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Kamerad oder Kollege?

Die Frage des Themen-Schwerpunkts der Doppelausgabe des „Kompass“ im Sommer 2013 lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Klar ist, dass „Kameradschaft“ vor allem in militärischen Zusammenhängen eine Rolle spielt und bei der Bundeswehr im Soldatengesetz und in der ZDv 10/1 „geregelt“ ist.

 

In Interview, Grundsatzartikel und Kommentar arbeiten die Autoren die Unterschiede zwischen Kollegen und Kameraden heraus; und auch der Wehrbeauftragte Königshaus betont den Wert von Kameradschaft. Darüber hinaus wird an mehreren Stellen der Hochwassereinsatz von Soldaten im Juni 2013 mit dem Kameraden-Begriff in Verbindung gebracht.

Kamerad oder Kollege? Interview mit Sascha Stoltenow, ehemaliger Fallschirmjäger und jetzt Kommunikationsberater

Kompass: Sie waren zwölf Jahre Soldat in den deutschen Streitkräften. Als Fallschirmjäger waren Sie in Einsätzen. 2011 haben Sie die Bundeswehr verlassen. Heute arbeiten Sie als Kommunikationsberater. Damals waren Sie, zu Beginn als Jäger und später als Offizier und Vorgesetzter, zur Kameradschaft verpflichtet. Jetzt sind Sie Kollege unter Kollegen. Was macht den Unterschied?

Stoltenow: Entscheidend ist sicherlich der Gegenstand der Arbeit. Als Soldat muss ich im Extremfall bereit sein, zu töten und getötet zu werden. Ich glaube, dadurch entsteht so etwas wie ein unsichtbares Band, das über das hinausgeht, was im Soldatengesetz und anderen Weisungen festgeschrieben ist, weil man sich trotz persönlicher Differenzen einem gemeinsamen Ideal zugehörig fühlt. Etwas Vergleichbares gibt es sonst nur in wenigen Berufen, etwa bei Polizei und Feuerwehr, die ebenfalls Leib und Leben einsetzen. Auch dort entsteht eine sehr hohe Bindung zwischen den Menschen. Der Schlüssel, um zu verstehen, wie Kameradschaft in der Bundeswehr entsteht, ist für mich der Prozess, in dem sich soldatische Identität ausbildet. Das beginnt mit grundlegenden gruppendynamischen Prozessen. Die Initiation beginnt mit einem Verwaltungsakt. Der junge Mensch erhält eine Personenkennziffer, die ihn durch seine gesamte militärische Laufbahn begleitet. Die Verwandlung vom Zivilisten zum Soldaten wird durch die Einkleidung erstmals sichtbar. Anschließend erfolgt die Einteilung in eine Stube, eine Gruppe, einen Zug, eine Kompanie, ein Bataillon. Abhängig vom Kontext identifiziert sich der junge Soldat mit der jeweiligen Einheit, innerhalb der er sich gegenüber anderen abgrenzen kann. Eine entscheidende Rolle spielt dabei auch die Truppengattung – Stichwort Waffenstolz – und, schon etwas abstrakter, die Teilstreitkraft. Auf all diesen Ebenen erhält der Soldat Identifikationsangebote, die zudem durch entsprechende Symbole sichtbar gemacht werden. Außerdem bringt es die Ausbildung mit sich, dass sich über Gemeinschaftserlebnisse wie den Formaldienst, Sport und Übungen oder aber Einsätze, wie derzeit die Fluthilfe, eine kollektive Identität ausprägt. Im Vergleich dazu ist die berufliche Sozialisation in einem gewöhnlichen Betrieb relativ unspektakulär. Zwar versuchen auch Unternehmen durch elaborierte Corporate-Identity-Programme vergleichbare Identifikationsangebote zu machen, diese reichen aber nicht so weit, weil sie – glücklicherweise – nicht so tief in die Lebensführung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingreifen.

Kompass: Kamerad ist also etwas anderes als Kollege. Gab es während Ihrer Zeit als Soldat Situationen, in denen es auf Kameradschaft angekommen ist, und worin hat sich diese bewährt?

