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Monopol und Menschenliebe

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch und Alois Glück im Gespräch - moderiert von Christiane Florin

Das Zweite Vatikanische Konzil ist 50 Jahre her. Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, stellen sich mit frischem Mut der Frage: „Warum wir die katholische Kirche brauchen.“ - Braucht Deutschland die Kirche eigentlich, was hat sie der Gesellschaft zu sagen und ist sie mehr als ein Ethik- und Sozial-Dienstleister? Es ist ein großes Spektrum an Themen, die aufgegriffen werden, wie z. B. „privilegierte Zugänge“ zu Kommissionen und Räten, oder das Wirken in Schulen, Krankenhäusern oder bei der Bundeswehr in Form der Militärseelsorge.

Porträt von Dr. Robert Zollitsch
Dr. Robert Zollitsch - Am 20. Juli 2003 wurde er zum Bischof geweiht und in sein Amt als vierzehnter Erzbischof der 1827 gegründeten Erzdiözese Freiburg eingeführt. Seit dem 18. Februar 2008 hat er den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz inne. Sein Wahlspruch: „in fidei communione“ - „In der Gemeinschaft des Glaubens“

Ch. Florin: Die katholische Kirche hat Sitze in Kommissionen und Rundfunkräten, sie hat staatlich unterstützte Schulen, ihre Geistlichen wirken in Krankenhäusern und bei der Bundeswehr. Kurzum: Sie hat privilegierte Zugänge aus einer Zeit, als sie noch mächtiger war. Wie lange noch?
R. Zollitsch: Von Privilegien mochte ich da nicht sprechen. Die katholische Kirche ist Teil dieser Gesellschaft, wie die evangelische Kirche auch; es sind immerhin rund ein Drittel der Bewohner Deutschlands katholisch, ein Drittel sind evangelisch, das sind gewachsene Elemente. Wir laden ja auch die anderen ein, sich in die Gesellschaft einzubringen, und für meine Begriffe tut der Staat gut daran, diesen Beitrag der Kirchen positiv zu integrieren. Wir Katholiken sind fast 25 Millionen Menschen, die den Staat mittragen und mitgestalten wollen, zum Wohl des Ganzen. Da sollte man nicht Kirche und Staat auseinandertreiben.
Ch. Florin: Stellen Sie sich vor, es käme der Verband der Persönlichkeitscoaches und würde sagen: Die Bundeswehr im Auslandseinsatz ist ein interessanter Markt für uns. Aber dieses Segment besetzt schon die Kirche mit ihrer Militärseelsorge. Wie begründen Sie ihre bevorzugte Stellung?
R. Zollitsch: Wir merken gerade jetzt, wie stark die Militärseelsorge gefragt ist, wenn ich an die Soldaten in Afghanistan oder im Kosovo denke. Hier geht es um den Menschen, nicht um ein Geschäft.
Ch. Florin: Aber dem Persönlichkeitscoach geht es ja auch um den Menschen. Was ist Ihr Plus, das außer der Kirche niemand bringt?
R. Zollitsch: Das Plus, das wir bringen, ist die Tatsache, dass wir den ganzen Menschen betrachten, auch seine religiösen Bedürfnisse. Das kann ein Coach in dieser Weise nicht. Zudem geht es uns nicht um Profit, sondern um Seelsorge für die Menschen.
Hören Sie etwa Soldatinnen und Soldaten zu, die in Kriegsgebieten eingesetzt waren oder es noch sind: Da brechen in Momenten existenzieller Bedrohung Fragen nach Leben und Tod auf, nach dem Sinn, Fragen, die sich nicht einfach mit Persönlichkeitstraining oder einem Coaching beantworten lassen.
Ch. Florin: Und wenn der Soldat keine religiösen Bedürfnisse hat?
R. Zollitsch: Dann muss er es nicht in Anspruch nehmen, der Soldat ist ja nicht dazu gezwungen. Es ist ein Angebot für alle – auch für Ungetaufte. Und wir merken, dass die Soldaten das annehmen über die Konfessionsgrenzen hinweg, weil sie spüren, dass die Begleitung durch einen Seelsorger ihnen hilft.
Ch. Florin: Aber die Konkurrenzsituationen mit anderen Anbietern von Sinn und Lebenshilfe werden zahlreicher.
A. Glück: Na und?
R. Zollitsch: Wo ist das Problem?
Ch. Florin: Sind Sie dem Wettbewerb gewachsen?
R. Zollitsch: Da habe ich keine Sorge. Denn es geht uns nicht um Wettbewerb, sondern um den Auftrag Jesu. Wir tun, wozu wir als Christen und als Kirche gesandt sind. Nehmen Sie als Beispiel die Gefängnisseelsorge. In den Haftanstalten gibt es auch Psychologen. Trotzdem sind unsere Seelsorger gefragt. Im Gefängnis sind wir bei hilfsbedürftigen Menschen präsent und zeigen, dass wir die Gefangenen nicht abgeschrieben haben. Wenn jemand keinen Seelsorger will, drängen wir uns nicht auf. Aber viele Gefangene, auch die nicht-religiösen, wollen den Seelsorger und nicht zuerst den Psychologen. Ich würde mich schuldig machen, wenn wir diesen Menschen nichts anzubieten hatten. Denken Sie ans Evangelium: „Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“ Das ist eine Aufgabe für uns, ohne dass wir da ein Monopol für die Kirche beanspruchen.

