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„Veteranen“ in Deutschland

Nicht nur die Diskussion über die Einführung eines „Veteranentages“ macht diesen in Deutschland lange kaum benutzten Begriff aktuell. Auch die Auslandseinsätze der Bundeswehr scheinen langsam stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu dringen.
Aus historischer wie politischer Sicht auf die „Altgedienten“ oder „Heimkehrer“ werden Vergleiche angestellt mit der Vergangenheit und mit anderen Ländern. Zwei Kommentare widmen sich der Frage, ob und wie ein „Gedenktag“ für Veteranen sinnvoll sein könnte.

 

 

                                          

Grundsatz: Neue Altgediente?

Deutsche Veteranen zwischen „Weltkriegserlebnis" und „Einsatzerfahrung"

von PD Dr. Jörg Echternkamp, Universität Halle-Wittenberg

Die Lage ist unübersichtlich. Seitdem deutsche Soldaten in den „Auslandseinsatz" geschickt werden und in „kriegsähnlichen" Konflikten Schaden an Leib und Seele nehmen, stellt sich die Frage: Wie hält es die Berliner Republik mit ihren „Veteranen"?

Die Gründung neuer Veteranenvereine, Vorschläge für einen Veteranentag und Klagen über mangelnde Fürsorge und Wertschätzung lassen aufhorchen. Bis in die siebziger Jahre dagegen schien die Sache klar. Mehr als 100 Jahre lang gehörte die Veteranenkultur zum bürgerlichen Vereinswesen in Deutschland. Wie hat sich das geäußert? Warum hat es sich geändert? Und was bedeutet das für die neuen Altgedienten (lat. vetus = alt, erfahren), die Bundeswehr-Veteranen?

I. Kriegervereine: Massenorganisationen seit dem Kaiserreich

Am Ende waren sie die stärkste Massenorganisation des Deutschen Kaiserreichs: Nahezu drei Millionen Mitglieder zählten die fast 32.000 „Kriegervereine" am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1913. Seit dem Aufkommen der Wehrpflichtarmeen im frühen 19. Jahrhundert, besonders nach den Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich schlossen sich ehemalige Soldaten zusammen. Vor allem Mannschaftsdienstgrade aus kleinbürgerlichen und bäuerlichen Verhältnissen, die gemeinsame Kriegserfahrungen, aber auch die nationale Überzeugung teilten, gehörten dazu. Ihre Ziele: die Erinnerung an die Kriegserlebnisse wachzuhalten, sich gegenseitig zu unterstützen sowie die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen zu bündeln und zum Ausdruck zu bringen. „Kyffhäuserbund": So nannte sich der 1900 gegründete Dachverband der 27 Landeskriegerverbände. Symbolische Handlungen wie Feste und Feiern spielten von Anfang an eine wichtige Rolle. Am 2. September, dem (inoffiziellen) Nationalfeiertag des Kaiserreichs, der an die Kapitulation des französischen Kaisers bei Sedan erinnerte, wurden Paraden abgehalten und Kriegerdenkmäler eingeweiht. Sedantag war Veteranentag.

Zwar blieb der nationalistische und monarchistische Kyffhäuserbund auch zwischen 1918 und 1933 der größte Veteranenverband. Doch in der Weimarer Republik entstand eine bunte Palette militärischer Vereine mit unterschiedlicher politischer Orientierung. Ihr Konkurrenzverhältnis spiegelte die politischen Lager der Weimarer Republik wider. Drei Arten von Zusammenschlüssen lassen sich unterscheiden. Erstens schlossen sich viele Ex-Soldaten den paramilitärischen Freikorps an, die nach außen im „Grenzschutz", nach innen zur Unterdrückung der Revolution eingesetzt wurden. Zweitens gründeten Veteranen angesichts der schlechten staatlichen Kriegsopferfürsorge Selbsthilfeverbände der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen. Am einflussreichsten war der sozialdemokratisch orientierte „Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen" (1919–1933).

