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Was kommt nach ISAF?

Die „International Security Assistance Forces“ (ISAF) sind seit fast zehn Jahren mit deutscher Beteiligung in Afghanistan im Einsatz. Die Reduzierung und der spätere Abzug der Truppen bzw. ein Ende des Einsatzes stehen bevor. Aus friedensethischer Sicht ist jedoch zu fragen, wie die Ergebnisse dieser internationalen Unterstützung gesichert und weiter entwickelt werden können. Was also kommt nach der Übergabe in die Selbstverantwortung des afghanischen Staates? Dazu äußern sich Militärbischof Franz-Josef Overbeck, Prof. Dr. Harald Müller, MdB Elke Hoff, MdB a. D. Winfried Nachtwei und der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus.

                           

                                

Grundsatz: "Ethische Kriterien für einen Übergang in Verantwortung in Afghanistan" von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Ethische Kriterien für einen Übergang in Verantwortung in Afghanistan

Ein Beitrag des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr,
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Essen)

Afghanistan soll in naher Zukunft seine politischen Geschicke selbst in die Hand nehmen. Angesichts der nach wie vor prekären Lage muss die Frage gestellt werden, ob der geplante Abzug der ISAF zu einer „Übergabe in Verantwortung“ werden kann, oder ob die intervenierenden Staaten sich vorwerfen lassen müssen, sie hätten die Flinte ins afghanische Korn geworfen. Es besteht nämlich die Sorge, dass mit dem militärischen Abzug auch die kostenträchtigen politischen Aufbaumaßnahmen zu schnell reduziert werden.

Ethische Kriterien und Verpflichtung des Westens

Anhand welcher ethischen Kriterien lässt sich bewerten, ob die Übergabe in verantwortbarer Weise geschieht? Erklärtes Ziel des Petersberg-Prozesses ist der Aufbau eines funktionierenden Staates, in dem die Grundrechte aller Bürger respektiert und wirksam geschützt werden. Ein politisch stabiles Afghanistan sollte zugleich die Rechte der afghanischen Bürger schützen und verhindern, dass der internationale Terrorismus im Land wieder ein sicheres Rückzugsgebiet findet. Wenn auch die Al-Qaida in Afghanistan nach Einschätzung von Fachleuten kaum noch eine große Rolle spielt, so ist der politische Wiederaufbau weit hinter dem gesteckten Ziel zurück geblieben. Viele Afghanen erleben ihren Staat nicht als Garanten ihrer Rechte, sondern als Bedrohung oder gar als inexistent. Internationale Aufbauhelfer kommen sich häufig wie ein „Hamster im Rad“ vor; trotz hohem Engagement kommen sie nicht voran. Es besteht die reale Gefahr, dass die politische Unterstützung für den zivilen Wiederaufbau mit der absehbaren Reduzierung der militärischen Präsenz noch weiter sinkt.

Meiner Meinung nach haben die intervenierenden Staaten nach fast zehn Jahren Engagement gerade gegenüber der afghanischen Zivilbevölkerung eine Verpflichtung übernommen, die es nicht erlaubt, sie nun mit ihren Nöten allein zu lassen. Ganz im Sinne der kirchlichen „Option für die Armen“ bedürfen die Menschen in Afghanistan, die zu den Ärmsten der Welt zählen, auch weiter unserer Solidarität, um eine Chance für die Zukunft zu bekommen. Damit ist noch nicht gesagt, welche konkrete Hilfe erforderlich ist. Vielmehr ist prinzipiell festzuhalten, dass wir für diejenigen, die der Hilfe am dringendsten bedürfen, diese Hilfe auch im Rahmen unserer Möglichkeiten zu leisten haben. Wenn nun in den kommenden Jahren – nicht zuletzt durch anstehende Wahlen in den westlichen Ländern motiviert – der militärische Abzug der ISAF-Truppen in die Wege geleitet wird, muss zugleich auch über die bleibende Verpflichtung zur Unterstützung beim zivilen Aufbau des afghanischen Staates geredet werden.

