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Gebet für den Frieden in der Welt 2014

Rolf Bauerdick / Kindermissionswerk
Quelle: Rolf Bauerdick / Kindermissionswerk

Ausgehend von der ersten Friedensbotschaft von Papst Franziskus zum Weltfriedenstag am 1. Januar beschäftigen sich die unterschiedlichen Autoren mit Brüderlichkeit und Globalisierung, mit Religionsdialog und dem Weg des Friedens. Das Schwerpunktthema der „Kompass“-Ausgabe 01/2014 bietet aber auch Raum für konkrete Arbeitshilfen zu Gebetsstunden und Messen, für die Ankündigung der Soldaten-Gottesdienste in den einzelnen Bistümern, für persönliche Ansichten u. a. in Interview und Kommentar. Reportagen aus einer Suppenküche und von der OASE-Einsatzbetreuung sowie die „Katholische Friedensstiftung“ runden das Thema ab.

 

Grundsatz: „Globalisierung der Brüderlichkeit“ als Gegenmodell zur „Globalisierung der Gleichgültigkeit“

Sozialethische Überlegungen zur ersten Weltfriedensbotschaft von Papst Franziskus

von Prof. Dr. Thomas Bohrmann, Professor für Katholische Theologie mit dem Schwerpunkt Angewandte Ethik an der Universität der Bundeswehr München

Während seines Besuchs auf der italienischen Insel Lampedusa gebraucht Papst Franziskus in einer Predigt am 8. Juli 2013 erstmalig den Begriff von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Er möchte damit darauf aufmerksam machen, dass wir dem vielfältigen Leid in der globalen Welt, zu dem auch die Flüchtlingsproblematik zählt, häufig scheinbar gleichgültig begegnen. Diese Formulierung wird dann ebenfalls im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom 24. November 2013 verwendet. „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ meint also eine menschliche Haltung der Unfähigkeit, „Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht.“ (Nr. 54) Und auch in seiner ersten Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2014 benutzt Papst Franziskus diese Begrifflichkeit erneut. Trotz eines Pontifikates, das erst knapp neun Monate umfasst, ist „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ bereits ein zentraler Analysebegriff, um auf den Mangel echter Anteilnahme am Leid der anderen und des damit eingetretenen Gewöhnungseffekts hinzuweisen. Mit dem Begriff der Brüderlichkeit, der in der Botschaft zum Weltfriedenstag den zentralen Platz einnimmt, benennt Papst Franziskus eine Gegenkategorie zur Gleichgültigkeit und stellt in diesem Sinne der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ das Modell der „Globalisierung der Brüderlichkeit“ entgegen.

Als kreatürliches Wesen ist und bleibt der Mensch mit Gott verbunden.

Die christliche Rede von der Brüderlichkeit bzw. Geschwisterlichkeit gründet in einem spezifischen Verständnis vom Menschen. Gemäß der schöpfungstheologischen Aussage in Gen 1,26/27 ist der Mensch ein von Gott geschaffenes Wesen und zudem sein Ebenbild (imago dei). Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfung betont, sondern auch die Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer sowie die gegenseitige Zuwendung der Menschen untereinander. Als kreatürliches Wesen ist und bleibt der Mensch mit Gott verbunden; als soziales Wesen ist er auf Kooperation und Hilfe innerhalb der menschlichen Gemeinschaft angewiesen. Die Wurzel der Brüderlichkeit gründet nach Papst Franziskus „in der Vaterschaft Gottes“ (Botschaft zum Weltfriedenstag Nr. 3). Aus der Perspektive des christlichen Glaubens bildet die Menschheit also eine Gemeinschaft aus Schwestern und Brüdern, die alle mit einer unverfügbaren Würde ausgestattet sind. Aus dieser Verbundenheit resultiert die moralische Verpflichtung, sich für das Schicksal anderer zuständig zu fühlen und sich für andere einzusetzen. Eine so verstandene christliche Brüderlichkeit bezieht sich nicht nur auf den sozialen Nahbereich des Zusammenlebens (Familie, Freundschaft, Nachbarschaft, Arbeitswelt), sondern hat auch eine globale Bedeutung.

