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Strategie – Der Militärbischof und die Zukunft der Militärseelsorge

Vor einem Jahr, am 6. Mai 2011, wurde Dr. Franz-Josef Overbeck als neuer Militärbischof eingeführt. In seiner Verantwortung unternimmt die Katholische Militärseelsorge von Oktober 2011 bis Oktober 2012 einen Strategieprozess. Diesen Schritt zur „Organisationsentwicklung“ stellen wir dar und lassen den Herausgeber der Zeitschrift „Kompass. Soldat in Welt und Kirche“ in einem ausführlichen Interview selbst zu Wort kommen.

 

 

                                          

Interview mit Dr. Franz-Josef Overbeck nach einem Jahr im Amt des Katholischen Militärbischofs

„Wichtig ist mir, daran zu erinnern, dass Glaube und Vernunft zusammen gehören."

 

Kompass: Am 24. Februar 2011 ernannte Sie Papst Benedikt XVI. zum sechsten Militärbischof in Deutschland nach dem Krieg. Drei Monate später, am 6. Mai, wurden Sie in der Berliner St.-Johannes-Basilika, in Anwesenheit des  Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset, in Ihr Amt eingeführt. Symbolisch stand dafür die Übergabe des bischöflichen Hirtenstabes durch den Nuntius. Das war vor einem Jahr. Wie lässt sich Ihre bisherige Zeit resümieren?

Militärbischof Dr. Overbeck:  Zu meiner Verantwortung als Bischof von Essen und seit 2010 auch als Vorsitzender der Unterkommission für Kontakte mit Lateinamerika sowie der Karibik und insbesondere der Bischöflichen Aktion Adveniat kam eine weitere Aufgabe als Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr hinzu. Über deren Tragweite war ich mir anfänglich nicht sofort im vollen Umfang im Klaren und musste vieles erst kennen lernen. Jedoch mit Franz Kardinal Hengsbach, der von 1961 bis 1978 Katholischer Militärbischof war, bin ich nun nach dem Willen des Heiligen Vaters der zweite Militärbischof, der auch das Bischofsamt in der Diözese Essen inne hat. Das ehrt mich und ich freute mich bereits mit meiner Ernennung auf die neue Herausforderung.
Jetzt, ein Jahr später, hat sich mein Blick für diese neue  Aufgabe geschärft und ich kann feststellen: Seelsorge für und mit Soldatinnen und Soldaten und mit ihren Familienangehörigen ist eine ungemein spannende Herausforderung. Wir stehen als Kirche an sehr enger Schnittstelle zu Staat und Gesellschaft und seiner Außen- und Sicherheitspolitik. Als Seelsorgerinnen und Seelsorger leisten wir im staatlichen Raum einen Dienst, von dem ich inzwischen weiß, dass er sowohl in der politischen und militärischen Führung als auch unter den Soldaten selbst sehr geschätzt wird. Diese Wertschätzung, die wir immer wieder erfahren, erleichtert es mir, das Hirtenamt in der Kirche unter Soldaten wahrzunehmen. Mein Resümee nach einem Jahr ist also positiv und das macht Mut, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Kompass: Mehrfach hatten Sie Gelegenheit, in öffentlicher Rede wie auch im persönlichen Gespräch mit Soldatinnen und Soldaten auf friedensethische Herausforderungen hin zu antworten und zur Reflexion darüber einzuladen. Worauf kam es Ihnen dabei besonders an? Welche Erfahrungen konnten Sie dabei machen?

Militärbischof Dr. Overbeck:  Zunächst einmal: Es zählt mit zu den Aufgaben unserer Kirche, die ethische Urteils- und Meinungsbildung über Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens zu fördern und zu stärken. Wir leisten damit einen Beitrag im Sinne der Erziehung für Werte, die eben auch Soldatinnen und Soldaten in der Ausübung ihres Dienstes Orientierung bieten.
Wichtig ist mir, daran zu erinnern, dass Glaube und Vernunft zusammen gehören. Mir kommt es also darauf an, die Argumente unserer Kirche für das Handeln und Entscheiden gerade bei Soldaten fruchtbar zu machen.


