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Auf ein Wort

In dieser Rubrik kommen regelmäßig Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger zu Wort. Sie äußern sich ganz persönlich zu Anlässen aus dem Kirchenjahr oder dem allgemeinen Jahreslauf und notieren Gedanken, die ihnen aktuell bei ihrer Arbeit als Militärpfarrer, Pastoralreferent oder -referentin gekommen sind.
In den Artikeln geben die Autorinnen und Autoren ihre Meinung über das jeweilige Thema wieder und regen zum eigenen Nachdenken an.

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Ökumene in der Praxis Autor:Militärpfarrer Thomas Funke, Katholisches Militärpfarramt Munster, aus: Kompass 02/2017

Von Mose wird gesagt, er sei ein besonders geduldiger Mensch gewesen, der seine Geduld nur im Angesicht Gottes verloren hätte. Vielleicht liegt es daran, dass Menschen die sich im Angesicht Gottes wähnen, wie zum Beispiel die Mönche der einzelnen Konfessionen in der Jerusalemer Grabeskirche, dort nicht nur streiten, sondern sich auch mal prügeln; oder dass jeder eine Geschichte von MilitärseelsorgerInnen kennt, wo es am Standort oder im Einsatz richtig „gekracht“ hat. Es lohnt sich in einem solchen Fall nicht zu versuchen, inhaltlich zu prüfen wer Recht hat, denn wie sagte mir mal eine Soldatin:

„Keiner will, dass Mama und Papa sich streiten, egal wer Recht hat.“ Keinen Streit am Standort entstehen zu lassen, ist manchmal schon schwierig genug, da die wenigsten Menschen so sind, wie sie sein sollten, aber als Maßstab des Handels ist so eine Maxime doch ein wenig dürftig.

In meiner Zeit als Militärpfarrer (zehn Jahre und drei Einsätze) haben sich mir noch drei weitere Dinge als plausibel gezeigt: Der Benediktiner-Abt Paul Delatte hat gesagt, dass jeder Mensch im „Käfig seiner eigenen Persönlichkeit“ gefangen ist. Er versucht, den anderen nach seinen eigenen Maßstäben und Vorlieben zu beurteilen und zu verändern, ohne ihn wirklich zu erreichen, weil er seinen Käfig ja nicht verlässt. Ich glaube, dass es nicht nur dem Einzelnen so geht, sondern auch der Gruppe. Mit unserem Bild von der Freiheit der katholischen Kirche gegenüber dem Staat, mit unserem Bild der Ordination, die das Innerste des Menschen durchdringt und zeitlebens verändert, mit unserem Verständnis von sonntäglicher Gemeinschaft und mit dem Bild von menschlicher Freiheit, die sich auch gegen Gott entscheiden kann, werden wir Katholiken nie unsere evangelischen Geschwister begreifen oder beeindrucken können. Ein evangelischer Pfarrer, der sagt:

„Ich kann auch die Absolution erteilen und euch Katholiken die Kranken-salbung spenden“, wird mit Recht befremdlich angeschaut. Der Muslim, dem vom Pfarrer gesagt wird: „Ich habe dein Glaubensbekenntnis auswendig gelernt und kann es dir in deiner Todesstunde in die Ohren flüstern, wie es deine Tradition verlangt“, wird mit Recht dankend ablehnen. Die Deutungshoheit über das eigene Tun hat ausschließlich die Gruppe selbst. Wer wissen will, wie evangelischer Glaube geht, kann es nur so verstehen, wie die evangelischen Christen es selbst verstehen, und nicht wie er sich das vom Anschauen so denkt.

Zum zweiten wird in der Praxis vieles einfacher, wenn man sich von der Magie der Zahlen befreit. Wir machen uns selbst zum Gespött, wenn wir uns die Zahl der Kirchenmitglieder selbst so zurechtlegen, dass unsere Bedeutung größer scheint als sie ist. Jeder weiß, wie und wo wir als jeweilige Kirche wichtig sind, und wenn wir etwas anderes vorgaukeln wollen, hilft das keiner Konfession. Natürlich ist es auch unredlich, so auf die Zahlen fixiert zu sein, dass man im Bestreben, nur noch einen „heiligen Rest“ zu bilden, die Sendung für alle aus dem Blick verliert.

Ein dritter Punkt macht einem das ökumenische Leben ebenfalls leichter: Eine neue Bescheidenheit. Wenn jeder von uns in der Verkündigung Stehende verinnerlicht, dass er nicht Herr über Glaubensinhalte, nicht Herr über die Heilige Schrift, nicht einmal Herr über seine Ordination ist, sondern nur Verwalter all dessen, dann wird manches einfacher. Die Pfarrer, die äußern: „Rom sagt das so, aber wir“ (und sie meinen meistens „ich“) „machen das anders“; oder: „Paulus hat das so gesagt, aber das haben wir ja längst überwunden“, treten das Allgemeine Priestertum der Taufe mit Füßen und bahnen der Magie des „Mannes Gottes“ wieder Bahn. Der Mann Gottes, der die Hostie auch mit drei „Ave Marias“ konsekrieren kann, weil er ja geweiht ist, ist mit Reformation und Konzil von Trient „abgeschafft“.

