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Auf ein Wort

In dieser Rubrik kommen regelmäßig Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger zu Wort. Sie äußern sich ganz persönlich zu Anlässen aus dem Kirchenjahr oder dem allgemeinen Jahreslauf und notieren Gedanken, die ihnen aktuell bei ihrer Arbeit als Militärpfarrer, Pastoralreferent oder -referentin gekommen sind.
In den Artikeln geben die Autorinnen und Autoren ihre Meinung über das jeweilige Thema wieder und regen zum eigenen Nachdenken an.

Klicken Sie bitte auf die Überschriften, um die vollständigen Beiträge zu lesen.

"Eine Seelsorge des Exodus" Autor: Pastoralreferent Michael Veldboer, aus: Kompass 12/2013

Seelsorge in der Tradition der Heils-erfahrung des Volkes Gottes beim Auszug aus Ägypten ist immer ein ständiger Aufruf zur Erneuerung und Umkehr. Zutiefst ist sie eine vom Exodus-geschehen erfüllte Einstellung, die den Aufbruch und die Selbständigkeit den sicheren Fleischtöpfen und der Unterdrückung und Sklaverei vorzieht.

Gewiss erkennt sie, dass sie von Sicherheiten und Absicherungen Abschied nehmen muss, von Vertröstung und Beschwichtigung, von Leistungs- und Erfolgsdenken, vielleicht sogar vom Festhalten an „starren Wahrheiten“.

Klassische Pfarrgemeinden stellen beispielsweise nur noch für einen Bruchteil der Menschen (und damit auch für viele Soldatinnen und Soldaten) den Ort dar, an dem sie die Lebens-Relevanz des Evangeliums und die „Evangelien-Relevanz“ ihres Lebens erfahren! Das größte Problem der Kirchen heutzutage ist dabei ihre „Exkulturation“, also die wachsende Selbstdistanzierung von den kulturellen, ästhetischen und sozialen Erfahrungsräumen sowie Ausdrucksformen der Menschen (und damit auch vieler Soldatinnen und Soldaten) dieser Zeit. In diesem Zusammenhang stehen sich hier zwei vielleicht auch konkurrierende, grundsätzliche Sichtweisen gegenüber: Kann und will sich die Kirche auf die fragmentierten Lebenszusammenhänge der Menschen heute positiv einlassen und das Evangelium in diesen Lebenszusammenhängen neu entdecken und zur Sprache bringen?

oder: Will die Kirche eine normative Lebensführung im Sinne ihrer Morallehre zur Vorbedingung von Mitgliedschaft, Partizipation und Sakramentenspendung machen und auf diese Weise ein internes Sozialmilieu neu rekrutieren?

Eine Seelsorge des Exodus ist dagegen die Verheißung von Trost und Hoffnung, wider die Entfremdung, eine Seelsorge der Versöhnung und des Vertrauens in die Erlösung. Diese Art der Seelsorge trägt dazu bei, meine Entfremdung von mir selbst, von meinen Lebenszusammenhängen, von meinem Nächsten und damit sicherlich auch von Menschen „außerhalb der Kirche“ überwinden zu helfen.

Dass Jesus als der eigentliche Herr der Kirche in seinen Begegnungen mit den Menschen über die Zuwendung zu ihnen und ihre Bejahung hinaus den Weg für eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem und unserem Vater geöffnet hat, öffnet den Blick auf eine tiefe Grundlage jeder vorbehaltlos akzeptierenden Begegnung. Sein positiver Blick für die bruchstückhaften Lebenszusammenhänge der Menschen seiner Zeit ließ damals und lässt auch heute die Frohe Botschaft in diesen Lebenskontexten neu entdecken.

Wenn ich beispielsweise davon überzeugt bin, dass der Mensch bereits erlöst, versöhnt und befreit ist, dann gilt es, diese Tatsachen ans Licht zu bringen: statt ihn auf seine Missetaten der Vergangenheit zu fixieren – den Druck der Vergangenheit, dort wo er belastend ist, von ihm zu nehmen, ihn zu allen seinen Möglichkeiten zu befreien, zu wecken und wachsen zu lassen, dem Menschen zu helfen, das zu werden, woraufhin er angelegt ist, seine Ressourcen und Chancen, die in ihm stecken, zu verwirklichen.