Kompass: An welchen Orten kann dies stattfinden und wie lässt sich Ihr Vorhaben umsetzen?

Militärbischof Dr. Overbeck:
Der Lebenskundliche Unterricht, der seit längerem nun schon von den Streitkräften selbst als verpflichtende berufsethische Qualifizierung für Soldaten eingeführt wurde, gibt den Unterrichtenden die Möglichkeit, in verantwortungsvoller Art und Weise zur Gewissensbildung beizutragen. Im Auftrag des Staates sind wir als Militärseelsorger – nicht etwa im Sinne einer religiösen Unterweisung, sondern als besonders dafür qualifizierte Lehrkräfte – mit engagiert. Man wird dabei nicht darum herumkommen, Formen einer ethischen Kasuistik im Lebenskundlichen Unterricht mit zu bedenken.
Dafür hat das 2010 eingerichtete Zentrum für ethische Bildung beim Institut für Theologie und Frieden in Hamburg ein internetgestütztes Didaktikportal eingerichtet, das helfen kann, diesen Unterricht qualifiziert vorzubereiten, durchzuführen und auch nachzubereiten.


Kompass: Was bedeutet dies nun mit Blick auf den Einsatz beispielsweise in Afghanistan?


Militärbischof Dr. Overbeck: Am Beispiel Afghanistan kann verdeutlicht werden, dass alle politischen Entscheidungen, die mit einem Einsatz von Streitkräften einhergehen, immer sorgfältiger Erwägung bedürfen und soweit wie möglich von ihrem Ende her bedacht werden müssen.
Es gilt u. a. die Frage zu beantworten: Ist die Situation am möglichen Ende des Einsatzes ähnlich oder vergleichbar schlechter als vor der Intervention? Daraus ergeben sich ethische Fragen; sie zu beantworten dürfte nicht leicht sein.

 

Kompass: Kann das auch bedeuten, dass das Engagement der Staatengemeinschaften in Afghanistan mit Blick auf die Situation nach ihrem Abzug und gemessen an den Zielen, die damit verbunden waren, eher ein Misserfolg war?

Militärbischof Dr. Overbeck:
Das heute abschließend mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten, wäre zu früh.
Jetzt kommt es entschieden darauf an, die Übergabe in Verantwortung für die afghanischen Autoritäten so zu gestalten, dass das Risiko des Rückfalls in einen Bürgerkrieg unwahrscheinlicher wird. Noch, so scheint mir, ist die Zeit gegeben.
Jedoch bedarf es weiterhin großer Anstrengungen, die vornehmlich darauf abzielen sollen, zivilgesellschaftliche Einrichtungen und Gruppierungen im Lande selbst zu stärken. Das wird wohl über den vereinbarten Beginn des Abzuges hinaus noch längere Zeit notwendig bleiben. Dafür muss jedoch auch bei uns geworben werden. Es bedarf seitens der Politik ehrlicher Antworten auf die Frage, was nach dem Ende des Einsatzes auf uns, auf die Politik und auf die internationale Staatengemeinschaft insgesamt zukommen wird.

 
Kompass: Was sind ihre Pläne und Vorhaben für die anstehenden Monate?

Militärbischof Dr. Overbeck:
Zunächst gilt es, den von mir im Oktober des vergangenen Jahres initiierten Strategieprozess in der Katholischen Militärseelsorge vor dem Hintergrund der gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland, die schon ihre Auswirkungen auf das religiöse Leben in den deutschen Streitkräften zeigen, zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
Die breite Beteiligung am Strategieprozess von allen Verantwortlichen in der Katholischen Militärseelsorge, den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, den Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfern, den Pfarrgemeinderäten und den katholischen Laien und ihrer Organisationen in der Militärseelsorge garantiert, dass wir dann Analysen und strategische Zielvorgaben auf dem Tisch haben werden. Eines kann ich jedoch heute schon zum Ausdruck bringen und ohne abschließende Antworten vorwegzunehmen: Wir werden hinter den Strategieprozess und seine wesentlichen Ergebnisse nicht zurückgehen können.