Aus der jahrzehntelangen Erfahrung in der kirchlichen Entwicklungs-Zusammenarbeit wissen wir, dass Hilfe dann nachhaltig ist, wenn sie sich am Prinzip ownership (Eignerschaft) orientiert. Im Blick auf Afghanistan heißt dies, dass sich der politische Aufbau an den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten orientieren muss. Der in den ersten Jahren unternommene Versuch, eine rechtsstaatliche Präsidialdemokratie westlichen Zuschnitts zu errichten, hat diesem Prinzip offenkundig nicht entsprochen. Ownership in Bezug auf ein politisches System bedeutet, dass an den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten des Landes angesetzt und bei der Entscheidung über das System politischer Machtverteilung die Gesellschaft mitgenommen wird. Natürlich bedeutet dies, dass in Afghanistan in wenigen Jahren keine parlamentarische Demokratie entstehen kann. Dieser Prozess hat in den Demokratien des Westens auch mehrere Generationen gedauert und wird in Afghanistan im günstigen Fall in Jahrzehnten, wenn nicht Generationen, erreichbar sein. Nachhaltige Hilfe muss dann fragen, wie sie einen solchen langwierigen Prozess begleiten kann.

Orientierung am Gemeinwohl

Es ist aus dem Gesagten deutlich geworden, dass diese politische Aufbauhilfe dem Subsidiaritätsprinzip zu folgen hat. Das Subsidiaritätsprinzip geht von der Eigenverantwortung aus und fordert Hilfe nur und insofern das afghanische Volk der unterstützenden Hilfe bedarf. Das afghanische Volk, allen voran die afghanische Machtelite, hat eine Primärverantwortung für den politischen Aufbau des Landes. Die Staaten, die sich in dem Land engagieren, sollen – dem Subsidiaritätsprinzip folgend – eine die afghanische Primärverantwortung unterstützende und helfende Funktion übernehmen. Hier sind offenkundig auf beiden Seiten in den vergangenen Jahre schwere Versäumnisse begangen worden. Wesentliche Entscheidungen über das politische System sind nicht in Afghanistan getroffen worden, sondern in westlichen Hauptstädten. Dieser Fehler ist mittlerweile im Prinzip eingesehen worden; es wird sich zeigen, ob er revidierbar ist.

Gleichzeitig werden die afghanischen Machthaber von vielen Seiten mehr oder minder deutlich gefragt, ob sie ernsthaft eine gemeinwohl-orientierte Politik für ihr Volk betreiben. Wenn man zugesteht, dass politische Partizipation unter verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen auch verschieden realisiert werden kann, so ist doch unbezweifelbar, dass Afghanistans politisches System noch weit von echter Gemeinwohl-Orientierung entfernt ist. Viele Afghanen leiden unter Klientel-Politik und dem Gruppenegoismus der Mächtigen; die offenbar allgegenwärtige Korruption ist deren hässlicher Begleiter.

Dem gegenüber müssen eine staatliche Verwaltung und Justiz aufgebaut werden, deren vornehmste Aufgabe darin besteht, eine gemeinwohl-orientierte staatliche Politik wirksam in konkrete Schritte zum Wohle der Bevölkerung umzusetzen. Die Aufgabe einer unabhängigen Justiz ist es, unparteilich Recht zu sprechen. Justitia, als Statue in vielen Gerichten präsent, trägt eine Augenbinde, damit ohne Ansehen der Person unparteilich Recht gesprochen wird. Wo, wie in vielen afghanischen Gerichten, Urteile gekauft werden können oder Gerichte nach Gutdünken verfahren, verkommt die Justiz zur Farce. Somit kommt dem Aufbau einer funktionierenden Justiz genau so eine Schlüsselrolle zu wie einer effektiven Polizei.

Wie zu hören ist, funktionieren beide staatlichen Organe, Justiz und Polizei, nicht gemeinwohl-orientiert, sondern orientieren sich an Partikularinteressen – häufig genug auch an den Eigeninteressen der Beamten nach einer ausreichenden Bezahlung, da der Staat diese nicht gewährleistet. Deshalb werden die Schutzlosen häufig auch noch von der Polizei geprellt. So erleben viele Afghanen heute ihren Staat nicht als den Beschützer ihrer Rechte, sondern als Bedrohung und Räuber des Wenigen, das sie zum Leben so dringend brauchen. Aber dies dürfen wir nicht achselzuckend oder zynisch hinnehmen. Vielmehr gilt es, in einem partnerschaftlichen, geduldigen Prozess Einfluss zu nehmen und bestehende Ansätze zu mehr gemeinwohl-orientierter Politik zu fördern. Subsidiäre Hilfe beim Staatsaufbau sollte an diese Kondition gebunden sein.

