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Diener des Friedens

Vor 50 Jahren, am 11. Oktober 1962, eröffnete Papst Johannes XXIII. das 2. Vatikanische Konzil. Erst an seinem letzten Sitzungstag, dem 7. Dezember 1965, wurde die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ verabschiedet, die eine neue Grundlage des soldatischen Selbstverständnisses mit sich brachte, das noch heute gilt. In der Kompass-Ausgabe Oktober 2012 werden die Entwicklung seither und die Bedeutung der großen, weltweiten Kirchenversammlung des 20. Jahrhunderts bedacht und beschrieben.

 

 

                                          

Grundsatz: Die Kirche ist in der Kaserne gegenwärtig

Soldaten in Verantwortung

Das Zweite Vatikanische Konzil über Friedensstifter und Waffenträger

von Dr. Michael Seewald

Das Zweite Vatikanische Konzil – ein Teil des Alltags

Die fünfzig Jahre, die zwischen uns und dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils liegen, sind eine Erfolgsgeschichte. Mancher Kritiker, der aus der eigenen Enttäuschung heraus moniert, die Kirchenleitung setze die Lehre des Konzils nicht in die Tat um oder der Papst wolle gar hinter das Konzil zurück, verdeckt den Blick dafür, wie selbstverständlich das Zweite Vatikanum den Alltag der Katholiken heute prägt – angefangen von der Liturgie bis hin zum interreligiösen Dialog. Ein ähnliches Klagelied (in anderer Tonart, aber verwandter Melodie) stimmen diejenigen an, die das Konzil für die gegenwärtige Krise des Christentums verantwortlich machen: Der Niedergang des Glaubens und der Zerfall kirchlicher Ordnung habe mit dem Zweiten Vatikanum eingesetzt. Diese Geschichtsdeutung, die offenbar einen Sündenbock sucht, verkennt, dass das Konzil nicht die Ursache der gegenwärtigen Krise ist, sondern bereits eine frühe, weitsichtige Reaktion auf sie darstellt: Das Dokument Lumen Gentium (eine „dogmatische Konstitution“) aus dem Jahr 1964 stellt die Frage, wie das Wesen und die Sendung der Kirche in Treue zur Tradition und angesichts der „gegenwärtigen Zeitverhältnisse“ (LG 1) zu bestimmen seien. Ein Jahr später richtet sich Gaudium et Spes an „alle Menschen schlechthin“ mit der Absicht, allen zu erklären, wie das Konzil „die Gegenwart und das Wirken der Kirche in der Welt von heute versteht“ (GS 2). Dabei wollen die Väter, so der programmatische Beginn der Konstitution, „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“ (GS 1) in den Blick nehmen.

Der Soldatendienst – vom Frieden her bedacht

Das gilt auch für die Lage der Soldaten: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (GS 79). Für die Deutung einer Aussage ist nicht nur wichtig, was sie bezeichnet, sondern auch, wo sie steht; es kommt auf ihren systematischen Ort im Gefüge eines Gedankengangs an. Der zitierte Satz entstammt dem zweiten Hauptteil von Gaudium et Spes. Dort geht es um konkrete Einzelfragen – im fünften Kapitel auch um den Frieden. Nur in diesem Zusammenhang wird von den Soldaten gesprochen. Der Schlüssel zum Verständnis des Soldatendienstes ist nicht der Krieg, sondern der Frieden. Wer sagen will, was ein Soldat im christlichen Sinne ist, muss also zunächst klären, was „Frieden“ bedeutet. Frieden kann nicht nur als Abwesenheit von Krieg verstanden werden. Er bezeichnet vielmehr „die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer selbst in die menschliche Gemeinschaft eingestiftet hat und die von den Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit verwirklicht werden muss“ (GS 78). Der Friede hat also eine göttliche und eine menschliche Dimension:

1. Göttlich ist er insofern, als er Teil der Schöpfungsordnung ist. Die Bildsprache des Ersten Schöpfungsberichts kennt sogar die Vorstellung eines Friedens zwischen allen Lebewesen, in dem das Töten nicht zum eigenen Überleben nötig ist: Gott gibt Menschen und Tieren nur Pflanzen und Früchte zur Nahrung (Gen 1,29f). Gewalt ist Ausdruck einer gestörten Gottesbeziehung (Sünde), die in der Ermordung Abels ihren ersten Höhepunkt erreicht (Gen 4,8). Gaudium et Spes formuliert: „Insofern die Menschen Sünder sind, droht ihnen die Gefahr des Krieges, und sie wird ihnen drohen bis zur Ankunft Christi“ (GS 78). Es wäre utopisch anzunehmen, der Mensch könne aus eigener Anstrengung heraus den vollkommenen Frieden schaffen. Dieser bleibt ein Geschenk Gottes, das der auferstandene Christus zuteilt (z. B. Joh 20,19).