Pastoralreferent Michael Veldboer,
Katholisches Militärpfarramt Plön

 

 

"Der Friedhof lebt auf" Autor: Militärpfarrer Jörg Plümper, aus: Kompass 11/2013

Der Friedhof, gewöhnlich ein Ort der Besinnung, der Stille und der Trauer. Ein Ort, an dem man seinen Gedanken nachhängen kann, um Leben und Tod, um lieber Verstorbener zu gedenken.

Doch Anfang November lebt der Friedhof auf. Es ist selten im Jahr, dass sich dort gleichzeitig so viele Menschen befinden. Sie tragen Gestecke und ihre Grablichter herbei. Kein Grab ohne frisches Erika, kein Grab ohne eine brennende Kerze!

Schon Tage vorher wurde geharkt und gesäubert: die Gräber müssen wenigstens einmal im Jahr gepflegt aussehen. Es scheint so, als ob die Überlebenden bei ihren Toten in der Schuld stünden. Ist die Grabpflege zu Allerheiligen eine Wiedergutmachung, oder steckt ein anderer Wunsch dahinter?

Vielleicht wollen viele ihren Verstorbenen etwas Gutes tun, und es bleibt nur das Grab als Objekt der Güte und des Handelns. Die Pflege und die Sorge um die Ordnung der Grabstätte kann ein Ausdruck der Hilflosigkeit der Lebenden, der Hinterbliebenen sein. Am Grab hören alle Möglichkeiten des eigenen Tuns mit einem Schlag auf.

Für den Verstorbenen gibt es nichts mehr zu tun, außer sein Grab zu pflegen. Wer seinen Mann, seine Frau, seine Eltern monatelang gepflegt hat, steht da und weiß nicht wohin mit seinen Händen. Der Mensch mag es nicht, wenn ihm seine Handlungsmöglichkeiten aus der Hand genommen werden. Doch der Tod schafft es immer wieder, die Lebenden hilflos zu machen.

Was tun wir im Angesicht des Todes?

In den Büchern der Makkabäer im Alten Testament lesen wir, wie der Heerführer sich um das Wohl und das Heil seiner Soldaten kümmert, die in der Schlacht umkamen. Er sorgt sich um seine Männer und gibt die Hoffnung nicht auf (vgl. 2 Makkabäer 12,43–45).

Hier taucht in Israel zum ersten Mal der Gedanke an die Auferstehung der Toten auf. Weil der Makkabäer-Aufstand für die Sache GOTTES so viele Todesopfer forderte, glaubte man, dass der gerechte GOTT ihnen neues Leben schenken wird. An diesen Gedanken klammert sich Judas, der Anführer: Diese Auferstehung wünscht er seinen Gefallenen. Er kennt aber auch die Schwächen seiner Kameraden. Deshalb will er etwas für sie tun – für sie, nicht für die Gräber, nicht für die Familien. Gerade weil er sie kannte, wie sie lebten, wie sie waren, wollte er ihnen helfen!

Unabhängig von der Frage, ob unsere Verstorbenen einer Hilfe bedürfen, bietet das Fest Allerseelen am 2. November ihnen unsere Fürsorge an. Auch nach ihrem Tod bleiben sie uns nahe. Wir spüren unsere Verantwortung, ihnen beizustehen. An diesem Tag schlagen wir eine Brücke, die uns, die Überlebenden oder die Hinterbliebenen, mit den Toten verbindet. Es geht um unseren Wunsch, ein Letztes für sie zu tun, ihnen auch jetzt noch beizustehen und für sie Fürbitte einzulegen. Und wenn unsere Verstorbenen nun bei GOTT sind, wie wir das erhoffen und erbitten, so haben sie nicht nur für sich selbst das Ziel ihrer Bestimmung gefunden. Wir dürfen ebenso vertrauen, dass unsere Verstorbenen genauso wie die Heiligen bei GOTT unsere Fürsprecher sind.