Stoltenow: Den Wert vieler Dinge erkennt man ja am besten, wenn sie fehlen. Ich erinnere mich daran, wie während eines Truppenübungsplatz-Aufenthaltes ein Streit derart eskalierte, dass wir als Kompanie den gemeinsamen Auftrag nicht erfüllen konnten. Das hat sowohl den Beteiligten selbst als auch der Gruppe insgesamt geschadet. Die Kameradschaft hatte versagt. Andererseits musste ich relativ früh in meiner Dienstzeit eine sehr kritische Situation bewältigen, in der mich der Rückhalt meiner Kameraden ermutigt hatte, die Konfrontation mit meinen Vorgesetzten zu suchen. Ein Kamerad hatte deutliche mentale Ausfälle entwickelt, sollte aber dennoch scharfe Munition erhalten, um an einem Gefechtsschießen teilzunehmen. Ich musste damals nach meiner eigenen Einschätzung die Grenze zum Ungehorsam überschreiten, um das zu verhindern. Hätte ich damals nicht die Rückendeckung meiner Kameraden gehabt, hätte diese Situation anders enden können. Vor allem aber wäre es in der nachfolgenden Aufarbeitung der Ereignisse inklusive einer Eingabe an den Wehrbeauftragen und disziplinaren Ermittlungen ein Leichtes gewesen, mich als Einzelnen zu isolieren. Diese Negativbeispiele sehe ich als Einzelfälle, die mir aber den Wert von Kameradschaft verdeutlicht haben. Bewährt hat sie sich vor allem im Einsatz. Sei es bei meiner Arbeit in einem internationalen Stab in Kroatien, bei dem sich ein europäisches Kameradschaftsgefühl entwickelt hat. Vor allem war es beim ersten Einsatz des Einsatzkameratrupps (EKT) im Kosovo. Unser Auftrag war es, unsere Ausrüstung in einem Feldversuch zu testen. Dann veränderte sich die Lage in Mazedonien und deutsche Kräfte sollten die Truppen dort verstärken. Für uns ergab sich die Möglichkeit, diesen Konvoi zu begleiten. Mein Dilemma: Wir waren personell eng besetzt, hatten einen anderen Auftrag und nach der gängigen Führungsphilosophie hätte ich den Einsatz von vorne führen müssen. Aber wo war in dieser Lage vorne? Wenn wir den Auftrag buchstabengetreu erfüllt hätten, wären wir im Kosovo geblieben. Inhaltlich war es jedoch interessanter, ein Team nach Mazedonien zu schicken. Gemeinsam mit dem Kameraden, mit dem ich den EKT aufgebaut hatte, entschied ich, ihn mit zwei weiteren Kameraden mit dem Konvoi fahren zu lassen. Ich selbst blieb mit anderen in Prizren. Als wir 48 Stunden später sowohl den Feldversuch erfolgreich absolviert hatten als auch exklusives Material einen Tag vor ARD und ZDF ins Verteidigungsministerium übertragen konnten, wussten wir, dass die Entscheidung richtig war. Ohne die Kameradschaft im Einsatzkameratrupp wäre das nicht möglich gewesen.

Kompass: Inzwischen ist Ihr berufliches Feld die Kommunikation in und von Unternehmen. Sie beraten Führungskräfte darin, wie sie durch eine angemessene Kommunikation die Unternehmensziele erreichen können. Kommuniziert das Unternehmen „Bundeswehr“ ähnlich – oder anders gefragt: Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Bundeswehr insgesamt ändern, um erfolgreich zu bleiben?