2. Dennoch wirkt Gott nicht am Menschen vorbei, sondern mit ihm und durch ihn. Die Konzilsväter betonen inständig, dass es keinen Frieden ohne die innere Umkehr, Wandlung und Erneuerung des Menschen geben könne (so GS 77.78.81.82). Letztlich sei der Friede „auch die Frucht der Liebe, die über das hinausgeht, was die Gerechtigkeit zu leisten vermag“ (GS 78). Was auf den ersten Blick schwammig klingt, lässt sich bei näherem Hinsehen präzise erläutern. Es handelt sich um eine scholastische, letztlich auf Aristoteles zurückgehende Unterscheidung. Die Gerechtigkeit, die zwischen zwei Parteien erzielt werden kann, beruht auf einem wechselseitigen Ausgleich; es handelt sich um Tauschgerechtigkeit. Ein Akteur gibt nur etwas, wenn er von seinem Konkurrenten eine angemessene Gegenleistung erhält. Aus diesem Kreislauf wechselseitiger Ansprüche – der bloßen Gerechtigkeit – kann nur schwerlich ein dauerhafter Friede entstehen. Der Friede lebt vielmehr davon, dass eine Konfliktpartei den Zirkel durchbricht und auf den Gegner zugeht, selbst wenn sie dadurch auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten muss. Diese ekstatische, aus sich selbst herausgehende Haltung nennt die christliche Tradition „Liebe“: Die Liebe „sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach“ (1 Kor 13,5). Da der Friede von solchen ‚weichen‘ Faktoren abhängt, ist er „niemals endgültiger Besitz, sondern immer wieder neu zu erfüllende Aufgabe“, der es darum geht, das „Gemeinwohl des Menschengeschlechts“ (GS 78) anzustreben. Wie fügt sich der Soldatendienst in dieses Bild?

Naturrecht und Gewissen

„Der Krieg ist allerdings nicht aus der Welt geschafft“ (GS 79). Unverblümt beklagen die Konzilsväter die Bedrohung durch „wissenschaftliche Waffen“ und den Terrorismus. Dem Übel des Krieges wird das „natürliche Völkerrecht“ entgegengestellt. Wieder steht eine scholastische Denkfigur im Hintergrund: Es lassen sich verschiedene Typen des Rechts unterscheiden, allen voran positives und natürliches Recht. Das positive Recht umfasst die von Menschen getroffenen Reglungen; diese können sich ändern und je nach Geltungsbereich variieren. Unter natürliches Recht hingegen fallen jene Vorschriften, die sich nicht menschlicher Setzung verdanken, sondern bereits in der Natur, dem Wesen des Menschen angelegt sind. Als Beispiel ließe sich das Recht auf Leben nennen, das sowohl dem Einzelnen wie auch einer ethnischen oder religiösen Gruppe zukommt. Wer es nicht achtet und versucht, „ein ganzes Volk, eine Nation oder eine völkische Minderheit aus welchem Grunde und mit welchen Mitteln auch immer auszurotten“ (GS 79), begeht ein schweres Verbrechen. Die Shoah steht den Konzilsvätern 1965 noch plastisch vor Augen – sie liegt erst zwanzig Jahre zurück. Da die Geschichte auf traurige Weise lehrt, dass das natürliche Völkerrecht bisweilen schwer verletzt wird, spricht das Konzil „einer Regierung das Recht auf sittlich erlaubte Verteidigung“ – so wird bewusst vorsichtig formuliert – „nicht ab“ (GS 79). Die realistische Einsicht in die Gefährdung des Friedens ist die Stelle, an der das Konzil die Streitkräfte verortet.

1. Soldat oder Soldatin zu sein ist daher kein Selbstzweck, sondern ein Dienst, der sich aus der Unvollkommenheit der Welt – der Notwendigkeit zur Selbstverteidigung – ergibt.