Das Interview führte Josef König.

Stichwort: Strategieprozess

Einige Gedanken zum derzeit laufenden Strategieprozess in der Katholischen Militärseelsorge von Msgr. Wolfgang Schilk, Leitender Militärdekan

 

Mitgehört: Im ICE, der langsam durch fränkische und thüringische Mittelgebirge nach Berlin fährt, unterhalten sich eine Schülerin und eine Studentin über ihre Konfessionszugehörigkeit, Erfahrungen mit Kirche und Religionsunterricht – als müsste das so sein. Ein Zufallstreffer: hat nicht die Kirche den Zugang zu den Menschen (gerade zu den Jüngeren) weitestgehend verloren? Leidet sie nicht an der ausbleibenden Zahl der Gläubigen, an schwindenden finanziellen Mitteln und mangelnden geistlichen Berufungen, an verdunstender Relevanz bei den Menschen unserer Gesellschaft?

Die Bischöfe und ihre Diözesen wichen diesen Fragen nicht aus. Quer durch den deutschsprachigen Raum wurden schon seit den 80er Jahren in Diöze-sansynoden und Diözesanforen Antworten auf diese und andere brennende Fragen gesucht. Schwierige Themen wurden nicht ausgespart: vom Mangel an geistlichen Berufungen über die Stellung der Frau in der Kirche bis hin zu den wiederverheirateten Geschiedenen. Seit den 90er Jahren wurden sogenannte Strategieprozesse angestoßen und durchgeführt. Was ist das eigentlich?

Prozess und Strategie

Die genannten „heißen Eisen“ stehen hier nicht im Mittelpunkt, sondern das, was Kirche vor Ort tatsächlich verändern und gestalten kann. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden beteiligt; sie arbeiten an der Analyse der Lage, der Entwicklung von Zielen und Strategien und an deren Umsetzung konkret mit und fühlen sich bis in die Pfarrgemeinden hinein ernst genommen. Sie identifizieren sich mit dem Weg, den die kirchliche Gemeinschaft mit diesem Prozess zurücklegt.
Ein Strategieprozess ist also vergleichbar mit einem Arztbesuch. Die Untersuchung des Patienten und die Analyse der Laborwerte führen zu einer Diagnose und zu Strategien, die Lage zu bessern. Arzt und Patient machen sich gemeinsam auf den Weg, die Situation schrittweise zu verändern, immer wieder neu zu analysieren und darauf zu reagieren, bis sich ein neuer Gesundheitszustand erreichen lässt. Der Patient muss mit viel Engagement und Selbstdisziplin mitarbeiten: Bewegung, Diät, Rauchverbot, Kuren, Therapien, Anpassungen und Kontrollen führen schließlich zum Ziel des Prozesses.

Die Kirche ist kein kranker Mensch – und auch kein kommerzieller Betrieb. Aber aus der Welt der Wirtschaftsunternehmen kommt das System der Strategieprozesse: Unternehmen nehmen ihre Entwicklung permanent und systematisch in die Hand, setzen sich klare strategische Ziele, bringen ihre Kräfte und Möglichkeiten mit diesen Zielen in Einklang, setzen Prioritäten für einzelne Maßnahmen, beobachten die Auswirkungen ihrer strategischen Entscheidungen aufgrund der gesetzten Ziele und passen diese ständig der neuesten Entwicklung an. Die Akteure haben alle Freiheit innerhalb des Prozesses, die Entscheidung über die Umsetzung hat am Ende die „Unternehmensleitung“ zu treffen.

