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Weltfriedenstag 2012

„Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“ – mit diesem Motto des Papstes für den 1. Januar 2012 und alle nachfolgenden Friedensgebete und -gottesdienste beschäftigen sich der neue „Jugendbischof“ Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, und der BDKJ-bundespräses Simon Rapp, Düsseldorf. Im Interview geht außerdem der aus Ägypten stammende Publizist Hamed Abdel-Samad auf die Jugend im „Arabischen Frühling“ ein.


 

Grundsatz: "Jugend lehrt und lernt Gerechtigkeit und Frieden"

 

von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, neuer Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz

Jedes Jahr ruft der Papst zum Weltfriedenstag am 1. Januar auf. In Deutschland wird dieses Anliegen in einer Gebetsstunde zum Weltfriedenstag aufgegriffen, jeweils am zweiten Freitag im Januar. Die diesjährige Friedensbotschaft von Papst Benedikt XVI., die sich an die Jugend richtet, lautet: „Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“. Die Initiatoren der Gebetsstunde haben durch eine eigene Übersetzung des Mottos versucht, den Aspekt des wechselseitigen Miteinanders und Lernens von Jung und Alt stärker herauszustellen, indem sie sich für den Titel „Jugend lehrt und lernt Gerechtigkeit und Frieden“ entschieden.

Als neuer Jugendbischof ist es mir ein Anliegen, einige Gedanken zu dieser Botschaft zu formulieren: Jugendliche sind in einer aufreibenden, spannenden und oft schwierigen Lebensphase. Sie wollen ihren eigenen Weg finden und sich dabei von Eltern oder anderen Bezugspersonen abgrenzen. Sie wollen ihre eigenen Erfahrungen machen, ohne die Werte, die ihnen mitgegeben wurden, aufzugeben. Oftmals scheinen Jugendliche hin- und hergerissen zu sein zwischen der Übernahme von Verantwortung und dem Ausschöpfen des Lebens. Sie stehen mitten im Spagat des Lebens, der sie aus der Kindheit ins Erwachsenenleben hineinführt. Gerade in Zeiten, in denen es keine berufliche Sicherheit und gleichzeitig scheinbar unendlich viele Möglichkeiten gibt, sein Leben beruflich wie privat zu gestalten, brauchen Jugendliche immer wieder Orientierung und Hilfe. Sie fordern Vorbilder ein, von denen sie ernst genommen werden und an denen sie sich reiben können.

Katholische Jugendarbeit leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung junger Menschen. An diesem Ort lernen Jugendliche von Erwachsenen, regen diese aber wiederum zum Nachdenken und Lernen an, weil sie sich mit ihrer ganzen Person und ihren Fragen und Forderungen einbringen.  

Wechselseitiges Lernen

Genau darauf zielt das Motto der diesjährigen Friedensbotschaft: Nicht nur Jugendliche müssen zu Frieden und Gerechtigkeit erzogen werden, vielmehr sind Jugendliche wie auch Erwachsene immer Lernende und Lehrende zugleich. Dies eröffnete bereits die Würzburger Synode in ihrem Beschluss „Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit“: „Es wäre zu wenig, wenn die Kirche an der Jugend handelte. In der kirchlichen Jugendarbeit handeln die jungen Menschen selber. Sie sind nicht nur Adressaten des kirchlichen Dienstes, sondern ebenso seine Träger. Jugendarbeit soll Mündigkeit in Kirche und Gesellschaft einüben, das kann sie umso besser, je entschiedener sie den jungen Menschen dahin führt, das Leben in Kirche und Gesellschaft selber mitzugestalten.“1
Für Erwachsene, die Jugendliche begleiten wollen, bedeutet das, vor allem Gesprächspartner zu sein: Zuzuhören und das Gegenüber als Person, die ihre ganz eigene Geschichte hat, ernst zu nehmen. Es geht darum, authentisch zu sein und Zeugnis abzulegen von dem, was uns unbedingt angeht.

