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Charisma im Heute

Das „Charisma“ wird meist verstanden als Gnaden- oder Geistesgabe bzw. als „besondere Ausstrahlung“, je nachdem, ob es eher religiös, politisch oder umgangssprachlich verwendet wird. In den letzten Jahren war gerade in der Politik oft von „charismatischen Persönlichkeiten“ die Rede. Die Beiträge zu diesem Schwerpunktthema beleuchten das Phänomen vor allem aus bibel- und politikwissenschaftlicher Sicht.

Grundsatz: Charisma – nicht Eigenprofilierung, sondern Geschenk zum Dienst

 

von Prof. Dr. Thomas R. Elßner, Zentrum Innere Führung (Koblenz),

1. Biblischer Befund

Wenn es um Begriffe geht, theologieaffine allemal, ist es angebracht, sich des biblischen Befundes zu vergewissern. Charisma ist ein griechisches Wort, welches erst in hellenistischer Zeit entstanden und außerhalb des Neuen Testaments und der Apostolischen Väter kaum bezeugt ist. Dieses Wort lässt sich mit „Geschenk“, „Gunstbezeugung“ und „Wohltat“ wiedergeben, da es anscheinend auf das griechische Verb charizomai zurückgeht.

1.1 Altes Testament (Septuaginta)

Aufgrund der späten Bezeugung von Charisma kann es nicht verwundern, dass es so gut wie kaum in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, vorkommt. Wenngleich dieser Befund nüchtern ausfällt, so ist zu bedenken, dass das Wort Charisma hier noch nicht die Bedeutung des Charismatischen hat, so wie es heute verstanden wird. Der Sache nach ist das Phänomen des Charismatischen dem Alten Testament nicht unbekannt. Denn als Jahwe den Samuel beauftragt, einen der Söhne Isais zum König zu salben (1 Sam 16,1–13), vermutet dieser, als er den Eliab sieht, dass ihn Jahwe aufgrund seiner stattlichen Gestalt zum Gesalbten auserwählt habe. Doch gerade der strenge Samuel muss sich von Jahwe sagen lassen: „denn der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Jahwe sieht aufs Herz“ (1 Sam 16,7b?). Dennoch heißt es wenig später etwas inkonsequent in 1 Sam 16,12, als das Aussehen von David beschrieben wird: „Und er war rötlich (blond, Einheitsübersetzung), mit einem schönen Augenpaar (versehen) und von gutem Aussehen, da sagte Jahwe (zu Samuel): Auf, salbe ihn, denn dieser ist es“ (1 Sam 16,12). Heißt das etwa, dass diese sehr vorteilhaft beschriebene Erscheinung des jungen David mit ausschlaggebend für dessen Salbung ist?

1.2 Neues Testament

1.2.1 Charisma in den echten Paulusbriefen
Im Neuen Testament ist der Terminus Charisma 17-mal vor allem in den echten Paulusbriefen (14-mal) bezeugt. Hinsichtlich von Charisma ist der erste Korintherbrief zu nennen, in welchem Paulus sich zu den Gaben des Geistes äußert. So spricht Paulus in 1 Kor 12,1–31 über den „Geist Gottes“ und woran dieser zu erkennen sei. Dabei wird deutlich, dass „Geist Gottes“ nicht Nivellierung heißt. In einer Art prätrinitarischer Struktur führt Paulus aus, dass es zwar Unterschiede in den Charismen gibt, aber diese von ein und demselben Geist kommen, so wie die verschiedenen Dienste auf ein und denselben Herrn und die Kraftwirkungen auf ein und denselben Gott zurückzuführen sind (vgl. 1 Kor 12,4–6). Die verliehenen Charismen können, wie Paulus in Röm 12,6–8 und 1 Kor 12,8–10.28 ausführt, sehr vielfältig sein. Eigens werden in 1 Kor 12,9 die Gnadengaben der Heilungen, das heißt, die Gabe von Krankheiten zu heilen, genannt (vgl.1 Kor 12,28.30). Die wahren Gnadengaben heilen und machen nicht krank. So gilt, dass jene Charismen aufgrund von Gnade verliehen sind, so dass auf sie in der Gemeinde keiner einen Anspruch erheben kann. Das betrifft auch das Charisma der sexuellen Enthaltsamkeit, das nicht jeder haben kann (1 Kor 7,7). Daher ist schließlich aufgrund des Geschenkcharakters der Charismen für ein elitäres Gebaren kein Platz. Wichtig jedoch ist, die von Gott verliehenen Charismen dem Evangelium Jesu Christi entsprechend für die Gemeinde zur Geltung zu bringen. Wenngleich die Charismen von Gott verliehen sind, kann nicht jeder dieselben haben; selbst eine Gemeinde als „Leib Christi“ könnte so nicht bestehen (1 Kor 12,12–27). Zudem sollen deren Glieder die höheren Charismen erstreben, wozu Paulus ausdrücklich aufruft (1 Kor 12,31). Was sind aber diese höheren Charismen? Mit Blick auf 1 Kor 12,28–30 und 1 Kor 13,1f sind es  z. B. das sogenannte Zungenreden und das prophetische Reden. Aber diese höheren Charismen bedürfen der notwendigen Erweiterung durch die Liebe: „Die Charismen tragen das signum der Vergänglichkeit im Unterschied zur Liebe, die nicht hinfällt, und sie sind nichts ohne die Liebe“ (Günther Bornkamm). Zu dieser „Ergänzung“ gehören Glaube und Hoffnung, von denen aber die Liebe die größte ist (1 Kor 13,13). Vor diesem Hintergrund gewinnt die Aussage „Die Liebe … sucht nicht das Ihre“ (1 Kor 13,5) in Bezug auf Charismen noch einmal an Tiefe. Dies korrespondiert mit 1 Kor 1,7. Da die Gnade Gottes der Gemeinde durch Christus Jesus geschenkt worden ist, fehlt den Gliedern der Gemeinde kein Charisma. Im Abschnitt 2 Kor 1,8–11 erwähnt Paulus ein Charisma, welches allen, die sich zu Jesus Christus ganz bekennen, zuteil wird, und zwar die Gnadengabe der Rettung. Das heißt, diese Rettung aus tiefster Verzweiflung und großer Todesgefahr ist das von Gott an Paulus geschenkte Charisma. Ein solches Charisma ist, um es paradox zu formulieren, konditioniert, punktuell und beständig. Konditioniert: Vorausgesetzt wird der Einsatz des ganzen Lebens für Jesus Christus auch in höchster Notsituation.       

Punktuell: Ein solcher Einsatz und eine solche Situation sind nicht stets gegeben. Beständig: Immer dann, wenn der ganze Einsatz in lebensbedrohlichen Situationen geschieht, besteht die begründete Zuversicht, dass Gott einem die Gnadengabe der Rettung schenkt.  
Im Brief an die Römer spricht Paulus an mehreren Stellen von Charisma. In Röm 1,11 geht Paulus nach seinem Gruß auf die Adressaten ein, indem er wünscht, ihnen etwas an geistlichem Charisma mitteilen zu können. Zwar sagt Paulus an dieser Stelle nicht, was er darunter konkret versteht, aber er erhofft sich von jenem Charisma eine geistliche Stärkung der Adressaten.

Von daher lässt sich formulieren, dass ein geistliches Charisma der Stärkung der Gemeinde dient. Im erlösungstheologischen Sinn wird der Terminus Charisma in Röm 5,15f verwendet. Die Gnadengabe, das Charisma, welche der eine Mensch Jesus Christus gebracht hat, lässt sich nicht mit der Übertretung des einen Menschen, des Adam, vergleichen oder gar symmetrisch verrechnen. Diese Gnadengabe bewirkt viel mehr als die Übertretung des Adams, die für viele den Tod gebracht hat, da jene grundsätzlich bei weitem viel mehr Menschen zum ewigen Leben führt. Somit ist dieses Charisma ein Heilsangebot an alle Menschen. Mit einem Wort: Das Charisma der Gnade ist umfassender als das Verderben (Hans Lietzmann). Vor diesem Hintergrund ist ebenso Röm 6,23 zu verstehen, dass das Charisma, die Gnadengabe Gottes, das ewige Leben ist. Auch hier wird Charisma nicht als eine den einzelnen auszeichnende Gnadengabe, sondern als die umfassende Gnadengabe gesehen, die Gott an die von der Sünde durch Jesus Christus Befreiten geschenkt hat.

In Röm 11, wo das Verhältnis zwischen dem auswählten Volk Gottes, Israel, und den sogenannten Heiden, die sich zu Jesus Christus bekennen, thematisiert wird, stellt Paulus folgendes unmissverständlich klar: Die genuinen Angehörigen des Volkes Israel bleiben gemäß ihrer Erwählung von Gott Geliebte; denn „unwiderruflich sind die Gnadengaben (charismata) und die Berufung Gottes“ an sein Volk (Röm 12,29), wenngleich ein Teil Israels sich dem Evangelium gegenüber als Feind verhalte. Vor diesem Hintergrund wird der Terminus Charisma erwählungstheologisch mit Bezug auf das Volk Israel, dem Paulus selbst entstammt (Röm 11,1), verstanden. Das heißt, ganz Israel besitzt die Charismen und die Erwählung, und zwar unwiderruflich.

1.2.2 Charisma in beiden Timotheusbriefen und im ersten Petrusbrief
Ein anderer Akzent in Bezug auf Charisma wird in den zwei Timotheusbriefen gesetzt. Sowohl in 1 Tim 4,14 als auch in 2 Tim 1,6 wird der Terminus Charisma im Kontext von Amt und Gemeindeleitung verwendet. Einen Hinweis darauf gibt die Wendung vom „Auflegen der Hände“ (1 Tim 4,14; 2 Tim 1,6; Apg 8,18). Von daher lässt sich hier von einem Amtscharisma sprechen. Dies bedeutet, dass z.B. dem Gemeindeleiter durch Handauflegung eine entsprechende Gnadengabe übertragen wird. Dieses Charisma gilt es aber nicht zu vernachlässigen; denn es wirkt anscheinend nicht automatisch, sondern will gepflegt werden.

1 Petr 4,10 knüpft thematisch wieder an Paulus an. So wie in 1 Kor 12 und in Röm 16 vom Charisma die Rede war, so fordert der Autor von 1 Petr seine Adressaten auf, einander mit dem Charisma zu dienen, das man empfangen hat. Dass diese Charismen entsprechend vielfältig sind, verdeutlicht die Wendung von der „vielgestaltigen Gnade Gottes“ (1 Petr 4,10). Es soll also jedes Charisma in der Gemeinde zum Aufbau der Gemeinde eingebracht werden wie z. B. die Gastfreundschaft ohne Murren (1 Petr 4,9). Das Bild vom rechten (schönen) Hausverwalter, in dessen Funktion sich jede und jeder sehen soll, will darauf hinweisen, sein je eigenes Charisma tatsächlich auch ganz für die Gemeinde einzusetzen, ohne sich persönlich zu profilieren. Dies wäre insofern ein heilloses Unterfangen, als jedes Glied ein spezifisches Charisma hat. 

2. Fazit

Während der Terminus Charisma letztlich im Alten Testament so gut wie kaum belegt ist, wird er im Neuen Testament in theologischen Zusammenhängen verwendet. Paulus gebraucht Charisma auf zweierlei Weise. Zum einen ist Charisma eine spezifische Gnadengabe an ein einzelnes Glied der Gemeinde Jesu Christi, das zum Wohl und zum Aufbau der Gemeinde zu dienen hat. Eigenprofilierungen sind für eine Gemeinde schädigend. Dem entspricht auch die Intention von 1 Petr 4,10. Zum anderen wird Charisma als eine Gabe gesehen, die jedem und jeder zuteil werden kann, und zwar in Zeiten der Not als Gnadengabe der Rettung oder insgesamt als die durch Jesus Christus bewirkte Gnadengabe des Heils zum ewigen Leben. Schließlich ist das Charisma der Erwählung dem Volk Israel unwiderruflich von Gott her geschenkt. In 1 Tim und 2 Tim geht es letztlich um das sogenannte Amtscharisma, welches durch Handauflegung übertragen wird. Allen Charismen gemeinsam ist der Geschenkcharakter.

Interview mit Prof. Dr. Franz Walter, Leiter des Instituts für Demokratieforschung, Universität Göttingen

Der Katholizismus hat einen „Star" an der Spitze.

 

Kompass: Die Postmoderne ist überholt, es scheint, als ob die Individualisierung sich von selbst erledigt. Sehen Sie in unserer Gesellschaft eine Sehnsucht nach Charisma? Und wie muss es um eine Gesellschaft bestellt sein, damit sie Charismatiker benötigt?

Franz Walter:
Zunächst: Ich glaube nicht, dass sich die Individualisierung von selbst erledigt. Die Individualisierung hat sehr anstrengende Seiten, daher ist das Bedürfnis nach komplementären Stützen, nach Halt, auch Wärme und ein bisschen Orientierung größer geworden. Aber in kollektive und verbindliche Normen setzende Gemeinschaften strebt es die großen Mittelschichten der modernen Gesellschaften auch nicht. Insofern ist die charismatische Erwartung ebenfalls eher gedämpft. Sie taucht hin und wieder auf, da die politische Klasse zu grau und uniform wirkt. Aber nach den feurigen Tribunen, den wortgewandten Propheten des Aufbruchs drängt die bundesdeutsche Gesellschaft nicht. Dafür ist die Bevölkerung auch einfach zu alt. Alte Gesellschaften suchen nach Stabilität, Vertrautheit, Kalkulierbarkeit. Wer das verspricht oder noch besser verkörpert, ist ihr Mann oder ihre Frau. Aber die verzichten in der Regel auf den charismatischen Auftritt, auf die Pose der Politmagier.


