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Riten und Bräuche in Streitkräften

Riten und Bräuche in Streitkräften - Das bekannteste militärische Ritual ist wohl der Große Zapfenstreich. Es gibt aber wesentlich mehr, wie etwa am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr erarbeitet wurde. Ferner äußern sich zu diesem Schwerpunktthema der Präsidenten des Deutschen Reservistenverbandes, Roderich Kiesewetter MdB, und Prof. Dr. Marian Füssel. Aber auch verschiedene religiöse Bräuche und Riten werden vorgestellt, angefangen von den Sakramenten bis hin zu dem Besuch der Sternsinger und weiteren Anlässen im Kirchenjahr.


 

Grundsatz: "Zur Ritualkultur (in) der Bundeswehr"

 

von Klaus Ebeling und Dr. Anja Seiffert,

Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr

 

Begriffe, die irgendwie Attraktives bezeichnen, verführen zu inflationärem Gebrauch, zu ihrer Ausweitung und Trivialisierung. Es ist also verständlich, wenn dann in Expertendiskursen immer wieder um präzise Eingrenzungen gerungen wird. Eine umfassende Definition, die das Begriffs- und Gegenstandsfeld Rituale auf allgemein zustimmungsfähige Weise bestimmt, kann allerdings nicht erwartet werden. Dafür sind die Definitionsperspektiven der verschiedenen Lebens- und Wissenschaftskulturen zu verschieden.

Da sich hier ausgreifende Überlegungen zur Begrifflichkeit verbieten, beschränken wir uns auf eine sparsame Differenzierung des Bedeutungs- und Assoziationsfeldes, das Soldaten der Bundeswehr sich in Gesprächen mit uns über den Begriff des Rituals selbst erschlossen haben. Das heißt, wir orientieren uns an einem alltagssprachlichen Familienbegriff des Rituals, der neben formalisierten Handlungs- und Ausdrucksformen mit explizierter Symbolfunktion auch seit alters vertraute Sitten und Bräuche, frei inszenierte Spiel- und Feierformen sowie mehr oder weniger als ritualisiert empfundene Kommunikations- und Verhaltensweisen des dienstlichen Alltags einschließt. 

1. Alltagsrituale
Der militärische Gruß, das morgendliche Antreten, die Parole oder der in der Marine praktizierte „Seemannssonntag“ gehören ebenso wie meist gar nicht spezifisch militärische Gepflogenheiten, das Dienstabschluss-Bier etwa, Kompaniefeiern oder informelle Treffen im Verband, zur Organisationskultur der Bundeswehr. Solche in der Regel völlig unspektakulären Rituale prägen die Bundeswehr. Sie helfen, den Dienst-
ablauf zu strukturieren sowie Vertrautheit und Gemeinsinn zu kommunizieren.
Ihre positive Kraft liegt darin, dass sie durch verlässliche Wiederholung Ordnung und Sicherheit erlebbar machen.
Nur wenige Alltagsrituale überdauern die Zeitläufte unverändert, selbst wenn ihr Bedeutungs- und Funktionskern bestehen bleibt. So setzen vor allem Einsatzerfahrungen die Organisationskultur unter Anpassungsdruck. Sie müssen auch symbolisch in den Alltag integriert werden. Der „Coin-Check“, der unter Afghanistanveteranen verbreitet ist, liefert ein anschauliches Beispiel. Das durch die neuen Medien massiv beeinflusste Kommunikations- und Freizeitverhalten oder sich wandelnde Höflichkeitserwartungen lassen den Bundeswehralltag ebenfalls nicht unberührt. Organisationen, die wie die Bundeswehr zu bürokratischer Verregelung ihrer Alltagswelt neigen, tun sich mit soziokulturellen Veränderungen aber nicht leicht. Ein Wandel der Organisationskultur und ihrer Symbolik des Rituellen vollzieht sich nur langsam und zumeist nicht ohne Konflikte.