Neu waren, drittens, die Zusammenschlüsse politisierter Frontsoldaten, die sich im Laufe der Zeit auch für Nicht-Kriegsteilnehmer und Jugendliche öffneten. National-konservativ bis völkisch-antisemitisch war der einflussreichste Veteranenverband: der „Stahlhelm / Bund der Frontsoldaten". Dem gegenüber stand das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Bund republikanischer Kriegsteilnehmer". Der Verein, der sich vor allem aus der Arbeiterschaft rekrutierte, wurde 1933 aufgelöst. Die jüdischen Veteranen organisierten sich im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (1919–1938). Diese unterschiedlichen Veteranenbünde hatten eins gemeinsam: Ihnen ging es darum, das „Erlebnis" des Krieges und die Erfahrungen von Gewalt, Revolution und Niederlage so zu interpretieren, dass es einen Sinn ergab. In diesem Kampf um die Deutung des Krieges lag die politik- und kulturgeschichtliche Rolle der Veteranen. Ihre symbolische Politik unterschied sich jedoch. Die nationale Rechte inszenierte Massenaufmärsche, Frontsoldatentage und Denkmalseinweihungen, trommelte für Wiederaufrüstung und Revanchekrieg. Dagegen kritisierten die „linken" Veteranen den Heldenmythos; sie erinnerten an die Schrecken der Kriegsgewalt und setzten sich für die deutsch-französische, ja europäische Versöhnung ein. Seit 1925 gab es einen (nicht-staatlichen) Feiertag, an dem offiziell der Gefallenen gedacht wurde: „Volkstrauertag" hieß dieser Veteranentag. Die Nationalsozialisten, die nicht um die Toten trauern, sondern die Opferbereitschaft feiern wollten, machten ihn zum „Heldengedenktag".

II. Die Veteranenkultur der Bonner Republik

Mit dem nationalsozialistischen Gefallenenkult war es 1945 vorbei. Stattdessen ordneten die Siegermächte die „Entmilitarisierung" der Deutschen an: keine militärischen Symbole mehr, keine Waffen, erst recht keine Organisation ehemaliger Wehrmachtsoldaten. Doch kaum war die eigentliche Besatzungszeit vorbei und die Bundesrepublik gegründet, schossen die Veteranenvereine wie Pilze aus der Erde. An die 2.000 solcher Traditionsverbände – einschließlich der Waffen-SS – existierten in den sechziger Jahren, zunächst auf Orts-, dann auf Bundesebene. Die formal überparteilichen, de facto bürgerlich-konservativen Organisationen wie der „Verband der Heimkehrer" spielten eine wichtige Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik. Die Weltkriegsteilnehmer publizierten eigene Zeitschriften, trafen sich in Gaststätten oder im „Schützenhof" und organisierten feierliche Umzüge und Denkmalseinweihungen, an denen sich selbstverständlich die Honoratioren der Stadt beteiligten. Über 100.000 Menschen kamen in den fünfziger Jahren zu Bundestreffen des Verbandes der Heimkehrer zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen!

Wie nach dem Ersten Weltkrieg gedachte man am „Volkstrauertag", der bereits 1948 wieder eingeführt worden war, der Gefallenen – sei es am örtlichen Kriegerdenkmal, sei es im Landesparlament. Wie zuvor auch führte der 1919 gegründete „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" (VDK) Regie. Der VDK organisierte bereits 1950 die erste zentrale Veranstaltung im Bonner Bundestag. Organisierte Reisen zu westeuropäischen und nordafrikanischen Kriegsgräbern spiegelten die wachsende Mobilität der westdeutschen Freizeitgesellschaft wider. So entwickelte sich in der Bundesrepublik eine vielschichtige „Veteranenkultur". Wehrmachtveteranen und ihre unterschiedlichen Organisationen waren bis in die siebziger Jahre in die Gesellschaft integriert – wenngleich etwa Gewerkschafter den Altgedienten mit Argwohn begegneten.

Denn die Kriegserinnerung, namentlich das Gefallenengedenken war zwiespältig. Einerseits bewahrten die Veteranen ihren toten Kameraden ein ehrendes Andenken. Andererseits legitimierte sich die demokratische Bundesrepublik durch die Ablehnung des diktatorischen NS-Regimes, (in) dem eben jene Soldaten gedient hatten. Nur aufgrund günstiger Umstände ließ sich diese Grundspannung relativ lange aushalten. Dazu gehörten erstens die Wiederbewaffnung, die ein positives Soldatenbild erforderte; zweitens der Antikommunismus im Kalten Krieg, der für die Kontinuität eines zentralen Feindbildes über 1945 hinaus sorgte; drittens der weitreichende Konsens, dass die Wehrmacht mit den NS-Verbrechen gar nichts zu tun gehabt habe. Die organisierten Veteranen arbeiteten an diesem „Mythos der sauberen Wehrmacht" fleißig mit – schließlich ging es um ihr eigenes Selbstbild.