Von der Abhängigkeit zu einer selbsttragenden Gesellschaft  

Afghanistan ist heute ein Staat, der wesentlich von der finanziellen Hilfe des Auslands abhängig ist. Damit das Geld weiter fließt, ist die afghanische Regierung auf das Wohlwollen ihrer internationalen Geber angewiesen. Dadurch muss die Regierung Karsai ihre politischen Entscheidungen primär mit Rücksicht auf ihre internationalen Geber treffen, während die Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung eine deutlich  nachgeordnete Rolle spielt. Dieses ungesunde Verhältnis ändert sich erst, wenn das Steueraufkommen Afghanistans den Staat finanzieren kann. Erst dann wird die Regierung dem Volk gegenüber ernsthaft rechenschaftspflichtig, für welche Politik welches Geld ausgegeben wird. Es muss ein vorrangiges Ziel der internationalen Aufbauhilfe sein, den afghanischen Staat durch den Aufbau einer selbsttragenden Ökonomie zügig von internationaler Hilfe unabhängig werden zu lassen. Nur dann und erst dann kann sich in Afghanistan ein politisches System entwickeln, in dem die afghanische Regierung ihre Politik vor dem afghanischen Volk verantwortet, weil das afghanische Volk die politischen Mittel in die Hand bekommt, ihre Regierung wirksam zu kontrollieren.

Damit sind wir bei einem weiteren Defizit der Aufbaubemühungen in Afghanistan: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eine koordinierende Hand fehlt. Zwar mandatieren die Vereinten Nationen auch den politischen Prozess, faktisch werden sie aber von den intervenierenden Staaten nicht in die Lage versetzt, diesen Prozess wirksam zu steuern. Die vielfältige Aufbauhilfe von Staaten und Nichtregierungsorganisationen folgt keinem koordinierten Willen oder verbindlicher Absprache, sondern kann einem Hausbau ohne Architekten verglichen werden. Schon seit Gründung der Vereinten Nationen fordert unsere Kirche, dass die UN in die Lage versetzt werden, das gemeinsame Handeln der Staaten im Interesse des internationalen Gemeinwohls wirksam zu koordinieren (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes 84). Es ist der Egoismus der einzelnen Staaten, der sie an ihren Kompetenzen festhalten lässt, anstatt die Weiterentwicklung der UN zu betreiben. In Afghanistan zeigt sich die mangelnde Koordination daran, dass Milliarden an Finanzhilfen und unglaublich viel menschliche Energie verschleudert werden, ohne dass die Staatengemeinschaft ihre selbst gesteckten Ziele erreicht.

Zu den nachhaltigsten Initiativen der internationalen Aufbauhilfe gehören die Investitionen in Bildung. Wenn selbst viele Richter kaum lesen und schreiben können, zeigt dies, wie notwendig Bildung ist. Zwar sind gerade im Bildungsbereich in den vergangenen Jahren große Zuwachsraten erzielt worden, wenn wir uns aber klar machen, wie viel Zeit es braucht, um eine umfängliche Alphabetisierung des Landes zu erreichen, um ein selbsttragendes Schulsystem mit einer weiterführenden Schulbildung und nachschulischer Berufsausbildung aufzubauen, so wird schon an diesem Beispiel deutlich, dass Afghanistan noch Jahrzehnte ziviler Aufbauhilfe bedarf. Auch Deutschland hat seit 2001 gegenüber den Menschen in Afghanistan eine Verpflichtung übernommen, aus der wir uns jetzt nicht entlassen können. Wir stehen in der Verpflichtung, subsidiäre Hilfe im Maß des Geforderten so lange anzubieten, bis der Staat in Afghanistan in der Lage ist, den Menschen grundlegende Rechte zu gewährleisten.