Wandel in Bundeswehr und Militärseelsorge

Angeregt von den zahlreichen diözesanen Prozessen und konkret angestoßen im Rahmen eines „open space“-Projekts für die Gesamtkonferenz 2011, gilt es nun auch innerhalb der Katholischen Militärseelsorge einen solchen Strategieprozess zu führen. Zur Entwicklung von Glaube und Kirche in der deutschen Gesellschaft kommt die Berücksichtigung der umfassenden Reform der Bundeswehr, auf die hin sich auch die Militärseelsorge strategisch positionieren muss: Die Reduktion der Truppenstärke auf 185.000 Soldatinnen und Soldaten, die Aussetzung der Wehrpflicht, die Schließung von Standorten, hohe finanzielle Einsparungen in Milliardenhöhe, die Konzentration auf die Einsätze und die Folgen für diejenigen, die sie durchführen und ihre Familien. Dies alles ist Anlass für uns, uns nicht nur rein organisatorisch auf diese veränderten Bedingungen einzustellen.

Unser Strategieprozess hat im Oktober 2011 begonnen und hat die Zielperspektive, binnen Jahresfrist zum Abschluss zu kommen. Er verknüpft die zentralen Herausforderungen, vor denen unsere Katholische Militärseelsorge steht, mit jenen, denen sich Kirche in Deutschland stellen muss und auf die sie mit diözesanen Reformprozessen und dem umfassenden Dialogprozess antwortet. Wollen wir unserem kirchlichen Auftrag in Bundeswehr und Gesellschaft gerecht werden und dauerhaft die Zukunft des Glaubens in diesem großen Rahmen gestalten, müssen wir uns selbst neu positionieren und profilieren.
Wie Arzt und Patient, oder wie ein Wirtschaftsunternehmen, brauchen wir für diese geforderte Neuausrichtung der Katholischen Militärseelsorge eine strategische Perspektive: Vom Auftraggeber (der Katholische Militärbischof und sein Generalvikar) über eine Projektleitung (zwei leitende Dekane und drei Referatsleiter des KMBA) bis hin zu engagierten haupt- und nebenamtlichen Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorgern, katholischen Soldatinnen und Soldaten, sowie Angehörigen von mit uns verbundenen Organisationen, die sich in fünf Arbeitsgruppen einbringen, wird die gesamte Organisation der Militärseelsorge und ihr Tun analysiert und mit strategischen Zielen auf einem langfristigen Entwicklungshorizont (5–10 Jahre) betrachtet.

Den Wandel gestalten

„Den Wandel gestalten“ – so die Überschrift über dem Prozess und sein Ziel: die Katholische Militärseelsorge soll unter veränderten Rahmenbedingungen ein kompetenter Ansprechpartner für die Soldatinnen und Soldaten bleiben – sei es im Auslandseinsatz oder an den Heimatstandorten. Es ist jeden Tag neu spannend und herausfordernd für mich, die Protokolle der Arbeitsgruppen zu lesen und ihr Engagement zu spüren, wenn es darum geht, dieses Ziel unter den Bedingungen der Gesellschaft, in der wir nun mal leben, zu verwirklichen. Hier werden aus der Analyse heraus kreative Formen der Seelsorge und Pastoral entwickelt, die tragfähig und nachhaltig der „Kirche unter Soldaten“ ein lebendiges Gesicht verleihen – auch für die, die uns eher distanziert gegenüber stehen. Vieles an den Analysen der letzten Zeit (Sinus-Milieu-Studie unter Soldatinnen und Soldaten), hat aber gezeigt, dass sich solches Tun lohnt: Die Militärseelsorge hat, auch unter veränderten Rahmenbedingungen, ein klares inhaltliches Profil. Sie hat, trotz knapper Ressourcen an Seelsorgerinnen und Seelsorgern und erschwertem Zugang zu den Menschen, eine hohe kirchliche und gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz behalten. Der Strategieprozess hilft uns, unsere Kommunikationskultur und unsere Kommunikationsmittel nach innen und außen zu überprüfen, weiter zu entwickeln und nachhaltig zu verbessern. Unsere Angebote und Leistungen für die Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien können – immer ausgehend von der Frohen Botschaft – auf die Adressaten hin orientiert und entsprechend gestaltet werden. Die Charismen der Akteure werden neu „freigeschaufelt“ und gefördert. Somit werden nicht nur die Methoden unserer Seelsorge, sondern auch ihr Personal und seine Gewinnung und seine Fort- und Weiterbildung in den Arbeitsgruppen betrachtet.