Kirchliche Jugendarbeit braucht insofern vor allem das „personale Angebot“. Das bedeutet: „Entscheidend im Angebot der Kirche an junge Menschen ist, dass sie sich selbst anbietet als eine Gemeinschaft von Glaubenden bzw. von Menschen, die sich um den Glauben mühen.“2
Dabei ist die Gruppe der Gleichaltrigen für die Jugendlichen die Grundform des „personalen Angebots“. Ziel soll es sein, „möglichst viele ‚reflektierte Gruppen’ zu schaffen und helfend zu begleiten, weil diese, richtig verstanden, nicht nur Mittel zum Zweck, sondern selbst ein Ziel von Jugendarbeit sind: ein Ort, wo menschliches Miteinander mit all seinen Aufgaben und Bedingungen erfahren werden kann – und darum zuletzt auch Kirche und Gemeinde mit ihren Aufgaben und Voraussetzungen.“3

Auch in den „Leitlinien zur Jugendpastoral“, die die deutschen Bischöfe 1991 veröffentlichten, wird noch einmal fortgeschrieben, was in so verstandener kirchlicher Jugendarbeit geleistet werden kann. Die Jugendlichen sollen fähig werden, die Welt mitzugestalten und so ihre Identität auszubilden. Wo das alles geschieht, kann Jugendarbeit gelingen, die durch den Bezug auf Jesus Christus als Fundament geerdet wird: „In lebendiger Beziehung verantwortete Freiheit zur Mitgestaltung von Kirche und Welt eröffnet schließlich Perspektiven der Zukunft und Hoffnung. Jugendliche werden zu sinnvoller Lebensplanung befähigt, zum eigenverantworteten Ja zum Leben und damit zur Bewahrung der Schöpfung. Auch und gerade in der Erfahrung des Scheiterns und der Ohnmacht können sie in der Zukunftsorientierung die Chance des Neuanfangs entdecken. So können sie Jesus Christus begegnen, der zugleich der ‚Anführer’ unseres Glaubens ist und der auf uns ‚Zukommende’. Er verheißt uns gerade dann, wenn alle menschlichen Möglichkeiten sich als brüchig erweisen, Hoffnung und Zukunft.“4

Und die Bergpredigt …

In der Eigenverantwortung werden Jugendliche und Erwachsene befähigt, die Schöpfung zu wahren und in diesem Sinne Frieden zu schaffen, dadurch, dass sie Missstände nicht hinnehmen, sondern ihre Verantwortung in der und für die Gesellschaft ernst nehmen. Dass solch eine Entwicklung nicht ohne Brüche und womöglich sogar Scheitern verläuft, versteht sich von selbst. Der Bibeltext zum diesjährigen Weltfriedensgebet (Lk 6,27–36) zeigt uns genau das:

Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück.

Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

Die Feindesliebe ist wohl einer der höchsten ethischen Ansprüche, die Jesus stellt. Das Hinhalten der anderen Wange ist nicht als Nachgeben dem Angreifer gegenüber gemeint, sondern vielmehr als ein Zeichen, das ihm seine eigene Gewalt verdeutlichen soll. Die Reaktion des Hinhaltens der Wange bzw. des Überlassen des Hemdes soll den Angreifer überraschen und so im besten Fall den Kreislauf der Gewalt durchbrechen. Derjenige, der diese Forderung Jesu lebt, setzt alles auf eine Karte und riskiert zu scheitern.

Jesus selbst ist diesen von ihm geforderten Weg bis zum Ende gegangen. Das anfängliche Scheitern durch den Kreuzestod wird gewendet in der Auferstehung, die den Tod übersteigt. In seiner Nachfolge sind wir Christinnen und Christen dazu berufen, ebenso alles zu tun, uns gegen Missstände und Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Dort wo menschliche Kraft überschritten wird, bleibt uns die Hoffnung, dass am Ende alles gewendet wird.