Kompass: Charisma benötigt ein Gegenüber, das empfangen mag. Lässt sich an charismatischen Figuren ablesen, wie groß die Bereitschaft ist, politische und religiöse Hoffnungen und eventuell sogar Utopien zu akzeptieren?

Franz Walter: Ja, zumal: Charisma hat man nicht einfach. Es wird einem in spezifischen Situationen zugesprochen, verflüchtigt sich dann oft dramatisch rapide in anderen historischen Momenten. Insofern sagt das zugeschriebene Charisma in erster Linie etwas über Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Träume einer Gesellschaft aus, die das ja alles in einen Charismatiker hineinprojiziert. Nehmen wir Willy Brandt: Der war zwischen 1969 und 1972 gewiss eine Art politischer Charismatiker. Es war die Zeit, als viele junge Bundesdeutsche mit leuchtenden Augen von Emanzipation, Entspannung, Demokratisierung sprachen. Nach 1973 kehrte sich vieles um. Ermüdung machte sich breit und durch die Erdölkrise veränderten sich die Präferenzen für den politischen Typus. Brandts Stern und Charisma sanken. Helmut Schmidt wurde statt seiner zur neuen Bezugsperson einer nun sicherheitszugewandten Gesellschaft.


Kompass: Es gibt einen Wunsch nach Konzept, nach Klarheit und Werten. Sehen sie einen Gegensatz zwischen Charisma und Konzept – oder kann der Charismatiker nur auch mit Inhalt überzeugen?

Franz Walter:
Nicht unbedingt. Viele Charismatiker hatten etwas Schwarmgeistiges, etwas Nebulöses in ihrer visionären Rhetorik. Andere aber schlugen zumindest ihre Anhänger in den Bann, weil sie ein strenges System der Glaubensüberzeugungen, der Philosophie entwickelt hatten. Wenn wir in der Politik bleiben: Es ist furchtbar schwierig in den hochpluralisierten modernen Gesellschaften mit unzähligen Interessen und Einstellungen, politisch konzise zu bleiben. Um es zuzuspitzen: Weder Konzeptionalisten noch Charismatiker haben es in diesen Zeiten leicht.


Kompass: Wir erinnern uns an „Wir sind Papst!“, an das Skandieren von „Benedetto!“, an den Weltjugendtag in Köln. Hat der Katholizismus besondere Fähigkeiten, die zu unserer Gesellschaft passen? Wie kann die Katholische Kirche Ihres Erachtens diese, viele heterogene Milieus mobilisierende Kraft in die Zukunft übertragen?

Franz Walter:
Nun, wir sprechen ja häufig davon, dass wir in einer Mediengesellschaft leben, dass es hier auf Bilder, nicht zuletzt auf das Gesicht beeindruckender Persönlichkeiten ankommt. Da besitzt der Katholizismus gegenüber dem Protestantismus einige historisch gewachsene Vorteile. Der Katholizismus ist sinnlicher, farbenfroher, geübter in Darstellung öffentlicher Demonstration des Glaubens, der prunkvollen Inszenierung. Und er hat, salopp formuliert, einen „Star“ an der Spitze. Ist diese Rolle richtig besetzt, verkörpert er all das, was im Versprechen der Religion liegt, ist er durch Biographie und Tun glaubwürdig, dann findet der Katholizismus eine bemerkenswert freundliche Beachtung. Der letzte Papst war ein herausragendes Beispiel dafür.

Kompass: Vielen Dank für das Gespräch Herr Walter. 

Das Interview führte Barbara Ogrinz.

Kommentar von Dr. Jörn Ketelhut, Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg

Charisma in der Demokratie oder: Die Sehnsucht nach politischer Unmündigkeit

Die Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten hat es erneut gezeigt: Offenbar sehnt sich die deutsche Öffentlichkeit nach Führungsfiguren mit Ecken und Kanten, nach Typen, denen es nicht um Parteipolitik geht, sondern die es verstehen, als moralische Instanz Halt und Orientierung zu geben. Es sieht fast so aus, als würden Respektspersonen wieder hoch im Kurs stehen. Menschen, denen auf geheimnisvolle Weise Autorität und Gefolgschaft zufließen. „Charisma“ heißt das Zauberwort, das in diesem Zusammenhang oft die Runde macht. Max Weber hat es aus der Religionssoziologie in den Kontext der politischen Analyse übertragen. Folgt man Weber, so verbirgt sich hinter der „Gnadengabe“ eine der drei Quellen legitimer politischer Herrschaft.