Der Katechismus sagt dazu: „Unser Gebet für die Verstorbenen kann nicht nur ihnen selbst helfen: wenn ihnen geholfen ist, kann auch ihre Fürbitte für uns wirksam werden.“ (Nr. 958) Es ist also gleichgültig, ob unsere Verstorbenen das Gebet nötig haben. Wenn sie es brauchen, helfen wir denjenigen, die auch nach ihrem Tod unsere Mitmenschen geblieben sind. Wenn sie es nicht brauchen, hilft uns unser eigenes Gebet.

Der heilige Ambrosius von Mailand hat diese Wechselseitigkeit in einem schönen Gebet zum Ausdruck gebracht:

HERR, unser GOTT,
wir können für die anderen
nichts Besseres erhoffen als das Glück,
welches wir für uns selbst erhoffen.
Deshalb bitte ich DICH:
Trenne mich nach dem Tod nicht von denen,
die ich auf Erden so innig geliebt habe.
Ich bitte Dich, HERR,
gewähre, dass dort, wo ich bin,
auch die anderen mit mir vereint sind
und dass ich dort oben die Freude ihrer Gegenwart spüre,
deren ich auf Erden zu früh beraubt wurde.
Anstelle ihres kurzen Lebens auf Erden
schenke Du ihnen das ewige Glück.
AMEN.

Militärpfarrer Jörg Plümper,
Katholisches Militärpfarramt Augustdorf

 

 

"Soldatische Herausforderung im Studium" Autor: Militärdekan Pater Dr. Peter Conrads SJ, aus: Kompass 10/2013

Einer der Hauptschwerpunkte im vierjährigen Universitätsstudium der Offiziersanwärter und Offiziere an der Universität der Bundeswehr Hamburg ist die Beschäftigung mit dem Thema Ethik.

Regierungsentscheidungen zur Sicherheitspolitik werden im Studium naturgemäß akademisch-intellektuell betrachtet. Ethik ist an der Universität Friedensethik. Die Frage nach einem gerechten Frieden klammert die Frage nach einem gerechten Krieg aus. Frieden wird zwar generell nicht nur mit Waffengewalt errungen, die gegenwärtigen Einsätze der Bundeswehr mit ihrem robusten Mandat jedoch führen zumindest zu kriegsähnlichen Zuständen, mit den Einsatzendzielen Frieden, Freiheit, Demokratie. Die dauerhafte Nutzung von Waffengewalt bedarf einer ethischen Fundamentierung. Es zeigt sich in unserem akademischen Betrieb und auch an unserer Hochschulgemeinde ein großes Interesse an Begegnungen mit zurückgekehrten Einsatzkameraden. Deren Aussagen zu soldatischer Ethik sind sehr viel praxisbezogener. Ethik ist keine Einbahnstraße. Soldaten einer Parlamentsarmee haben ein Recht darauf, überlegt, verantwortungsbewusst, ethisch gerechtfertigt und bestens ausgerüstet in den kriegs-ähnlichen Zustand geschickt zu werden. Im Einsatz selbst wird soldatische Ethik sehr viel konkreter und stärker auf den Alltag konzentriert. Die Hauptfragen sind:

Wie bleibe ich am Leben? Wie sichere ich mich durch Verzicht auf Hass und Rache?

Wie garantiere ich Leben und Gesundheit von Kameraden?

Wie gehe ich mit der Tatsache um, getötet zu haben?