Friedensbotschaft

Diese Botschaft ist eine, die sich an Jung und Alt gleichermaßen richtet. Frieden und Gerechtigkeit können sich nur in einem Miteinander entwickeln und wachsen. Wo Jugendliche und Erwachsene sich als Personen ganz einbringen, kann wirklich Friede sein. Ein „Klassiker“ aus dem Bereich des Neuen Geistlichen Lieds „Keinen Tag soll es geben“ bringt es auf den Punkt, wenn er beschreibt: Es braucht helfende Hände, Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, die gemeinsam wachsende Kraft und Hoffnung sowie den beseelenden und Leben schenkenden Geist Gottes. So wünsche ich uns allen, die wir uns für den Frieden im Alltag, in unserem Land und in der Welt einsetzen: „Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.“

 

Quellennachweise:

• 1 Bertsch, Ludwig u. a. (Hg.): Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Beschlüsse der Vollversammlung. Offizielle Gesamtausgabe 1, Freiburg i. Br. 21976, 290.

• 2 Ebd. 298.

• 3 Ebd. 301.  

• 4 Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Leitlinien zur Jugendpastoral, Bonn 1991, 14.

 

Interview mit Hamed Abdel-Samad

Die jungen Menschen können Freiheit nicht essen!

„Die jungen Menschen zur Gerechtigkeit und zum Frieden erziehen“ – so lautet das Thema, das Papst Benedikt XVI. für den 45. Weltfriedenstag gewählt hat. 
Diese zentrale Botschaft ist ungemein wichtig. Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden reagiert damit auch auf den „Arabischen Frühling“.

 

Kompass: Herr Abdel-Samad, in großen Teilen der arabischen Welt hat ein soziopolitischer Wandel stattgefunden, in dem besonders Jugendliche eine tragende Rolle spielen. Zum ersten Mal hat die Jugend offen über Polizeigewalt, Armut und Jugendarbeitslosigkeit gesprochen und laut bezeugt, dass sie politische Teilhabe will. Hat die Wirksamkeit der Umbrüche Ihrer Meinung nach ihren Grund in der Dynamik der vor allem jungen Protestierenden?

Hamed Abdel-Samad: Ja, natürlich spielt das eine zentrale Rolle. In der arabischen Welt, vor allem in Nordafrika, haben wir folgende demographische Situation: 65–70% der Menschen sind unter 30 Jahre alt. Die Jugend von heute ist zwar besser gebildet als früher, hat aber weniger politische Erfüllung. Viele wollen anders leben, fi nden aber keine Strukturen, in denen sie politische oder wirtschaftliche Erfüllung finden können. Dazu kommt Polizeigewalt und Unterdrückung. Und diese jungen Menschen sind nicht von der Welt isoliert, wie vielleicht die Generation ihrer Väter und Großeltern, sie sind durch das Internet mit der Welt gut vernetzt. Man weiß, was in Europa und Amerika passiert, was Demokratie ist. 2008 wurde in Amerika ein Präsident gewählt – die jungen Araber haben sich gefragt: Warum darf in Amerika der Sohn eines kenianischen Einwanderers Präsident werden? Warum durften die Amerikaner in den letzten 30 Jahren fünf verschiedene Präsidenten wählen und abwählen, während in Ägypten nur ein einziger Präsident da war wie in Libyen, im Jemen, in Tunesien. Da hat sich die junge Generation politisiert, hat die eigene Situation, die eigene politische Lage in Frage gestellt. Daher kommt auch diese Umwälzung.

Kompass: Ist die Jugend demnach vergleichbar mit der europäischen Jugend, mit ihrem Blick auf die Welt? Sie schreiben in Ihren Publikationen von den alten Identitätsmustern, in denen genau diese Jugend aufgewachsen ist. Sie schreiben von der Erziehung zu Hass und Selbstverwirklichung. Wie stehen die reellen Chancen, dass eine breite, von Respekt geprägte Partnerschaft zustande kommen kann?