Ein Porträt von Alois Glück
Alois Glück - Seit November 2009 ist Alois Glück Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er ist unter anderem Initiator und Vorsitzender des Netzwerkes Hospiz in seinem Heimatlandkreis und setzt sich für den Ausbau der Verbindung von ehrenamtlichem Hospizdienst und Palliativmedizin zu einem flächendeckenden Angebot in Bayern ein.

A. Glück: Über eine Mitgliedschaft in solchen Gremien entscheidet der Staat. Von kirchlicher Seite ist zu fragen: Von welchem Verständnis her wird der Dienst geleistet? Als Machtanspruch der Kirche, als Wille, unbedingt überall dabei zu sein? Oder wird der Dienst geleistet aus dem christlichen Selbstverständnis heraus als Dienst für die Menschen? Dann entscheiden die Menschen, ob sie das annehmen oder nicht.
Die katholische Kirche in Deutschland hat aufgrund der geschichtlich gewachsenen Strukturen und des Staat-Kirche-Verhältnisses besondere Chancen, die sie zum Beispiel in Frankreich nicht hat. Inwieweit daraus Wirkkraft entsteht, das liegt daran, ob sich die Kirche verständlich machen kann.
Wir haben eine Rechtsstruktur, die der Kirche Zugänge sichert. Ob die in 50 Jahren noch sein werden, das entscheidet der Staat und nicht die Kirche. Noch ist es aber nicht so, dass die Kirche sich aufdrängen müsste, im Gegenteil. Es gibt ein Bedürfnis nach Seelsorge. Richtig ist aber auch, dass wir in einem Wettbewerb vieler Sinnangebote stehen. Von der alten Machtposition hat sich noch nicht jeder verabschiedet.
R. Zollitsch: Wir erfahren gerade in der Militärseelsorge, dass der Bedarf größer ist, als wir personell stemmen können. Wir tun diesen Dienst nicht um unserer Beschäftigung, sondern um der Menschen willen.
A. Glück: Die entscheidende Frage ist, wie Kirche erlebt wird: Ist es im Sinne eines absichtslosen Dienstcharakters für die Menschen, so wie es Papst Benedikt in seiner ersten Enzyklika formuliert hat?
Oder will ich sie kirchenpolitisch vereinnahmen? In der Katholischen Jugend haben wir immer geflachst: „Tischtennis haben sie gesagt und Kommunionbank haben sie gemeint.“ Wenn die Angebote nur taktisch sind, sind sie nicht mehr glaubwürdig.
Ch. Florin: Was ist so schlimm an der Kommunionbank?
A. Glück: Nichts. Die Formulierung bezog sich auf die zu vordergründige Taktik.
R. Zollitsch: Nur Taktik ist falsch. Ich sage: „Ihr seid eingeladen zum Gottesdienst, ich freue mich darüber.“ Das nimmt niemandem die Freiheit, nein zu sagen.
A. Glück: Es ist wichtig, dass die katholische Kirche diese Freiheit immer ausstrahlt. Sie soll sich nicht als Institution ausbreiten, sondern den Menschen die Botschaft des Evangeliums erschließen.
R. Zollitsch: Vereinnahmung lassen sich Menschen ohnehin nicht mehr gefallen.
A. Glück: Nein, aber es geht auch um das Selbstverständnis der Kirche gerade in der Seelsorge. Lässt sie sich darauf ein, Menschen zu begleiten? Das ist ja die klassische Pastoral in Gemeinden, in Krankenhäusern und an vielen anderen Orten.
Ch. Florin: Sie wirken beide ganz entspannt und sagen: Wettbewerb ist toll, wir stellen uns dem gerne, denn die katholische Kirche hat viel zu bieten. Warum müssen Sie so heftig zum Beispiel für den Sonntag und gegen die Kommerzialisierung von Weihnachten kämpfen, wenn sie die Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen?
R. Zollitsch: Das muss man im größeren Kontext sehen. Wir setzen uns mit Nachdruck für den Sonntag ein, um zu zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt als Geld und Konsum. Es gibt einen Rhythmus aus Alltag und Sonntag, um des Menschen und der Familie willen, auch um des Gottesdienstes willen. Das ist wichtig für unsere Kultur und unsere Gesellschaft. Was nutzt materieller Reichtum, wenn wir zwischenmenschlich verarmen? Die damalige Sowjetunion hat versucht, eine sonntaglose Woche einzuführen. Das hat sich als unmenschlich herausgestellt. Weihnachten hat für die Gesellschaft eine große Bedeutung, die Leute spüren aller Kommerzialisierung zum Trotz: Da ist noch etwas mehr. Die Kirchen sind überfüllt an Weihnachten, und das ist nicht nur Routine.
Andere Feiertage wie Pfingstmontag und Ostermontag haben es schwerer. Es ist bedauerlich, dass sich die evangelische Kirche mit dem zweiten Feiertag, etwa dem Ostermontag, schwertut. In der katholischen Kirche ist der zweite Tag eine Betonung des Hochfestes. Wir wollen nicht verbissen Feiertage erhalten, weil wir einen gesellschaftlichen Rückzug fürchten, sondern wir versuchen, der Gesellschaft Orientierung und damit etwas Positives zu geben. Man muss stets überlegen, wofür der Einsatz sich lohnt, was die entscheidenden Dinge sind.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlags