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Deutschland im Advent: Flüchtlinge vor der Tür

[M] KMBA / Doreen Bierdel / Weihnachtsbaum: Brigitte Heinen / pixelio.de

Die Flüchtlingsproblematik beschäftigt auch im Dezember 2013: Weltweit sind zahllose Menschen auf der Flucht – vor Kriegen und Gewalt, vor Naturkatastrophen und Hunger, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Der Schwerpunkt der „Kompass“-Ausgabe 12/2013 widmet sich besonders den Ausländern und Asylbewerbern direkt vor unserer Tür, die uns gerade vor Weihnachten daran erinnern, dass auch Jesus Christus heimatlos und angewiesen auf Gastfreundschaft war. Dabei geht es neben persönlicher Betroffenheit auch um die Politik in Deutschland und Europa.

 

Grundsatz: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ...?

von Norbert Trelle, Bischof von Hildesheim, Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ...“, so lautet der Text eines beliebten Adventsliedes. Es handelt von der erwarteten Ankunft des Heilands, unseres Herrn Jesus Christus. Es ist derselbe Jesus, der nicht als weltlicher König, sondern in einem elenden Stall das Licht der Welt erblickte und der mit seinen Eltern vor Herodes nach Ägypten fliehen musste (vgl. Mt 2,13) und der später im Bild vom Jüngsten Gericht (Mt 25,31–46) den Umgang mit Fremden und Obdachlosen zu einem der Kriterien für das gerechte Handeln der Menschen erhebt: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“ Wir können – womöglich müssen wir es in unseren Tagen sogar – dieses vordergründig gefühlige Weihnachtslied so verstehen, dass es auch die Flüchtlinge und Heimatlosen sind, denen wir unsere Tore öffnen sollen. In ihnen begegnen wir Jesus selbst. Das Lied fährt fort: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu’r Herz zum Tempel zubereit’“. Wir sind aufgerufen, auch unsere Herzen zu öffnen.

In der Realität unserer Welt müssen wir erkennen, dass die Tore Europas für die meisten Flüchtlinge keineswegs weit offen stehen. Das Schlagwort von der „Festung Europa“ steht für eine Flüchtlings- und Migrationspolitik, deren Auswirkungen wir seit Jahren kennen und die seit einigen Wochen erneut mit bedrängender Intensität in unser Bewusstsein gerückt sind. Die Bilder vom Schiffbruch vor Lampedusa, bei dem fast 400 Menschen ihr Leben verloren, sind verstörend. Wie dramatisch die Lebensumstände vieler Flüchtlinge sind, konnte ich selbst während einer kurzen Reise nach Jordanien erfahren, die ich gemeinsam mit dem Ratsvorsitzenden der EKD, Dr. Nikolaus Schneider, Anfang November unternommen habe. Die Begegnungen mit den Familien, die entweder in Privatwohnungen untergekommen sind oder in größeren Lagern von Hilfsorganisationen und dem UNHCR notdürftig versorgt werden, haben uns tief erschüttert. Die Flüchtlinge haben nicht selten massive Gewalterfahrungen gemacht – manche auch unter Folter. Oft sind sie traumatisiert bis hin zur Sprachlosigkeit. Kleine Kinder malen zerstörte Häuser und zeichnen die Leichen ihrer getöteten Verwandten. Sie wissen genau, wie ein Panzer aussieht und kennen die Details von Maschinengewehren. Der Kontrast zu den Bildern, die in unseren Kindergärten in Deutschland gemalt werden, könnte kaum größer sein. Gerade die Begegnung mit Kindern zeigte uns jedoch auch Zeichen der Hoffnung: Inmitten der Krise sahen wir wenigstens für einige Momente lachende Gesichter und fröhliches Spielen. Menschen brauchen die Hoffnung auf eine gute Zukunft, um menschenwürdig leben zu können. Wir müssen uns nach Kräften bemühen, ihnen eine solche Hoffnung zu geben.

