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Jugend – die Fähigkeit zur Zukunft

Der Autor, Dr. Hanns-Gregor Nissing, die Referenten, Stephan Grünewald und Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, und der einladende Militärdekan, Msgr. Rainer Schnettker
In der Mitte Psychologe Stephan Grünewald mit Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, rechts daneben der Katholische Leitende Militärdekan Mainz Rainer Schnettker (Quelle: Kompass / Josef König)

Philosophisches Forum zum Thema des Weltfriedenstags 2012

„Die Jugend zu Gerechtigkeit und Frieden erziehen“, so lautet das Motto, das Papst Benedikt XVI. dem Weltfriedenstag 2012 gegeben hat. Das Krisenszenario des zu Ende gegangenen Jahres war für den Papst der wesentliche Impuls für seinen Hinweis auf die Jugend und ihre Potenziale. Doch welche Jugend hat der Papst im Blick, wenn er in ihr ein Hoffnungszeichen erblickt? Was überhaupt kennzeichnet die „Jugend von heute“? – Zum zweiten Mal veranstaltete der Katholische Leitende Militärdekan Mainz in Zusammenarbeit mit der Thomas-Morus-Akademie Bensberg am Vorabend der Feier im Kölner Dom ein Philosophisches Forum, das sich diesen Fragen widmete, um das Thema des Weltfriedenstages inhaltlich zu vertiefen.

„Wir können Jugend immer nur als ein bewegliches Phänomen und aus ihrer eigenen Lebenswelt heraus verstehen“, sagte der Psychologe Stephan Grünewald, Leiter des Rheingold-Instituts für qualitative Marktforschung, vor rund 60 Zuhörern im Offizierskasino der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn. Im Rückblick auf verschiedene Jugendstudien der vergangenen 25 Jahre konnte Grünewald eine Mentalitätswende beobachten: Zwar gilt die Jugend der 60er Jahre und 70er Jahre mit ihrem Befreiungspathos, mit Protest- und Aufbruchsgedanken immer noch als Prototyp von Jugendlichkeit. Doch bereits die Jugend der 90er Jahre war demgegenüber vom Gefühl einer umfassenden Beliebigkeit bestimmt: Von allen ideologischen Fesseln befreit, galt ihr alles als gleich-gültig und relativ, so dass sie das Leben zu einer „riesigen selbstgestrickten Spaßveranstaltung“ machte.

Die heutige Jugend nun stehe vor den Scherben dieser Relativität: Weil es nichts mehr zu geben scheint, was Halt gibt und verlässlich ist, fängt sie an, die Wirklichkeit neu zu definieren und nach Ordnung und Orientierung zu fragen. „Das Grundgefühl der Jugendlichen von heute ist von Brüchigkeit, von Zerrissenheit geprägt – familiär wie politisch.“ Statt eines Urvertrauens in festgefügte Verhältnisse ist ihr Weltempfinden von ständigen Krisen und dem Misstrauen gegen jegliches Maximierungsstreben bestimmt. Ihr Lebensideal sucht die junge „Generation Biedermeier“ daher nicht in politischen Utopien, sondern in festen Ordnungsmustern: in der Ritualisierung von Tagesabläufen, in einer neuen Treuedoktrin in Beziehungen, im Entwickeln von engmaschigen Wertekodizes. Der beherrschende Imperativ, in beruflichen wie privaten Lebensvollzügen die Kontrolle zu wahren, ist diktiert von der Angst vor dem eigenen Absturz. Daher hat, so Grünewald, das starke Setzen auf Gerechtigkeit, das die Jugend kennzeichnet, auch eine finstere Kehrseite. Ihr Gerechtigkeitsempfinden beinhaltet nicht primär eine Solidarität mit den Verlierern, sondern eher deren Stigmatisierung: Indem diese für ihr Versagen selbst verantwortlich gemacht werden, dienen sie der Selbststabilisierung des eigenen Weltbildes, in welchem demjenigen, der sich wirklich anstrengt, kein Absturz blühen kann.

„Jugend ist Hochform des Lebens – im Vorübergang“, unter diesen Leitgedanken stellte Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz vom Europäischen Institut für Philosophie und Religion (Heiligenkreuz), ihre religionsphilosophischen Überlegungen zum Thema „Leitbild Jugend“. Im Rückgriff auf die mythische und philosophische Tradition beschrieb sie das Ideal der Jugend als Kraft des Anfangs und als Fähigkeit zur Zukunft: „Klassischerweise gilt die Jugend als das Vollbild des Menschlichen, als gesteigertes Leben. Die Begeisterung wirkt in ihr am intensivsten. Sie ist Fülle der Erwartung und Trägerin einer Verheißung, denn der Horizont des Möglichen steht ihr offen.“

Allerdings lässt sich diese Dichte gesteigerten Lebens nicht konservieren: ein beständiges Meinen, immer noch im Möglichen zu stehen, wenn man längst im Wirklichen angekommen ist, und die Weigerung, sich bis ins Alter nicht festzulegen, sieht Gerl-Falkovitz daher als den problematischen Kern des „Leitbilds Jugend“, das binnen weniger Generationen an die Stelle einer Wertschätzung des Alters getreten ist: „Jung sein müssen und nur nicht alt werden dürfen, sind schwere Imperative.“ Im Hinblick auf die von Grünewald vorgestellten empirischen Ergebnisse ließe sich die Verunsicherung heutiger Jugend und ihr sehr frühes Sich-Arrangieren mit der Wirklichkeit daher als Zeichen einer nicht gelungenen Generationenbeziehung deuten: „Wenn die Eltern nicht erwachsen werden wollen und als Leitbilder versagen, müssen die Jungen früh reif sein und selbst Grenzen setzen.“

Als Alternative skizzierte sie eine Haltung, die Jugend „nicht als eine Habe, sondern als eine Gabe“ versteht: Als Geschenk können wir sie annehmen, aber nicht in Kontrolle nehmen. Hier liege zugleich auch der Anknüpfungspunkt für das neue Interesse an Religiosität, das die heutige Jugend auszeichne. In der Aufmerksamkeit für das Uneinholbare des Lebens als Gabe und in der Frage nach seinem Geber: „Unser Jungsein stammt aus einem Anfang, dem wir uns alle verdanken: ‚Gott ist jünger als alle’ (Augustinus).“

Hanns-Gregor Nissing