Minus zwölf Grad, klarer Himmel, strahlender Sonnenschein. Rund 40 Soldatinnen und Soldaten aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland stehen dicht beieinander. Vor ihnen ragt ein 5,80 Meter hohes Kreuz in den Himmel.
Auf seinem Querbalken steht: „I HAVE NO HANDS BUT YOURS“.
„Dieses Kreuz ist ein riesiges Pluszeichen in einer Zeit, in der sich Menschen und ganze Nationen wieder auseinanderdividieren“, sagt der katholische Militärpfarrer Sven Hofmann in die Stille hinein. „Es lädt uns ein, zusammenzuhalten, was diese Welt getrennt, zerstört und getötet hat.“
Es ist der 11. Januar 2026. Auf dem Hügel der Kreuze bei Šiauliai im Norden Litauens, rund 200 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Vilnius, wird das Kreuz der 18. Rotation der multinationalen Battlegroup Lithuania (MN BG LTU) feierlich gesegnet.
Ein Ort des Widerstands und der Hoffnung
Der Hügel der Kreuze ist kein Denkmal im klassischen Sinn. Er ist gewachsen: Aus Leid, Widerstand und unerschütterlichem Glauben. Ende des 19. Jahrhunderts begannen Litauerinnen und Litauer, hier Kreuze aufzustellen. Sie gedachten damit gefallener Partisanen, deren Leichen nicht auffindbar waren, und setzten zugleich ein stilles Zeichen gegen die russische Fremdherrschaft. Wo es keine Gräber gab, schufen sie einen Ort der Erinnerung.
Während der sowjetischen Besatzung versuchte das Regime, diesen Ort auszulöschen. Dreimal wurde der Hügel zerstört, die Kreuze niedergewalzt. Doch jedes Mal kehrten die Menschen zurück. Sie schütteten den Hügel neu auf, stellten beharrlich neue Kreuze auf. Der Hügel der Kreuze wurde so zu einem Sinnbild für die Kraft des Glaubens und den Willen eines Volkes, sich nicht brechen zu lassen.
In diese Geschichte hat sich nun ein weiteres Zeichen eingeschrieben. Anfang Januar brachten Militärpfarrer Sven Hofmann und vier Soldaten aus Hagenow das Kreuz nach Šiauliai und stellten es auf. Es ist das Kreuz der 18. Rotation der MN BG LTU.
„Ich habe keine Hände außer euren“
Zur Segnungsfeier versammelten sich Soldatinnen und Soldaten aus mehreren Nationen. Unter ihnen Oberstleutnant Tobias Tiedau, Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 411 aus Viereck, sowie die katholischen Militärseelsorger Diakon Frank Kamp aus den Niederlanden und Militärpfarrer Sven Hofmann.
Militärseelsorger Kamp eröffnete die Andacht mit den Worten: „Heute segnen wir dieses Kreuz, das von der 18. Rotation der MN BG platziert wurde. Auf diese Weise widmen wir dieses Kreuz und die Menschen dieser Rotation Gott. Das Kreuz ist das christliche Symbol, das uns an Ostern erinnert – an das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu.“ Nach der Schriftlesung aus dem Galaterbrief – „Ich will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ – nahm Militärpfarrer Hofmann den Gedanken der Verbindung auf: „Hier und jetzt verbindet dieses Kreuz alle Soldatinnen und Soldaten der 18. Rotation der MN BG mit dem litauischen Volk. Trotz der turbulenten Geschichte mit uns Deutschen stehen wir heute in Frieden, Kameradschaft und Freundschaft zusammen.“
Ein Kreuz mit Botschaft
Eindrucksvoll unterstreicht die Gestaltung des Kreuzes diese Botschaft. Auf dem Querbalken steht der Satz: „I HAVE NO HANDS BUT YOURS“. Am Längsbalken wurde dann am 22. Januar 2026 gemeinsam mit Sanitätern der Medical Company (Sanitätskompanie) ein in Öl gemalter Corpus angebracht: Christus ohne Arme. Geschaffen wurde dieses Bild vom ukrainischen Künstler Ivan Drahan.
Unter dem Corpus erklärt eine Inschrift die Bedeutung des Kreuzes:
„OUR HANDS SERVE PEACE IN THIS COUNTRY – MN BG LTU – 18. ROTATION – LUXEMBOURG, NORWAY, BELGIUM, CROATIA, NETHERLANDS, CZECH REPUBLIC, GERMANY“, ergänzt durch die NATO-Flagge.
Ein Kreuz, das bleibt
Zwischen Tausenden anderer Zeichen des Glaubens steht das Kreuz nun auf dem Hügel der Kreuze bei Šiauliai. Es erzählt von multinationaler Verantwortung, von Versöhnung und vom Dienst für den Frieden. Und es erinnert daran, dass Gott – gerade in einer verletzlichen Welt – keine anderen Hände hat als die der Menschen, die bereit sind, sie einzusetzen.
Doreen Bierdel