Die christliche Idee von der Brüderlichkeit ist ein Synonym für das Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre, das in letzter Konsequenz den Gedanken der Einheit der Menschheit auf den Punkt bringt. Solidarität sprengt die engen Grenzen eigener Interessen und zielt auf eine weltweite und gesamtmenschheitliche Dimension. Sie erstreckt sich prinzipiell immer auf alle Menschen, auch wenn sie situativ nur ganz bestimmte Individuen oder Gruppen in speziellen Situationslagen berücksichtigen kann. Indem aber der Solidaritätsgedanke in der gemeinsamen Würde aller wurzelt, besagt der davon abgeleitete ethische Anspruch, dass Solidarität vorrangig denen gelten muss, die in ihrer Würde bedroht sind. In diesem Sinne manifestiert sich im Solidaritätsprinzip eine Vorrangigkeit der Schwächeren, Armen und Benachteiligten. In besonderer Weise hat Solidarität jenen zu gelten, die aufgrund physischer, psychischer oder materieller Defizite daran gehindert werden, am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren und sich in humaner Weise zu entfalten. Papst Franziskus zeigt in seiner Friedensbotschaft unterschiedliche Dimen-sionen von Brüderlichkeit auf. An dieser Stelle können nur einige davon zur Sprache kommen. Zunächst ist die Brüderlichkeit für ihn „Fundament und Weg des Friedens“ (so auch der Titel der Botschaft zum Weltfriedenstag). Dabei greift er auf Gedanken zurück, die seine Vorgänger in ihren Sozialenzykliken bereits behandelt haben. Papst Paul VI. spricht in Populorum Progressio (1967) davon, dass Entwicklung gleichbedeutend mit Frieden oder der neue Name für Friede ist, denn Armut begünstigt häufig Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen. Und für Papst Johannes Paul II. ist der Friede, wie er in seiner zweiten Sozialenzyklika Sollicitudo Rei Socialis (1987) schreibt, eine Frucht der Solidarität.

Weiterhin stellt Papst Franziskus das Fehlen einer brüderlichen Gesinnung auf globaler Ebene sowie zwischen den Menschen fest und erkennt darin eine wichtige Ursache der Armut. In der Ausbildung oder Wiederentdeckung einer echten brüderlichen Gesinnung zwischen den Menschen sieht der Papst einen Lösungsweg auf individueller Ebene, der aber durch den Ausbau gesellschaftlicher und politischer Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf struktureller Ebene ergänzt werden muss. In dem kleinen Absatz über den Krieg stellt er darüber hinaus fest, dass das Bewusstsein der brüderlichen Verbundenheit der Menschen untereinander unverzichtbar für die Beilegung von Konflikten und Kriegen ist. Dementsprechend richtet der Papst an alle, die mit Waffen Tod und Gewalt bringen, folgenden moralischen Appell: „Entdeckt in dem, den ihr heute nur als einen zu schlagenden Feind betrachtet, wieder euren Bruder und haltet ein!“ (Nr. 7) Neben diesem Aufruf bekräftigt Papst Franziskus die Bedeutung internationaler Abmachungen und nationaler Gesetze, wenngleich der entscheidende moralische Motor zur Konfliktverhütung und Konfliktbeendigung bei den einzelnen Menschen selbst zu sehen ist. Nur durch eine Umkehr der Herzen, durch eine Veränderung der inneren Einstellung kann Friede aufgebaut und gesichert werden. Indem Papst Franziskus bekräftigt, wie wichtig der Geist der Brüderlichkeit ist, um die Herzen der Menschen zu verändern, setzt er in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2014 klare tugendethische Akzente. Er vergisst aber keineswegs, die gesellschaftlichen Problemzusammenhänge hervorzuheben, die den Frieden und die Entwicklung der Menschen behindern. So enthält die Botschaft auch strukturethische Impulse, indem die Notwendigkeit von sozialen Veränderungen unterstrichen wird (z. B. Humanisierung des Strafvollzugs, Bekämpfung von Armut und Hunger, Realisierung von sozialer Gerechtigkeit). Nur in dieser Weise ist die Soziallehre der Kirche auch denkbar: Die individualethische Ebene betont die Verantwortung des Einzelnen und verweist auf seine persönlich-individuelle Haltung; die sozialethische Ebene fokussiert sich auf soziale Strukturen (im Sinne von Normen, Institutionen und Ordnungen) und fragt nach ihrer humanen Ausgestaltung. Dabei hat der Mensch als Person, der ja – nach einer Formulierung der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Gaudium et Spes – „Ursprung, Träger und Ziel“ aller sozialen Strukturen ist, stets im Mittelpunkt zu stehen.