2. Schwellenrituale (Initiations- und Übergangsrituale)
Größere mediale Aufmerksamkeit ziehen jedoch diejenigen Rituale auf sich, welche symbolhaft die Zugehörigkeit zur Organisation oder zu einer ihrer Handlungsgemeinschaften inszenieren, sei es den Eintritt in diese Gemeinschaft oder eine markante, meist den Status betreffende Übergangssituation. Dazu zählen nicht nur offizielle Rituale, etwa die Vereidigung, das Gelöbnis oder der Zapfenstreich, sondern vor allem halboffiziell praktizierte „Offiziers- und Unteroffizierstaufen“ sowie eher informell durchgeführte „Barett- oder Mörsertaufen“. Solche Rituale grundsätzlich unter Generalverdacht zu stellen, geht an der Sache vorbei. Bis zu einem gewissen Grad gehören Initiations- und Übergangsrituale zu jeder Gesellschaft, Organisation und jedem sozialen Milieu.
Wie formulierte Goethe so passend? „Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.“ Dieser Verweis mag zunächst irritieren, trifft aber den Kern: Die tiefere Bedeutung dieser Rituale liegt in der Integration, dem „Sich-eingebunden-Fühlen“ in eine Gemeinschaft. Ohne damit mögliche problematische Anteile im Integrationsprozess, wie etwa Konformitätsdruck, auszublenden, wird so fokussiert, dass Gruppenzugehörigkeit unerlässlich ist, um das soziale Zusammenleben in den Streitkräften zu organisieren. Sie heben den Einzelnen in die Gruppe hinein, schaffen Vertrauen und vermitteln Identifikation, indem sie die Besonderheit im Verhältnis zu anderen Gruppen herausstellen und so zur Selbstvergewisserung und Profilierung von Identität beitragen.

Integration und Abgrenzung sind die zwei Seiten der Vergemeinschaftung. Das erklärt, warum in den Teilstreitkräften, Verbänden oder Einheiten unterschiedliche Initiations- und Übergangsrituale mit eigenen Ausdrucks- und Symbolisierungsweisen praktiziert werden.

Rituale vermitteln außerdem wichtige Selbsterfahrungen. Viele Schwellenrituale in der Bundeswehr haben geradezu „Erlebnischarakter“, sind in Form lockerer Spiel- und Feierformen oder bisweilen als richtige Mutproben konzipiert, bei denen es um die Bereitschaft geht, Hemmschwellen zu überwinden, manchmal auch Zumutungen auszuhalten. Diese Schwellen- und Grenz-erlebnisse helfen zum einen, eigene Belastungsgrade einzuschätzen. Sie kompensieren zum anderen die Überwindung durch Akzeptanz. Die spielerische Aufforderung, sich fallen zu lassen, muss aber nicht Unterwerfung bedeuten, wenn die Gratwanderung gelingt und individuelle Selbstbestimmung gewahrt bleibt.
Vieles, was früher einfach praktiziert, hingenommen worden ist, muss heute – auch durch eine stärker mediale Vermittlung von Bundeswehr und Gesellschaft – gerechtfertigt werden oder ist durch soziokulturellen Wandel verschwunden. Mitglieder hochgradig pluralisierter und individualisierter Gesellschaft unterscheiden sich natürlich auch in ihren Einstellungen zu Ritualen. Das erschwert die Aufgabe, nach zeitgemäßen Ritualen zu fragen und dabei Bekanntes kritisch zu prüfen. Kompliziert wird diese Suche durch den Trend zu bürokratischer Verregelung. In einem überbestimmten System sind sowohl die Erfahrungsräume für gemeinschaftliche Verbundenheit als auch die Möglichkeiten zur Verantwortungsübernahme enger abgesteckt. Formales Kontroll- und Sanktions-Management behindert leicht eine Kultur der Verantwortung. Der angemessene Umgang mit Ritualen aber braucht durch Erfahrungslernen fundierte Führungskompetenz, die an Werten der Verantwortung, Verhältnismäßigkeit und Selbstständigkeit orientiert ist.

