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Braucht Deutschland Streitkräfte?

Bundeswehr / Sebastian Wilke

Die Frage auf der Titelseite und damit das Schwerpunktthema von „Kompass. Soldat in Welt und Kirche“ im Februar 2014 klingt zunächst ungewöhnlich. Wenn man aber – wie die Autoren von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ und der Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Journalist Thomas Wiegold – die Veränderungen der letzten 60 Jahre seit Gründung der Bundeswehr sowie die aktuelle Entwicklung der Auslandseinsätze anschaut, so ist sie sehr berechtigt.
Antworten finden Sie in den Stichworten zum Schwerpunkt, in Grundsatzartikel, Interview und Kommentar!

Grundsatz: Wozu Streitkräfte?

Gedanken über die Aufgaben der Bundeswehr im 21. Jahrhundert

von Dr. Patrick Keller, Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin

Es ist eine Frage aus dem Politikunterricht der gymnasialen Mittelstufe: Wozu unterhält die Bundesrepublik Deutschland militärische Streitkräfte? „Erobern und Brandschatzen“ zählt nicht zu den richtigen Antworten, aber alle anderen Standardbegründungen treffen auch im 21. Jahrhundert noch zu:

• Zum Schutz vor Erpressung und Aggression seitens externer Akteure, vor allem durch Abschreckung und glaubwürdige Beteiligung an einem Verteidigungsbündnis.

• Zur Unterstützung anderer, die in Not geraten sind.

• Zur Durchsetzung nationaler Interessen in der Welt.

All das ist nachzulesen in den Grundsatzdokumenten deutscher Sicherheits- politik wie dem Weißbuch von 2006 und, besonders pointiert, in den Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2011. Dennoch schwingt bei der Frage nach dem Sinn und Zweck der Bundeswehr eine Verunsicherung mit, die sich nicht leicht beiseite schieben lässt. Sie ist Ausdruck einer umerzogenen Nation, die den Wandel von der „Machtversessenheit zur Machtvergessenheit“ zumindest im militärischen Zusammenhang tief verinnerlicht hat. Das gilt heute noch mehr als im Jahr 1985, als Hans-Peter Schwarz diese Formel prägte. Denn seit dem Ende des Kalten Krieges und durch die fortgeschrittene europäische Integration sieht sich Deutschland erstmals in seiner Geschichte von Freunden umgeben. Die allermeisten Deutschen nehmen keine Bedrohungen wahr, gegen die militärische Stärke notwendig oder hilfreich wäre.

Darüber hinaus haben die vergangenen Jahre die Nützlichkeit militärischer Mittel in Zweifel gezogen. Was hat der verlustreiche und teure Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan gebracht? Welche Ziele hat Deutschland eigentlich verfolgt – und bleiben die Erfolge über den für dieses Jahr beschlossenen Abzug der Kampftruppen hinaus erhalten? Obwohl sie den einzelnen Soldaten durchaus Respekt zollen, sehen inzwischen die meisten Bürger die Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisch. (Sofern sie ihnen überhaupt Beachtung schenken – mit Blick auf Deutschlands militärisches Engagement – beispielsweise im Kosovo und am Horn von Afrika – gilt weiterhin Horst Köhlers Wort vom „freundlichen Desinteresse“ der Bevölkerung, das aber langfristig keine Grundlage verantwortungsbewusster Sicherheitspolitik sein kann.)

Deutschland plant für 2017, nach Abschluss der Neuausrichtung der Bundeswehr, 185.000 Soldaten unter Waffen zu haben. Das kostet gegenwärtig ca. 33 Milliarden Euro jährlich, ungefähr 1,3% des deutschen Bruttoinlandsprodukts, Tendenz einigermaßen stabil. Das mag im internationalen Vergleich für ein Land der Größe und politischen Bedeutung Deutschlands wenig sein, aber für einen reinen Trainingsverband oder ein „bewaffnetes Technisches Hilfswerk“ ist es immer noch zu teuer. Wofür der Aufwand, wenn mit ISAF nun auch der Appetit der politischen Führung auf großangelegte Auslandseinsätze zu Ende geht?

