten gedruckt und an die Soldaten verteilt, vermittelte die Kernbotschaft des Dienstes der Militärseelsorge: „Wir stehen an eurer Seite, wir sind für euch da!“
Besonders intensiv erlebte Nikorowitsch die Segensfeiern zum Abschluss der Trainings. Er segnete jeden Einzelnen, der es wünschte, und zeichnete mit Salböl ein Kreuz auf die Stirn. Für die oft ostkirchlich geprägten Soldaten war dies ein zutiefst vertrautes Ritual. Es ist ein Moment der Stärkung vor der Rückkehr in den Krieg.
Doch nicht nur die Ukrainer brauchten Unterstützung. Auch die deutschen Ausbilder standen unter einer gewaltigen emotionalen Last. Sie mussten das schwierige Gleichgewicht finden zwischen notwendiger empathischer Kameradschaft und der Distanz, die man braucht, um nach dem Einsatz wieder gesund zur eigenen Familie zurückzukehren. Die Begegnung mit dem Schicksal der Ukrainer führte bei vielen deutschen Soldaten zu einer neuen Dankbarkeit für das vermeintlich Selbstverständliche:
„Familie haben zu dürfen, eine sichere Versorgung mit Wasser und Strom und ohne die alltägliche Gefahr einer Verletzung oder gar den Tod leben zu können.“
Die feierliche Auszeichnung am 11. Dezember 2025 markierte für Nikorowitsch den Schlusspunkt dieser intensiven zwei Jahre. Dass ihm diese Medaille verliehen wurde, empfindet er als große Ehre. „Normalerweise bekommen wir eine solche Auszeichnung als Seelsorger nicht“, sagt er. Trotz der Anerkennung bleibt die emotionale Nachwirkung dieser Zeit spürbar: Nichts ist selbstverständlich! Das Leben ist kostbar und bleibt ein Geschenk!
Norbert Stäblein / Theo Weisenburger