Unsere Soldaten und Soldatinnen an der Universität und an der Hochschulgemeinde nehmen diese Erfahrungsberichte stets mit Interesse und Anteilnahme wahr. Gespräche und Austausch zeigen dann, wie ethische Positionen für den Alltag zugeschnitten werden müssen. Regierungshandlungen mit ihren Herausforderungen und Entscheidungen in der Sicherheitspolitik bleiben dann nicht mehr nur reine Theorie. Was wir in unseren Militärpfarrämtern tun können: immer wieder praktische Fragen dieser Art zu stellen und – wie wir es in unserer Gemeinde in jeder Heiligen Messe und jeder Andacht halten – für die Sicherheit an Leib und Seele aller Einsatzsoldaten zu beten und der gefallenen Kameraden zu gedenken.

Militärdekan Pater Dr. Peter Conrads SJ,
Katholisches Militärpfarramt Hamburg I
Katholische Hochschulgemeinde an der
Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr

 

 

"Ferien haltbar machen?" Autor: Heinrich Dierkes, aus: Kompass 09/2013

Leider sind sie in den meisten Bundesländern schon wieder vorbei – die Schulferien. Und auch die Kasernen und anderen Einrichtungen der Bundeswehr füllen sich langsam wieder, denn die Sommerurlaubszeit 2013 wird Geschichte. Hoffentlich konnten Sie sich gut erholen, neue Kräfte sammeln, „die Seele baumeln lassen“! Wie gut tun doch „entschleunigte Tage“, Tage, an denen mal einfach gar nichts ist, an denen man sich ganz auf das einlassen, ganz mit dem beschäftigen kann, was einem wirklich wichtig ist, worauf man wirklich Lust hat.


Tage (und Wochen?) der Freiheit und der Freizeit liegen hinter den meisten – mit Urlaub zu Hause oder in der Ferne. Erholt und wohlgelaunt sehen viele aus und erzählen von Fahrradtouren über Mittelmeerinseln, von Tagen im Freibad oder dem (neuen) Lieblingsbuch auf der Sonnenliege – und vor allem von Zeiten ohne Uhr und Stress. Und nun geht es auch in diesem Jahr wieder darum, wie wir unsere Erholung möglichst lange „haltbar machen“ können. Wie können wir die Ausgeglichenheit und das erholte Herz möglichst lange wach halten, damit nicht gleich wieder Stress und Hektik und Fremdbestimmtheit über uns hereinbrechen?

Viele wünschen sich, nicht sofort nach dem Urlaub wieder in den alten Trott zu verfallen – aber wie gelingt das? Ich denke, eine Konservierung des Urlaubs kann gelingen, wenn ich auch weiterhin in meinem Berufs- und Lebensalltag Pausen einbaue und der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Leistung und Beschaulichkeit gelingt.
Gott selbst hat uns Menschen einen „Pausentag“ geschenkt, wie es in einem wunderschönen Text der evangelischen Theologin Dorothee Sölle – die Quelle ist mir leider unbekannt – über den Sonntag heißt:

Du sollst dich selbst unterbrechen.
Zwischen Arbeit und Konsumieren
soll Stille sein und Freude,
zwischen Aufräumen
und Vorbereitungen
sollst du es in dir singen hören,
Gottes altes Lied von den sechs Tagen und dem einen, der anders ist.

Ein freier Tag in der Woche – wie ein kleiner fortgesetzter Urlaub. Etwas ganz anderes tun, etwas ganz anderes lesen – oder eben auch gar nichts machen, einfach nur da sein und sich mit gar nichts beschäftigen. Eine andere Zeitrechnung beibehalten – wie im Urlaub. Ich habe (wieder) Zeit für mich, für die Familie, für andere Menschen. Eine andere Zeit – vielleicht kann sich ja eine andere Sonntagskultur entwickeln: ein freier Tag für mich, für andere, ein besonderer Tag – vielleicht auch für das Gebet, für den Gottesdienst: „Auszeit für die Seele“. Ein Tag, an dem ich nichts anderes geschieht, als dass ich ein liebender und ein geliebter Mensch bin. Keine Leistung – nur sein!