2. Der Zweck oder das Ziel des Dienstes wird als „Festigung des Friedens“ bezeichnet. Der Soldat steht zunächst im „Dienst des Vaterlandes“ (GS 79). Diese besondere Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Nation ist so lange zulässig, wie sie nicht auf die Herabsetzung anderer abzielt. Die Zugehörigkeit zu einem „Vaterland“ relativiert sich für einen Christen dadurch, dass alle Menschen denselben Vater haben, weil sie Kinder des einen Gottes sind. Das irdische Vaterland ist also keine absolute, sondern nur eine relative Bezugsgröße. Mit Augustinus gesprochen: Das Ziel des Menschen ist es, in das „Vaterland des Friedens“, die Gemeinschaft mit Gott, einzugehen, das hier auf Erden nicht ergriffen, sondern nur aus der Ferne, „von waldiger Höhe aus“ (Bekenntnisse VII 21,27) geschaut werden kann. Die Aufgabe des Soldaten hat etwas Partikulares – er steht im Dienst eines bestimmten Landes –, weist aber gleichzeitig über dieses Land hinaus und zielt auf etwas Universales: „die Sicherheit und Freiheit der Völker“ (GS 79). Dieser Gedanke wird nur einsichtig, wenn man Streitkräfte als Mittel zur Selbstverteidigung betrachtet. Sobald sie nicht mehr diesem Ziel dienen, sondern „dem Bestreben, andere Nationen zu unterjochen“ (GS 79), ist ihnen aus Sicht des Konzils jede Legitimation entzogen. Eine zweite Einschränkung ist ebenso von Bedeutung: Auch wenn der Zweck gut erscheinen mag, heiligt er nicht alle Mittel. Gaudium et Spes warnt vor „wissenschaftlichen Waffen“, fordert die Einhaltung humanitärer Vereinbarungen und das Bemühen um diplomatische Lösungen bis hin zum Aufbau internationaler Organisationen, die eine „Weltautorität“ (GS 82) ausüben. Krieg ist ein Übel, das nur dann ansatzweise zu rechtfertigen ist, wenn es gegen ein noch größeres Übel – die schwere Verletzung des natürlichen Völkerrechts – eingesetzt wird. Dass es überhaupt zum Krieg kommt, ist bereits die erste Niederlage, da er „die Ursachen der Zwietracht in der Welt“ – das Konzil nennt „an erster Stelle die Ungerechtigkeiten“ – nicht beseitigt. Ein Soldat steht vor der Herausforderung, dass er sich einerseits in die Ordnung der Streitkräfte, zu denen das Wechselspiel von Befehl und Gehorsam gehört, einfügen muss, andererseits aber stets seinem Gewissen verpflichtet bleibt. Das Gewissen ist jene Instanz, die über die natürliche Ordnung, gleich einem inneren Richter, wacht: Bestimmte Handlungen können vor diesem Richter bestehen, andere werden verurteilt. Darauf, dass auch ein Gewissen versagen kann und schwere Verbrechen bei manchen Tätern keine Gewissensnöte auslösen, geht Gaudium et Spes nicht ein. Dort, wo sich das Gewissen jedoch deutlich und vernehmbar zu Wort meldet, muss der Mensch ihm folgen. Das Gewissen eines Soldaten oder einer Soldatin steht für die Konzilsväter über einem Befehl, der ein Verbrechen anordnet. Die „Berufung auf blinden Gehorsam kann den nicht entschuldigen“ (GS 79), der ein solches Verbrechen ausführt.

Kirche und Kaserne

Das Konzil gibt die Richtung vor, in der ein Soldat sein eigenes Tun bedenken kann. Wie sich aber die Ordnung des Christseins und die Ordnung des Soldatseins im militärischen Alltag zueinander verhalten, wo die Schnittmenge und wo die Reibungsfläche zwischen beiden liegt, ist eine Abwägung, die ein lehramtliches Dokument nicht leisten kann. Das Gewissen etwa bleibt hin und hergerissen, weil der Mensch oft nicht zwischen gut und böse, geboten und verboten, sondern nur zwischen zwei Übeln wählen kann. Es ist eindeutig, dass dem Gewissen zu folgen ist, aber das Gewissen entscheidet oft zweideutig. Grauzonen entstehen auch bei der Frage, wann ein Krieg der Selbstverteidigung dient und ab welchem Zeitpunkt die Selbstverteidigung in Aggression umschlägt. Die Perspektive der Opfer fehlt weitgehend. Das Konzil liefert also kein fertiges Konzept, wie man als Christ ein Soldat und als Soldat ein Christ sein kann. Es eröffnet aber einen Raum, in dem beides seinen Platz hat. Wie groß dieser Raum ist und wie man sich in ihm bewegt, muss sich im Gespräch mit Gott klären. Aus diesem Grund ist die Kirche in der Kaserne gegenwärtig.