Stoltenow: Nach meinem Verständnis müssen wir uns Organisationen und Unternehmen aus kommunikativer Sicht als „Geschichten“ vorstellen. Jedes Unternehmen, also auch die Bundeswehr, ist in diesem Modell die Summe aller Erzählungen über das Unternehmen, und es selbst versucht, über seine eigenen Medien diese zu beeinflussen. Was wir derzeit bei der Bundeswehr erleben, ist, dass die Erzählungen wichtiger Stakeholder auseinanderlaufen. Während das Ministerium und insbesondere der Verteidigungsminister beispielsweise mit Blick auf die Reform erklären, diese laufe erfolgreich und der „Sack sei zu“, hört man vielerorts fundamentale Kritik und die Soldaten stimmen teilweise mit den Füßen ab. Der Bundeswehrverband hat mit einer groß angelegten Befragung einige Schmerzpunkte identifiziert und derzeit ist nicht erkennbar, dass die politische Führung darauf reagiert. Das gefährdet langfristig die gewachsene Kultur der Bundeswehr. Wie gefährlich eine solche Situation werden kann, hat sich rund um die Bombardierung zweier Tanklaster in Kunduz gezeigt. Während man im Bendlerblock jahrelang davon sprach, dass die Bundeswehr in Afghanistan den Wandel zu einer friedlichen Gesellschaft unterstützte, wussten die Soldaten vor Ort schon lange, dass sie in einem Kampfeinsatz, ja in einem Krieg waren. Wenn die Hauptlinien der Erzählungen der politischen Führung und der Streitkräfte derart auseinanderlaufen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Ähnliche Konflikte sind übrigens über die Jahre auch zwischen den Einsatzsoldaten, die vorwiegend in den Feldlagern Dienst tun („Drinnies“) und den Kampfeinheiten („Draußies“) entstanden. Das wird zum echten Prüfstein für die Kameradschaft und vor allem die militärische Führung wäre gut beraten, das bestehende Konzept der Inneren Führung sowie das soldatische Leitbild gründlich zu überarbeiten. Der Soldat ist heute nicht mehr nur Staatsbürger in Uniform, sondern wird immer mehr zum Krieger. Eine wesentliche Aufgabe auch der Kommunikation wird es sein, Identifikationsangebote zu machen, bei denen nicht „Athen“ durch „Sparta“ abgelöst wird, sondern der Soldat befähigt wird, beide Rollen zu vereinen und situativ zu leben. Damit das gelingt, brauchen wir in der Bundeswehr eine Kultur der Beteiligung und offenen Kommunikation – und zwar im gesamtgesellschaftlichen Rahmen. Wenn man beispielsweise sieht, wie aktive Soldaten in anderen Staaten im sicherheitspolitischen Diskurs präsent sind, kann man sich nur an den Kopf fassen, dass in Deutschland allenfalls Generale und Admirale a. D. öffentlich Position beziehen. Das führt dazu, dass wir in Deutschland kaum mit, sondern vor allem über Soldaten reden. Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte die Bundeswehr für die beste Armee, die Deutschland je hatte. Eine politische Führung aber, die militärischen Sachverstand systematisch von der Öffentlichkeit ausschließt, gefährdet langfristig die Legitimation der Bundeswehr.

Das Interview führte Josef König.

Grundsatz: Was ist Kameradschaft und kann man Kameradschaft organisieren?

Eine soziologische Perspektive

von Sven Grüneisen und Stefan Kühl

In allen Organisationen kennt man Anforderungen an kollegiales Verhalten. Die Mitarbeiterin am Verkaufsschalter bei McDonalds erwartet, dass ihre Kollegen zu Hilfe kommen, wenn sie auf ihrem Posten in eine Stresssituation gerät. Der Mitarbeiter im Sortierzentrum der Deutschen Post kann sich darauf verlassen, dass seine Kollegen kleine Abweichungen von den offiziellen Regeln decken, so dass er seinen Job insgesamt effizienter und Kraft sparender machen kann. Jetzt fällt jedoch auf, dass einige wenige Organisationen Kollegialität in der weitergehenden Form der Kameradschaft ausbilden: Man denkt dabei natürlich zuerst an Armeen. Aber auch Feuerwehren, das Technische Hilfswerk oder Gruppen von Bergarbeitern in der Kohleindustrie lassen sich als Beispiele heranziehen. Es ist spürbar, dass in diesen Organisationen irgendetwas besonders ist, ohne häufig genau bestimmen zu können, was es ist.

Worin unterscheidet sich Kameradschaft von Kollegialität?

Eine soziologische Bestimmung von Kameradschaft mag auf den ersten Blick kompliziert klingen – sie ist aber letztlich einfach und sie hilft, die Besonderheit von Armeen im Vergleich zu beispielsweise Unternehmen, Verwaltungen, Kirchen oder Universitäten zu verstehen. In den meisten Organisationen sind die Mitglieder lediglich in einer Rolle engagiert – beispielsweise als Mitarbeiter bei McDonalds oder bei der Deutschen Post. Weil sie darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen und Geld oft chronisch knapp ist, bildet sich ein Interesse aus, diesen Job (oder einen ähnlichen) zu behalten. Dabei bilden sich jedenfalls in einigen Organisationen unter den Mitarbeitern hilfreiche Normen der gegenseitigen kollegialen Hilfe aus. Wenn man aus einer Organisation entlassen wird, mag das für den einzelnen wegen des Versiegens der Geldquelle problematisch sein – letztlich ist man aber erst einmal nur in dieser einen Rolle als Organisationsmitglied betroffen. In einigen wenigen Organisationen kann man in seiner Tätigkeit als Person mit all seinen anderen Rollenbezügen betroffen sein. Natürlich ist die Mitgliedschaft in Feuerwehren, Polizeieinheiten oder in Armeen im Einsatz zunächst auch nur eine Rolle unter vielen. Schließlich hat man noch die Rolle als Ehemann oder Ehefrau, als Mitglied einer Clique oder eines Sportvereins oder als nebenberuflich tätiger Landwirt oder Versicherungsvertreter. Die Möglichkeiten der Organisation – so beispielsweise auch der Bundeswehr –, diese Rollenbezüge zu bestimmen, sind begrenzt. Aber – und das ist der zentrale Punkt – in einer Feuerwehr, einer Polizeieinheit oder einer Armee steht in der Ausübung des Berufs nicht nur die eigene Rolle, sondern oft die ganze Person auf dem Spiel, weil man im Dienst schwer verletzt oder gar getötet werden kann. Und wegen dieser potenziellen Bedrohung für die ganze Person bilden sich sichtbar weitergehende Kollegialitätserwartungen in Form von Kameradschaft aus.