Für mich ist so ein „Aus-Tag“ ein großer Segen und hilft mir, den Urlaub, die freie Zeit haltbar zu machen. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich mich selbst unterbreche, an dem ich „Stille“ wahrnehme, und an dem ich es in mir singen höre. Dazu muss es aber in mir und um mich herum ruhig sein. Ich freue mich über diesen kleinen wöchentlichen Urlaubstag, den ich mir immer wieder selbst neu buchen kann ...

Heinrich Dierkes,
Diplom-Theologe

im Katholischen Militärdekanat Kiel

 

 

"Kommt mit an einen einsamen Ort …" Autor: Militärdekan Dr. Jochen Folz, aus: Kompass 07-08/2013

„Endlich Urlaub!“, denken sich sicher viele und hören wir manche in diesen Tagen sagen …

Tatsächlich ist die Sommerzeit ein besonderer Moment im Jahreslauf. Kameraden verabschieden sich in die Ferien, die Kasernen leeren sich – nicht nur wegen der aktuellen Bundeswehrreform. Nachbarn geben einen Schlüssel für Not- sowie alle anderen Fälle ab und es wird plötzlich viel ruhiger im Haus und in der Straße. Universitäten, Schulen und Kindergärten wirken völlig verlassen und sind sogar vorübergehend ganz vergessen.

Massen brechen – oft organisiert – auf in die Ferne oder brechen aus ihrem Alltag spontan aus, fühlen sich frei von Belastungen der gewöhnlichen Verbindlichkeiten und sind froh über die Leichtigkeit einer momentanen Unabhängigkeit. Die Moderne hat für diesen alljährlich wiederkehrenden Prozess den Begriff der „Entschleunigung“ erfunden, der dem durch Regelwerke einerseits sowie andererseits durch Leistungsanforderungen bestimmten Menschen den nötigen Ausgleich verschaffen soll. Weniger Tempo und geringerer Druck bei gleichzeitig höherem Erholungswert.

… und ruht ein wenig aus!

Doch dieses Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung kennt schon die Bibel. Der Evangelist Markus berichtet uns im 6. Kapitel: „Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.“ (Mk 6,30–32)

Die Wirklichkeit von damals klingt so gar nicht nach einem Idyll, wie es heute häufig gern gesehen wird. Die Apostel finden selbst also nicht einmal Zeit zu essen, da sie sich um die vielen Leute kümmern. Sind die Apostel sozusagen die ersten „Workaholics“, oder was mag wohl der Grund für diesen Einsatz sein? Jedenfalls ist es Jesus selbst, der sie einlädt, sich auszuruhen. Für diese Ruhephase – denn es ist nur die Zeit vor dem nächsten Ansturm – führt sie Jesus bewusst an einen einsamen Ort. Diese Abgeschiedenheit ohne viele Ablenkungsmöglichleiten erleichtert die Erholung. Das Alleinsein erlaubt dem einzelnen Menschen entsprechend besser die Konzentration auf Wesentliches.

Im Hinblick auf die konsumorientierte Urlaubsindustrie unserer Tage mit ihren unzähligen Angeboten bietet diese biblische Geschichte durchaus eine interessante Alternative und regt zum Nachdenken an. Entscheidend dabei ist aber immer der Erholungserfolg, dass wir uns gestärkt wieder den Herausforderungen im Alltag stellen können – dies wünsche ich Ihnen besonders für diese Urlaubszeit!

 

Militärdekan Dr. Jochen Folz,
Katholisches Militärpfarramt Neubiberg,
Universität der Bundeswehr München

 

 

"Einigkeit und Recht und …" Autor:Militärpfarrer Mirko Zawiasa, Katholisches Militärpfarramt Nordholz, aus: Kompass 06/2013

„Vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da.“ (Hld 2,11-12) In dieser Stimmung – mit den Worten des alttestamentlichen Hoheliedes – waren wir Anfang Mai nach dem langen Winter. Doch so recht zum Singen war uns dann doch nicht zu Mute. Am 4. Mai fielen in Afghanistan ein deutscher Soldat und sieben US-amerikanische Kameraden. Darüber hinaus gab es Verwundete.