3. Krisenrituale [gr. krisis: Gefahr, Wagnis, Wendepunkt]
Für die Bundeswehr als Armee im Einsatz ist die Bewältigung dramatischer Ausnahmesituationen kein Randthema mehr. Verwundung, Sterben, Tod und Töten, aber auch der glückliche Abschluss eines gefährlichen Auftrages – das sind Erfahrungen, die sich nicht einfach abhaken lassen. Sie schärfen den Blick für die Bedeutung einer fordernden Ausbildung und eines belastbaren Gruppenzusammenhalts; sie verändern und verstärken das Bedürfnis nach Ritualen. Trauer- und Begräbnisfeiern, die Betreuung Verwundeter, die Verarbeitung von Gefechtserfahrungen, die Anerkennung von Tapferkeit, aber auch die Gestaltung von Welcome-Back-Feiern brauchen überzeugende Kommunikations- und Ausdrucksformen. Nach und nach entstehen so veränderte oder neue Symbolisierungen. Die Einsatz- und Gefechtsmedaille, das Mahnmal für die im Einsatz Gefallenen im Bendlerblock oder das Tragen von ISAF-Patches am Standort sind hierfür Beispiele.
Krisenrituale haben neben ihrer gemeinschafts- und identitätsstabilisierenden Bedeutung zudem kompensierende Funktion. Sie schaffen einen Ort, um sowohl mit negativen als auch positiven Ausnahmesituationen besser umgehen zu können. Welche dieser Rituale als zugleich angemessen und hilfreich gelten können, ist heute schwerer denn je zu beurteilen. Von Soldaten wird erwartet, dass sie sich im Einsatz auch gefährlichsten Situationen stellen und bereit sind, sogar Leib und Leben einzusetzen. Hier gewinnt gemeinschaftliche Verbundenheit dramatisch an Bedeutung. Die Ritualkultur als Ausdruck eigener Identität kann davon nicht unberührt bleiben.          

4. Ritualpraxis im Spannungsfeld zwischen Erlaubnis- und Verbotsethik
Oft wird in der Bundeswehr zum einen ein weit verbreitetes Desinteresse am Dienst des Soldaten beklagt, zum anderen eine unverhältnismäßige Fixierung der medialen Aufmerksamkeit auf skandalisierbare Vorfälle, wie u. a. Ekelrituale, gestrige Formen der Traditionspflege oder angreifbare Ausbildungspraktiken. So berechtigt eine solche Klage auch sein mag: Sie sollte nicht dazu führen, den kritischen Blick auf die Bundeswehr generell als unfreundlichen Akt zu empfinden; denn es entspricht ihrem Selbstverständnis als einer auf den Schutz von Menschenwürde und Menschenrechten verpflichteten Institution und ihren Soldaten als Staatsbürgern in Uniform, dass anspruchsvolle Maßstäbe angelegt werden. Wie anders dürfte erwartet werden, dass diese gerade auch im Umgang mit Gewalt von deren Logik dennoch nicht überwältigt werden. Bereitschaft zu kritischer Infragestellung signalisiert Souveränität und schließt die selbstbewusste Verteidigung und Fortentwicklung einer menschenwürdigen, freiheitlichen Ritualkultur ein.
Für die fortlaufenden Klärungsprozesse braucht es Zeit; sie lassen sich nicht einfach nach Plan abarbeiten. Gleichwohl erlaubt die Reflexion unserer „Bundeswehrerfahrung“ einige kriteriologische Hinweise:

• Soldaten der Bundeswehr arbeiten nicht bloß zusammen; sie bilden – besonders unter Einsatzbedingungen – Handlungs- und Lebensgemeinschaften mit dem ausgeprägten Bedürfnis, Zusammenhalt und Wertschätzung lebendig und in Formen symbolischen Handelns zu gestalten. Dies mit zugleich fehlertoleranter Zurückhaltung wie problemsensibler Grenzmarkierung zu begleiten, ist eine oft unterschätzte Aufgabe verantwortlicher Menschenführung.

• Dementsprechend wären sowohl Ausbildungsinhalte als auch Bildungsangebote stärker zu gewichten, das Bewusstsein für Sinn und Bedeutung einschließlich der problematischen Aspekte von Ritualen zu schärfen und insbesondere Vorgesetzte auf die schwierigen Abwägungen zwischen dem, was erlaubt oder verboten und dem, was wünschenswert oder lediglich tolerierbar ist, vorzubereiten.

