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Billiges „State-Building“ schwächt das Ergebnis

Das Fazit der Veranstaltung fällt ernüchternd aus: Ein Abzug der internationalen Friedenstruppe im Jahr 2014 scheint wenig sinnvoll.

Winfried Nachtwei (Bündnis 90/Die Grünen, MdB a. D.) und Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (Direktor Institut für Theologie und Frieden sowie Vorstand Katholische Friedensstiftung) diskutierten am Sonntag, 12. Februar 2012, gemeinsam mit dem Publikum in den Räumen der VCH-Akademie in Hamburg über die Bilanz des deutschen Engagements in Afghanistan.

Winfried Nachtwei MdB a. D.
Winfried Nachtwei befürchtet einen Bürgerkrieg. (Quelle: Johannes Schmidt)

Die von der Katholischen Friedensstiftung in Zusammenarbeit mit der Akademie des Vereins Christlicher Hoteliers veranstaltete Podiumsdiskussion „Einfach weggehen? Afghanistan: Wozu sind wir verpflichtet?“ ließ keinen Zweifel daran, dass die Präsenz der internationalen Friedenstruppe in Afghanistan noch über das Jahr 2014 hinaus wünschenswert und zielführend sei. Beide Referenten betonten, dass der Zeitpunkt des Abzugs vor allem innenpolitisch begründet sei und in keiner Weise der Realität in Afghanistan entspräche. Auch wenn schon Teilerfolge erzielt wurden, wie etwa bei dem Rückgang der Säuglingssterblichkeitsrate, stellt sich dennoch die Frage: „Ob das Licht am Ende des Tunnels nicht vielleicht die Scheinwerfer des entgegenkommenden Zuges sind“, so Nachtwei.

Nachtwei befürchtet bei einem Abzug der internationalen Truppen ein Abrutschen Afghanistans in einen Bürgerkrieg. Als anfängliche Großfehler machte er die mangelhafte materielle und personelle Ausstattung aus: „Mit billigem Peace-Keeping und billigem State-Building ist in Afghanistan kein nachhaltiger Fortschritt zu erzielen.“ Auch Prof. Justenhoven wies daraufhin, dass die angestrebten Ziele nur mit ausreichenden Mitteln zu erreichen seien: „Es sind nur zehn Prozent dessen, was an Soldaten benötigt würde, bereitgestellt worden“, so Justenhoven.

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven
Prof. Justenhoven mahnt in Zukunft zu größerer Vorsicht. (Quelle: Johannes Schmidt)

Einen Strategiewechsel, wie er sich seit 2009 langsam vollzieht, halten beide für richtig. Die afghanische Bevölkerung mit ihren Interessen und Bedürfnissen solle stärker im Mittelpunkt stehen. Lag die ursprüngliche Begründung für die Intervention noch in der Erfüllung der Solidaritätspflicht gegenüber dem Bündnispartner USA, so müsse es nun darum gehen sich auf das afghanische Volk zu fokussieren. Dass deren Vorstellungen oft von denen der westlichen Bündnispartner abweichen, sei ein Hinweis darauf, dass die eigenen Ziele vielleicht zurückzuschrauben seien. Prof. Justenhoven warb dementsprechend für eine gewisse Bescheidenheit bei den politischen Zielvorgaben.

Dem Subsidiaritäts-Prinzip der katholischen Soziallehre entsprechend, forderte er auch, dass man den Afghanen mehr Spielraum und Eigenverantwortlichkeit übertragen sollte. Die ausländische Hilfe solle nur unterstützend eingreifen, wenn es Probleme gibt, die die lokale Bevölkerung nicht mehr bewältigen kann. Auch Nachtwei verlangte mehr Zurückhaltung seitens der Hilfskräfte und eine stärkere Miteinbeziehung der afghanischen Verantwortlichen. Gleichzeitig machte er aber deutlich, dass die internationale Gemeinschaft glaubhaft versichern muss, auch nach einem möglichen Abzug weitere Unterstützung zu leisten.

In der anschließenden Diskussion wurde die generelle Frage nach dem Sinn solcher Auslandseinsätze gestellt. Vor allem Prof. Justenhoven mahnte in Zukunft zu größerer Vorsicht: „Manchmal muss man sich fragen, ob mit einem Eingreifen nicht mehr zerstört als aufgebaut wird.“

Hamburg, 12. Februar 2012, Johannes Schmidt