III. Zwischen Militärskepsis und wohlwollendem Desinteresse

Seit den achtziger Jahren jedoch verlor die Veteranenkultur ihre Rolle für die Kriegserinnerung. Statt Massenveranstaltungen abzuhalten, zogen sich die Veteranen aus der zivilen Öffentlichkeit zurück, zum Teil in die Subkultur der Bundeswehr. Für ihren Ansehensverlust gab es neben dem Generationswechsel zwei Gründe: Zum einen bröckelte der Mythos von der sauberen Wehrmacht – ein Prozess, der in der sogenannten Wehrmacht-Ausstellung in den Neunzigerjahren seinen Höhepunkt erreichte. Zum anderen hatte sich der Wertekanon geändert. Viele Westdeutsche gingen grundsätzlich auf Distanz zum Militärischen. Die Individualisierung der Lebensstile beispielsweise ließ den Kameradschaftsbegriff antiquiert erscheinen. In der Zeit der Friedensbewegung verschärfte sich der Gegensatz von militärischen und pazifistischen Auffassungen. Veteranenverbände und -gedenktage verloren in den Augen der Öffentlichkeit daher immer mehr ihr Ansehen. Damit endete eine über hundertjährige Phase, in der Veteranenvereine ein bedeutsamer Teil des bürgerlichen Vereinswesens in Deutschland waren. Eine gravierende Konsequenz hatte Mitte der neunziger Jahre der sicherheitspolitische Paradigmenwechsel.

Zum ersten Mal seit 1945 gab es deutsche Kriegsteilnehmer, die für die Werte jener Gesellschaft gekämpft hatten, die sich an sie erinnerte. Die Gefallenen der „Auslandseinsätze" – das waren fortan die „eigenen" Toten, die der Bundeswehr. Das gilt auch nach dem Aussetzen der Wehrpflicht 2011. Dieser fundamentale Unterschied geriete aus dem Blick, wenn man Ihrer weiterhin am Volkstrauertag gedenken würde. Insofern war es nur konsequent, für die neuen Gefallenen ein neues Denkmal zu bauen. Das „Ehrenmal" in Berlin zielt über das teilstreitkraftpezifische Gedenken in der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz, in Laboe und Fürstenfeldbruck hinaus, wenngleich seine Bezeichnung zurück ins 19. Jahrhundert verweist.

Aber: Dieser rasante sicherheits- und erinnerungspolitische Bruch änderte kaum etwas an der tiefverankerten Militärskepsis einer „postheroischen" Gesellschaft, die mit militärischem Pomp und Pathos wenig anzufangen wusste. Die Debatte um das „Ehrenmal", um Ehrenmedaillen und öffentliche Gelöbnisse zeigt das. Eine Heerschau in der Hauptstadt? Ein Umzug in alten Uniformen? Eine Kundenkarte für KFOR-Veteranen? Diese Art der Symbolpolitik bleibt unwahrscheinlich, ganz gleich, ob man darin den Erfolg eines historischen Lernprozesses sieht oder das bedauerliche Defizit einer längst überfälligen „Normalisierung". So ist es zum einen symptomatisch, dass ein offizielles Veteranen-Gedenken sich selbst seines Schlüsselbegriffs nicht sicher sein kann – in einer Gesellschaft, die bei „Veteran" eher an Verdun und Vietnam denkt statt an Kunduz und Kosovo. Soll man unter Bundeswehr-Veteranen die Minderheit jener rund 300.000 Soldaten verstehen, die seit 1992 an einem Auslandseinsatz teilgenommen haben (wie das der 2010 gegründete Bund Deutscher Veteranen vorsieht)? Oder sind alle ausgeschiedenen Soldaten und Soldatinnen gemeint (um die sich der Deutsche Bundeswehr-Verband (DBwV) kümmert)? Zum anderen äußern Soldaten in Leserbriefen Zweifel: Würde ein Gedenktag nicht auch die neuen Veteranen auf Versehrte verkürzen und als Opfer erscheinen lassen? Soll er etwa von drängenden Problemen bei der Betreuung und Versorgung ablenken?