Auf dem Weg in die Zukunft

Von der Analyse unserer Umwelt, von dem was sich in ihr gesellschaftlich, politisch und kirchlich tut, über das Betrachten unserer eigenen Schwächen und Stärken, der Risiken und Chancen, die Militärseelsorge hat, soll der Strategieprozess „den Wandel gestalten“, einen Weg in die Zukunft bereiten, der die Katholische Militärseelsorge das sein und täglich neu werden lässt, was sie sein muss: eine kompetente, verlässliche und helfende Begleiterin der ihrer Seelsorge Anvertrauten.

Kommentar von Oberstleutnant Thomas Aßmuth, Vorsitzender des Katholikenrates beim Militärbischof

Beeindruckende Herausforderungen

Ein Jahr neuer Militärbischof und der Strategieprozess

Im militärischen Sprachgebrauch bezeichnen wir Probleme regelmäßig als Herausforderungen. Das klingt positiv und vermittelt den Eindruck, dass es nur einer guten Planung bedarf, um Herausforderungen zu meistern. Auch die katholische Kirche sieht sich großen „Herausforderungen“ gegenüber.
Wir alle kennen die Situation, die sich in Schlagworten wie Glaubwürdigkeits-
krise, Kirchen- und Gemeindesterben, sinkenden Einnahmen, Missbrauchsopfer, dem Nachwuchsmangel bei Seelsorgerinnen und Seelsorgern, aber auch im Ehrenamt darstellt. Persönlich werden wir damit in unseren Ortsgemeinden konfrontiert und müssen Stellung beziehen.

Jeder Bischof ist mit der Bewältigung dieser Aufgaben eigentlich ausreichend ausgelastet. Auch das Ruhrbistum Essen muss angesichts dieser Entwicklung, unter der Leitung des Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck, einen fundamentalen Strukturwandel durchführen. Weitere Funktionen, wie die Ernennung zum Vorsitzenden der Unterkommission für Kontakte mit Lateinamerika und die Mitwirkung in der Steuerungsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz zum Dialogprozess, brachten zusätzliche Pflichten.
Ein deutlicher Zuwachs an Aufgaben erfolgte mit der Berufung durch Papst Benedikt XVI. zum Katholischen Militärbischof. Ist doch in den Augen vieler „guter“ Christen das Begriffspaar Soldat und Kirche auf keinen Fall miteinander vereinbar. Auslandseinsätze, Friedensethik, Bundeswehrreform: Nun galt es für den neuen Katholischen Militärbischof, sich auch in diesem „Minenfeld“ zurechtzufinden. Darüber hinaus hatte er sich unter den kritischen Blicken der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zu bewähren.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass jede Personalmaßnahme unverzüglich Bewertungen und Analysen zu den erwarteten Auswirkungen nach sich zieht. Wer gewohnte Strukturen verändern muss, verursacht zwangsläufig die unterschiedlichsten Kommentare. Jeder hat eine Meinung. Unentschlossen ist so gut wie niemand. Das spiegelt sich modern im Internet durch Bewertungsportale wieder. Im sogenannten „Hirtenbarometer“ können Geistliche mit Zeugnisnoten bewertet und mit Kommentaren beschrieben werden. Der Ruhrbischof wird dort als „gradliniger Bischof mit Bodenhaftung“ gelobt. Ich glaube, das sehen nicht nur die „Essener“ so.

Mich hat beeindruckt, dass zur Amtseinführung in der St.-Johannes-Basilika zu Berlin die Familie und Verwandte des Militärbischofs anwesend waren. Es sind ja die kleinen Gesten und nicht große Reden, die deutlich machen, wie jemand „tickt“, wofür er steht, was ihm wichtig ist. Wir Soldaten sehen uns der Realität einer Einsatz- und Pendlerarmee gegenüber und deshalb sind unsere Familien ein hohes Gut mit fundamentaler Bedeutung. Hier zählen Taten und belastbare Regelungen. Absichtserklärungen reichen da nicht aus.

Mich hat beeindruckt, wie schnell sich „unser Militärbischof“ in dieser für ihn ungewohnten Umgebung zurechtgefunden hat. Dabei macht er es sich nicht einfach. Es wäre leicht, einfach in den überwiegend innenpolitisch motivierten Chor der „sofort raus aus Afghanistan“-Rufer einzustimmen. Nein! Unser Militärbischof stellt fest: Der Soldat leistet einen Dienst für sein Land. Er hat dafür zu sorgen, dass Frieden und Freiheit nicht nur in Deutschland, sondern international gesichert werden. Es geht bei den Auslandseinsätzen nicht darum, einen gerechten Krieg zu erklären, sondern für einen gerechten Frieden zu kämpfen und dafür einzutreten. Ein radikaler Pazifismus hilft den Menschen nicht. Ein Rückzug der internationalen Truppen Hals über Kopf wäre für die Menschen, deren Vertrauen wir gewonnen haben und die deshalb auf uns setzen, eine Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes. Unsere Verantwortung als Christen in der freien Gesellschaft kann nicht folgenlos tagespolitischen Erwägungen geopfert werden.

Mich hat auch beeindruckt, dass sich „unser Militärbischof“ bei seinen Besuchen in der Truppe und der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes allen Soldaten gegenüber offen und gesprächsbereit gezeigt hat. Er kann zuhören und hat Bodenhaftung zur Alltagswelt. In der Auswertung seiner Gespräche und Beobachtungen erinnerte er unseren Dienstherrn, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Umsetzung einer auf Stabilität und Funktionalität optimierten Strukturreform, an seine Fürsorgepflicht.
Mich beeindruckt besonders, wie der neue Militärbischof den Strategieprozess für eine „Militärseelsorge der Zukunft“ angegangen hat. Die Erkenntnis, dass eine Strukturreform von oben, die das Bestehende weitgehend erhalten soll, keine Option ist und dass das „Prinzip Hoffnung“ keine Alternative bietet, hat folgerichtig zu einem systemischen Ansatz geführt. Auch hier hat unser Bischof den schwierigeren Weg über den Dialog gewählt. Dazu werden Vertreterinnen und Vertreter aus allen Bereichen der Katholischen Militärseelsorge eingebunden. Das sorgt für Transparenz, aber auch für das Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Vorstellungen. Alles soll zur Sprache kommen, was uns bewegt, was uns lähmt und belastet, aber auch das, was uns für die Zukunft ermutigt. Durch die Beteiligung aller Bereiche werden die notwendigen Informationen zusammengetragen, Unterschiede diskutiert, kreative Vorschläge gemacht, auf deren Grundlage eine tragfähige Neuorientierung erarbeitet werden kann. Der Zeitplan für den Strategieprozess ist ambitioniert, aber sicher ist, dass sich die Möglichkeiten für eine Gestaltung aufgrund der rasanten Veränderungen in Gesellschaft und Bundeswehr kontinuierlich reduzieren.

Es bleibt festzuhalten, unser Militärbischof hat einen guten Plan, um den anstehenden „Herausforderungen“ zu begegnen und das Besondere daran ist: Wir werden alle daran mitarbeiten! Gott wirkt durch den Menschen. Es gilt das Notwendige zu erkennen und umzusetzen, damit Gottes Gnade wirken kann. So können alle mitwirken, dass die „Kirche unter den Soldaten“ weiterhin mitten in den Streitkräften anwesend, bekennend und wirksam blei

 

    

     

Kompass Mai 2012

Kompass_05_2012.pdf

Im Mai 2012 richtet sich der Blick des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages auf das ORF-Bataillon im Kosovo, der der Bistümer Münster und Trier zurück auf den Weltfriedenstag, der Blick der Redaktion damit auf das Pilgern und die kommende Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes und der vieler Soldatinnen und Soldaten und ihrer Familien auf die Neuausrichtung der Bundeswehr und deren Folgen.

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