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Zu viele Flaschenhälse

In der vergangenen Ausgabe von Kompass. Soldat in Welt und Kirche habe ich Kritik daran geübt, dass zahlreiche Soldatinnen und Soldaten bereits kurz nach der Rückkehr von vorangegangenen Auslandseinsätzen wieder für die Eingreifreserve der Operational Reserve Force (ORF) eingeplant worden waren. Tatsächlich wurde die ORF dann ja auch in den Einsatz gerufen, was an sich nicht zu kritisieren ist, denn dafür ist eine Reserve da. Aber es war ja schon bei der Einplanung klar, dass in einem solchen Fall den betroffenen Soldatinnen und Soldaten – und, nicht zu vergessen, auch ihren Angehörigen – nicht die ihnen zustehenden Schutzzeiten gewährt werden könnten. Ich hatte dies als Beleg für Desinteresse der Planer an den Belastungen dieser Betroffenen gewertet. Dafür wurde ich heftig kritisiert. Es fühlten sich vor allem jene getroffen, die gar nicht gemeint waren, die sich bemüht hatten, den „Planungsfehler" noch zu korrigieren, was aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war. Also: Der Inspekteur, der Befehlshaber und ihre Stäbe haben sich bemüht, diesen Fehler zu korrigieren, wenngleich vergebens, aber ein Planungsfehler war es eben doch, und zwar ein vermeidbarer.

Nun offenbart der Vorgang aber auch ein tiefer liegendes Dilemma: Wir haben schon lange nicht mehr nur bei den Spezialverwendungen viel zu viele „Flaschenhälse", viel zu wenig Flexibilität im Personalgerüst, so dass solche Fehler vorprogrammiert sind. Gerade hier müsste durch Personalverstärkungen entgegengewirkt werden – stattdessen geschieht in vielen Bereichen das Gegenteil. Die Spezialpionier- und die ABC-Kräfte beispielsweise werden verkleinert, obgleich sie heute schon überlastet sind und gerade auch in Zukunft eher mehr als weniger Aufgaben übernehmen müssen. Man kann im konkreten Fall auch fragen, weshalb offenbar gerade solche Mangelressourcen für eher infanteristische Aufgaben eingesetzt werden mussten, wie bei der ORF geschehen.

Jedenfalls müssen zu viele Soldatinnen und Soldaten mit oftmals mehr als sechsmonatigen Stehzeiten viel zu lange und in immer kürzeren Abständen zu häufig in die Einsätze gehen. Dies führt zu immer größerer Belastung der Frauen und Männer und der Familien. Die mir immer wieder geschilderten Fälle dramatischer Trennungen belegen dies.

Noch immer wird ein Zusammenhang zwischen häufiger Abwesenheit von zu Hause und einer Trennung oder Scheidung allerdings vielfach bezweifelt: „Auch außerhalb der Bundeswehr gibt es Trennungen", wird mir dann für gewöhnlich entgegengehalten. Ja, das stimmt, aber im Verhältnis eben lange nicht so viele. Oftmals zeigt sich auch, dass in solchen Fällen zunächst darauf verwiesen wird, die Ursache liege doch überwiegend im privaten Bereich. Befasst man sich näher mit den einzelnen Fällen, stellt man meist sehr schnell fest, dass gerade die häufigen Abwesenheitszeiten wegen der Einsätze, wegen Kommandierungen und Übungen und ganz allgemein wegen der verbreiteten Pendelei zwischen Wohn- und Dienstort gerade bei jungen Paaren eine ganz wesentliche Ursache sind. Das haben mir die Soldatinnen und Soldaten bei meinen jüngsten Besuchen in Afghanistan und im Kosovo wieder eindrücklich berichtet. Dem muss der Dienstherr gezielt entgegenwirken. Das jüngst verkündete Standortkonzept liefert dazu leider keinen Beitrag, jedenfalls keinen positiven. Die Chance, hier durch Bündelung zusammengehörender Truppenteile den Soldaten und ihren Angehörigen langfristig Standortsicherheit zu gewähren, wurde leider vertan. Wenigstens in der Gestaltung der übrigen Rahmenbedingungen sollten jetzt die noch verbleibenden Stellschrauben genutzt werden, um diese Probleme zu entschärfen.

 

Ihr Hellmut Königshaus