Die Bilanz fällt deshalb widersprüchlich aus. Zwar lastet über den „neuen Altgedienten" nicht mehr der politische Druck, der die Erinnerung an die Wehrmachtsoldaten in der alten Bundesrepublik so problematisch gemacht hat. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Selbstorganisation. Doch gilt nicht der Umkehrschluss, dass einer blühenden Veteranenkultur nach angelsächsischem Muster nun nichts mehr im Wege stehe. Das wohlwollende Desinteresse lässt sich nicht durch einen symbolpolitischen Akt in ein interessiertes Wohlwollen überführen. Wenn ein Staatsakt mangels Konsens Spott statt Respekt provozierte, ginge der Schuss gar nach hinten los. Vielmehr bleibt abzuwarten, wie das zivil-militärische Verhältnis in den Köpfen durch Impulse „von unten" neu definiert wird. Verglichen mit den siebziger/achtziger Jahren stehen die Zeichen dafür doch gut.

 

Zum Autor: PD Dr. Jörg Echternkamp, seit 2012 Privatdozent am Institut für Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamts (MGFA) in Potsdam

Interview mit Ministerialdirektor Dr. Ulrich Schlie, Abteilungsleiter Politik im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg)

"Akzeptanz, Anerkennung und Würdigung lassen sich nicht verordnen"

Kompass: Hinter dem Begriff eines Veteranen verbergen sich unterschiedliche Bilder und Vorstellungen. Oftmals sind diese verknüpft mit Soldaten, die in den beiden Weltkriegen für das damalige Deutschland gekämpft haben. Das ist jedoch schon lange her. Was darf heute unter dem Begriff „Veteran" in Deutschland verstanden werden?

Dr. Schlie: Bei unseren Nachbarn und Partnern werden längst auch Soldaten der Nachkriegszeit regelmäßig als Veteranen bezeichnet. Einige Verbündete, wie z. B. Dänemark und Norwegen, verknüpfen den Veteranenbegriff mit der Teilnahme an einem Auslandseinsatz (skandinavisches Modell). In Großbritannien, den USA und Kanada ist der Begriff deutlich weiter gefasst. Dort wird jeder ehemalige Angehörige der Streitkräfte als Veteran bezeichnet („angloamerikanisches Modell").

Wir werten derzeit im BMVg die verschiedenen internationalen Ansätze aus und prüfen sorgfältig, was für uns passt. Eine eindeutige Begriffsdefinition, die auch eine klare Abgrenzung bedeutet, ist in jedem Fall unumgänglich, falls die Veteranenpolitik sich nicht ausschließlich auf Symbolhandlungen beschränken, sondern auch die praktische Betreuung und Unterstützung der Veteranen und ihrer Angehörigen leisten soll.

Es gibt keine allgemein und international anerkannte Definition des Begriffs „Veteran". Umgangssprachlich verstehen viele Menschen in Deutschland unter einem Veteran zumeist noch einen altgedienten und lebensälteren Soldaten bzw. Weltkriegsteilnehmer.

 

Kompass: Führt eine Veteranenpolitik nicht zu einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft" in der Bundeswehr? Schon heute herrscht doch eine Spaltung zwischen Soldaten, die im Auslands-einsatz gedient haben und denen, die nicht im Einsatz waren.

Dr. Schlie: Es wird immer unterschiedliche Erfahrungswelten und Erfahrungshorizonte in einer so großen Organisation wie der Bundeswehr geben. Und es gibt Unterschiede, aber die führen nicht automatisch zu einer Spaltung. Wir sollten eine Würdigung des Einen nicht immer gleich als Herabstufung eines Anderen begreifen. Die Anerkennung als Veteran ist nicht mehr oder weniger als die Anerkennung und Würdigung einer besonderen Leistung. Sie steht für etwas bzw. jemanden, nicht gegen.

 

Kompass: Klingt beim Begriff „Veteran" nicht immer auch der Eindruck der Schwäche und des „Versorgungsfalls" mit?

Dr. Schlie: Das ist eine sehr verkürzte Sichtweise. Wir sollten uns vor einer Stigmatisierung hüten. Ich sehe es genau anders herum: Veteranen sind Soldatinnen oder Soldaten, die eine besondere Leistung vollbracht haben. Deswegen geht es bei der Veteranenpolitik der Bundeswehr ausdrücklich nicht zuvorderst um die Regelung von Versorgungsansprüchen, sondern um eine Form der Würdigung, Anerkennung und damit auch Fürsorge.

 

Kompass: Warum brauchen wir eine Veteranenpolitik?