Widersprüchliche Flüchtlingspolitik

Die Staaten Europas betreiben eine Flüchtlings- und Migrationspolitik voller Widersprüche. Sie betonen ihren Willen, die Menschenrechte von Flüchtlingen und Migranten zu achten und den internationalen Verpflichtungen (etwa aus der Genfer Flüchtlingskonvention) nachzukommen. Die Praxis an den europäischen Außengrenzen zu Land und auf See weist indes gravierende menschenrechtliche Probleme auf. Als Beispiele seien nur das „Abdrängen“ von Flüchtlingsbooten, eine bisher völlig unzureichende Seenot-Rettung oder die menschenunwürdigen (und allen europäischen Richtlinien widersprechenden) Zustände in den Erstaufnahme-Einrichtungen auf Malta und Lampedusa genannt. Den Preis für diese Widersprüchlichkeit zahlen diejenigen, die ihr Leben gewissenlosen und kriminellen Schleppern anvertrauen müssen, weil sie darin ihre einige Chance sehen.

Man kann nicht alle Probleme sofort lösen. Aber die europäischen Staaten stehen in der Pflicht, die drängendsten Fragen auch kurzfristig anzugehen:

• Die Nachbarstaaten Syriens haben die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit für Flüchtlinge trotz der finanziellen Unterstützung durch die Weltgemeinschaft längst erreicht. Die Staaten Europas müssen auch selbst Flüchtlinge in weitaus größerer Zahl aufnehmen, als sie das bisher getan haben. Nur so kann eine gesellschaftliche und politische Destabilisierung der Region vermieden werden. Die bisher von Deutschland und anderen Staaten beschlossenen Aufnahmezahlen reichen bei weitem nicht aus.

• Die Aufgabe der Seenot-Rettung muss ausdrücklich in das europäische Grenzsicherungssystem integriert werden. Nationale Gesetze, die dem entgegenstehen (wie etwa das so genannte „Bossi-Fini-Gesetz“ in Italien) müssen umgehend geändert werden. Der Hinweis auf die Bekämpfung von Schlepperkriminalität darf nicht als Alibi für eigenes Unterlassen dienen. Die Äußerungen der Trauer über Bootsunglücke oder die Besuche von Politikern auf Lampedusa bleiben leere Gesten, wenn die Regierungen nicht einmal in Krisensituationen wie dem syrischen Bürgerkrieg sichere Fluchtwege eröffnen.

• Die europäischen Regierungschefs müssen sich auf ein transparentes und faires Verfahren zur Aufnahme von Flüchtlingen verständigen. Das so genannte „Dublin-System“, das die Zuständigkeit für die Durchführung von Asylverfahren durch den Staat festlegt, in dem der Antragssteller zuerst europäischen Boden betreten hat, bedarf einer gründlichen Überprüfung. Die geltenden europäischen Mindeststandards für Asylverfahren und die Versorgung von Flüchtlingen müssen eingehalten werden.

• Bei allem Verständnis für die Sorge vor einer Überlastung der Sozialsysteme in Europa gilt: Die europäischen Staaten müssen den Zugang zu Asylverfahren und zu internationalem Schutz gewährleisten. Der weitaus größte Anteil der Flüchtlinge findet in der unmittelbaren Region Aufnahme, nur ein Bruchteil macht sich auf den Weg nach Europa. Unter ihnen ist der Anteil derjenigen, denen Schutz zugesprochen wird, so groß, dass von einem massenhaften Missbrauch des Asylrechts nicht die Rede sein kann. Hier müssen neue und kreative Wege beschritten werden, die lebensgefährliche Reiserouten verhindern helfen. Das Europäische Parlament hat beispielsweise kürzlich in einer bemerkenswerten fraktionsübergreifenden Erklärung noch einmal auf die Möglichkeit hingewiesen, Visa aus humanitären Gründen zu erteilen.

• Neben diesen kurzfristigen Maßnahmen bedarf es auch wirklich glaubwürdiger Anstrengungen, das weltweite Gefälle bei Freiheit und Wohlstand zu verringern. Die Regierungen sind dringend aufgefordert, ihre Handels- und Wirtschaftspolitik so gestalten, dass alle eine gerechte Chance auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt haben. Das gilt sowohl für die reicheren Staaten als auch für die Eliten in den Entwicklungsländern, die ihrer Verantwortung für den eigenen Staat leider allzu häufig nicht angemessen nachkommen.