Welchen Stellenwert haben Extremsituationen bei der Ausbildung von Kameradschaft?

 Soldaten leben mit der Gewissheit, dass jederzeit Extremsituationen eintreten können, die sie allein oder gemeinschaftlich bewältigen müssen. Sie wurden auf den Ernstfall vorbereitet: Darauf, dass sie an Leib und Seele verwundet, schwer verletzt oder gar getötet werden könnten; darauf, dass sie sich Gefährdungen aussetzen müssen, die ihre Vorstellungskraft übersteigen; darauf, dass ihr Überleben in Extremsituationen mitunter von jenem blinden Vertrauen in die Unterstützungsbereitschaft des Nebenmannes abhängt, welches man gewöhnlich mit dem Begriff Kameradschaft umschreibt. Das Leben eines im Einsatz verwundeten Soldaten kann davon abhängen, dass seine Kameraden ihn aus den feindlichen Linien bergen. Sie müssen die schützende Deckung aufgeben, um ihn zu retten. Ein Verwundetentransport muss organisiert werden und es muss schnell gehen. Wie oft hatte man unter erheblichen Stressbedingungen diese Lage durchgespielt, alle Abläufe drillmäßig einstudiert, bis jeder „aus dem Schlaf“ wusste, was zu tun ist. Das Militär simuliert regelmäßig solche Extremsituationen und dennoch: Keine Übung bildet die Realbedingungen ab. Durch Anwesenheit „gefangen“, müssen in Extremsituationen Entscheidungen getroffen werden, die nicht vorhersehbar waren. Wer riskiert sein Leben, um ein anderes zu retten? Wer erbringt diese riskante Vorleistung in der Erwartung, dass andere dies auch täten, wenn man selbst einmal der Hilfe bedarf? Ist ein solches Verhalten überhaupt erwartbar? Mithilfe von Kameradschaft lassen sich die Erwartungen in der Extremsituation möglicherweise stabilisieren.

Welche Funktion erfüllt Kameradschaft für das Militär?

Was Kameradschaft für den einzelnen bedeuten kann, ist klar. Aber welche Funktion erfüllt Kameradschaft für das Militär als Organisation? Diese Frage beschäftigt die Soziologie spätestens, seit sie sich vor den Eindrücken des Zweiten Weltkriegs besonders in der US-Armee als anwendungsorientierte Wissenschaft bewährt hat. US-amerikanische Militärsoziologen versuchten herauszufinden, wieso die Kampfmoral deutscher Soldaten trotz der sich seit Stalingrad abzeichnenden Niederlage der Wehrmacht gehalten hatte. Ihr Erkenntnisinteresse richtete sich danach, wodurch der Zusammenhalt der Soldaten untereinander gesteigert werden kann. Die Studien von Edward A. Shils und Morris Janowitz ergaben, dass nicht die ideologische Identifikation mit dem Nationalsozialismus, nicht die Freude am Töten, nicht die Geldzahlungen, nicht der Zwang der Vorgesetzten, sondern das Verpflichtungsgefühl gegenüber den Kameraden maßgeblich dazu geführt hatte, dass die Wehrmacht nicht in sich zusammengebrochen war. Nicht zuletzt diese Studie hat in den Kommandostäben einer Vielzahl von Armeen zu intensiven Suchbewegungen geführt, wie man diese Kameradschaftserwartungen am besten für die Organisation nutzbar machen kann. Wie lässt sich – so die Frage der anwendungsorientierten Militärsoziologie – die militärische Organisation so gestalten, dass ein enges Kameradschaftsgefühl entsteht? Wie muss die Ausbildung in Kampfeinheiten organisiert werden, dass auch schon vor den ersten Einsätzen Kameradschaftsnormen etabliert werden?

