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"Der Friedhof lebt auf"

Der Friedhof: gewöhnlich ein Ort der Besinnung, der Stille und der Trauer, ein Ort, an dem man seinen Gedanken nachhängen kann, um Leben und Tod, um lieber Verstorbener zu gedenken.

Doch Anfang November lebt der Friedhof auf. Es ist selten im Jahr, dass sich dort gleichzeitig so viele Menschen befinden. Sie tragen Gestecke und ihre Grablichter herbei. Kein Grab ohne frisches Erika, kein Grab ohne eine brennende Kerze!

Schon Tage vorher wurde geharkt und gesäubert: Die Gräber müssen wenigstens einmal im Jahr gepflegt aussehen. Es scheint so, als ob die Überlebenden bei ihren Toten in der Schuld stünden. Ist die Grabpflege zu Allerseelen eine Wiedergutmachung, oder steckt ein anderer Wunsch dahinter?

(Quelle: Nils Albus / Pixelio)
(Quelle: Nils Albus / Pixelio)

Vielleicht wollen viele ihren Verstorbenen etwas Gutes tun, und es bleibt nur das Grab als Objekt der Güte und des Handelns. Die Pflege und die Sorge um die Ordnung der Grabstätte kann ein Ausdruck der Hilflosigkeit der Lebenden, der Hinterbliebenen sein. Am Grab hören alle Möglichkeiten des eigenen Tuns mit einem Schlag auf.

Für den Verstorbenen gibt es nichts mehr zu tun, außer sein Grab zu pflegen. Wer seinen Mann, seine Frau, seine Eltern monatelang gepflegt hat, steht da und weiß nicht wohin mit seinen Händen. Der Mensch mag es nicht, wenn ihm seine Handlungsmöglichkeiten aus der Hand genommen werden. Doch der Tod schafft es immer wieder, die Lebenden hilflos zu machen.

Was tun wir im Angesicht des Todes?

Im Alten Testament, in den Büchern der Makkabäer, lesen wir, wie der Heerführer sich um das Wohl und das Heil seiner Soldaten kümmert, die in der Schlacht umkamen. Er sorgt sich um seine Männer und gibt die Hoffnung nicht auf (vgl. 2 Makkabäer 12,43–45).

Hier taucht in Israel zum ersten Mal der Gedanke an die Auferstehung der Toten auf. Weil der Makkabäer-Aufstand für die Sache GOTTES so viele Todesopfer forderte, glaubte man, dass der gerechte GOTT ihnen neues Leben schenken wird. An diesen Gedanken klammert sich Judas, der Anführer: Diese Auferstehung wünscht er seinen Gefallenen. Er kennt aber auch die Schwächen seiner Kameraden. Deshalb will er etwas für sie tun – für sie, nicht für die Gräber, nicht für die Familien. Gerade weil er sie kannte, wie sie lebten, wie sie waren, wollte er ihnen helfen!

Unabhängig von der Frage, ob unsere Verstorbenen einer Hilfe bedürfen, bietet das Fest Allerseelen am 2. November ihnen unsere Fürsorge an. Auch nach ihrem Tod bleiben sie uns nahe. Wir spüren unsere Verantwortung, ihnen beizustehen. An diesem Tag schlagen wir eine Brücke, die uns, die Überlebenden oder die Hinterbliebenen, mit den Toten verbindet. Es geht um unseren Wunsch, ein Letztes für sie zu tun, ihnen auch jetzt noch beizustehen und für sie Fürbitte einzulegen. Und wenn unsere Verstorbenen nun bei GOTT sind, wie wir das erhoffen und erbitten, so haben sie nicht nur für sich selbst das Ziel ihrer Bestimmung gefunden. Wir dürfen ebenso vertrauen, dass unsere Verstorbenen genauso wie die Heiligen bei GOTT unsere Fürsprecher sind.

Der Katechismus sagt dazu: „Unser Gebet für die Verstorbenen kann nicht nur ihnen selbst helfen: wenn ihnen geholfen ist, kann auch ihre Fürbitte für uns wirksam werden.“ (Nr. 958) Es ist also gleichgültig, ob unsere Verstorbenen das Gebet nötig haben. Wenn sie es brauchen, helfen wir denjenigen, die auch nach ihrem Tod unsere Mitmenschen geblieben sind. Wenn sie es nicht brauchen, hilft uns unser eigenes Gebet.

Der heilige Ambrosius von Mailand hat diese Wechselseitigkeit in einem schönen Gebet zum Ausdruck gebracht:

HERR, unser GOTT,
wir können für die anderen
nichts Besseres erhoffen als das Glück,
welches wir für uns selbst erhoffen.
Deshalb bitte ich DICH:
Trenne mich nach dem Tod nicht von denen,
die ich auf Erden so innig geliebt habe.
Ich bitte Dich, HERR,
gewähre, dass dort, wo ich bin,
auch die anderen mit mir vereint sind
und dass ich dort oben die Freude ihrer Gegenwart spüre,
deren ich auf Erden zu früh beraubt wurde.
Anstelle ihres kurzen Lebens auf Erden
schenke Du ihnen das ewige Glück.
AMEN.

Militärpfarrer Jörg Plümper,
Katholisches Militärpfarramt Augustdorf