Hamed Abdel-Samad: Sagen wir es mal so: Diese Revolution war so etwas wie ein politisches Erdbeben und hat viele alte Häuser zum Einsturz gebracht – aber viele alte Häuser sind nach wie vor stabil und sind nicht gestürzt. Ein Erdbeben kann nicht garantieren, dass neue bessere Häuser entstehen. Aber was wir haben, ist, dass der versteinerte Boden in der arabischen Welt neu gepfl ügt wird. Da kommt natürlich alles raus, auch was lange in der Gesellschaft versteckt war. Es waren nicht immer schöne Sachen versteckt. Die Kreativität der jungen Menschen, die positive Energie auf der einen, aber auf der anderen Seite auch die alten, versteckten Krankheiten der Gesellschaft, sind jetzt ausgebrochen. All das durfte nicht unter dem Deckel der Diktatur ausbrechen, aber jetzt entfaltet sich beides.
Deshalb haben wir einen inneren „Kampf der Kulturen“ – den Begriff kennen wir nur in Bezug auf die arabische, islamische Welt gegenüber dem Westen. Aber der wirkliche Kampf der Kulturen befi ndet sich innerhalb der Gesellschaft, zwischen den unterschiedlichen Kräften. Es gibt nicht nur die demokratisch gesinnte, gut vernetzte Jugend, sondern auch die indoktrinierte Jugend, die veralteten religiösen Muster, die verhärteten Positionen vor allem in Bezug auf den Westen, die Verschwörungstheorien, den Hass. All das kämpft gegeneinander in der neuen Gesellschaft und dieser Kampf geht weiter.
Jung bedeutet nicht automatisch demokratisch, liberal und westlich orientiert. Es gibt auch viele junge Menschen, die für radikal-religiöse Gruppen in den Wahlen gestimmt haben, weil sie meinen, das sei ihre Identität. Es ist der Kampf zwischen Öffnung und Isolation, zwischen Zuwendung zur Welt oder Selbstverherrlichung und nach wie vor Erziehung zu Hass.

Kompass: Deutschland hat eine Geschichte mit diversen Brüchen. Sie leben seit 16 Jahren in Deutschland. Wenn Sie unsere jüngere Geschichte betrachten, sagen wir seit 1989, dann gibt es auch innerhalb unserer Gesellschaft neue Spannungen. Was denken Sie, inwiefern kann Europa oder – vielleicht sogar besonders – Deutschland mit seiner Geschichte eine tragende Rolle spielen?