Zum Autor: Dr. Michael Seewald, einer der jüngsten Doktoren der Theologie weltweit, ist Diakon des Bistums Rottenburg-Stuttgart, Habilitand und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie der Universität München, Dozent für Theologiegeschichte am Ambrosianum in Tübingen und Visiting Professor am Saint John’s Seminary in Boston (USA).

Interview mit Oberstleutnant Rüdiger Attermeyer, Bundesvorsitzender der GKS

Frieden durch Vertrauen und Respekt

Kompass: Mit Gaudium et Spes trennte sich die Kirche von einigen „mittelalterlichen“ Ansichten und wandte sich den Problemen der Menschheit, Armut und Unterdrückung zu. Christen und alle Menschen guten Willens sind Instrumente Gottes zur Vollendung der Welt. Inwiefern wandelte sich damit das Soldatenbild?

Oberstleutnant Attermeyer: Ich denke, Gaudium et Spes ist als Dokument in seiner Zeit zu sehen, in der Zeit, in der es entwickelt wurde und der vo-rangegangenen Zeit, die es inhaltlich geprägt hat. Damit wird auch der Neuansatz verständlich. Die Kirche sprach vor dem Konzil vom „gerechten Krieg“, nach dem Konzil stellte sie den „gerechten Frieden“ in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Damit wandelte sich auch das Soldatenbild, denn es wurde von ihm nicht länger verlangt, den Krieg (nur) nach besten Kräften zu führen, sondern er wurde zum Friedensbewahrer bzw. Friedenswiederhersteller. Wenn es zu Krieg und Streit kommt, ist das Hauptaugenmerk jetzt darauf gelegt, den Frieden (wieder) herzustellen und zu bewahren. Dabei muss der Soldat weiterhin kämpfen können, um in Kriegsgebieten mit einer Mandatierung der Völkergemeinschaft den Frieden sichern zu können. Für den Soldaten stellen sich in der Durchsetzung eines solchen Mandates drängende Fragen, wie zum Beispiel: Wie erfülle ich meine Aufgabe „recht“, also richtig, damit ich als Soldat wirklich „Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker“ bin? Was ist der Maßstab für „richtig“? Wo bekomme ich Orientierung für das richtige Handeln? Vor diesem Hintergrund von Gaudium et Spes bietet die GKS Orientierung für den einzelnen Soldaten und seine Familie an, denn diese Fragen sind von jedem selbst zu beantworten, letztlich vor seinem eigenen Gewissen.

Kompass: Gaudium et Spes beinhaltet die „goldene Regel des soldatischen Handelns“. Inwiefern stellt die darin enthaltene Forderung eine Wende im Selbstverständnis des Soldaten dar, inwiefern internationalisiert sich hier die Sicht auf den Soldaten?

Oberstleutnant Attermeyer: Das Vatikanum wandte sich mit der pastoralen Konstitution Gaudium et Spes an die gesamte Menschheit und spricht im Hauptteil II wichtige Einzelfragen an. Dabei widmet sich das Kapitel V der Förderung des Friedens und des Aufbaus der Völkergemeinschaft. Im Abschnitt von der Vermeidung des Krieges sagt das Dokument: „Die Regierenden und alle, die Verantwortung für den Staat tragen, sind verpflichtet, das Wohl der ihnen anvertrauten Völker zu schützen, und sie sollen diese ernste Sache ernst nehmen.“ In diesem Zusammenhang – und das ist mir wichtig – wird gesagt, dass der Soldat, der im Dienst des Vaterlandes steht, „sich als Diener der Sicherheit und der Freiheit der Völker“ betrachten kann. Wenn er diesen Dienst recht versieht, trägt er zur Sicherung des Friedens bei. Vor diesem Hintergrund werden Streitkräfte der Bundeswehr vom Parlament in den Einsatz entsendet, der heute im Regelfall ein internationaler Einsatz geworden ist. Einsätze haben sich seit dem Ende des Zweiten Vatikanums von „Blauhelmeinsätzen“, die es schon während des Kalten Krieges gab, bis hin zu multinational durchgeführten Kampfeinsätzen internationalisiert. Ich denke, dass dies gerade eine Folge der staatenübergreifenden Sicherheitsverantwortung ist, die in Gaudium et Spes so treffend beschrieben wurde. Der Soldat von heute muss daher aus der nationalen Rolle heraus international denken und handeln.