Papst Franziskus behandelt in seiner ersten Botschaft zum Weltfriedenstag den Begriff der Brüderlichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven und deutet ihn ethisch aus. Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, Solidarität zu leben, heißt, die Augen vor der Not der anderen nicht zu verschließen, sich vom Leid der anderen anrühren zu lassen und sich sowohl global als auch lokal für menschenwürdige Verhältnisse und Strukturen einzusetzen. Mit einer solchen Grundhaltung kann nicht nur der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ etwas entgegengesetzt werden, sondern sie kann auch den Weg für eine gerechte Gesellschaft und den Frieden schaffen.

Interview: Wir gehören zusammen und sind eine Schicksalsgemeinschaft

Interview mit Josef Winkler, Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) für politische und ethische Grundfragen

Kompass: Papst Franziskus hat für den diesjährigen Weltfriedenstag der Kirche, an dem Gläubige und Menschen guten Willens weltweit um den Frieden beten, ein Motto gewählt, das auf den ersten Blick wenig verständlich wirkt: „Geschwisterlichkeit, Fundament und Weg zum Frieden“. Warum sollen Menschen geschwisterlich sein? Ist der Begriff nicht irgendwie antiquiert?

Josef Winkler: Der Begriff erscheint mir gar nicht antiquiert. Er ist allenfalls noch nicht so geläufig wie der Begriff der Brüderlichkeit. Doch aus guten Gründen reden wir inzwischen von Geschwisterlichkeit, um nicht eine Hälfte der Menschheit sprachlich von diesem ja überaus inklusiven Konzept auszuschließen. Interessant daran ist, dass die Idee der Geschwisterlichkeit auch außerhalb des kirchlichen Raums verstanden wird. Man denke nur an die Französische Revolution, die ja neben Freiheit und Gleichheit aller Menschen eben auch ihre Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit in den Mittelpunkt stellte. Wenn wir, ob im politischen oder im kirchlichen Diskurs, von Solidarität sprechen, was ja häufig geschieht, sind wir unmittelbar auf die Geschwisterlichkeit, das heißt die Verbundenheit und wechselseitige Angewiesenheit aller Menschen verwiesen. Wir gehören zusammen und sind eine Schicksalsgemeinschaft. Wenn beispielsweise die Menschen, unsere Schwestern und Brüder, aus unterschiedlichen Gründen in ihren Herkunftsregionen in Asien oder Afrika keine Lebensperspektive sehen und sich auf den Weg nach Europa machen, dann betrifft uns das und fordert uns heraus, auch wenn viele davor lieber die Augen verschließen und sich davon abzuschirmen versuchen.

Kompass: Eine Note des Vatikans zum Weltfriedenstag gibt Auskunft über eine zusätzliche Richtung: „Gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit.“ Mit Blick auf die Situation in unserem Lande – wo begegnen wir Gleichgültigkeit?

Josef Winkler: Ich habe schon das Beispiel der Flüchtlinge, die zu uns kommen, genannt. Allerdings erreichen viele, die das wollen, Deutschland gar nicht. Dahinter steht eine gesteigerte Form der Gleichgültigkeit. Wir lassen sie und ihr Schicksal schon räumlich nicht an uns heran, vielleicht gerade weil wir als christlich geprägtes Land genau wissen, dass sie uns nicht egal sein dürfen, sondern wir uns von ihrer Not berühren lassen müssten.