 

Ein Beitrag des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr,
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Essen)

Interview mit Prof. Dr. Harald Müller

„Die Interventen haben den Afghanen eine Chance gegeben, die diese letztlich nicht genutzt haben.“

 

Interview mit Prof. Dr. Harald Müller, Professor für Politikwissenschaft
mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen an der Goethe-Universität, Frankfurt/Main, und zugleich Geschäftsführendes Mitglied im Vorstand
der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt/Main

 

Kompass: Die ISAF verstehen sich als eine Sicherheits- und Aufbaumission, die unter NATOFührung die Regierungen der Islamischen Republik Afghanistan bei der Herstellung von Sicherheit und Stabilität unterstützen. Die Aufstellung erfolgte mit Genehmigung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vom 20. Dezember 2001. Das Mandat für die Beteiligung deutscher Soldaten am ISAF-Einsatz wurde am 22. Dezember 2001 erteilt. Die Ziele, die mit diesem Einsatz erreicht werden sollten, galten zum damaligen Zeitpunkt als durchaus vertretbar und dies auch weit über den Deutschen Bundestag hinaus. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte – wer würde dagegen votieren? Rückblickend betrachtet: Waren die Ziele dafür formuliert, Akzeptanz zu gewinnen, und ging es letztendlich nur um die Solidarität im NATO-Bündnis mit den USA?

Harald Müller: Der Einsatz in Afghanistan entstand aus der Reaktion auf die Anschläge vom 11. September, die zu einer erweiterten Definition der Selbstverteidigung nach Art. 51 der UN-Charta durch den Sicherheitsrat führten, und zwar einstimmig: Den USA wurde das Recht zugesprochen, sich gegen das Risiko fortlaufender Terroranschläge, die von afghanischem Boden ausgingen, zu verteidigen. Die NATO schloss sich mit der Feststellung des Bündnisfalls nach Art. 5 des Atlantik-Vertrags dieser Auffassung an. Es ging also zunächst darum, die von Al-Qaida ausgehende Gefahr zu beseitigen.

Dieses Ziel wurde nur teilweise erreicht; es entstand ein Verdrängungseffekt durch das Entweichen der meisten Al-Qaida-Kämpfer, einschließlich der Führung, nach Pakistan, nachdem die USA durch mangelnde Entschlossenheit und taktische Fehler die Chance, Osama bin Laden und seine gesamte Entourage bei Tora Bora festzusetzen, versäumt hatten. Die auf der Petersberger Konferenz verfolgten, viel weitergehenden politischen Ziele einer Muster-Demokratisierung Afghanistans waren von der afghanischen Wirklichkeit weit entfernt. Sie stellten weder die lokalen Machtverhältnisse, wie z. B. Stämme, Talschaften und Warlords in Rechnung, noch kulturelle Unterschiede. Infolgedessen empfand ein Teil der Bevölkerung die als Hilfe gemeinte internationale Intervention als Kolonialisierung. Der Versuch, Stabilisierung durch eine starke Zentralregierung herzustellen, widersprach der afghanischen Tradition. Dass diese Regierung noch dazu korrupt war und durch den Zufluss erheblicher Mittel von außen auch die permanente Gelegenheit zur Korruption erhielt, erschwerte die Zielerreichung zusätzlich. In der Rückschau erscheinen die von den Soldaten zu verwirklichenden Demokratisierungsträume der Politiker als „mission impossible“. Demokratie muss von innen wachsen. Von außen lässt sie sich zumeist nicht aufpfropfen.

Kompass: Deutschland leistet, zusammen mit weiteren Staaten als International Security Assistance Forces (ISAF), mit Sicherheitskräften der Islamischen Republik Afghanistan und auf deren Wunsch, seit zehn Jahren einen für Stabilität und Sicherheit in der Region wichtigen Beitrag. Stabilität und Sicherheit alleine können noch keinen Frieden im umfassenden Sinne ausmachen. Steht am Ende der „Übergabe in Verantwortung“ ein tatsächlicher Friede in Afghanistan, oder ist zu befürchten, dass nach einem Abzug Bürgerkriege oder ähnliche Instabilitäten die Situation bestimmen werden?

Harald Müller: Stabilität und Sicherheit sind in Afghanistan und Umgebung nur unzureichend erreicht worden. Das Land ist nicht befriedet und weiterhin hochgradig fragmentiert. Es ist durchaus möglich, dass sich Vietnam wiederholen wird: Ein ausgehandelter Übergangs-Waffenstillstand, dem nach Abzug der fremden Truppen die innere Abrechnung folgt. Ob sich dann wieder eine Taliban-Herrschaft, ein neuer langwieriger Bürgerkrieg oder gar ein Zerfall des Landes ergeben wird, ist heute schwer abzuschätzen. Das unwiderstehliche Wachstum einer blühenden Demokratie ist eine eher unwahrscheinliche Alternative. Freilich ist darauf hinzuweisen, dass eine negative Entwicklung die Nachbarn Russland, China und Indien mehr betrifft als die NATO-Länder. Das Wiederaufkeimen einer Al-Qaida-Macht im Lande lässt sich vermutlich durch ständige Wachsamkeit und punktuelle Operationen mit Kommandos oder Drohnen in Schranken halten.

