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Lernen aus dem Pilgern: Offenheit

Vor einigen Jahren hieß es, die herkömmliche Form der Wallfahrt sei an ihr Ende gekommen. Doch es lässt sich eine neue Begeisterung für das Wallfahren beobachten. Zeit, um über die Gründe für diese Renaissance, die Motive der Pilger und deren Verhältnis zur Institution Kirche nachzudenken.

Quelle: Bundeswehr / Maz und More

In einer Zeit, in der sich Maßstäbe verflüchtigen, die gesellschaftliche Situation, die wirtschaftliche und politische Lage immer komplexer und unklarer werden, ermöglicht das Pilgern eine Gegenerfahrung: Ich kann mich spüren, mich neu verankern, über mich selbst verfügen, kann selbstbestimmt etwas tun. Menschen praktizieren das Pilgern und Wallfahren heute so, wie es der eigenen Biografie, der eigenen Motivation entspricht und gerecht wird, so wie es in die aktuelle Lebenssituation hineinpasst.

Pfarrer Msgr. Wolfgang Bouché betreut seit Jahrzehnten Pilgerfahrten des Bayerischen Pilgerbüros und beschreibt die Veränderungen: „Vor 40 Jahren waren es vielfach Menschen, die aus Dankbarkeit für wiedererlangte Gesundheit oder Erhörung eines Gebetes auf Pilgerreise gingen, oder Menschen, die eine bestimmtes Anliegen hatten, machten sich zum Wallfahrtsort auf.

Heute sind es oft die Gottsucher, jene, die auch einen Sinn im Leben suchen. Aber viele moderne Pilger nehmen auch das reichhaltige Kulturangebot zum Anlass einer solchen Reise." 

Das eigene Erleben und die Suche nach einer authentischen Erfahrung stehen im Zentrum. 

Die herkömmliche Form der Wallfahrt war strukturiert mit einem Pilgersegen am Anfang und der zentralen Bedeutung der Beichte. Es gibt aber auch beim heutigen Pilger die typischen religiösen Erlebnisformen – von Sinnlosigkeitserfahrungen dem ganzen Unterfangen gegenüber, der Versuchung, abbrechen zu wollen, bis hin zu Gottes-
erfahrungen. In diesem Pilgern werden tiefe, echte, authentische Erfahrungen gemacht. Dies wird aber mit einer neuen Sprache ausgedrückt und ist so selbst dann wieder faszinierend und anziehend für viele andere. Schwester Irmgard, die die Kranken auf Ihrer Reise nach Lourdes begleitet, sagt: „Das Wir-Gefühl steht in Lourdes im Vordergrund, das Miteinander-Beten der Soldaten. Das Erleben der Gemeinschaft. Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Soldaten aus verschiedenen Ländern durch die Straßen ziehen, mit ihren Fahnen und Musikkapellen. Die Menschen werden innerlich bewegt." – „Ein Teilnehmer hat mal die Begegnung mit Lourdes als eine ‚Weltausstellung’ der Kranken bezeichnet. Die Erfahrung, wie gestärkt Kranke (auch sog. unheilbare Kranke) von diesem Wallfahrtsort die Rückreise antreten, zeigt das eigentliche Wunder von Lourdes. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Das Gespür ‚Wer glaubt, ist nie allein’ (Papst Benedikt XVI.) trägt Hoffnung und Zuversicht in manch geschlagene Seele; ‚Ich habe das Gefühl, von der Gottesmutter umarmt worden zu sein’, so die treffende Aussage einer Pilgerin", sagt Wolfgang Bouché über seine Erfahrungen mit Lourdes.

Pilgern als Anfang 

Pilgern ist heute mehr als eine konfessionelle Tradition. Pilgern ist ein Archetyp, ein Anfang, ein urmenschliches Bedürfnis und Geschehen: sich auf den Weg machen, ein Ziel haben, eine Neuorientierung, einen Neuanfang suchen. Menschen erleben beim Pilgern Grenz-erfahrungen, verlassen ihr Zuhause, durchbrechen den Alltag und kehren als Verwandelte zurück. Werden auch beim heutigen Pilgern tiefe, authentische Erfahrungen gemacht? Bouché meint ja, denn es gibt „viele – vor allem junge – Leute, die ihren Urlaub in Lourdes verbringen und unentgeltlich Kranke betreuen, Behinderten helfen, Kommunikation pflegen. Solche Begegnungen tragen auch zur eigenen Authentizität bei. Gerade dadurch, so ist mir bekannt, haben auch manche Leute ihre Berufung erfahren."

Pfarrer Msgr. Wolfgang Bouché betreut Pilgerfahrten des Bayerischen Pilgerbüros (Quelle:Bayerisches Pilgerbüro)

Wallfahren scheint gerade auch etwas für die der Kirche gegenüber Distanzierten zu sein, findet in diesem neuen Pilgern doch eine Suchbewegung ihren Ausdruck. Niemand wird für irgendetwas instrumentalisiert, alles ist freiwillig, ich stelle mich selbst aus freien Stücken dieser Herausforderung. Im Pilgern steckt damit eine ganz bestimmte Form von Partizipation am kirchlichen Leben.

Pilgern ist die moderne Partizipationsform in kirchlichen und spirituellen Dingen: eine Suchbewegung, eher eigenbestimmt, nicht festgelegt und nicht auf Dauer gestellt. Insofern entspricht dieses Pilgern durchaus auch dem Typus einer fragmentarischen Pastoral: Es gibt Punkte der Verdichtung des Verhältnisses zur Kirche, dann auch wieder Momente der Distanz und der Zurücknahme.

Wir sehen Menschen, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind, nach Erfahrungen, die auch ihren Alltag grundieren, eine bestimmte Lebensphase intensivieren können. Ein quasi altes Glaubensformat wird ganz plötzlich wieder neu entdeckt.

Und in manchen Fällen kann dies noch mehr bewirken, wie bei Monsignore Bouché, der durch das Pilgern zum Priester wurde: „Die Begegnung mit den Wallfahrtsorten, für mich in der Hauptsache Fatima, die Auseinandersetzung mit deren Inhalte und die Begegnung mit Personen und Persönlichkeiten auf Pilgerreisen haben mich zu diesem Entschluss gebracht, den Weg zum Priesteramt einzuschlagen. Das Gespür für den Menschen ‚unterwegs’, der auf der Suche nach Sinn im Leben ist, der auch ‚Begleitung’ braucht, haben meinen Wunsch nach dieser ‚Berufung’ verstärkt. So hat eine ganzes ‚Beziehungsgeflecht’ meinen Wunsch beflügelt. Wichtig dabei war aber besonders das immer begleitende Gebet."

 Barbara Ogrinz