Rückschläge – früher und heute

Bei einem Gedenkgottesdienst am Standort der Marineflieger in Nordholz haben wir außer dem Bibeltext aus der Offenbarung des Johannes (Offb 21,1–5a. 6b–7: Gottes Wohnen unter den Menschen) den Text unserer Nationalhymne bedacht: Deutschland sollte einig sein. Die Rechtsprechung nicht mehr durch despotische Eingriffe behindert werden. Der einzelne Mensch sollte frei leben können. Aus Rechtsstaatlichkeit und Freiheit sollte Deutschland blühend erwachsen. Es hat lange gedauert und schlimme Rückschläge gegeben, bevor man sagen konnte, dass die Vision, die August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland in die bekannten Worte verdichtet hatte, Wirklichkeit geworden sind. Es bleibt eine beständige Aufgabe, an der Wirklichkeit zu arbeiten, damit Recht, Freiheit und Wohlfahrt bewahrt und gefördert werden. Das gilt nicht nur für Deutschland. Die Menschen in jedem Land wünschen sich eine solche Blüte ihres Landes. Solche Blüte braucht Menschen, die sich ganz für das Gemeinwesen, für die Familie, im Freundeskreis, bei der Feuerwehr, den Hilfsdiensten usw. einsetzen, sei es beruflich oder ehrenamtlich. Wir in Deutschland stehen heute auf den Fundamenten, die andere gelegt haben, die dafür sogar gestorben sind. Wenn wir dieser Menschen gedenken, Straßen nach ihnen benennen, Denkmäler errichten, dann ist das nicht einfach Rückschau und Pietät. Die dem Vergessen entrissenen Menschen sind uns ein Vorbild und eine Motivation für unser eigenes Handeln. Sie erinnern uns daran, dass Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Wohlfahrt keine Früchte sind, die uns ohne eigenes Zutun in den Schoß fallen. Es braucht Menschen, es braucht uns selbst. Wer sich für das gelingende Zusammenleben der Menschen einsetzt, notfalls sogar bis zur Hingabe des eigenen Lebens, der erfährt den Sinn des Lebens. Der Mensch, auf Gemeinschaft hin geschaffen, erlebt sich und sein Tun im Vollzug und im Einsatz für diese Gemeinschaft als sinnvoll. Rückschläge und vor allem Todesfälle stellen die Frage, ob der eigene Einsatz wirklich sinnvoll sei.

Blick zurück und nach vorne

Der Blick in die Geschichte kann hier neue Orientierung geben. Als Christen sind wir diese Blickrichtung gewohnt. Die Bibel bietet uns eine Sammlung heilsgeschichtlicher Erzählungen, die einladen, die Geschichte aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen. Aus der Betrachtung des Wirkens Gottes dürfen wir die Kraft schöpfen, auf dem Weg zum Ziel engagiert auszuschreiten. Die biblischen Schriftsteller haben uns auch Visionen vom Ziel unseres Lebens geschenkt. Vgl. die Offenbarung des Johannes, Kapitel 21: Die neue Welt Gottes.

Militärpfarrer Mirko Zawiasa, Katholisches Militärpfarramt Nordholz

"Sind Sie echt?" Autor: Pater Stefan Havlik OblOT, Katholisches Militärpfarramt Wilhelmshaven II, aus: Kompass 02/2013

„Sind Sie echt?“, fragte mich eine Dame im Supermarkt. Sie konnte sich wohl kaum vorstellen, dass das Collarhemd – die traditionelle Kleidung des katholischen Priesters – kein Karnevalskostüm ist, sondern wirklich meinem Weihegrad entspricht.

Die Frage geht mir nach: Bin ich echt? Zweifellos: Die Handauflegung des Kölner Erzbischofs, der mich zum Priester weihte, ist mir noch sehr deutlich im Gedächtnis. Aber habe ich dadurch die Garantie, immer ein „echter Priester“ zu sein?