Dr. Schlie: Eine Veteranenpolitik kann dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Anerkennung des soldatischen Dienstes insgesamt breiter wird. Das kann man aber nicht per Dekret verordnen. Deshalb ist die öffentliche Diskussion darüber so wichtig. Und wir führen diese Diskussion gegenwärtig aktiv im politisch-parlamentarischen Raum, mit den Verbänden und auch unter Nutzung der neuen Medien, wie z. B. auf „facebook" und „wirdienendeutschland.de". Neben der breiten gesellschaftlichen Anerkennung könnte eine Veteranenpolitik aber auch konkrete Verbesserungen im praktischen Umgang mit den Anliegen von Veteranen erreichen. Dazu gehört auch, Ressourcen und Einrichtungen in der Bundeswehr für die Betreuung und Versorgung von Veteranen effektiv und effizient einzusetzen.

 

Kompass: Glauben Sie, dass die Bevölkerung in Deutschland bereit ist für eine Veteranenpolitik? Immerhin tun wir uns immer noch schwer mit dem Wort „Krieg" und verwenden lieber rechtlich verklausulierte Formulierungen wie „bewaffneter, nicht-internationaler Konflikt" für Szenarien wie in Afghanistan.

Dr. Schlie: In den letzten Jahren hat sich mehr verändert, als dies mancher wahrgenommen hat, und diese Veränderungen hängen ganz wesentlich mit dem Einsatz unserer Soldatinnen und Soldaten auf der ganzen Welt zusammen. Für ihren bisweilen gefahrvollen Dienst verdienen und brauchen unsere Soldatinnen und Soldaten Respekt und Anerkennung. Dazu kann eine Veteranenpolitik einen wesentlichen Beitrag leisten. Das ist das Ziel und der Ansporn, weitere Veränderungen auf den Weg zu bringen.

 

Kompass: Welche Reaktionen haben Sie denn aus der Bevölkerung und den Medien hinsichtlich der bisherigen Veteranen-Diskussion erhalten?

Dr. Schlie: Erste Umfragen in der Bevölkerung und den Streitkräften zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten eine größere gesellschaftliche Anerkennung der Veteranen unterstützt. (? 70%). Das ist sehr ermutigend. Insgesamt wird das Thema „Veteranen" durch die Medien und zahlreiche Interessengruppen zwar bisweilen noch verhalten, jedoch im Großen und Ganzen interessiert und aufgeschlossen verfolgt. Das Ziel, den Veteranen der Bundeswehr mehr gesellschaftliche Anerkennung zuteil werden zu lassen, wird – trotz Kritik im Detail – mehrheitlich und übergreifend unterstützt. Viele Reaktionen konzentrieren sich auf die Einrichtung eines Veteranentages. Ein derartiger Vorschlag stand und steht aber nicht im Fokus der Überlegungen.

 

Kompass: Einige Stimmen warnen vor einer zunehmenden Militarisierung der deutschen Gesellschaft, einer Verherrlichung des Soldatischen. Könnte eine Diskussion, die sich um Auslandseinsätze und Veteranen, Gefallene und Einsatz- oder Gefechtsmedaillen dreht, dies nicht eher verstärken?

Dr. Schlie: Von einer Militarisierung kann in Deutschland wirklich nicht die Rede sein, eher schon von einer Normalisierung. Es geht schlicht und einfach um die Anerkennung der Realitäten. Zu dieser Wirklichkeit gehört, dass unsere Soldatinnen und Soldaten zum Schutz unserer Bevölkerung und für die Sicherheit unseres Landes auch ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen.

 

Kompass: Ist das Veteranenkonzept nicht einfach nur eine weitere „Werbemaßnahme" der Bundeswehr zur Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber?

Dr. Schlie: Natürlich unternehmen wir große Anstrengungen, um als Arbeitgeber konkurrenzfähig zu sein. Denn gerade mit Blick auf den Übergang von der Wehrpflicht- zur Freiwilligenarmee kommt der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr besondere Bedeutung zu. Veteranenpolitik hat indes eine weitaus breitere Begründung als mit dem Stichwort Attraktivität angedeutet werden kann. Veteranenpolitik ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und deshalb ist ein Begriff wie „Werbemaßnahme" in diesem Zusammenhang gänzlich unangebracht.

 

Kompass: Sollte die Bundeswehr nicht eher nach einer ressortgemeinsamen Veteranenpolitik streben, also einer „Veteranenpolitik der Bundesregierung"?