Kleines Einmaleins der Sicherheitspolitik

Die oben skizzierten Antworten aus dem kleinen Einmaleins der Sicherheitspolitik genügen nicht, um in der deutschen innenpolitischen Debatte die Vorurteile und Verunsicherungen zu überwinden, die hierzulande den strategischen Umgang mit Streitkräften und der Anwendung militärischer Gewalt bestimmen. Eine verantwortungsbewusste Sicherheitspolitik sollte sich daher zwei Argumentationslinien zu eigen machen, um die Bevölkerung zu überzeugen. Erstens ist Sicherheit der ursprüngliche Zweck des Staates, seine raison d‘être. Der Staat ist erfunden worden, um die Sicherheit seiner Bürger vor einander und vor anderen zu gewährleisten. Alle anderen wichtigen Aufgaben – Bildung, Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur – sind nachrangig. Sicherheit lässt sich in diesem Zusammenhang ganz banal als Schutz vor physischer Verletzung durch externe Aggression definieren. Oder mit Richard Löwenthal, etwas weiter gefasst, als Freiheit zur gesellschaftlichen Eigenentwicklung. So oder so: Ohne handlungsfähige Streitkräfte ist diese Aufgabe durch keinen souveränen Staat zu erfüllen. Sie sind daher Ausdruck politischer Ernsthaftigkeit und des Willens zur Selbstbehauptung. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass praktisch überall außerhalb Europas die Rüstungsausgaben steigen, insbesondere in aufstrebenden Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien.

Es mag kritischen Theoretikern irrational erscheinen, aber starke Streitkräfte tragen unverändert zur Reputation eines Staates bei – und fördern seinen Einfluss auch auf anderen Politikfeldern als dem der Verteidigung. Man muss das Militär nicht einsetzen, um es einzusetzen: Allein das Wissen um militärische (Über-)Macht verändert in der Regel politische Beziehungen zwischen Staaten, wie derzeit im asiatisch-pazifischen Raum zu beobachten ist.

Aber was soll das philosophische Insistieren auf der Bedeutung von Sicherheit, wenn es gar keine konkreten Bedrohungen mehr gibt? Die sicherheitspolitischen Eliten können – nicht zuletzt aus Eigeninteresse – noch so viele Papiere über Cyber-Sicherheit, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und den internationalen Terrorismus produzieren; für die allermeisten Bürger und ihre politischen Vertreter bleiben diese Bedrohungsszenarien abstrakt (und seltsam nichtig für ein Land, das im Zentrum zweier Weltkriege und des Dreißigjährigen Kriegs stand).

Kaum greifbare Bedrohungen

Deswegen ist es so wichtig, für eine vorausschauende Sicherheitspolitik zu werben, die es sich zur Aufgabe macht, gewappnet zu sein für Bedrohungen, die noch nicht erkennbar sind. Man könnte diese zweite Argumentationslinie in einer Wortschöpfung Donald Rumsfelds auf den Punkt bringen: Es geht um „un-known unknowns“. Deutschland muss sich auch auf Gefahren vorbereiten, die wir uns heute nicht vorstellen können oder die uns nicht plausibel erscheinen. Denn sollten sie doch auftreten, ist es für eine Reaktion vom Nullpunkt aus wahrscheinlich zu spät. Anders gesagt: Was man jetzt an militärischen Fähigkeiten abschafft, wird man nicht über Nacht wiederherstellen können.

In diesem Sinne erfüllen starke Streitkräfte auch heute noch die Funktion einer (Über-)Lebensversicherung in einer Welt, in der dem einzelnen Staat in letzter Konsequenz in der existenziellen Krise niemand verlässlich beistehen muss. Internationale Sicherheitspolitik funktioniert auch heute noch letztlich nach den Regeln der Selbsthilfe; und unsere Streitkräfte sind dafür unerlässlich. So wie Gelegenheit Diebe macht, macht Schwäche Aggression – zumindest in der internationalen Politik. Ein Staat, der nicht in der Lage ist sich zu verteidigen, wird andere auf den Plan rufen, die ihn ausnutzen oder gar vernichten wollen. Der verlässlichste und typische Weg zur Verteidigung ist die abschreckende Wirkung starker Streitkräfte – die überdies oft Voraussetzung für eine glaubwürdige und lebendige Bündnisbeziehung sind, wie sich an der Geschichte der NATO zeigen lässt.