Kompass: Sofern sich also die Situation in Afghanistan mit dem Ende des ISAF-Mandats und nicht geglückter Nachsorge für die Menschen nicht erheblich von der Lage vor der Intervention unterscheidet oder eher schlechter ist, lässt sich dann eine über zehnjährige militärische Intervention überhaupt rechtfertigen?

Harald Müller: Die ursprüngliche Intervention war als Verteidigung gegen Gefahr im Verzuge gerechtfertigt und auch notwendig. Die nachfolgenden ehrgeizigen Staats- und Demokratiebildungspläne – vom Ergebnis her gesehen – wohl nicht. Ganz entscheidend ist doch die Frage, warum die Afghanen sich gegen die Taliban, deren Herrschaft sie angeblich nicht wünschen, nicht mit der gleichen Vehemenz zur Wehr setzen, wie die Taliban und ihre Verbündeten ihren Wieder-Eroberungskrieg führen. Die Interventen haben den Afghanen – bei allen Fehlern – eine Chance gegeben, die diese letztlich nicht genutzt haben. Und man kann Leute nicht zu ihrem Glück zwingen, wenn dabei Unglück heraus kommt – namentlich auch für die eigenen Soldaten, die immer die politisch gekochte Suppe auszulöffeln haben.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar von von Winfried Nachtwei, MdB a. D.

Übergabe in Verantwortung Was kommt nach ISAF?

Endet der Krieg in Afghanistan, wenn ISAF (International Security Assistance Force, Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) so schnell abzieht,
wie viele es in Deutschland wünschen?
Wenn dem so wäre, dann gäbe es nur eins: Raus!

von Winfried Nachtwei, MdB a. D.

Deutsche und internationale Soldaten wären dann in der Tat nicht mehr mit einem Guerillakrieg konfrontiert, es gäbe nicht weiter Tag für Tag Gefallene und Verwundete bei den Alliierten. Anhaltspunkte, dass damit aber Krieg und Terror in Afghanistan aufhören würden, gibt es nicht. Alles spricht dafür, dass bei einem Sofortabzug die Gewalt eskalieren würde – zur Taliban- Machtergreifung im Süden und Osten und zum Bürgerkrieg z. B. im Norden, aber auch über die Landesgrenzen hinaus nach Pakistan und Zentralasien. 

Entwicklungen seit zehn Jahren

Als Ende 2001 der UN-Sicherheitsrat die ISAF-Truppe mandatierte, waren die Erwartungen und Hoffnungen groß, gerade auf afghanischer Seite. Neun Jahre später ist die Erinnerung an die ersten Monate und Jahre des ISAF-Einsatzes wie ein Traum mit höchst unterschiedlichem Ende: Für einen Teil der Menschen gingen Träume in Erfüllung. Insgesamt gab es ein böses Erwachen. Denn Krieg und Terror kehrten immer stärker nach Afghanistan zurück – sichtbar in den Südprovinzen Kandahar und Helmand seit 2006, im deutschen Verantwortungsbereich in der Provinz Kunduz seit 2008/2009. Zwiespältig ist heute die Bilanz. Unbestreitbar sind die Erfolge: Der breite Zugang zu Basis-Gesundheitsdiensten, die gesunkene – aber immer noch enorme – Kindersterblichkeit, die 8 Millionen Schüler und 170.000 Lehrerinnen und Lehrer gegenüber 20.000 im Jahr 2003. Regelrechte Boomregionen sind neben der Hauptstadt Mazar-e Sharif im Norden und Herat im Westen entstanden. Aber das alles wurde zunehmend überschattet und infragegestellt durch die Ausweitung der Aufstandsbewegung, die Zunahme von Anschlägen, Gefechten und Opfern, vor allem unter der Zivilbevölkerung.