Papst Franziskus deutet Migration in seinem Wort zum Welttag des Migranten und Flüchtlings theologisch als Zeichen für die „Spannung zwischen der von der Gnade und der Erlösung geprägten Schönheit der Schöpfung und dem Geheimnis der Sünde. Der Solidarität und der Aufnahmebereitschaft, den Gesten der Brüderlichkeit und des Verständnisses stellen sich Ablehnung, Diskriminierung und die Machenschaften der Ausbeutung, des Schmerzes und des Todes entgegen“. So der Heilige Vater. Beides haben wir während unserer Reise nach Jordanien sehen müssen und sehen dürfen. Wir sind Menschen begegnet, die vor Gewalt, Krieg und Verfolgung fliehen mussten und auch während der Flucht erneut Opfer von Schleppern, Menschenhändlern und Ausbeutern wurden. Wir sind aber auch Menschen begegnet, die den Flüchtlingen Solidarität und Nächstenliebe entgegenbringen und sich mit ganzer Kraft für sie einsetzen. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen in Europa bereit sind, die Aufnahme von Flüchtlingen – nicht nur von Christen und nicht nur aus Syrien – mitzutragen. Die Kirchen jedenfalls werben dafür und wirken aktiv mit. Dass wir dies durch unsere Migrations- und Regeldienste tun, ist selbstverständlich. Aber auch darüber hinaus ist – nicht zuletzt inspiriert durch unseren Papst – neue Bewegung in das Engagement der Kirche für Flüchtlinge gekommen. Viele Bischöfe in Deutschland suchen derzeit nach geeigneten kirchlichen Immobilien, die für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden können. In vielen Gemeinden in ganz Deutschland engagieren sich Christen tatkräftig in der Unterstützung und Begleitung von Flüchtlingen. Einen weiteren Gedanken aus dem Wort des Heiligen Vaters zum Welttag des Migranten möchte ich Ihnen mit auf den Weg durch den Advent geben. Papst Franziskus wendet sich direkt an die Flüchtlinge und Migranten sowie an alle, die in der Hilfe für sie engagiert sind. Er ruft sie auf: „Verliert nicht die Hoffnung, dass auch euch eine sicherere Zukunft vorbehalten ist; dass ihr auf euren Wegen einer ausgestreckten Hand begegnen könnt; dass es euch geschenkt wird, die brüderliche Solidarität und die Wärme der Freundschaft zu erfahren. Euch allen sowie denen, die ihr Leben und ihre Energie der Aufgabe widmen, euch zur Seite zu stehen, verspreche ich mein Gebet und erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.“ Öffnen wir unsere Herzen und wirken wir daran mit, dass der Segenswunsch des Heiligen Vaters für die Flüchtlinge und Migranten Wirklichkeit werden kann.

Interview: Niemand verlässt seine Heimat leichten Herzens

Interview mit Pater Frido Pflüger SJ

Kompass: Pater Pflüger, was antworten Sie, wenn jemand sagt: „In Deutschland gibt es schon zu viele Ausländer“, bzw. „Asylsuchende sind doch nur Wirtschaftsflüchtlinge!“?

Pater Pflüger: In Deutschland gibt es sicher nicht zu viele Ausländer, ganz im Gegenteil: Wir sind ja sogar darauf angewiesen, dass noch mehr Menschen zu uns kommen. Denn unsere Gesellschaft ist überaltert und allein können wir unsere Zukunft gar nicht sichern. Gut wäre es, wenn wir denen, die zu uns kommen, von Anfang an die Möglichkeit eröffneten, sich bei uns einzubringen. Da ist noch vieles im Argen. Zweitens müssen wir Asyl und Zuwanderung auseinanderhalten: Zuwanderung ist eine Möglichkeit, aber Asyl ist ein Menschenrecht, das wir Verfolgten nicht zuletzt aufgrund unserer eigenen historischen Erfahrung gewähren. Das nehmen aber nur sehr wenige in Anspruch: Von den 42 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, haben 2012 gerade mal 77.000 in Deutschland einen Asylantrag gestellt! Davon kamen die meisten aus Krisenregionen wie Afghanistan, Syrien, Pakistan, Iran oder Tschetschenien. Übrigens betrachte ich auch Roma aus Ländern, in denen sie gewalttätigen Übergriffen und systematischer Ausgrenzung ausgesetzt sind, nicht als Wirtschaftsflüchtlinge. Wir haben in diesem Jahr bisher rund 7.000 Syrer aufgenommen – der kleine Libanon 700.000. Da können wir als eines der reichsten Länder der Welt doch nicht behaupten, wir seien überlastet.