Umfassendes Sicherheitsverständnis

Gerade für Deutschland kommt hinzu, dass es Sicherheit nicht nur als physische Unversehrtheit seines Territoriums und seiner Bürger definieren kann. Als Nation, deren gesamte soziale Ordnung auf durch Handel erzeugten Wohlstand basiert, hat Deutschland ein besonderes Interesse am Erhalt eines liberalen internationalen Systems. Dazu gehören zum Beispiel die Freiheit der Seewege und die Verrechtlichung internationaler Konfliktlösung. Dieses System ist aber nicht naturgegeben und erhält sich auch nicht von selbst. Es ist eine Erfindung des Westens und erfordert ständige Unterstützung. Dazu gehören auch militärische Beiträge, etwa zur Stabilisierung von Konfliktregionen oder als Drohpotential, um Störer des Völkerrechts in ihre Schranken zu verweisen.

Gemessen am Nutzen, den der langjährige Export-Weltmeister Deutschland aus diesem System gezogen hat, waren seine Beiträge zum Erhalt des Systems in der Vergangenheit sehr klein. Das wird sich in Zukunft ändern müssen, wie die amerikanischen Haushaltskrisen und die daraus folgenden Strategiewechsel schon jetzt deutlich machen. Insbesondere in Europa selbst und an seiner Peripherie ist eher mit mehr als mit weniger Instabilität zu rechnen – und die Europäer werden mehr denn je gefordert sein, diese Probleme selbst zu lösen. Deutschland kommt dabei aufgrund seiner Größe, seiner Lage und seines Reichtums eine besondere Verantwortung zu. Um ihr gerecht zu werden, bedarf es vieler Werkzeuge der Politik. Streitkräfte sind eines davon; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung von Dr. Patrick Keller wieder.

Interview: „Trotz der gegenwärtigen Interventionsskepsis wird der Ruf nach dem Einsatz militärischer Gewalt immer wieder einmal laut werden ...“

Interview mit Dr. Peter Rudolf, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin

Kompass: Mit dem Ende der massiven Ost-West-Konfrontation haben sich die außen- und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen für Europa und mithin für Deutschland erheblich verändert. Man kann auch sagen, erheblich verbessert. Unmittelbare und existenzbedrohende Gefahren sind verschwunden. Trotzdem: Unser Land unterhält weiterhin Streitkräfte und ist Mitglied im Nordatlantischen Bündnis (NATO). Warum soll Deutschland weiterhin Streitkräfte vorhalten und Frauen und Männer bewegen, freiwillig einen soldatischen Dienst zu leisten?

Dr. Peter Rudolf: Man könnte natürlich den altbekannten Spruch zitieren: „Jedes Land hat eine Armee, die eigene oder eine fremde.“ Aber in der Tat: Deutschland ist in einer einmalig günstigen Sicherheitslage; direkte existenzielle Gefahren für die politische Souveränität und territoriale Integrität gibt es gegenwärtig nicht. Das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes – um die Eidesformel zu zitieren – müssen gegenwärtig nicht verteidigt werden.

Nur dienen Streitkräfte immer auch der Risikovorsorge, sind eine Art Sicherheitspolice. Niemand vermag vorherzusehen, wie sich die Welt in den nächsten Jahrzehnten entwickelt. Und: Multinational eingebundene Streitkräfte eröffnen Möglichkeiten der politischen Mitsprache. Aber Streitkräfte dienen ja nicht nur der Verteidigung, sondern können auch zur internationalen Friedenssicherung beitragen. Allein eine solche Perspektive kann Einsätze, die über die Selbst- und Bündnisverteidigung hinausgehen, moralisch legitimieren. Wann, wie und wo ein solcher Beitrag zum Frieden realistischerweise möglich und geboten ist, bedarf einer weit intensiveren Diskussion, als es bisher der Fall ist. Wenn in Deutschland von Auslandseinsätzen gesprochen wird, dann oft etwas nebulös im Zusammenhang mit einer angeblich gewachsenen internationalen Verantwortung für Stabilität.