Doch auch an vielen anderen Stellen können wir in unserem gesellschaftlichen Alltag Formen der Gleichgültigkeit begegnen. Die strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien mit Kindern gehört dazu: die doppelte und nur bei geeigneten Rahmenbedingungen und einem familienfreundlichen Klima einlösbare Erwartung an Eltern, dass sie sich intensiv um ihre Kinder – unser aller Zukunft – kümmern und zugleich möglichst durchgehend vollzeitnah berufstätig sein sollen. Um noch einen ganz anderen Bereich zu nennen: Die Energiewende hin zur Versorgung aus regenerativen Energiequellen findet große Zustimmung. Die dafür erforderlichen Maßnahmen zum Ausbau der Infrastruktur hingegen sind für viele Bürger nur so lange in Ordnung, wie damit keine persönlichen Zumutungen verbunden sind. Auch das ist eine Form der Gleichgültigkeit, wenn man sinngemäß sagt: Energiewende ja, aber bitte ohne mich und meinen Beitrag!

Kompass: „Angesichts der vielen Dramen, die die Familie der Menschheit betreffen – Armut, Hunger, Unterentwicklung, Kriege, Migration, Umweltverschmutzung, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, organisierte Kriminalität, Fundamentalismus –, ist die Geschwisterlichkeit die Grundlage und der Weg zum Frieden“, so lautet es in einem vatikanischen Text zum diesjährigen Motto. Gibt es, mit Blick auf die Globalisierung, Ihrer Meinung nach eine Dringlichkeit und eine Priorisierung in der Bekämpfung dieser genannten Dramen? Welche politischen Instrumente sind erfolgreich?

Josef Winkler: Es ist wohl kaum angemessen, hier angesichts der jeweils gegebenen Dramatik und Dringlichkeit eine Priorisierung vorzunehmen. Aber vielleicht eine Sortierung: Denn viele der genannten Probleme haben die gleichen Wurzeln. Die weltweiten Fluchtbewegungen haben ihre Ursachen ganz maßgeblich im Klimawandel, in schlechter Regierungsführung und auch in religiös oder ideologisch aufgeladenen Konflikten. Auch die alten und die aufstrebenden Industrieländer haben daran einen großen Anteil, indem sie sich gegen wirksame Klimaschutzmaßnahmen sperren oder ungerechte Welthandelsstrukturen perpetuieren. Klar ist auch, dass wir eine ernsthafte, verlässliche und zielgerichtete Entwicklungspolitik brauchen, die nicht zuerst im Dienst deutscher Wirtschaftsförderung steht, sondern an den Lebenschancen unserer Schwestern und Brüder weltweit orientiert sein muss.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Ein Kommentar von Dr. Matthias Gillner, Dozent für Katholische Sozialethik an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg

Das geschlechtergerecht schön korrekt formulierte Motto des diesjährigen Weltfriedenstages „Geschwisterlichkeit, Fundament und Weg zum Frieden“ ist normativ sicherlich sehr anspruchsvoll, greift es doch auf eine alte biblische Kategorie zurück. Mit „Bruder“ wird jedes Mitglied des Volkes Israels bezeichnet, nicht nur um das Bewusstsein der gemeinsamen göttlichen Erwählung zu stärken, sondern vor allem, um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Armen unter den Israeliten zu fördern. Und Jesus identifiziert sich in der Gerichtsrede des Matthäus-Evangeliums sogar mit allen Bedürftigen: den Hungrigen und Durstigen, den Fremden und Obdachlosen, den Kranken und Gefangenen. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Geschwisterlichkeit beinhaltet in christlicher Perspektive demnach zunächst die Achtung der menschlichen Würde, die Anerkennung unterschiedlicher Biographien und verschiedener Lebensformen, die Schaffung von sozialen Bedingungen, die jeder Person Selbstachtung und persönliche Integrität ermöglichen. Auch zwischen den Staaten verlangt Geschwisterlichkeit wechselseitige Respektbekundung und Wertschätzung von kollektiven Identitäten und ihrer kulturellen Leistungen.