Kann das Militär Kameradschaft verordnen?

Aus soziologischer Sicht schätzt man die Verordnung von Kameradschaft durch die Organisation als vergleichsweise schwach ein. In der Bundeswehr wird beispielsweise der Begriff Kameradschaft im Kameradschaftsparagrafen (§ 12) des Soldatengesetzes festgelegt: „Der Zusammenhalt der Bundeswehr beruht wesentlich auf Kameradschaft. Sie verpflichtet alle Soldaten, die Würde, die Ehre und die Rechte des Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr beizustehen. Das schließt gegenseitige Anerkennung, Rücksicht und Achtung fremder Anschauungen ein.“ Kameradschaft wird hier als eine Verhaltenserwartung formuliert, die auch in Extremsituationen („Not und Gefahr“) die Kameraden zum Beistand verpflichtet. Die Bundeswehr betont diesen Grundsatz der Inneren Führung als zentrales Element des Soldatentums. Sie nutzt jede Gelegenheit, ihn zu artikulieren und erwartet von ihren Soldaten, dass sie sich daran halten. Dabei ist es nicht die im Soldatengesetz formulierte Erwartung allein, die dem Militär garantiert, dass sich Kameradschaftsnormen in der Realität ausbilden. Geht man davon aus, dass Extremsituationen jederzeit auftreten können, so müssten militärische Organisationen für jede denkbare Situation eine verbindlich festgelegte Verhaltensweise vorher definiert haben. Das ist – selbst für durch Vorschriften, Weisungen, Regeln und Befehle stark formalisierte Organisationen wie das Militär – nicht realisierbar. Es ist – so die Sicht der Soziologie – nicht das Militär als Organisation oder der Vorgesetzte als Repräsentant der Organisation, der Kameradschaft über Befehle oder Anordnungen herstellen kann. Vielmehr bilden sich die Kameradschaftsnormen durch extreme Situationen, in die man als Soldat geraten kann und in der dann die ganze Person mit all ihren Rollenbezügen bedroht ist, von alleine, quasi im Schatten der offiziellen formalen Organisation aus. Die Kameradschaftsnormen entstehen also unabhängig davon, was in Soldatengesetzen steht oder von Vorgesetzten eingefordert wird. Und notfalls werden diese Normen von den Kameraden auch mit Mitteln durchgesetzt, von denen die Armeeführung gar nicht so genau wissen will. Militärorganisationen können Kameradschaft zwar einfordern – indem sie wie beispielsweise die Bundeswehr auf den § 12 des Soldatengesetzes verweisen, indem Vorgesetzte an „gute Kameradschaft“ appellieren oder auch indem Sanktionen bei Verstößen gegen die Pflicht zur Kameradschaft in den Raum gestellt werden – jedoch obliegt es in Extremsituationen einzig und allein den Soldaten, ob es zu kameradschaft- lichem Verhalten kommt oder nicht. Diese Diskrepanz muss das Militär aushalten, wenn es will, dass Kameradschaft einen wesentlichen Beitrag zur Auftragserfüllung leisten kann.


Die Autoren:

Sven Grüneisen, Offizier der Bundeswehr, Soldat seit 2004; Studium der Politikwissenschaft und Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg und an der Universität Bielefeld.

Stefan Kühl, Professor für Soziologie zuerst seit 2005 an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg und seit 2007 an der Universität Bielefeld. Neueste Buchpublikation: „Organisationen. Eine sehr kurze Einführung" (VS-Verlag, 12,90 Euro).

KAMERADSCHAFT – wichtiger denn je?

Ein Kommentar von Brigadegeneral Jürgen Weigt,
Kommandeur Zentrum Innere Führung in Koblenz 

In einer früheren Ausgabe der Zeitschrift DER STERN las ich einmal, dass „Kameradschaft ein Begriff aus einer anderen Welt“ sei (DER STERN 10.06.1999, S. 156, Der Erinnerung einen Namen geben). Begründet wurde diese Einschätzung damit, dass sie Teil einer überkommenen, männerbündischen Kriegskultur sei; ein wunderliches Überbleibsel einer früheren, weniger humanen Vergangenheit, die sich bis in die Friedenszeit hinein erhalten habe. Unabhängig davon, ob man Ansichten dieser Art teilt, bleibt festzustellen, dass es innerhalb soldatischer Gemeinschaften Werte gibt, die stärker, die nachhaltiger wirken als andere.