Verantwortung im Sinne des „Für-etwas-Rede-und-Antwort-Stehens“ ist jedoch zunächst einmal sehr konkret: Verantwortung für diejenigen, die zumindest perspektivisch in die Lage kommen, zu töten oder getötet zu werden. Soldaten müssen – und das ist die moralische Substanz des „Vertrages“, den ein Soldat mit seinem Staat geschlossen hat – die Gewissheit haben, ihre Bereitschaft zu töten und sich töten zu lassen, wird nur eingesetzt für die grundlegenden Interessen ihres politischen Gemeinwesens. Zu diesen Interessen kann auch gehören, einen Völkermord in einem Land – wo auch immer – zu verhindern. Aber über die Art und Reichweite der Interessen, die einen Einsatz militärischer Gewalt legitimieren können, wäre weit mehr zu diskutieren.

Kompass: Nun engagiert sich Deutschland, zusammen mit weiteren Nationen, seit gut 13 Jahren unter den Bedingungen des ISAF-Mandates in Afghanistan. Das Ende des Einsatzes gilt als beschlossen. Folgemissionen zeichnen sich ab, sind aber noch nicht rechtlich verbindlich geerdet: weder mit Kabul noch in der UNO. Reicht das auf Dauer für die Streitkräfte aus, ihre Legitimation in Einsätzen außerhalb der bündnisbezogenen Landesverteidigung zu gewinnen? Werden deutsche Streitkräfte zur Interventionsarmee?

Dr. Peter Rudolf: Zunächst: Deutschland ist ja in ein Bündnis eingebunden, in dem für einige Mitgliedsstaaten Verteidigung, also klassische Sicherheitspolitik im Sinne von Artikel 5 des NATO-Vertrages, von größerer Bedeutung ist als für uns momentan. Doch die NATO ist auch ausgerichtet auf die – wie es in ihrem Jargon heißt – „Krisenreaktionsoperationen“. Diese umfassen das gesamte Spektrum militärischer Einsätze, die nicht unter Artikel 5 fallen. Nach der gängigen Auffassung muss die NATO neben anderen Aufgaben weiterhin auf die expeditionäre Kriegsführung in weltweitem Maßstab ausgelegt sein. Trotz der gegenwärtigen Interventionsskepsis wird der Ruf nach dem Einsatz militärischer Gewalt immer wieder einmal laut werden, wenn andere Instrumente keinen Erfolg versprechen. Die Entwicklung zu einer Interventionsarmee und die Entsendung von Soldatinnen und Soldaten in Einsätze, die über die Selbst- und Bündnisverteidigung hinausgehen, werfen eine Reihe von Fragen auf, was die politische und moralische Legitimation angeht. Ohne eine intellektuell redliche Bestimmung und Differenzierung der nationalen Interessen besteht die Gefahr, von außen herangetragene Erwartungen, sich an Militäreinsätzen zu beteiligen, mit einem inflationären Sicherheitsverständnis oder einer moralischen Überhöhung zu begründen, um die politische Unterstützung einer interventionsskeptischen Öffentlichkeit zu gewinnen. Jeder größere Einsatz militärischer Gewalt – über die unmittelbare nationale Verteidigung hinaus – bedarf in liberalen Demokratien nicht nur der rechtlichen, sondern auch der moralischen Legitimation. Umso wichtiger wäre eine breite Debatte, zu welchen Zwecken und unter welchen Bedingungen der Einsatz militärischer Gewalt ethisch gerechtfertigt sein kann.

Kompass: Mit Blick auf das zu Ende gehende ISAF-Mandat: Was kann daraus für das zukünftige deutsche militärische Engagement an Konsequenzen gezogen werden? Anders gefragt: Können Streitkräfte überhaupt bei einem Aufbau von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Durchsetzung von Menschenrechten in den Ländern einen sinnvollen Beitrag leisten, die davon noch meilenweit entfernt sind und vielleicht auch gar keine westlichen Werte und Normen übernehmen wollen?

Dr. Peter Rudolf: Langsam kommt die Debatte darüber in Gang, welche Lehren aus der militärischen Intervention in Afghanistan zu ziehen sind. Aus der Sicht mancher in der NATO war ISAF allein schon dadurch ein Erfolg, dass das Bündnis über mehr als ein Jahrzehnt in der Lage war, eine solche Mission durchzuführen und durchzuhalten. Ob das Unternehmen an sich erfolgreich war, ob die Ziele erreicht wurden und die eingesetzte Strategie angemessen war, das scheint aus dieser Sicht keine Rolle zu spielen.

Diese geradezu autistische Betrachtungsweise ist jedoch gefährlich. Denn sie verhindert Lernen; sie möchte die Diskussion über Nutzen und Erfolg, Sinn und Unsinn des ganzen Unterfangens in Afghanistan vermeiden. Zur Erinnerung: Das politische Ziel der gesamten Afghanistan-Intervention nach dem Sturz der Taliban und der Zerstörung von al-Qaida war der Aufbau eines modernen, funktionierenden, weithin als legitim angesehenen afghanischen Staates mit Kontrolle über sein Territorium. Ein repräsentatives politisches System sollte entstehen, liberaldemokratische Normen und afghanische Traditionen sollten sich miteinander verbinden. Im Grunde ging es um ein ehrgeiziges Projekt der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Transformation des Landes. Dessen Problematik und Konfliktträchtigkeit wurden in der anfänglichen Aufbruchsstimmung nicht nur von den USA, sondern auch von der internationalen Gemeinschaft unterschätzt.

In geradezu sozialtechnokratischer Euphorie schien dieser Modernisierungsprozess nur eine Frage des koordinierten Einsatzes entsprechender Ressourcen zu sein. Die Politik in Afghanistan folgte dem Modell des „liberal peacebuilding“, wies es im Kontext der Interventionen der 1990er Jahre Gestalt gewonnen hatte. Nicht minder ambitioniert war die hochgepriesene Counterinsurgency-Strategie (COIN), die immer wieder als Schlüssel zum Erfolg verheißen wurde, nachdem klar wurde, dass man sich einer ausgewachsenen Aufstandsbewegung der aus dem politischen Prozess ausgeschlossenen Taliban gegenüber sah. COIN war in Afghanistan getragen von einem Überoptimismus, der für militärische Organisationen geradezu essenziell ist, aber nie einer realistischen Evaluation ausgesetzt war.

Erst wenn man das Scheitern von Counterinsurgency in aller Nüchternheit akzeptiert, ist man offen dafür, produktive Lehren aus Afghanistan zu ziehen. Sicher: Man mag argumentieren, Erfolg oder Scheitern sind nicht die brauchbaren Kategorien, es gehe vielmehr um Fortschritte auf dem Weg zu einer Stabilisierung; mit Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen lasse sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, der Erfolg vielleicht doch noch erringen. Nicht bestreiten lässt sich jedoch: Die Einsatzfähigkeit und -bereitschaft der afghanischen Armee erfüllen nicht die Erwartungen; von einer guten Regierungsführung bleibt Afghanistan noch weit entfernt; von einem Friedens- und Aussöhnungsprozess ist wenig zu erkennen.

Was also ist im Sinne einer Vermeidung künftiger Fehler zu lernen? Militärische Macht muss auf einen klaren politischen Zweck ausgerichtet sein, der einigermaßen realistisch ist – nicht auf grandiose Visionen. Und der Einsatz muss auf erreichbare militärische Ziele zugeschnitten sein, die dem politischen Zweck entsprechen – und dies wird oft eine politische Lösung des Konflikts sein. Wenn Einsätze wie in Afghanistan im Grunde eine „mission impossible“ sind, kann dann die Zukunft nur in „hit and run“-Einsätzen wie in Libyen liegen – in der Beseitigung einer Regierung, ohne Verantwortung für das folgende Chaos zu übernehmen? Sicher nicht. Afghanistan und Libyen lehren eines: große Zurückhaltung und Selbstbescheidung beim Einsatz militärischer Gewalt. Denn als politisches Instrument ist militärische Gewalt aller Erfahrung nach – das zeigen empirische Untersuchungen zu militärischen Interventionen nach 1945 – nicht sehr effektiv. Territorien lassen sich verteidigen oder erobern, Regime stürzen, aber politische Ziele nur schwer mit militärischer Gewalt erzwingen, besonders dann, wenn der Einsatz sich gegen nicht-staatliche Akteure richtet.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar: Die Schutz-Ministerin

Ein Kommentar von Thomas Wiegold

Welchen Ton Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in ihrem neuen Amt anschlagen wollte, machte die frühere Familien- und Sozialministerin sehr schnell klar. Soldaten hätten Anrecht auf den bestmöglichen Schutz, erklärte von der Leyen, noch keine Woche im Amt, beim ersten Truppenbesuch in Afghanistan kurz vor Weihnachten. Und die Ressort-Chefin führte ihre erste, pardon, Offensive für familienfreundliche Arbeitsregelungen in der Bundeswehr und eine bessere Vereinbarkeit von Dienst und Familie.