Kompass: Gibt es aus ihrer Sicht Fortschritte im offiziellen sicherheitspolitischen Denken und zur Zukunft der Streitkräfte innerhalb der Bundeswehr? Inwiefern gibt es eventuell sogar Schritte, die auf der Linie des 2. Vatikanischen Konzils liegen?

Oberstleutnant Attermeyer: Das Weißbuch von 2006 stellt die aktuelle sicherheitspolitische Bewertung der Bundesregierung dar und legt die Vorgaben für die Sicherheitspolitik Deutschlands fest. Es ist damit ein wertvolles Grundlagendokument, das natürlich fortzuschreiben ist. Was nach meiner Meinung fehlt, ist eine öffentliche Diskussion über die Ziele und Inhalte dieser Sicherheitspolitik. In den Debatten im Deutschen Bundestag zur Mandatierung eines Einsatzes wird zwar öffentlich darüber gesprochen, dann aber „verschwindet“ das Thema wieder in der Versenkung, um erst bei der nächsten Verlängerung des Einsatzes wieder aufzutauchen. Die GKS fordert und fördert eine öffentliche Debatte seit vielen Jahren. An diesem Punkt sind wir uns sehr einig mit anderen Organisationen, auch wenn wir in den Inhalten manchmal zu anderen Bewertungen kommen. Konfliktbewältigung findet heute im Allgemeinen auf Grundlage eines UN-Mandates und unter Beteiligung mehrerer Nationen statt. Ich meine, dass durch diese Internationalisierung die Linie des Vatikanums aufgegriffen wird, dass das Zusammenleben der Völker gerechter werden soll, damit mehr Frieden herrschen kann.

Kompass: Soldaten sollen kämpfen, aber auch beschützen, helfen und vermitteln. Welche Voraussetzung(en) müssen geschaffen werden, um diese Pflichten wahrnehmen zu können?

Oberstleutnant Attermeyer: Sicher ist und bleibt der Kampf, also die Anwendung von Waffengewalt, die primäre Aufgabe von Soldaten. Dafür gibt es keine anderen Handelnden, das kann letztlich nur er. Andere Aufgaben können in verschiedenen Abstufungen oft auch andere Personen in anderen Organisationen übernehmen. Das Spektrum wie der Übergang in den Aufgaben ist in der heutigen vielschichtigen Lage jedoch meist schwierig abzugrenzen. Daher werden Soldaten zu Aufgaben herangezogen, für die andere Kräfte nicht, nicht ausreichend oder nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Um im Einsatzland aber auch beschützen, helfen und vermitteln zu können, muss der Soldat mehr können als „nur“ kämpfen. Er muss z. B. auch die ihm fremde Kultur kennen, damit er den Menschen, denen er helfen soll, mit Respekt begegnen kann. Nur in dem gegenseitigen Vertrauen und Respekt, der ebenfalls in Gaudium et Spes angesprochen wird, kann der Frieden hergestellt und dauerhaft gesichert werden, denn letztlich setzt die selbstbestimmte Würde der Menschen in den Einsatzgebieten den Maßstab des Handelns.

Das Interview führte Barbara Ogrinz.

Kommentar von Peter Frey

Ein Update für die Kirche

Brauchen Religionen ein Update? Diese Frage stellte die ZDFinfo-Sendung „log in“ vor wenigen Wochen. Das umstrittene Beschneidungsurteil war der Anlass, in der interaktiven Talk-Sendung religiöse Riten zum Thema zu machen.

Auch wenn es erst einmal schräg klingt, der Begriff „Update“ ist gar nicht so schlecht gewählt. Ein Update aktualisiert eine Hard- oder Software, es bringt sie auf den neuesten Stand und beseitigt kleine Schwächen. Im Kern bleibt das Programm aber gleich.

Genau das trifft auf das 2. Vatikanische Konzil zu. Denn was war das „Aggiornamento“ anderes als ein „Update“? Da wurde aktualisiert, zum Beispiel in der Liturgie oder im Verhältnis von Ortskirche und Vatikan. Da wurden dringend notwendige Verbesserungen vorgenommen, zum Beispiel in der Ökumene oder auch im Verhältnis zum Judentum. Der Glaube als Kern, die biblische Botschaft, die Liturgie in ihrem Grundrhythmus blieben bestehen. Ja, sie wurden noch deutlicher herausgearbeitet.

Nun liegt das letzte Update in der katholischen Kirche fünfzig Jahre zurück. Eine ganze Generation ist inzwischen herangewachsen, die nie eine lateinische Messe gefeiert hat, für die es selbstverständlich ist, dass der Priester mit dem Gesicht zur Gemeinde zelebriert. Die Nostalgie, mit der einige – vor allem auch innerhalb der Kirchenhierarchie – auf die Messen ihrer Kindheit zurückblicken und sich das Alte zurückwünschen, hat für junge Menschen heute gar keinen Bezugspunkt mehr. Sie haben aber auch den Geist des Aufbruchs nicht miterlebt, der eine ganze Generation des 2. Vatikanischen Konzils geprägt hat.
Die Hoffnung, Kirche gestalten und erneuern zu können, hat die Gläubigen in den sechziger und siebziger Jahren geprägt. Doch an die Stelle dieser Aufbruchsstimmung ist das Gefühl der Starre getreten. Das wurde erst beim Besuch des Papstes in Deutschland wieder deutlich, als die Hoffnungen auf eine Annäherung der Konfessionen enttäuscht wurden. Die Annahme, dass man innerhalb der Kirche nichts verändern kann, führt dazu, dass Christen andere Wege gehen. Die Initiative „Ökumene jetzt“ ist dafür ein aktuelles Beispiel und die vielen prominenten Namen aus Politik und Gesellschaft zeigen, dass es sich bei dieser Gruppe keineswegs um ein Randphänomen handelt. Es ist erschütternd bis arrogant, wie sich die Kirchenhierarchie und der Vatikan so ganz unbeeindruckt zeigen, wenn altgediente Minister oder ZdK-Mitglieder für notwendige Reformen eintreten. So viel Ignoranz hat mit geschwisterlicher Verantwortung für die Kirche jedenfalls nichts zu tun.

Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Kirche von einem Update so weit entfernt wie selten zuvor, ja sie verpanzert sich geradezu dagegen. Der „Zeitgeist“ ist beinahe zu einem Kampfbegriff geworden. Es ist wahr, dass Glaube etwas Zeitloses, ja Ewiges, in sich trägt und dass ein hektisches den Trends Hinterherhecheln sicherlich nicht der Weg sein kann. Doch dürfen wir uns auch nichts vormachen: Vieles, was wir heute als Tradition hochhalten, ist im Kern nichts anderes als der Zeitgeist vergangener Tage. Das gilt zum Beispiel für die strukturelle Bevorzugung von Männern innerhalb der katholischen Kirche. Die Benachteiligung von Frauen ist eben keine ewige Wahrheit, sondern der Geist früherer Zeiten. Wer gegen den Zeitgeist ist, darf nicht nur den Zeitgeist der Moderne im Blick haben.

Über die Krise der Kirche ist viel geschrieben und geredet worden. Die Missbrauchsfälle haben die Glaubwürdigkeit erschüttert. Aber es greift zu kurz, die Krise allein damit zu begründen. Die Kirchen verlieren in Deutschland schon seit Jahrzehnten kontinuierlich Mitglieder. Die Bedeutung der kirchlichen Bindung nimmt ab und damit auch die Bedeutung der Kirchen an sich. Die Gefahr besteht, dass die Kirche sich als Antwort auf die Krise in sich selbst zurückzieht, in eine Art selbst gewähltes Ghetto. Aber es wäre der falsche Weg, sich nicht mehr auf der Augenhöhe einer zugegebenermaßen komplexeren, vielleicht sogar feindlicheren Gesellschaft zu sehen.

Die Welt braucht die Kirche. Unsere immer weiter auseinanderfallenden Gesellschaften bedürfen einer Quelle für den Gedanken der Solidarität und Verantwortung. Eine von Wirtschafts- und Umweltproblemen gequälte Gesellschaft, die nach Vertiefung und gemeinsamem Sinn sucht, braucht die Verankerung in der Religion. Wer mit der Welt korrespondieren will, muss allerdings auch bei sich anfangen, Kritik aushalten und die Einmischung in kirchliche Diskussionen. Auch deshalb ist es Zeit für ein neues Update.

Zum Autor: Der Kommentator Peter Frey ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Chefredakteur des ZDF.

    

     

Kompass Oktober 2012

Kompass_10_2012.pdf

Im Mittelpunkt der Ausgabe 10/12 stehen Begegnungen und Gespräche: Bei den großen Konferenzen der organisierten Laien in der „Kirche unter Soldaten“ in Berlin, beim Dialogprozess der deutschen Kirche in Hannover, während einer Pastoralreise nach Afghanistan und auf der Feier zum 70. Geburtstag von Militärgeneralvikar Walter Wakenhut.

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