Dr. Schlie: Konsequent betrachtet, wäre dies der folgerichtige Schritt. Es empfiehlt sich freilich, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen.

 

Kompass: Wie sind die weiteren Planungen? Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen? Bleibt dies alles eine Angelegenheit der Exekutive oder wird der Deutsche Bundestag beteiligt?

Dr. Schlie: Wir sollten nichts überstürzen. Akzeptanz, Anerkennung und Würdigung lassen sich nicht verordnen. Bundesminister de Maizière legt deshalb großen Wert auf eine breite Diskussion – und zwar im politisch-parlamentarischen Bereich, in der Gesellschaft und in der Bundeswehr. Und diese Diskussion hat gerade erst begonnen.

Das Interview führte Josef König.

Zum Schwerpunkt von Walter Linkmann

Ein neuer Tag für die Opfer der neuen Kriege?

Ein Beitrag aus der Evangelischen Militärseelsorge in Deutschland von Walter Linkmann

 

November-Sonntag in Koblenz: Volkstrauertag. Genau genommen ist der Sonntag ein Mittwoch, aber das macht keinen Unterschied. Den Ausweichtermin am Werktag hat man gewählt, um den dienstverpflichteten jungen Leuten von der Bundeswehr nicht das freie Wochenende zu verderben. Drei Generationen sind auszumachen und deutlich voneinander zu unterscheiden, die hier den Opfern der Weltkriege die Ehre erweisen: junge Männer, die Kränze tragen, musizieren, Wege absperren und in Formation stehen; die Generation ihrer Eltern in Gestalt von Verantwortungsträgern aus Militär, Politik und diplomatischem Korps, die ebenfalls im Rahmen ihres jeweiligen Dienstes anwesend sind; die Großvätergeneration, Kriegsteilnehmer mit und ohne Orden, die wohl am ehesten eine eigene Betroffenheit mitbringen. Es ist nicht ganz klar zu definieren, ob sie Opfer im engeren Sinne sind, sie haben ja überlebt; aber irgendwie ist es auch ihr Tag. Ich denke an meinen Vater, Jahrgang 1922, der jede Nacht vom Krieg träumt. Würde ich ihn zu solch einem Termin mitnehmen?

Lieber nicht! Zu offiziell, zu ordentlich, zu teilnahmslos ist hier alles. Früher war er manchmal bei Treffen seiner Kriegskameraden, aber seine Gefühle waren zwiespältig. Die Erinnerung wurde durch Vereinsmeierei überschattet und dadurch, dass wieder dieselben Typen den Ton angaben wie damals.

Vor einigen Jahren bin ich im Kosovo Bundeswehrangehörigen begegnet, die
in sechzig Jahren jede Nacht Albträume haben werden wie mein Vater heute. Männer wie sie meint der Verteidigungsminister, wenn er sagt: Es gibt in Deutschland wieder Veteranen. Und mit dieser Feststellung verbindet er den Wunsch nach einer breiten Diskussion, wie die Gesellschaft, die sie in die Einsätze geschickt hat, ihren Veteranen danken kann und wie ein angemessenes Gedenken für die Opfer der neuen Kriege aussehen soll. Ich denke, beide Seiten brauchen einen Modus des Dankes und des Gedenkens: Die eine Seite sind die Männer und Frauen, die von der Bundesrepublik in militärische Einsätze geschickt wurden und die ein Recht auf unsere Solidarität und Anerkennung haben. Das Gedenken kann helfen, Wunden zu heilen und Trauernde zu trösten. Aber vor allem die andere Seite braucht es: Wir, die Gesellschaft, die diese Menschen beauftragt, brauchen Mittel und Wege, uns unserer Verantwortung und Solidarität nicht nur bewusst zu bleiben, sondern das auch deutlich zu zeigen.