Ein objektiv wahrnehmbares Persönlichkeitsmerkmal ist Charisma freilich nicht. Es handelt sich vielmehr um ein Phänomen, das in einer sozialen Beziehung entsteht. Das heißt: Charisma muss einer Person von anderen zugesprochen werden. Meist geschieht dies in Krisensituationen, also in Momenten, in denen es in besonderem Maße darauf ankommt, außergewöhnliche Talente und Gaben unter Beweis zu stellen. Die Bewunderung, die eine Person in derartigen Kontexten erfährt, entspringt allerdings nur selten einer rein sachlichen Auseinandersetzung mit ihren tatsächlichen Leistungen oder Fähigkeiten. Sie ist vielmehr Ausdruck einer zutiefst subjektiv geprägten, oft auch romantisch verklärten öffentlichen Wahrnehmung des Verehrten. Schnell gerät eine charismatische Führungsfigur so zur Projektionsfläche für die in der Gesellschaft schwelenden Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen. Derzeit fühlen sich viele Menschen verunsichert. Es sind vor allem die Auswüchse einer ungezügelten, global vernetzten Ökonomie, die für Irritationen sorgen. In derart unruhigen Zeiten, in denen individuelle Zukunftsentwürfe von heute auf morgen durch die Gier der Märkte zunichte gemacht werden können, sind Persönlichkeiten, die nicht nur Autorität und ökonomischen Sachverstand ausstrahlen, sondern auch Sicherheit, Stabilität und moralische Integrität verkörpern, sehr gefragt. Allerdings ist Charisma eine historisch kontingente Größe. Das heißt: Was heute noch Bewunderung hervorruft, kann morgen schon auf Ablehnung stoßen. Die Frage, was im Einzelnen nun konkret der Auslöser für eine Charismazuschreibung ist, lässt sich somit nur schwer in allgemeiner Form diskutieren.

Die in der Bevölkerung vorhandene Sehnsucht nach charismatischen Führungsfiguren ist durchaus verständlich. Sie birgt aber auch Gefahren in sich: Die charismatische Strahlkraft kann nämlich blenden. Nicht jeder, der mit bestimmten positiv besetzten Eigenschaften bedacht wird, muss diese auch besitzen. Vielleicht ist das strahlende Erscheinungsbild ja nichts weiter als das Produkt einer geschickten, den Zeitgeist reflektierenden (Selbst-) Inszenierung? Zudem verfügt Charisma über ein erhebliches Potenzial, die Gesellschaft im Hinblick auf Sachfragen zu entpolitisieren, da es die Person und nicht ein Programm in den Fokus rückt. Im Grunde genommen spiegelt der Ruf nach charismatischen Führungsfiguren nichts anderes wider als den Wunsch, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen. Die Bürger sehnen sich offenbar danach, wieder politisch unmündig sein zu dürfen, in der Gewissheit, die öffentlichen Angelegenheiten fähigen und integeren Menschen anvertraut zu haben. Eine solche passive Haltung ist einer Demokratie jedoch mehr als abträglich. Schließlich leben Demokratien von Engagement und Partizipation. Sie sind darauf angewiesen, dass Bürger für das Gemeinwesen eintreten. Demokratische Politik ist in ihrem Kern nichts anderes als öffentlich ausgetragener Streit. Es geht um den Ausgleich von konkurrierenden Interessen, das Ringen um die besseren Argumente und darum, Mehrheiten für bestimmte Positionen zu finden. Die Unzufriedenheit, die sich allenthalben an der politischen Klasse regt, sollte deshalb nicht mit dem Ruf nach charismatischer Herrschaft begegnet werden. Vielmehr ist jeder Einzelne aufgefordert, die „Konsumentenrolle“ abzulegen und selbst aktiv zu werden. 

    

     

Kompass April 2012

Kompass_04_2012.pdf

In der Osterausgabe 2012 kommt der Herausgeber selbst mit Ostergruß und Wintervortrag zu Wort. Breiten Raum nehmen Veranstaltungen im Rahmen der Militärseelsorge ein – wie die Pfarrhelfertagung, ein Symposium und zahlreiche andere. Kein Blatt vor den Mund nimmt der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, wenn es um Zumutungen für die Soldatinnen und Soldaten geht. Und das Schwerpunktthema widmet sich der Bedeutung von „Charisma“ heute.

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