Hamed Abdel-Samad: Der Vergleich der Umbrüche in der arabischen Welt mit den Ereignissen von 1989 ist gut, aber nicht nur in positiver Hinsicht. Hier erweitere ich den Blick und bleibe nicht nur bei Deutschland.
Es kam 1989 nicht nur zu positiven Umbrüchen in Deutschland und den osteuropäischen Staaten, sondern es kam auch zu Umbrüchen in den ex-sowjetischen Republiken, die nach dem Sturz des Kommunismus in die Freiheit entlassen wurden. Auf der einen Seite haben wir positive demokratische Entwicklungen und Wohlstand – auf der anderen Seite Länder wie Weißrussland, Usbekistan, Turkmenistan, die zentralasiatischen Republiken. Dort kam es nicht zu einer demokratischen Veränderung und bald kamen die alten Eliten wieder an die Macht, in neuen Gewändern. Die Länder zerfielen in politische Energien, soziale Gerechtigkeit ist nach wie vor ein Fremdwort, es gibt eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich.
Der Unterschied war für mich, dass Europa bei den einen geholfen hat, diesen Prozess mitgestaltet hat – in Ländern wie Polen, Tschechien, Ungarn –, auch massiv finanziell unterstützt hat, daraus ist das neue Osteuropa entstanden. Bei den anderen war keine Unterstützung da und keine Hilfe. Das meine ich, ist die Lehre, dass ein Umbruch nicht an sich gut ist und keine Veränderung garantiert, sondern es kommt darauf an, was man will.
Die massiven strukturellen Probleme in den Ländern wie Ägypten, Marokko oder Libyen sind vor allem wirtschaftlicher Natur. Ein Land wie Ägypten mit 85 Millionen Menschen, mit 70% Menschen unter 30 Jahren, mit 40% Jugendarbeitslosigkeit noch dazu – die wirtschaftliche Basis ist kurz davor zusammenzubrechen, die Touristen kommen nicht, die ausländischen Investoren haben das Land verlassen. Ägypten hat kein Erdöl, womit das Land die Menschen ernähren kann. Das könnte eine Katastrophe werden.
Die jungen Menschen können Freiheit nicht essen! Sie brauchen neue wirtschaftliche Strukturen, Arbeit, damit sie begreifen können, dass Freiheit sich lohnt. Gibt es keine Unterstützung, kann es passieren, dass die alten Eliten es wieder schaffen an die Macht zu gelangen. Europa ist leider im Moment viel zu stark mit sich selbst beschäftigt. Das kann man verstehen, mit der Rettung des Euros. Aber langfristig sollte Europa begreifen, dass die arabische Welt, vor allem Nordafrika, strategisch wichtig ist, nicht nur für die Erdölversorgung und als Absatzmarkt, sondern darüber hinaus in seiner wirtschaftlichen und politischen Tiefe. Der Absatzmarkt wird schwächeln, wenn die Wirtschaft in Ägypten und in anderen Staaten sich nicht positiv entwickelt. Die jungen Menschen brauchen Ausbildung und Arbeitsplätze, dann entsteht eine Mittelschicht, die für die Stützung der Demokratie wichtig ist, aber auch für eine positive Entwicklung und Wohlstand in der Gesellschaft. Wenn Wohlstand sich dort etabliert, profi tiert Europa automatisch.
Da komme ich wieder auf den Vergleich von 1989: Länder wie Frankreich und Deutschland haben am meisten bezahlt für die wirtschaftliche Infrastruktur in Osteuropa. Damals haben viele Leute in den Ländern protestiert, dass man zu viel bezahle. Jetzt ist Osteuropa Hauptwirschaftsmotor für Europa. Die meisten Exporte gehen nach Osteuropa und man profi tiert sehr viel davon. Das gleiche gilt für die arabische Welt. Wenn diese Entwicklung nicht stattfindet, ist das extrem gefährlich. Wenn viele Millionen von jungen Menschen keine Erfüllung finden, dann bleiben sie natürlich nicht zu Hause, sondern versuchen auch nach Europa zu kommen.
Dann müssen wir uns mit dramatischen Szenen konfrontieren. Entweder öffnet man die Türen in Europa für die Menschen, das wäre eine Belastung, wenn man die Situation im Moment sieht, oder man lässt die Leute zurück, oder lässt sie ertrinken im Mittelmeer – das sind dramatische Szenen, die wirtschaftlich und moralisch nicht tragbar sind.

Das Interview führte Barbara Ogrinz.

 

Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler, Historiker und Publizist, studierte in Kairo und Augsburg. Nach Anstellungen an den Universitäten in Erfurt und Braunschweig war er am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München tätig.

 

Kommentar von BDKJ-Bundespräses Pfarrer Simon Rapp

Weltfriedenstag 2012:„Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“

Es ist erst wenige Monate her, dass ich in einem Interview zu den Gewaltexzessen von Jugendlichen in Londoner Stadtteilen befragt wurde. Immer wieder kam dabei die Kritik an den jungen Menschen auf, die nur auf Gewalt aus seien und eine Situation genutzt hätten, um „die Sau rauszulassen“. Diese Theorie passte in ein Bild, das sich viele Erwachsene von „den Jugendlichen“ machen. Jugendliche die sich Tag und Nacht mit Killerspielen im Internet berauschen, um dann bei erster Gelegenheit auf die Jugend allgemein einzuschlagen. Nach den Hintergründen wurde nur wenig geforscht.

Ein völlig anderes Bild ergab nur wenige Monate vorher der sogenannte „arabische Frühling“: Scheinbar ohne jegliche Vorwarnung gingen vor allem junge Menschen in arabischen Staaten auf die Straßen und forderten ein Ende von Unterdrückungs-Regimen und Unrecht. Es waren junge Menschen ohne Perspektiven, die den Auslöser für diese Bewegung gaben, die sich binnen weniger Wochen von einem Staat in den anderen fortsetzte. In Tunesien und Ägypten lief es weitgehend friedlich ab, in Libyen und Syrien mit monatelangen Kämpfen. Hier wird es spannend, wie die Entwicklung weitergeht.
Wir erleben, wie verschiedene Interessengruppen das entstandene Machtvakuum für ihre Zwecke nutzen wollen: das Militär genauso wie die bisherige Elite; verschiedene politische oder religiöse Gruppierungen streiten sich um die Vorherrschaft ebenso, wie es auch vielfältige wirtschaftliche Interessen an diesen Ländern gibt. Doch gerade in Ägypten können wir beobachten, dass es wieder die jungen Menschen sind, die auf die Straße gehen, um für ihre Interessen einzutreten. Und diese Interessen sind nicht Macht und Geld, sondern zuerst Freiheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Zukunftsperspektiven.