Der Staat will mehr als die Kirche – die Kirche will mehr als der Staat

Als der heutige Volkstrauertag als Feiertag verankert wurde, konnte es nicht um Rechtfertigung, nicht um Solidarität mit der Wehrmacht und ihren Zielen im Zweiten Weltkrieg gehen. 1952 konnte man Krieg nur als politische, menschliche und moralische Katastrophe verstehen. Heute ist es die Pflicht des Staates, seine Bundeswehreinsätze nicht nur theoretisch für begründbar, sondern tatsächlich für politisch, menschlich und moralisch gerechtfertigt zu halten. Deshalb meint er, seinen Soldatinnen und Soldaten mehr zu schulden als ein stilles Gedenken. Sie sollen stolz sein dürfen und können auf das, was sie für die Allgemeinheit geleistet haben, auch als Scharfschütze, Spezialkraft oder Fliegerleitoffizier. Diesen Weg will und kann die Kirche nicht bis zum Ende mitgehen. Sie will nicht ethische Begründungsagentur für Militäreinsätze werden. Und sie kann den Einsatz tödlicher Gewalt nur als Katastrophe verstehen – vielleicht als „ultima ratio", wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, aber immer noch als Katastrophe, in der keiner der Akteure ohne Schuld bleiben kann.

„Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" wurde seinerzeit der Volkstrauertag gewidmet. Es wurde darauf verzichtet, zivile von militärischen, unschuldige von schuldigen Opfern zu unterscheiden. Auch wenn dieser Sonntag im November kein kirchlicher, sondern ein staatlicher Feiertag ist, nimmt sein Verzicht auf trennscharfe Unterscheidungen zutiefst christliche Überzeugungen auf. Die Unterscheidungen sind in den neuen Konflikten nicht einfacher geworden. Zum einen gibt es keinen geregelten Kombattantenstatus mehr, zum anderen lässt sich die Schuldfrage in Bezug auf überforderte Menschen, die auf der richtigen Seite stehen, aber falsche Entscheidungen treffen, unmöglich beantworten. Deshalb werden die Kirchen, wenn sie an die Menschen in den neuen Kriegen denken, immer über die Berufsgruppe der Bundeswehrsoldaten hinaussehen. Wir brauchen den Trost und das Gedenken für zivile und militärische Opfer, für diejenigen, die auf der Seite der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Verbündeten im Einsatz sind, aber auch für die, die ihnen bewaffnet oder unbewaffnet gegenüberstehen.

Im Jahreskreis hat solch ein Gedenken im Herbst einen guten Platz. Es schließt an das allgemeine Totengedenken der katholischen Kirche an und geht dem entsprechenden evangelischen Feiertag voraus. Auch das war ein Grund, nach dem Krieg inhaltlich und terminlich vom „Heldengedenktag" im März abzurücken.

Ein neuer Tag für die Opfer der neuen Kriege

Der „Volkstrauertag", wie ich ihn in Koblenz erlebt habe, war zwar kein besonders trauriger, dafür aber auch kein tröstender Tag. Und vor allem war es ein Tag ohne Volk. Eine Pflichtveranstaltung. Bestimmt gibt es auch ganz andere Ausgestaltungen dieses Tages, wo Dörfer, Parlamente oder militärische Einheiten gemeinsam ihrer Toten gedenken, wo ehemalige Feinde sich über den Gräbern die Hände reichen. Trotzdem ist die Zeit reif, über diesen Tag nachzudenken. Ihn auch zu einem Tag zu machen für die Opfer der neuen Konflikte, an denen unser Land beteiligt ist, besonders für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die in unserem Auftrag kämpfen mussten, ihr Leben verloren oder an Leib und Seele Schaden genommen haben.

Über die Ausgestaltung dieses neuen Tages müssen Politik, Zivilgesellschaft, Militär und Kirchen ins Gespräch kommen. Als eine Einrichtung, die exakt an der Schnittstelle dieser Bereiche arbeitet, sieht sich die Militärseelsorge in der Pflicht.

Kommentar von Simone Meyer

Stell dir vor, es ist Veteranentag …

„Lasst die mal durch, die kommen aus Afghanistan!“ Das war schon eine seltene Szene am Flughafen Köln/Bonn, als Urlauber in der Abfertigungshalle plötzlich eine Gasse machten für die Gruppe junger Männer in Tarnfleckuniformen. Die Soldaten kamen in letzter Minute am zivilen Terminal an, nach monatelangem Einsatz. Und das Militärflugzeug, das am anderen Ende des Flughafens in Köln-Wahn gelandet war, hatte mal wieder Verspätung. Umso freundlicher war die Geste der Zivilisten, die ihre Eile bemerkten. Auch umso bemerkenswerter. Genug Soldaten hatten und haben ganz andere Begegnungen in Uniform: Sie werden blöd angesprochen, beschimpft, schräg angeguckt. Zu viele Menschen ziehen sie unreflektiert zur Rechenschaft für die verhassten Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ohne zu wissen, dass der Soldat dabei nur das Instrument ist und der Auftraggeber der Bundestag.

