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Was glaubt, wer an Gott glaubt?

Gottesvorstellungen in Deutschland

von Dr. Martin Rieger

Wortgottesdienst mit Soldaten in Prizren
Wortgottesdienst mit Soldaten in Prizren (Quelle: Bundeswehr)

Gibt es eine Wiederkehr der Götter? Folgt der vermeintlichen oder tatsächlichen Säkularisierung vergangener Jahrzehnte nun eine Renaissance des Religiösen? Oder ist die religiöse Praxis nicht weniger geworden, sondern nur anders?
Auffällig ist: die These, wonach eine moderner werdende Gesellschaft stets weniger religiös wird, vertritt kaum noch jemand. Religiosität liegt offensichtlich im Trend gesamtgesellschaftlicher Entwicklung. Genauso richtig scheint aber die immer wieder
geäußerte Vermutung zu sein, dass die Kirchen häufig nicht am Megatrend Spiritualität oder Religiosität gleichermaßen partizipieren. Gerne wird in diesem Zusammenhang von „freischwebender“ und von „Patchwork“-Religiosität gesprochen in Abgrenzung zu institutionalisierter Religion. Diese „Religionskomponisten“ setzen einzelne Versatzstücke unterschiedlicher religiöser Traditionen für sich zusammen und lassen sich herkömmlichen Definitionen nur schwer zuordnen.

Etwas Licht in das Dunkel der Spekulation über die religiöse Situation möchte die Bertelsmann Stiftung durch den „Religionsmonitor“ bringen. Der Religionsmonitor ist ein interdisziplinäres Messinstrument, um Religiosität dezidiert analysieren zu können. Er erhebt die Vielfalt religiösen Lebens und berücksichtigt soziologische, theologische, psychologische und religionswissenschaftliche Aspekte. Rund 100 Fragen beleuchten unterschiedliche Kerndimensionen von Religiosität. Dadurch können die unterschiedlichen Akzentuierungen religiöser Einstellungen und Praktiken in 21 Ländern aller Kontinente und Weltreligionen aufgezeigt werden. Herausgekommen ist ein großer Schatz von Befunden religiöser Orientierungen.


Ein Teil davon soll hier ausgebreitet werden hinsichtlich des Gottesglaubens in Deutschland: Wie viele Menschenin Deutschland glauben also an ein göttliches Wesen? Wie stellen sich gläubige Menschen Gott vor, oder welche Gefühle verbinden diese
mit ihm? Was also glaubt „man“, wenn „man“ glaubt?

Ein paar Ergebnisse im Überblick:
1. Deutschland ist kein atheistischesLand. 64% der Deutschen sind davon mittel, ziemlich oder sehr überzeugt, dass es ein göttliches Wesen gibt. 44% sind sogar ziemlich oder sehr von der göttlichen Existenz überzeugt. Gerade einmal 19% sagen, dass sie gar nicht an Gott oder etwas Göttliches glauben.


2. Die Jugend ist nicht weniger gläubig als die Älteren. Es lassen sich keine wesentlichen
Unterschiede zwischen den Altersgruppen feststellen. Die „ungläubigste Altersgruppe“
sind die 40- bis 50-Jährigen. Dort sagt jeder Vierte, dass er gar nicht an Gott glaube.


3. Große Diskrepanzen zeigen sich jedoch im Antwortverhalten zwischen West- und Ostdeutschland. Nur 11% der Westdeutschen sagen von sich, gar nicht an ein transzendentes Wesen zu glauben. In Ostdeutschland ist es jeder Zweite.


4. Werden die konfessionellen Orientierungen in den Blick genommen, so fällt auf, dass
94% der Katholiken und 90% der Evangelischen in Deutschland mindestens etwas von der Existenz Gottes überzeugt sind. 80% der katholischen Christen halten das sogar für mittel, ziemlich oder sehr wahrscheinlich. Bei den evangelischen Christen trifft das auf 71% zu. Interessant ist, dass zwar 54% der Konfessionslosen gar nicht an die Existenz eines Gottes glauben, jeder Vierte das aber für mittel bis sehr wahrscheinlich hält.


5. Doch wie stellen sich die Menschen Gott vor, oder welche Gefühle werden mit einem göttlichen Wesen in Verbindung gebracht? Wird Gott eher als ein numinoses, unbekanntes Wesen angesehen– weit entfernt und enthoben vom persönlichen Alltag? Rund die Hälfte der Deutschen berichtet von der Erfahrung, dass Gott oder etwas Göttliches ihr etwas sagen oder zeigen will oder in das persönliche Leben eingreift.

6. Aufschlussreich ist auch der Blick auf die religiösen Gefühle. Was also empfinden die religiösen Menschen, wenn sie an Gott denken? Vorherrschend ist ein positives Gottesbild: Dankbarkeit, Hoffnung, Liebe und Freude sind die meistgenannten Begriffe.
Dagegen werden am seltensten die Begriffe Zorn, Befreiung von einer bösen Macht, Verzweiflung oder Angst mit Gott verbunden.


7. Rund 6 Milliarden Menschen Leben auf unserer Erde. Eine unvorstellbare Anzahl. Und wie viele x-Milliarden Menschen werden wohl bereits gelebt haben? Gibt es dennoch einen Gott, der sich mit jedem Menschen persönlich befasst? Diese Frage spaltet unsere Gesellschaft. 37% stimmen dieser Aussage zu, 41% halten das für unwahrscheinlich und immerhin jeder Fünfte hat dazu keine feste Meinung. Über die Hälfte der religiösen Menschen in Deutschland ist aber davon überzeugt, dass die Menschen zu Gott sprechen können. Nur 16% teilen diese Ansicht überhaupt nicht. Die Grafik zeigt die Verteilung unter den Katholiken in Deutschland.


8.
Fazit: In Deutschland gibt es einen weit verbreiteten Glauben an die Existenz Gottes.
Dieser Glaube zieht sich durch alle Altersgruppen. Nach wie vor gibt es jedoch gravierende Unterschiede zwischen Ost und West. Und noch etwas ist eindeutig feststellbar: Wer an Gott glaubt, glaubt an einen guten Gott. Unsicher sind sich die religiösen Menschen jedoch darin, ob sich Gott mit jedem Einzelnen beschäftigt. Wird dabei Gott zu klein gedacht oder der Mensch für zu unbedeutend gehalten?

 

Autor: Dr. Martin Rieger, Director, Programm Geistige Orientierung, Bertelsmann Stiftung

www.bertelsmann-stiftung.de


Der Religionsmonitor stellt sich vor

Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung ist ein Instrument, das weltweit in bisher nicht dagewesener Tiefe Fragen von Religiosität und Glaube untersucht. Es wurde von Religionswissenschaftlern, Soziologen, Psychologen und Theologen entwickelt und 2007 zum ersten Mal angewendet.

21.000 Menschen aus allen Kontinenten und Weltreligionen wurden repräsentativ befragt und haben Auskunft über Weltanschauung und Lebenssinn, über ihre religiöse Praxis und ihre Gottesbilder gegeben. Das Projekt wird in regelmäßigen Abständen wiederholt und weiter ausgebaut, um auch die Entwicklung von Religiosität empirisch einfangen und abbilden zu können.

www.religionsmonitor.de