Kompass: Als Jesuit schauen Sie nicht nur auf die Situation in der Stadt oder im Erzbistum Berlin, sondern haben mit Ihrer internationalen Hilfsorganisation Europa und die ganze Welt im Blick. Wo liegen zurzeit Ihre Schwerpunkte und die größten Probleme?

Pater Pflüger: Eine der größten humanitären Katastrophen sehen wir gerade in Syrien, wo sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst stark im Land selbst engagiert. Mit Suppenküchen und Unterrichtsangeboten für Kinder in syrischen Großstädten können wir täglich noch Zehntausenden Notleidenden helfen. Dabei fragen wir nicht danach, auf welcher Seite die Menschen politisch stehen: So versuchen wir, in unserer Arbeit Vorbild für das Miteinander auch später im Frieden zu sein. Ich persönlich habe nach wie vor Afrika im Blick, wo ich von 2003 bis 2012 tätig war. Die Unruhen in Somalia und im Ost-Kongo lassen die Menschen dort nicht zur Ruhe kommen. Hunderttausende leben in Flüchtlingslagern, und das auf unabsehbare Zeit. Aus dieser Erfahrung heraus tue ich mich so schwer damit, wenn wir in Deutschland hitzige Debatten um die Aufnahme von ein paar Tausend Asylsuchenden führen.

Kompass: Unterscheiden Sie in Ihrer Arbeit zwischen Vertriebenen, Flüchtlingen und Asylsuchenden? Gibt es hier unterschiedliche Menschen- oder Völkergruppen?

Pater Pflüger: Nach meiner Erfahrung sind die Menschen auf der ganzen Welt sich in diesem Punkt ganz ähnlich: Die meisten wollen einfach in Sicherheit und Frieden mit ihrer Familie in ihrer angestammten Heimat leben. Das Völkerrecht unterscheidet je nach Fluchtursache – wir als Flüchtlingsorganisation helfen unabhängig von der rechtlichen Kategorie denjenigen, die gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen. Und nach meiner Erfahrung verlässt niemand seine Heimat leichten Herzens und ohne schwerwiegenden Grund.

Kompass: In diesem Jahr darf der Blick auf Papst Franziskus nicht fehlen. Auch er ist Jesuit und seine erste Reise außerhalb Roms unternahm er nach Lampedusa auf die italienische „Flüchtlingsinsel“. Sehen Sie durch den neuen Papst grundlegende Veränderungen in der katholischen Kirche?

Pater Pflüger: Mit seiner ersten Reise hat Papst Franziskus ein Signal gesetzt, das viele aufgerüttelt und auf die Not von Flüchtlingen aufmerksam gemacht hat. Das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden, und wir haben das bisher einfach so hingenommen. Franziskus hat deutlich gemacht, dass dies eine zentrale Frage ist, an der unsere Menschlichkeit gemessen wird. Daran kommt auch die europäische Politik nicht mehr vorbei – besonders, wenn sie auf ihre christlichen Grundlagen Wert legt.

Kompass: Unmittelbar an den Advent und das Weihnachtsfest schließt sich in Bibel und Kirchenjahr die „Flucht der heiligen Familie nach Ägypten“ an. Was bedeutet es für Sie als Priester, dass Jesus Christus nach Aussage der Bibel schon zu Beginn seines irdischen Lebens ein „Flüchtling“ war?

Pater Pflüger: Für Menschen, die Flucht und den Verlust ihres Zuhauses erlitten haben, kann es tröstlich sein, dass Gott selbst diese Erfahrung mit ihnen teilt. Für alle anderen, die an Jesus glauben, steckt darin ein Auftrag, den er später so formuliert hat: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ So bietet uns jeder Flüchtling die Möglichkeit, Gott zu begegnen.

Die Fragen stellte Jörg Volpers.

Kommentar: Aufenthalt als knappes Gut

Gerechtigkeitstheoretische Aspekte der Regulierung von Migration

Ein Kommentar von Prof. Dr. Christian Spieß und Regina Friedmann, Berliner Institut für christliche Ethik und Politik (ICEP)