Natürlich hören das Soldaten gern, wie jeder abhängig Beschäftigte – wer freut sich nicht darüber, wenn sein Arbeitgeber oder in diesem Fall Dienstherr Neuerungen ankündigt, die dem Wohl der Mitarbeiter dienen. Im Fall Bundeswehr ist das allerdings ein klein wenig verzwickter.
Denn die Truppe ist nicht dann am besten aufgestellt, wenn ihre Soldaten im Wortsinne am besten geschützt sind: Das wären sie, wenn sie in den Kasernen blieben, das Gefährlichste die Autofahrt von der Wohnung zum Arbeitsplatz wäre und die Waffen ausschließlich unter strengster Sicherheitskontrolle auf Übungsplätzen und Schießbahnen zum scharfen Schuss kämen. Das mag dazu gehören, die Frage stellt sich aber: Wofür hat ein Staat, ein Gemeinwesen bewaffnete Soldaten und Streitkräfte?

Die Debatte darüber haben die deutsche Politik und die deutsche Öffentlichkeit seit dem Ende des Kalten Krieges nicht so recht führen wollen. Damals, als vergleichsweise nah ein gegnerischer Militärblock stand, war die Notwendigkeit von Soldaten kaum ein Thema, über das gestritten wurde (mit den Ausnahmen, die es immer gab). Seitdem die Bundeswehr weltweit in ihre Einsätze geht, von hoch umstrittenen wie der Afghanistan-Mission bis zu vergleichsweise breit akzeptierten wie dem Anti-Piraterie-Einsatz am Horn von Afrika, wurde die Notwendigkeit von Streitkräften zwar immer vorausgesetzt. Aber nie grundsätzlich diskutiert.

 

Das fehlt – und dabei geht es nicht um die Absicht, die Bundeswehr für überflüssig zu erklären. Sondern um das notwendige Fundament, das klar macht, warum es Männer und Frauen gibt, die im Auftrag des Staates und damit der Gesellschaft Gewalt ausüben sollen, in fremden Ländern. Denn das ist ja letztendlich der Zweck von Streitkräften. Sich darüber klar zu werden, mag nicht schön sein. Aber es ist unausweichlich.
Der frühere Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan verwies gerne auf den militärischen Grundsatz „Wirkung geht vor Deckung“. Die neue Verteidigungsministerin redet – bislang – gerne über die Deckung, die sie, wenn möglich, auch verbessern möchte. Das ist lobenswert – aber von der Leyen müsste auch anfangen, über Wirkung zu reden, wenn sie das Amt als Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt ernst nimmt. Über möglicherweise tödliche Wirkung, über neue Waffensysteme, ganz grundsätzlich darüber, dass auch deutsche Soldaten einen tödlichen Auftrag haben.

Ein attraktiver Arbeitgeber Bundeswehr ist nötig, aber für ihn gilt – bei allen Unterschieden zur Wirtschaft – das Gleiche wie für jeden anderen Arbeitgeber: Das Unternehmen kann so arbeitnehmerfreundlich sein wie nur denkbar, die besten Konditionen, Arbeitszeiten und sozialen Errungenschaften bieten. Wenn es aber in seinem Kerngeschäft nicht liefert, nichts produziert oder die Dienstleistung, die es anbieten will, nicht mehr anbietet, dann wird es auf Dauer nicht überleben. Bei einer staatlichen Institution geht das nicht so schnell wie bei einer Privatfirma. Am Ende muss aber auch die Bundeswehr zuerst erklären, was ihre Aufgabe ist, und die auch erfüllen. Attraktivität und familienfreundliche Arbeitsregelungen können das unterstützen. Aber nicht ersetzen.

Thomas Wiegold
Der freie Journalist hat die Truppe schon lange im Blick: 1993 berichtete er aus Somalia und seitdem aus fast allen Einsatzgebieten der Bundeswehr. Er schreibt über die Bundeswehr, über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Früher u. a. für die Parlamentsredaktion des „Focus“. www.augengeradeaus.net