• Im durch Grundgesetz und Prinzipien der Inneren Führung gesetzten Rahmen sollte jedoch „Konfliktkultur“ vor „Konfliktvermeidung“ rangieren. Während eine auf Vermeidung von Kritik gepolte Verbotspraxis ressentimentgeladenem Misstrauen unwillentlich Recht gibt, setzt eine konfliktbereite Diskussionskultur auf die Lern- und Reflexionsfähigkeit der Beteiligten.
Schließlich markiert das Kriterium der Freiwilligkeit eine unabdingbare Grenze für die in offener Diskussion zu bewährenden (halboffiziellen und informellen) Rituale, in denen das Selbstverständnis der Bundeswehrsoldaten einen angemessenen sinnlichen Ausdruck findet.


Zu den Autoren:
Dr. Anja Seiffert leitet am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SOWI Bw) in Strausberg den Forschungsbereich Auslandseinsätze und Klaus Ebeling den Forschungsbereich Militärethik.

 

Interview mit Roderich Kiesewetter, Mitglied des Bundestages

„In dieser Linie sehe ich auch den Großen Zapfenstreich als erhaltenswertes militärisches Ritual."

 

Kompass: Streitkräfte in aller Welt, sei es in Diktaturen oder demokratisch verfassten Staats- und Regierungsformen, kennen und pflegen in ihren Reihen eigene Riten und Bräuche. Sind Ihrer Meinung nach Sitten und Bräuche wichtig oder kann auf diese verzichtet werden?

Roderich Kiesewetter: Ein Beispiel: Als Folge des nationalsozialistischen Gewaltexzesses und der Rolle der Wehrmacht hierbei hat es bei und nach Gründung unserer heutigen Streitkräfte eine große Vorsicht und Nüchternheit beim Thema „Tradition" gegeben; anders als in vielen unserer Partnerstaaten wurde militärisches Handeln in der deutschen Gesellschaft prinzipiell kritisch bewertet. Hier musste es einen Prozess der Wiederannäherung geben, in dem auch Riten und Bräuche eine zentrale Rolle hatten und überprüft wurden.
Nein, sie sind nicht verzichtbar. Für mich sind Riten und Bräuche elementar für Streitkräfte, aber auch für andere Organisationen bzw. gesellschaftliche Bereiche. Denken Sie etwa an die Kirchen und hier insbesondere an die katholische Kirche mit ihrem Formenreichtum. Sie drücken das elementare Selbstverständnis einer Organisation aus und dienen dadurch der notwendigen Selbstvergewisserung der Angehörigen eben dieser Organisationen: „Warum tun wir, was wir tun?" und vor allem: „Wie tun wir es?" Riten und Bräuche können einem Wandel unterliegen wie auch die Organisationen an sich einem Wandel unterliegen, aber elementar bleiben sie trotzdem.

 

Kompass: In deutschen Streitkräften gehören eigene Riten und Bräuche unter Soldatinnen und Soldaten zum alltäglichen Dienst. Wo sind Ihrer Meinung nach Grenzen gesetzt, wenn diese gepflegt werden?

Roderich Kiesewetter: Sie sind natürlich da gesetzt, wo die Würde des Einzelnen nicht gewahrt bleibt oder bestimmte politische Grenzen überschritten werden. Nach meiner Erfahrung in der Bundeswehr meine ich aber sagen zu können, dass unsere Streitkräfte ein sehr feines Sensorium dafür besitzen, „was geht und was nicht“. Einzelfälle können dadurch natürlich nicht ausgeschlossen werden, aber insgesamt scheint es mir einen sehr guten Umgang mit Riten und Bräuchen im eingangs genannten Sinne zu geben.

Kompass: Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr zählt mit zu einem Ritual. Öffentliche Feierliche Gelöbnisse sind nicht selten nur noch mit einem hohen Sicherheitsaufwand zu veranstalten. Halten Sie trotzdem daran fest, öffentliche Feierliche Gelöbnisse zu veranstalten? Soll es auch beim Großen Zapfenstreich bleiben?