Die öffentliche Diskussion um die Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der EU und der europäischen Staaten hat mit den im Oktober 2013 medial stark thematisierten Schiffsunglücken vor Lampedusa eine neue Dynamik bekommen. Zugleich haben in der deutschen Perspektive die Auseinandersetzungen um ein Asylbewerberheim im Berliner Stadtteil Hellersdorf den Blick darauf gelenkt, dass die gesellschaftliche Bereitschaft, Asylsuchende, Flüchtlinge und Einwanderer aufzunehmen, begrenzt ist. Wiewohl einerseits eine Art Konsens darüber besteht, dass unkontrollierte und ungesteuerte Migration problematisch und nicht wünschenswert ist, scheint doch andererseits die Sensibilität für das Schicksal vor allem der aus Teilen Afrikas unter anderem nach Europa flüchtenden Menschen zugenommen zu haben. Unbeschadet der völlig offenen Frage, welche Folgen eine weitgehend unregulierte Migration tatsächlich hätte (denn es sind ja nur höchst vage Prognosen möglich), und unbeschadet der selbstverständlichen (aber zumindest in einigen Fällen angesichts der jeweiligen politischen Verhältnisse ziemlich schalen) Forderung, dass eigentlich die Situation in den Herkunftskontexten flüchtender Menschen verbessert werden müsste, sollen im Folgenden einige Überlegungen zur Migrationspolitik vorgestellt werden. Denn Lampedusa ist natürlich nicht überall, auch nicht in Berlin-Hellersdorf – und wir meinen, dass gerade eine sorgfältige Unterscheidung der Schlüssel ist für ein gerechtigkeitstheoretisch fundiertes kreatives Denken in der Migrationspolitik.

Kriterien für die Zuwanderungspolitik

Geht man von der politischen Voraussetzung aus, dass Einwanderung reguliert werden muss, stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien diese Regulierung stattfinden soll. Systematisch vorgelagert wäre – auch wenn dies mit Verweis auf die staatliche Souveränität und das politische Selbstbestimmungsrecht gemeinhin weitgehend als selbstverständlich gilt – die Frage nach der moralischen Rechtfertigung, mit der Nationalstaaten das Recht der Verfügung über ihre politischen und territorialen Grenzen in Anspruch nehmen. In Anbetracht dieses Konsenses und der Tatsache, dass die wohlhabenden Staaten faktisch gewillt sind, ein solch geartetes Recht in Anspruch zu nehmen, wird diese Frage hintangestellt. Geht man ferner davon aus, dass Aufenthaltstitel für aus jeglichen Gründen einreisende bzw. einwandernde Personen ein knappes Gut sind (was sich unmittelbar aus der politischen Regulierungsabsicht ergibt), stellt sich genauer die Frage, nach welchen Kriterien dieses knappe Gut zugeteilt werden kann.

In Frage kommen einerseits ökonomisch bzw. volkswirtschaftlich und andererseits sozialethisch bzw. gerechtigkeitstheoretisch begründete Kriterien. Ökonomische Kriterien sprechen beispielsweise für die bevorzugte Behandlung von Personen, deren Kompetenzen positive Effekte auf die Volkswirtschaft des Ziellandes versprechen, also beispielsweise dringend benötigte Facharbeiter oder – wie einst – IT-Spezialisten. Sozialethische Kriterien beziehen sich demgegenüber insbesondere auf Personen, die aufgrund von politischer oder religiöser Verfolgung, Bürgerkriegserfahrung, wirtschaftlicher Not oder aus ökologischen Gründen ihren Herkunftskontext verlassen bzw. nach Europa fliehen. Zu der zweiten Gruppe gehören die – ansonsten recht verschiedenen – Personengruppen, die gegenwärtig mit den Ortsnamen „Hellersdorf“ und „Lampedusa“ in Verbindung gebracht werden. Und hier – also bei nicht aus ökonomischen Gründen erwünschter, sondern aus ethischen Gründen gebotener Zulassung von Einwanderung – gilt es zu unterscheiden: Welchen Personengruppen soll Priorität eingeräumt werden? Gibt es Fluchtgründe, die unter allen Umständen und unbegrenzt zu einer Aufnahme führen müssen? Welchen Migrantengruppen sollte oder darf nur bedingt Einwanderung gewährt werden? In welchen Fällen sollte das knappe Gut der Aufenthaltstitel rationiert werden? Wie sollen also Asylbewerber, Bürgerkriegsflüchtlinge, Flüchtlinge aus ökonomischen Gründen etc. behandelt werden – und schlicht: Welche dieser Gruppen sollte priorisiert werden?