Eine weitere Regel von Abt Delatte zum Schluss: Die wichtigste Methode, mit anderen umzugehen, ist keine Methode zu haben, sondern sich auf den anderen einzulassen.

Militärpfarrer Thomas Funke,
Katholisches Militärpfarramt Munster

Weil Gott mir Frieden zutraut! Autor: astoralreferent Thomas Nuxoll, Militärseelsorger im Katholischen Militärpfarramt Seedorf, aus: Kompass 01/2017

Was haben der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Vereinten Nationen (UN) und Papst Franziskus gemeinsam? Nun, alle drei rufen mit vielen anderen Organisationen, Parteien, Aktivisten und friedensengagierten Menschen weltweit zu einem Tag des Friedens auf. Doch etwas verwundert stellt man fest, nicht alle zum gleichen Datum!

Da gibt es den katholischen Weltfriedenstag am 1.1., in diesem Jahr zum 50. Mal, am 15.1. den Welttag des Migranten und des Flüchtlings, am 12.2. den Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten, am 29.5. den Tag der Friedenstruppen der UN, seit 1957 den Antikriegstag am 1.9., initiiert durch den DGB, den Internationalen Tag des Friedens der UN, der seit 1981 am 21.9. begangen wird, zum selben Tag ruft der Ökumenische Rat der Kirchen zum Weltfriedensgebet auf, am 6.11. der Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten und am 17.11. der World Peace Day. Und zwischen diesen „großen Terminen“ noch eine Vielzahl von lokalen, nationalen und internationalen Gedenk- und Aktionstagen für den Frieden. Doch angesichts des Zustands der Welt ist man versucht resignierend zu fragen: „Und was hat es gebracht?“

75 Jahre ist es her, dass im August 1942 begann, was die meisten unter der Bezeichnung „Schlacht um Stalingrad“ kennen. Für viele Menschen hierzulande immer noch der Inbegriff dessen, was Krieg und gewalttätige Auseinandersetzung für Menschen bedeutet. 300.000 deutsche Wehrmachtssoldaten eingeschlossen, am Ende viele von ihnen tot oder vermisst – und wie viele sowjetische Leben forderte dieses sinnlose Töten? Die letzten sieben Postsäcke aus Stalingrad wurden beschlagnahmt, die Briefe geöffnet und gelesen, aber nicht von denen, für die sie bestimmt waren. So verschwanden sie in den Archiven und erreichten nie ihre eigentlichen Empfänger. Aus einem der Briefe, wie sie das Buch „Letzte Briefe aus Stalingrad“ (Gütersloh 1954) dokumentiert, möchte ich zitieren:

„… In Stalingrad die Frage nach Gott stellen heißt sie verneinen. Ich muss dir das sagen, lieber Vater, und es ist mir doppelt leid darum. Du hast mich erzogen, weil mir die Mutter fehlte, und mir Gott immer vor die Augen und die Seele gestellt. Und doppelt bedaure ich meine Worte, weil es meine letzten sein werden, und ich hiernach keine Worte mehr sprechen kann, die ausgleichen könnten und versöhnen. Du bist Seelsorger, Vater, und man sagt in seinem letzten Brief nur das, was wahr ist oder von dem man glaubt, dass es wahr sein könnte. Ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerstörten Haus, an jeder Ecke, bei jedem Kameraden, wenn ich in meinem Loch lag, und am Himmel. Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz nach ihm schrie. Die Häuser waren zerstört, die Kameraden so tapfer oder so feige wie ich, auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer, nur Gott war nicht da. Nein, Vater, es gibt keinen Gott. Wieder schreibe ich es und weiß, dass es entsetzlich ist und von mir nicht wiedergutzumachen. Und wenn es doch einen Gott geben sollte, dann gibt es ihn nur bei euch, in den Gesangbüchern und Gebeten, den frommen Sprüchen der Priester und Pastöre, dem Läuten der Glocken und dem Duft des Weihrauchs, aber in Stalingrad nicht.“

Ich sitze sprachlos an meinem Schreibtisch. 74 Jahre ist es her, dass ein junger Mensch in barbarischer Kälte, verlassen und von Tod umgeben, in einem Granatentrichter bei Stalingrad seinen Glauben verloren hat. Es bleiben Trauer und die Frage: „Warum?“

Vielleicht waren Frieden und Gott in Stalingrad nicht zu finden, überall hat dieser junge Soldat vergeblich gesucht. Überall? Vielleicht doch nicht überall. Vielleicht hätte er zumindest den Versuch unternehmen sollen, in seiner Seele, in seinem Herzen zu suchen. Vielleicht hätte er den glimmenden Docht der Liebe und des Friedens dort finden können. Ich jedenfalls mag angesichts der Gewalt und des Unfriedens in aller Welt trotzdem nicht aufgeben daran zu glauben, dass der Friede Gottes seinen Anfang in mir nehmen muss, seinen Anfang in mir nehmen kann! Denn wenn ich mit mir im Frieden bin, dann klappt es auch mit dem Nachbarn und vielleicht auch einmal in der Welt! Warum? Weil Gott mir seinen Frieden zutraut!

Pastoralreferent Thomas Nuxoll,
Militärseelsorger im Katholischen Militärpfarramt Seedorf