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Exerzitien, Exerzieren – nicht nur für Soldaten

Von „Intensivveranstaltungen“ ist in der Militärseelsorge häufiger die Rede. Auch das Exerzieren auf dem Kasernenhof, in der Grundausbildung kann sehr „intensiv“ sein, aber darum geht es hier nur indirekt. Im Unterschied etwa zu Paar-Wochenenden oder Familien-Freizeiten zählen dazu Werkwochen und Exerzitien. Auch der Begriff „Rüstzeiten“ hat durchaus militärische Anklänge.

„Exerzitien“ – tatsächlich ein Fremdwort, abgeleitet vom lateinischen Wort für „üben“. Für manche sind sie ein altbekanntes geistliches Angebot der Kirche, für Argwöhnische katholische Esoterik, für Ängstliche sind sie ein Crashkurs für Superfromme, für Halbkundige ein spirituelles Qualitätsangebot für Elitechristen.


Geistliche Übungen?

Exerzitien sind eine methodische spirituelle Hilfe, um in seinem Leben Gott tiefer zu finden und ihn „zur Welt zu bringen“. Sie sind ein existenzielles Experiment des Glaubens, in dem ein Mensch sich bereitet, sich von Gott beschenken zu lassen.
Nach Ignatius von Loyola (1491–1556), dem ehemaligen Soldaten, Gründer des Jesuiten-Ordens und Meister dieser Übungen in der Kirchengeschichte, gehören zu Exerzitien fünf Elemente: Es geht …

  • um „Geist-liches“, d. h. nach der Heiligen Schrift um die „Früchte des Geistes“
    wie Liebe, Freude, Friede usw., oder deren Gegenteil.
  • um das Üben. Dazu gehören vier Punkte: Bewusstheit, ein Ziel, eine Methode
    und die Wiederholung. Üben ist fundamental für unser Leben: Sprache, Musik, Technik, Kultur, Kommunikation, Kunst, Arbeit und auch die Liebe leben vom Üben. – Das ganze Leben besteht aus Einüben und Ausüben.
  • um den Liebeswillen Gottes. Ziel des Menschen, der geistlich übt, ist, dass er immer bereiter wird, die unendliche Liebe Gottes in sich wirken zu lassen.
  • darum, dass ein Mensch durch zutiefst beglückende, aber oft sehr schmerzhafte
    Prozesse hindurch, in eine größere innere Freiheit und Wahrheit wächst, um sein persönliches Ja zur Liebe intensiver sprechen und leben zu können.
  • darum, auf die geschenkte Liebe zu antworten durch die Gestaltung des eigenen
    Lebens in der Beziehung zu Jesus Christus.

 

Klassische Exerzitien leben von drei Quellkräften: Sie sind Zeiten …

  • der Stille. Das Schweigen soll helfen, immer mehr die Stimme Gottes zu hören
    und die „Augen des Herzens zu öffnen, damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.“ (Eph 1,18)
  • des Gebetes, der Besinnung auf das eigene Leben und seine Botschaften, der Meditation der Heiligen Schrift und der Ausrichtung auf die geheimnisvolle
    Gegenwart Gottes in einem einfachen Dasein.
  • des (täglichen) Gesprächs mit einem geistlichen Begleiter bzw. einer Begleiterin.

Dabei geht es um Fragen wie: Was suche ich „eigentlich“? Was hat sich in mir bewegt und sich mir gezeigt? Kündigen sich Entscheidungen an? Wie geht es weiter auf dem Exerzitienweg?
Es gibt die „großen“ 30-tägigen, 10-tägige Exerzitien und solche von nur wenigen Tagen – diese kommen hier am ehesten in Betracht. Es gibt Exerzitien mit Einzelbegleitung oder ohne sowie jene mit Vorträgen für alle. Es gibt zunehmend „Exerzitien im Alltag“, die vor allem während der Fasten- und Adventszeit in Pfarrgemeinden angeboten werden.


Exerzitien für mich?

Wenn jemand eine intensive Sehnsucht nach einem lebendigeren Glauben verspürt; wenn jemand sein Leben neu orientieren und seine Entscheidungen mehr auf Gott hin ausrichten möchte – dann klingt dies „Exerzitien-verdächtig“. Geistliches Üben gibt es in allen Religionen und überall, wo versucht wird, Glaube, Hoffnung und Liebe zu leben. In Exerzitien geht es um jene „fröhliche Hartnäckigkeit“ (C. Bamberg), mit der ein Mensch auf der Spur dessen bleiben will, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.“ (Joh 14,6)


Jörg Volpers nach Pater Dr. Willi Lambert SJ, Jesuitenkommunität
St. Michael, München und
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