Den typischen Priester gibt es nicht. Es gibt alte und junge, forsche und scheue, humorvolle und ernste, traditioneller und moderner Orientierte: Das kann, ja, das muss sogar so sein. Auch im Bereich der Militärseelsorge ist es ein Gewinn, wenn Soldaten – gerade im Einsatz – unterschiedliche Pfarrer kennenlernen und erleben können. Nicht jeder findet zu jedem Militärseelsorger einen Zugang; Stärke der Kirche war und ist es immer, Vielfalt und Einheit zu gewährleisten. Da es keinen typischen Priester, keinen typischen Militärpfarrer gibt, gibt es also auch kein festes Muster, wie man „echt“ Priester ist.

Jeder von uns soll echt sein

Einer aber hilft in dieser Frage mit einer klaren Ansage: „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Jesus Christus zu allen, die ihm nachfolgen wollen. Licht für diese Welt sein! Das heißt, die Botschaft vom Heil, das mit Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, ausstrahlen – und zwar in aller Klarheit! Und dazu ist die wichtigste Eigenschaft erforderlich, die ein Christ und ein Priester mitbringen muss: authentisch zu sein. Menschen, so ist meine Erfahrung, verzeihen uns Vieles, aber nicht, wenn sie oberflächliche Mimen in einem heiligen Theater sind. Dabei ist es unerheblich, ob ein Priester „frömmelnd“ ein heiliges Leben vorspielt oder ständig betont, was er für ein lockerer Typ ist, ohne es zu sein: Einem Militärpfarrer, der seinen Dienst spürbar nur als eine Bühne definiert, auf der er seine Rolle spielt, wird kein Soldat vertrauen können. „Egal, wie Sie sind, Hauptsache, Sie sind ein Typ!“ – das gab mir ein Obermaat bei meiner ersten Seefahrt mit auf den Weg und ich finde, das fasst die Zielvorgabe bestens zusammen. Je mehr ein Mensch echt – authentisch – ist, je klarer sein Blick in den eigenen Spiegel ist, desto stärker kann er werden, aus seinen Fehlern und Schwächen wirklich lernen und seine Stärken und Fähigkeiten immer mehr ausbauen.

Und so antwortete ich der Dame im Supermarkt „Ja, ich bin wirklich Priester.“ Ein wenig mitleidig hakte sie noch mal nach: „Und Sie müssen immer so rumlaufen?“ Ich wollte sie am Kühlregal nicht mit Kirchenrecht überfallen und erzählte ihr lieber vom „Licht der Welt“, das in diese Welt strahlen soll …

Pater Stefan Havlik OblOT, Katholisches Militärpfarramt Wilhelmshaven II

Zur Person: Pater Stefan Havlik, 1980 in Ulm geboren, studierte nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre Katholische Theologie in Augsburg. 2009 wurde er in den Deutschen Orden aufgenommen und am 20. Mai 2012 von Joachim Kardinal Meisner zum Priester geweiht.

Der Deutsche Orden wurde 1190 zur Zeit der Kreuzzüge in Akkon gegründet. Nachdem er viele Jahrhunderte europäischer Geschichte geprägt hat (unter anderem einen eigenen Staat hatte) ist er seit dem 20. Jahrhundert in verschiedenen seelsorglichen Bereichen tätig.

Zum Standort Wilhelmshaven: Wilhelmshaven ist nach der Strukturreform künftig größter Standort der Bundeswehr, geprägt vor allem durch die Einheiten der Marine.

"Kopf-Hörer, Herz-Schritt-Macher und Hand-Werker" Autor: Militärgeistlicher Max Ziegler, Katholisches Militärpfarramt Sigmaringen, aus: Kompass 01/2013

Wie kann man den Glauben lernen? Ein Beitrag zum Jahr des Glaubens

„Schreib dir das hinter die Ohren!“ – sagt man, wenn der andere sich etwas besonders gut merken soll. Unsere Vorfahren nahmen, wenn sie Grundstücksgrenzen festlegen wollten, Buben als Zeugen mit, zogen sie an den Ohren und gaben ihnen Ohrfeigen. So wollte man sicherstellen, dass die Knaben sich auch noch im hohen Alter an den genauen Grenzverlauf erinnern konnten. Die Absprachen wurden ihnen buchstäblich „hinter die Ohren geschrieben“. Ein vielleicht wirkungsvolles, aber doch etwas seltsames Lernprogramm.