Roderich Kiesewetter: Selbstverständlich! Wenn man genau hinsieht, sind die Protestkundgebungen gegen öffentliche Gelöbnisse zumeist auf eine nur kleine, aber eben lautstarke und häufig gewaltbereite Gruppierung am linken Rand des politischen Spektrums zurückzuführen. Meine Wahrnehmung ist auch eine andere: Ich stelle fest, dass diese Gelöbnisse zunehmend nachgefragt werden - etwa durch die Kommunen mit Bundeswehr-Standorten, in die jeweils hunderte von Familienmitgliedern zu diesem feierlichen Anlass, teils über weite Distanzen, anreisen. Ich erinnere mich ebenfalls gerne an das Gelöbnis vor dem Reichstag, an dem mein Sohn im letzten Jahr teilgenommen hat. Auch Zapfenstreiche werden nach meiner Erfahrung intensiv nachgefragt, wenn diese durchgeführt werden. Aber unabhängig von der - wie ich finde - breiten gesellschaftlichen Anerkennung von öffentlichen Gelöbnissen und auch Großen Zapfenstreichen:  Eingangs hatte ich den vorsichtigen Annäherungsprozess an Riten und Bräuche des Militärs nach dem 2. Weltkrieg angesprochen, der zu Recht nüchtern vonstatten ging. In diesem Kontext hat sich eine eigene Traditionspflege unserer demokratischen Bundeswehr herausgebildet, die vor allem die eigene Tradition seit 1955/56, die preußischen Reformer um Scharnhorst sowie den militärischen Widerstand des 20. Juli 1944 mit einschließt. In dieser Linie sehe ich auch den Großen Zapfenstreich als erhaltenswertes militärisches Ritual.
 

 

Das Interview führte Josef König.

Kommentar von Prof. Dr. Marian Füssel

Rituale – Hinnahme oder Verdammung

Ein Kommentar von Prof. Dr. Marian Füssel,
Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit am Seminar für Mittlere und
Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen

Alle sozialen Institutionen pflegen mehr oder weniger ausgeprägte Rituale: die Kirche, das Handwerk, die Universitäten, die Institutionen der Rechtsprechung und der politischen Repräsentation vom Stadtrat bis zum Bundestag. Die Kritik an diesen Institutionen ist daher immer auch mit der Kritik ihrer Rituale verbunden. Das Militär bildet hier keine Ausnahme.
Doch die Geschichte organisierter Gewalt, welche die Streitkräfte als spezifische professionelle Formation auszeichnet, schafft offenbar ein besonderes Problembewusstsein und Legitimationsbedürfnis für die Verwendung von Ritualen. Noch deutlicher als Rituale anderer Institutionen mit vergleichbar langer Tradition, tragen militärische Rituale auch die Erinnerung an ihre politische Instrumentalisierung in sich, die in der Vergangenheit unter anderem chauvinistischen, rassisti-schen oder nationalistischen Ideologien diente. Die Wurzeln in der Symbolik der frühneuzeitlichen Adels- wie Söldnerkultur, die in der Formationsphase der stehenden Heere die meisten ihrer Rituale prägten, sind heute weitgehend vergessen. Vielmehr setzt der Kanon der Tradition der Bundeswehr – von einigen Ausnahmen abgesehen – mit den Befreiungskriegen von 1813–1815 ein. Historisch betrachtet waren damit die meisten öffentlichen Militärrituale über lange Zeit mit dem Wirken eines preußisch-deutschen Militarismus verknüpft. Öffentliche Gelöbnisse, Truppenparaden, Fackelzüge, militärische Trauerfeiern, der große Zapfenstreich – sie alle erfuhren jedoch inzwischen zahlreiche Transformationen und demokratische Umdeutungen bis hin zu den eigensinnigen musikalischen Aneignungen durch diverse Bundespräsidenten und -kanzler.
Dennoch bleibt aus Perspektive der Ritualforschung die Koppelung der Rituale an ältere militärische Traditionen bei weitem nicht der einzige Stein des Anstoßes. Was Rituale gerade in einer demokratischen Gesellschaft immer wieder in Frage stellt, ist weniger ihre Antiquiertheit als vielmehr ihre spezifische kommunikative Leistungsfähigkeit. Rituale sind unmittelbar überzeugend, ihre Inszenierung wirkt emotional übermächtigend und sie kommen in der Darstellung ohne große sprachliche Aushandlungsprozesse aus. Sie sind performativ, das heißt, sie schaffen im Akt des Bezeichnens eine neue soziale Realität, sie schaffen inneren Zusammenhalt und markieren symbolisch soziale Abgrenzungen und sie sind im Gegensatz zu einem Verfahren nicht ergebnisoffen, ermöglichen keinen Widerspruch. Die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung stellt dagegen bezeichnenderweise ein prinzipiell ergebnisoffenes Verfahren dar, das vor dem Eintritt in die binnenmilitärische Ritualwelt stattfindet. All das macht Rituale in einer politischen Kultur, die wesentlich auf dem Prinzip gleichberechtigter diskursiver Verständigung aufbaut, tendenziell umstritten.