Forderung, nicht nur Beschreibung

Eine so verstandene Geschwisterlichkeit fordert aber auch Gerechtigkeit und Solidarität: faire Chancengleichheit beim Zugang zu beruflichen Positionen und öffentlichen Ämtern, eine angemessene Verteilung von Einkommen und Vermögen, reale Mitbestimmung in politischen und wirtschaftlichen Fragen sowie ein solidarisches Einstehen bei persönlichen Schicksalsschlägen. Und dies gilt analog auch für die internationalen Beziehungen. Auch hier hat jeder Staat das Recht auf einen fairen ökonomischen Wettbewerb, eine angemessene Verteilung der Früchte gemeinsamen Handelns wie auch einen Anspruch auf Solidarität bei kollektiven Katastrophen.

Ein Motto, das die Grundlagen des Friedens in Erinnerung ruft, findet – abgesehen von einigen hartgesottenen Realisten – den Beifall der Politik, beunruhigt aber niemanden und bleibt weitgehend wirkungslos. Der Verweis auf konkrete Verletzungen des Friedens wäre schon provokativer und damit konfliktträchtiger. Und es gäbe in dieser weitgehend friedlosen Welt viele Gründe.

Schon bei uns kann man nicht von einem innergesellschaftlichen Frieden sprechen: ein Lohn, der nicht zum täglichen Leben reicht, oder eine dauerhafte Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt kränken das Selbstwertgefühl arbeitender oder arbeitswilliger Menschen; ein Schulsystem, dass kaum mehr gesellschaftliche Aufstiegschancen ermöglicht, verletzt die Chancengleichheit; und eine Kontrolle von inzwischen mehr als einem Drittel des Nettogeldvermögens durch nur ein Prozent der Bevölkerung widerspricht jeder Form von Verteilungsgerechtigkeit.

Frieden – in unserem Land und weltweit

Um den internationalen Frieden ist es noch schlechter bestellt. Wenn muslimisch geprägte Staaten auf politischer Ebene von jedweder ernsthaften Mitwirkung ausgeschlossen bleiben, dann werden legitime Anerkennungswünsche der Bevölkerung missachtet und am Ende neue Ressentiments und Feindbilder gefördert. Wenn von armen Staaten die Aufhebung der Zollschranken verlangt wird, gleichzeitig aber die eigenen subventionierten Produkte deren Agrarstrukturen zerstören dürfen, kann von Fairness in den ökonomischen Beziehungen nicht die Rede sein. Und wenn der Profit bei der Ausbeutung wertvoller Rohstoffe weitgehend bei den multinationalen Konzernen bleibt, gibt es keine angemessene Verteilung der Früchte wirtschaftlicher Kooperation.

Harmlosigkeit: keine christliche Tugend

Auf dem Weg zu einem gesellschaftlichen und internationalen Frieden geht es aber um den Kampf gegen solche Ungerechtigkeiten. Mit dem Motto des diesjährigen Weltfriedenstages werden das wohl nur wenige verbinden, bleibt es doch viel zu unbestimmt, irgendwie farblos und ungefährlich. Eine leidenschaftslose „Friedfertigkeit“ wird jedoch nicht vom Evangelium des Friedens gedeckt, wie schon Thomas von Aquin einst bemerkte: „Die blassgesichtige Harmlosigkeit, die sich leider oft mit Erfolg für Sanftmut ausgibt, sollte doch niemand für eine christliche Tugend halten.“

Kompass Januar 2014

Ausgabe01_2014.pdf

Vieles dreht sich am 1.1.2014 und den ganzen Monat rund um den Weltfriedenstag, um Papst Franziskus und seine Botschaft. Wir berichten aber auch über die Konflikte in Afghanistan und Syrien – konkret über Veranstaltungen dazu, über die Reise des „Friedenslichts“ und mehrerer Bischöfe in die Einsatzgebiete. Friedensboten am Jahresanfang sind auch die Sternsinger. Lesenswert bleiben die bewährten Rubriken: Die Kolumne des Wehrbeauftragten über die „neue“ Bundeswehr, Grußworte zum Neuen Jahr, das Ethik-Lexikon, welches bald komplett ist, der aktuelle Filmtipp, manche Kurz-Info und „last but not least“ das Preisrätsel am Ende des Heftes.

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