Alttestamentliches Lernprogramm

Ein weitaus sympathischeres Lernkonzept für die Gebote Gottes stellt Mose den Israeliten vor: „Diese meine Worte sollt ihr auf euer Herz und auf eure Seele schreiben. Ihr sollt sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf eurer Stirn werden.“ (Dtn 11,18)

Nicht durch Ohrfeigen will Mose dem Volk Israel die Gebote nahebringen, durch ein dreistufiges Lernprogramm soll es mit diesen wichtigen Worten vertraut werden. Mit einer geradezu modernen Pädagogik, mit einer – so würden wir heute sagen – „ganzheitlichen“ Methode will Mose erreichen, dass das Wort Gottes seinem Volk in Fleisch und Blut übergeht: Kopf, Herz und Hand werden angesprochen; das Denken, das Fühlen und das Handeln sind an diesem Lernprozess beteiligt.

Die Israeliten haben den Vorschlag des Mose ernst genommen: Eine Brosche an ihrem Turban sollte zeigen, dass das Wort Gottes tatsächlich zum Schmuck auf ihrer Stirn geworden war. Ein Armreif mit dem Zeichen Jahwes sollte deutlich machen, dass Gottes Gebot – um ihr Handgelenk gebunden – tatsächlich ihr Handeln bestimmt. Später haben sie diesen Brauch leicht verändert: Wichtige Worte der Bibel werden auf Pergamentstreifen geschrieben und in Kapseln gesteckt. Zum täglichen Gebet befestigt man dann eine solche Kapsel mit einem Gebetsriemen auf der Stirn, eine andere Kapsel am linken Oberarm – genau gegenüber dem Herzen.

Den Glauben lernen

Das Wort Gottes in den Kopf, ins Herz und in die Hand bekommen; es ins Denken, Fühlen und Handeln einfließen lassen: diesem Lernprogramm fühlt sich das Volk Israel verpflichtet. Wäre das nicht auch ein sympathisches und interessantes Programm für alle, die bewusst Christ sein wollen, die tiefer in ihren Glauben hineinfinden möchten?

Glauben lernen würde dann zunächst einmal heißen: „Kopf-Hörer“ werden. Mit dem Kopf das Evangelium hören – mit wachem Verstand, aufmerksam und kritisch; neugierig sein und wissen wollen, wie die Worte Jesu zu verstehen sind, nachdenken, diskutieren und Argumente finden, warum ein Leben im Sinn Jesu ein erfülltes Leben sein kann.

Glauben lernen würde dann auch heißen: „Herz-Schritt-Macher“ werden. Die Schritte, die wir auf unserem Lebensweg machen, vom Herzen lenken lassen; sich einfühlen in die Situation des anderen und dann herzlich auf ihn zugehen; sich die Worte Jesu unter die Haut gehen lassen, seine Geschichten beherzigen und sich von ihnen anrühren und bewegen lassen.

Glauben lernen würde schließlich heißen: „Hand-Werker“ werden. Mit unseren Händen wirken und arbeiten für das, was wir als wertvoll und richtig erkannt und erspürt haben; zupacken, wo unsere Hilfe gebraucht wird; anderen unsere Hände zur Stütze und zur Begleitung anbieten; durch die Praxis, und nicht nur durch Worte zeigen, dass wir Christ sein möchten – nach dem Motto: „Rede von Christus nur, wenn du gefragt wirst – aber lebe so, dass man dich fragt!“

Glauben lernen über Kopf, Herz und Hand – wer das versucht, der ist wie ein Mann, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf Fels baut … (Mt 7,24).

Militärgeistlicher Max Ziegler, Katholisches Militärpfarramt Sigmaringen