Gerechtigkeit schafft Frieden

Gerechtigkeit und Frieden sind bei ganz vielen jungen Menschen weltweit ein hohes Gut, für das sie sich einzusetzen bereit sind. Denn sie fi nden oft eine andere Lebenswelt vor, die ihnen von Erwachsenen präsentiert wird: Kriege, bei denen es oft auch um wirtschaftliche Interessen geht; ungerechter weltweiter Handel, der auf dem Rücken der Armen nur den Reichen nützt; nachhaltige Umweltzerstörung aus kurzfristigen Erwägungen eines Vorteils heraus; die auch bei uns größer werdende „soziale Schere“, wo Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden. Auch ist die wachsende Zahl von sogenannten „benachteiligten Jugendlichen“ zu bedenken, die den Anschluss an die gesellschaftlichen Grundlagen wie Bildung und Wohlstand verloren haben. In all dem liegt viel Sprengstoff.

Dagegen lehnen sich heute viele junge Menschen weltweit auf. Ich erlebe sogar, dass gerade die junge Generation ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat. Beschlüsse und Richtungsentscheidungen im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und seinen Mitgliedsverbänden kommen aus dieser Perspektive junger Menschen: Gerechtigkeit als Friedensdienst beginnt bei uns selbst!
Als nach dem II. Weltkrieg in Deutschland die katholische Jugendarbeit wieder aufgebaut und die meisten unserer heutigen Jugendverbände gegründet – bzw. wiedergegründet – wurden, stand gerade die Entwicklung einer friedliebenden Gesellschaft im Mittelpunkt.
In der Präambel der ersten BDKJ-Bundesordnungen wird darauf hingewiesen, dass die Erfahrungen des Dritten Reiches, die Demütigung und Unterdrückung, aber auch das Erleben von Zerstörung, Flucht und Tod die katholische Jugendarbeit herausfordert, zu einer neuen Werteerziehung der nachfolgenden Generation beizutragen.


Friedenserziehung – früher und heute

Selbst nach fast 70 Jahren äußerem Frieden in unserem Land lässt die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit nicht los. Doch der Horizont hat sich erweitert: Es geht heute nicht mehr nur darum, Krieg zu verhindern, sondern schon jetzt an einer Gesellschaft mitzuwirken, die Chancengleichheit
und Gerechtigkeit als Grundkonstante hält. Darin sehe ich auch das jahrzehntelange Engagement in der Entwicklungspolitik, in der Bildungsarbeit der „Aktion Dreikönigssingen“, im Blick auf benachteiligte Jugendliche in unserem Land, oder auch die Mitwirkung in der Deutschen Bundeswehr durch die „aktion kaserne“, einer Initiative aus den Reihen der katholischen Jugendverbände, die sich im BDKJ zusammengeschlossen haben.

Beim Motto des Weltfriedenstags 2012 „Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“ würde ich sehr gerne das Wort „Junge“ weglassen, denn es ist eine Herausforderung für alle Generationen, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen; und für die heute Verantwortlichen ist es die Aufgabe, durch eigenes Handeln der jungen Generation ein Vorbild zu sein.

 

    

     

    

     

Kompass Januar 2012

Kompass_01_2012.pdf

Weltfriedenstag 2012 - „Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“ – mit diesem Motto des Papstes für den 1. Januar 2012 und alle nachfolgenden Friedensgebete und -gottesdienste beschäftigen sich der neue „Jugendbischof“ Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, und der BDKJ-Bundespräses Simon Rapp, Düsseldorf. Im Interview geht außerdem der aus Ägypten stammende Publizist Hamed Abdel-Samad auf die Jugend im „Arabischen Frühling“ ein.

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