Zu analysieren ist für derartige Entscheidungen die jeweilige Situation der Migranten bzw. der Bevölkerungsgruppen, aus denen die Migranten stammen: Handelt es sich beispielsweise bei den in Lampedusa eintreffenden Personen wirklich um die „Ärmsten der Armen“? Oder geraten diese, weil sie niemals in die Nähe der Möglichkeit kommen, nach Europa zu fliehen, sondern innerhalb Afrikas unter ebenfalls menschenunwürdigen Umständen migrieren, erst gar nicht in den Blick der europäischen Öffentlichkeit? Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich gibt es für die wohlhabenden Gesellschaften Europas so etwas wie eine moralische Pflicht, hilflos in kleinen Booten auf dem Meer in Richtung Europa fahrenden Personen zu helfen. Gerechtigkeitstheoretisch schließt sich aber die Frage an: Warum werden gerade jene, die es nach Europa schaffen und im Fokus des öffentlichen Interesses stehen, gegenüber anderen Personengruppen, für die dies nicht gilt, bevorzugt behandelt? Oder besser: Welche Konsequenzen müsste dies für eine sorgfältig ihre Entscheidungen abwägende Migrationspolitik im Hinblick auf andere, noch viel mehr marginalisierte Personengruppen haben? Oder ist es gar zynisch, solche Unterscheidungen zu treffen?

Dabei zu berücksichtigen ist außerdem eine möglichst präzise Analyse der Herkunftskontexte und der Effekte der Auswanderung auf diese Herkunftskontexte – was übrigens auch für die aus ökonomischen Gründen wünschenswerte Einwanderung gilt: Welche Ressourcen – Kompetenzen, Humankapital, Geld – werden den Herkunftskontexten durch Auswanderung entzogen (Brain-Drain)? Und umgekehrt: Welche Vorteile, welchen Rückfluss (Ausbildung, Kontakte, private monetäre Transfers) verschafft die Auswanderung den Herkunftskontexten? Aktuellen Daten der Weltbank zufolge übersteigt die Summe der monetären Rimessen 2013 die offizielle Entwicklungshilfe mit einer Steigerungsrate von über 6% gegenüber dem Vorjahr um das Dreifache. Das führt freilich – wiederum umgekehrt – in den Herkunftskontexten zu neuen Verschiebungen in der sozioökonomischen Struktur und tendenziell zur Verstärkung bereits bestehender Ungleichheiten.

Fazit

Es muss also eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte für eine – grundsätzlich zweifellos gebotene – Neuorientierung der Flüchtlings- und Migrationspolitik berücksichtigt werden. Die Dringlichkeit der Fluchtgründe kann zur Priorisierung von bestimmten Personengruppen führen. Eine sorgfältige Analyse der Effekte der Migration sowohl im Einwanderungs- als auch im Auswanderungskontext kann zu weiteren Priorisierungsentscheidungen führen.

Vor allem geht es um die Einordnung und Bewertung unterschiedlicher Migrationsphänomene (worum geht es in Hellersdorf, worum in Lampedusa?) sowie um die Berücksichtigung jener marginalisierten Personengruppen, die nicht medial wahrgenommen werden. Dass angesichts der globalen Ungleichheit des Lebensstandards, angesichts der kolonialen Vergangenheit und angesichts der globalisierten Wirtschaftsdynamik, von der Deutschland in hohem Maße profitiert, eine restriktive Flüchtlings- und Einwanderungspolitik nicht legitimiert werden kann, versteht sich eigentlich fast von selbst.

Zu den Autoren:

Christian Spieß, seit 2012 Professor für Ethik und Anthropologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (KHSB), Berlin.

Regina Friedmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ICEP, In-Institut der KHSB.

Weitere Informationen: www.ethikdiskurs.de; www.ethikjournal.de; www.icep-berlin.de


Kompass Dezember 2013

Ausgabe12_2013.pdf

Der Berichtszeitraum der vergangenen vier Wochen war geprägt durch Zusammenkünfte. Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck kam an verschiedenen Orten mit Soldatinnen und Soldaten zusammen. Der neue Militärgeneralvikar Monsignore Reinhold Bartmann nahm seine Arbeit im Katholischen Militärbischofsamt am Berliner Weidendamm auf. Ein „Runder Tisch“, der Vorstand des Katholikenrates und ein Studienkreis trafen sich sowie Soldaten und Pfarrhelfer. Der Blick geht aber auch nach vorne, auf Veranstaltungen und neue Medien sowie auf den Advent und Weihnachten 2013.

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