Kameradschaft, ein zentraler Wert unter Soldaten

Kameradschaft ist unter Soldaten schon immer einer dieser zentralen Werte gewesen. Die Frage nach der Wichtigkeit ist hingegen schwer zu beantworten. Das hängt vor allem mit dem Umstand zusammen, nicht genau erklären zu können, was dieses schillernde Phänomen überhaupt ausmacht. Reicht die oftmals als erzwungen empfundene Verschmelzung von Individuen, die von Außenstehenden als militärische Masse wahrgenommen werden, und die unter dem Druck von Befehl und Gehorsam, aber vor allem unter dem Eindruck von Angst und Gefahr eine einzigartige Bindung zwischen sich und anderen erfahren, als Begründung aus?

Sicherlich enthält diese etwas technokratisch anmutende Frage viel Wahrheit; aber diese Erklärung vernachlässigt den emotionalen Aspekt. Für mich war und ist Kameradschaft – richtig erlebt und gelebt – in erster Linie ein persönliches Gefühl. Ein Gefühl von Solidarität und Zusammengehörigkeit, das in seiner Intensität selbst durch Zeitläufte oder widrige Umstände keine Abschwächung erfährt. Ein Gefühl, das aber – in ganz individueller Weise – eine wichtige Bestimmungsgröße für soldatisches Denken und Handeln ist und das keinesfalls nur, weil das einschlägige Gesetz Soldaten dazu verpflichtet. Regelt doch der Gesetzgeber vor allem, in welcher Art und Weise die Gebote der Kameradschaft praktisch umzusetzen sind. Die Motive, aktiv Kameradschaft zu pflegen, speisen sich eher aus anderen Quellen. Der Wille, die Achtung der Kameraden und vor den Kameraden sowie die Selbstachtung nicht zu verlieren, stellt für mich – auch heute noch – einen stärkeren Antrieb dar als die meisten rationalen Erwägungen.

Dabei sollte Kameradschaft nicht mit einer vereinzelt zu beobachtenden Sehnsucht nach Harmonie im Zusammenleben verwechselt oder als Imperativ missverstanden werden, alles mitzumachen, was die Gruppe – die vermeintlichen „Kameraden“ – für richtig oder zweckmäßig halten.

Grundlagen der Kameradschaft

Aus meinem Erleben heraus verlangt Kameradschaft vor allem Übereinstimmung, entstanden z. B. aus gleichen Lebensbedingungen, gemeinsamen Erlebnissen oder einem gemeinsam empfundenen Bedürfnis nach Führung und Zielsetzung in Denken und Handeln.

Kameradschaft ist ein sich immer wiederholender Prozess von gegenseitigem Kennen, Verstehen, Helfen und Vertrauen. Sie ist vor allem das Ergebnis ständigen Bemühens – im Großen wie im Kleinen. Ein solcher Prozess ist innerhalb der soldatischen Gemeinschaft nicht in das Belieben des Einzelnen gestellt und muss sich nicht – auch nicht zwangsläufig – auf Sympathie gründen. Sie verlangt aber von jedem Einzelnen Initiative, Toleranz, Aufgeschlossenheit und Geduld.

Die Beschäftigung mit anderen Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen, das Nachdenken über sie, die Einschätzung ihres wahrscheinlichen Handelns – auch in Extremsituationen – oder das Vertrauen in ihre und die eigene Leistungsfähigkeit und den entsprechenden Willen sind komplexe Vorgänge, die so früh wie möglich im soldatischen Selbstverständnis angelegt sein müssen. Die allen Streitkräftereformen zugrundeliegende Suche nach „perfekten“ Einsatzstrukturen oder Organisationsformen muss diesen Prozessen den notwendigen Raum und die erforderliche Zeit einräumen.

Die Bedeutung

Der Wert funktionierender Kameradschaft ist also vor allem durch die Einstellung aller Beteiligten zu ihrem Zustandekommen und ihrer Aufrechterhaltung geprägt. Denn diese Einstellung entscheidet ganz wesentlich über die individuelle Dienstmotivation jedes Soldaten im Grundbetrieb wie auch über seine Einsatzmotivation in etwaigen Gefechtssituationen. In diesem Verständnis tritt die Frage, ob Kameradschaft wichtiger denn je ist, eigentlich in den Hintergrund.