Öffentlichkeit und Legitimation

Die Legitimationskraft von Ritualen ebenso wie deren eigene Legitimität ist von jeher mit der Frage ihrer Öffentlichkeit verbunden. Gerade eine demokratische Gesellschaft kann keine der Beobachtung entzogenen Räume ritueller Kommunikation innerhalb staatlicher Institutionen zulassen. Eine stärkere Transparenz und öffentliche Kontrolle kann beispielsweise zur Verhinderung gewaltsamer Initiationsrituale beitragen, wie sie weltweit den Alltag zahlreicher militärischer Formationen prägen. Umgekehrt befürchten kritische Stimmen mit Blick auf die Geschichte eine Militarisierung der Öffentlichkeit. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch moderne Demokratien kaum ohne öffentliche politische Rituale auskommen. Selbst der explizite Antiritualismus schafft sich seine eigenen symbolischen Formen, so dass manche Soziologen wiederum von den ‚Ritualen des Antiritualismus‘ sprechen. Auch erfordern bestimmte soziale Übergänge, am eindrücklichsten sicher der Tod, eine symbolische Rahmung, die Trauerarbeit möglich macht, obwohl gerade das militärische Totengedenken immer wieder dessen enorme Anfälligkeit für übermächtigende politische Instrumentalisierungen zeigt.
Aus dieser Perspektive scheint es somit schwer, den sozialen Sinn von Ritualen grundsätzlich in Frage zu stellen bzw. eine ‚ritualfreie‘ Gesellschaft zu denken. Ein reflexiver Umgang mit Ritualen verbietet daher ebenso ihre unkritische Hinnahme wie deren abstrakte Verdammung. In jedem Fall müssen sich die Streitkräfte fragen lassen, welche symbolischen Botschaften sie mit ihren Ritualen gegenwärtig an die Öffentlichkeit senden wollen. Ein breiter kritischer Diskurs etwa zur Frage des Zapfenstreiches und des öffentlichen Gelöbnisses zeigt, dass hier offenbar weiterhin einiger Klärungsbedarf besteht.

 

    

     

Kompass Februar 2012

Kompass_02_2012.pdf

Der Februar als Monat des Karnevals und der beginnenden Fastenzeit bietet den Rahmen, im Schwerpunkt vielfältiges Brauchtum und Rituale in den Blick zu nehmen. Aus dem Januar 2012 berichtet die aktuelle „Kompass“-Ausgabe in ersten Artikeln bereits über den neuen Jahresbericht des Wehrbeauftragten, die erstmalige Teilnahme der Militärbischöfe an einer Sitzung des Verteidigungsauschusses und über den Beginn der Reihe von Gottesdiensten zum Weltfriedenstag in den Bistümern. Neben diesen Ereignissen in Berlin und Köln richtet sich die Perspektive auch auf Hamburg, Paderborn und zahlreiche andere Orte in Deutschland und darüber hinaus.

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