In diese Lücke stößt nun der Verteidigungsminister mit seinem Wunsch, eine „aktive Veteranenpolitik“ in Gang zu bringen. Bisher ist allerdings nicht einmal geklärt, wer sich überhaupt Veteran nennen darf, und was es demjenigen praktisch bringt, wenn er diesen Titel trägt. Von Veteranenheimen ist im Diskussionspapier des Ministeriums die Rede, von einem Veteranenbeauftragten, Veteranenabzeichen, einem Veteranentag, wie ihn andere Länder auch feiern. Alles wohlgemeinte Ideen. Häuser, Ansprechpartner, Anstecknadeln – solche Dinge kann der Dienstherr liefern. Bei einem Veteranentag hingegen wird das schwierig, dabei ist die Bundeswehr nämlich komplett auf die Bevölkerung angewiesen: Sie muss mitfeiern, mitdiskutieren, denen Danke sagen, die einen oft lebensgefährlichen Dienst für ihr Land leisten. Doch erfahrungsgemäß machen das eh nur Menschen, die sich bereits für das übergeordnete Thema Sicherheitspolitik interessieren. Letztlich kann man niemandem befehlen, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. Stell dir vor, es ist Veteranentag – und keiner geht hin! Wenn dieses Datum also unterginge im bunten Strauß der Jahres- und Gedenktage, wäre das sehr peinlich und kontraproduktiv.

Ziel ist es doch, dass sich Soldaten von der Gesellschaft getragen fühlen in ihrem Tun. Dass das bisher anders ist, liegt daran, dass niemand ihre Aufgaben richtig versteht. Also muss man es den Menschen, den Wählern des Bundestags erklären. Das ist Aufgabe der Politik – der Abgeordneten, der Mitglieder dieser Regierung und anderer gesellschaftlicher Gruppen. Doch bisher bemühen sich die Kirchen fast allein, Diskussionen über Krieg und Frieden zu führen. Sogar der Umbau der Bundeswehr von einer Freiwilligen- in eine Berufsarmee ist fast geräuschlos über die Bühne gegangen.

Seit ihrer Gründung, zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ist auch die Bundeswehr selbst betont kühl mit sich umgegangen, hat keine pompösen Zeremonien gefeiert, keine Paraden. Die Uniformen sind eher schlicht. Orden gibt es nur wenige, und die werden meist hinter verschlossenen Türen verliehen. Diese Nüchternheit ist geschichtlich begründet und nicht von heute auf morgen umkehrbar. Da ist es schon ein Fortschritt, dass überhaupt ein Verteidigungsminister die Worte „Krieg“ und „Veteranen“ in den Mund nimmt. Wenn er sich nun ein breiteres öffentliches Interesse wünscht, muss er auch dafür sorgen, dass seine Soldaten offen über das reden dürfen, was sie im Krieg erlebt haben, über alles Positive und über alles Negative.

Außerdem sind handfeste Dinge gefragt: für die Soldaten und ihre Familien. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass der Dienstherr bedingungslos einspringt, falls der Einsatz tatsächlich Leben verändert, erschwert, beendet. Wie viel Empathie der Umgang mit Verwundeten, Traumatisierten und Hinterbliebenen von Gefallenen erfordert, hat sich im Ministerium aber noch nicht bis in die letzte Schreibstube herumgesprochen. Noch immer behindert gewachsene Bürokratie eine schnelle, angemessene Hilfe. Für den Verteidigungsminister sollte die Wertschätzung von Veteranen im eigenen Haus anfangen. Dort könnte man sich zum Beispiel auch fragen, warum denn Soldaten selbst ihre Weiterreise von Köln-Wahn nach Hause regeln müssen.

    

     

Kompass Juni 2012

Kompass_06_2012.pdf

Breiten Raum nehmen in der Juni-Ausgabe 2012 zwei katholische Großereignisse ein: die 54. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes und der 98. Deutsche Katholikentag in Mannheim. Daneben ist jedoch auch hinzuweisen auf ganz unterschiedliche Jahrestage sowie auf kleinere Veranstaltungen im Rahmen der Militärseelsorge. Und der Wehrbeauftragte des Bundestages geht auf die Reaktionen auf seine Kritik in der vorigen Kolumne (Kompass. Soldat in Welt und Kirche, Mai 2012) ein.

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