Gestartet mit vielen Illusionen, Widersprüchen und Versäumnissen musste die Internationale Gemeinschaft inzwischen erkennen: Nichts ist einfach in Afghanistan, diesem zerklüfteten, zerrissenen, vielfältigen, aber auch faszinierenden Land. Sie musste erkennen: Ein Scheitern ist möglich, so kann es nicht weitergehen.

 

Wie weiter? 

Die Vereinbarung steht: Bis Ende 2014 soll die Sicherheitsverantwortung landesweit an die afghanische Regierung übergeben werden, sollen internationale Kampftruppen abziehen können. Das ist der Wille der afghanischen Regierung und mindestens genauso der ISAFNationen. Es ist ein unumgängliches Ziel. Auf einem anderen Blatt steht, wie realistisch es ist und was es für die Menschen in Afghanistan und die regionale Stabilität bedeutet.

Die Übergabe darf nicht in einem nur aufgeschobenen Desaster münden, wo hinter westlicher „Gesichtswahrung“ ein „nach uns die Sintflut“ kommt. Sie darf nicht in einer menschenrechtlichen Konterrevolution enden. Dann wären alle schmerzhaften Opfer umsonst gewesen, dann wäre es ein weltpolitischer Totalschaden. 

Übergabe in Verantwortung heißt: Die afghanischen Autoritäten sollen eigenständig leidlich Sicherheit gewährleisten, Stützpunkte internationaler Terrornetzwerke verhindern und Distrikte einigermaßen verwalten können. Menschen- und Frauenrechte, zivilgesellschaftliche Reformkräfte müssen Luft zum Atmen haben. Es muss Raum bleiben für die Entwicklung rechtsstaatlicher Ordnung, von menschlicher Sicherheit und gerechtem Frieden.

Eine so verantwortbare Übergabe ist nur möglich mit größter Anstrengung, Ausdauer, Klugheit – und Führungsstärke:

• Größte und konzertierte Unterstützung beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte, der Förderung von Verwaltungsfähigkeiten und Staatlichkeit vor allem auf den unteren Ebenen.

• Verstärkte Bemühungen um politische Konfliktlösung unter Beteiligung auch der Zivilgesellschaft und Unterlassung aller kontraproduktiven Aktionen. Dabei ist die Einbeziehung der Region, an erster Stelle Pakistans, von ausschlaggebender Bedeutung.

• Glaubwürde Zusage einer Aufbau und Entwicklungspartnerschaft weit über 2014 hinaus, die auch Polizeiberater einschließen sollte – und Militärberater einschließen könnte. Gerade Deutschland kann hier an eine gute Entwicklungshilfe-Tradition anknüpfen, die bis heute in Afghanistan noch in bester Erinnerung ist. Wo Soldaten abziehen, schwindet oft zugleich das Unterstützungsinteresse. Deutschland und die internationale Gemeinschaft müssen deutlich machen: „Wir lassen euch nicht im Stich! Wo ihr uns wollt, werden wir euch weiter unterstützen!“

• Grundsätzlich: Die auftraggebende Politik muss mehr Mut zur Ehrlichkeit aufbringen. Frühere Aufbau-Illusionen dürfen jetzt nicht in Abzugs-Illusionen umkippen. Politik und verantwortungsvolle Bürger sollten der Versuchung widerstehen, das Thema Afghanistan 2013 im Bundestags-Wahlkampf populistisch zu missbrauchen. Mehr denn je gilt, dass der Anspruch der Soldaten auf einen klaren und erfüllbaren Auftrag endlich eingelöst wird.

Ob wirklich eine verantwortbare Übergabe zustande kommt, ist ungewiss. Soldaten und Polizisten vor Ort sind bezogen auf 2014 erheblich skeptischer als offizielle Verlautbarungen in Berlin. Große Unsicherheitsfaktoren sind Pakistan, von wo der Zustrom neuer Kämpfer und Attentäter bisher ungebrochen ist, und die innere Entwicklung bei den Aufständischen – warten sie nur ab bis 2014, oder gibt es Interesse an einem Arrangement?

Umso mehr kommt es darauf an, die noch vorhandenen Chancen zu nutzen. Bestmöglich.

    

     

KOMPASS Juli / August 2011

Der KOMPASS 07-08/2011 als Web-Paper

Kompass Ausgabe Juli / August 2011

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