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Auf ein Wort

In dieser Rubrik kommen regelmäßig Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger zu Wort. Sie äußern sich ganz persönlich zu Anlässen aus dem Kirchenjahr oder dem allgemeinen Jahreslauf und notieren Gedanken, die ihnen aktuell bei ihrer Arbeit als Militärpfarrer, Pastoralreferent oder -referentin gekommen sind.
In den Artikeln geben die Autorinnen und Autoren ihre Meinung über das jeweilige Thema wieder und regen zum eigenen Nachdenken an.

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„Ein Stern, der seinen Namen trägt“ Autor: Militärdekan Bernd F. Schaller, aus: Kompass 12/2012

Ein Stern, der seinen Namen trägt

Leuchtende Sterne in Weihnachtsdekorationen und Straßenschmuck begegnen uns in der Advents- und Weihnachtszeit ganz selbstverständlich. Sterne aus verschiedenen Materialien dienen als stilvolle Beigaben zu Geschenken. Der Bayerische Rundfunk führt schon seit Jahren in der Adventszeit die Aktion „Sternstunden“ durch, in der bedürftigen Menschen Hilfe in schwierigen Situationen zukommt. Gemäß dem Song von DJ Ötzi, „Ein Stern, der deinen Namen trägt“, bieten Firmen und Sternwarten gut betuchten Interessenten an, gegen nicht zu geringe Zahlungen Sterne nach ihnen zu benennen. Sterne also all überall, eine Selbstverständlichkeit, die zu Weihnachten gehört wie die Plätzchen und die stimmungsvollen Lieder. Doch was sagt uns der Stern wirklich noch, außer, dass er als schmückendes Accessoire dient?

 

Ein Blick in den Nachthimmel macht sehr schnell deutlich, dass Sterne die Dunkelheit erhellen und die Orientierung erleichtern. Sternbilder haben darüber hinaus die Menschen zu allen Zeiten fasziniert und noch heute wird über das Sternzeichen, in dem ein Mensch geboren wird, heftig spekuliert.

 

Gottes Sternzeichen

Mit der Geburt Christi ist für uns Menschen eine ganz besondere „Sternstunde“ angebrochen. „Seht ein Stern ist aufgegangen, denen die in Nacht gefangen“, so stellt es ein altes Weihnachtslied dar. In Christus ist die Nacht der Menschheit durchbrochen worden durch den Glanz des dreifaltigen Gottes und hat eine neue Art der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ermöglicht.

 

Im Matthäus-Evangelium berichten die Sterndeuter: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Auch heute sind Menschen auf der Suche nach dem wirklichen Sinn des Lebens. Papst Benedikt XVI. sagt dazu: „Helft den Menschen, den wirklichen Stern zu entdecken, der uns den Weg zeigt: Jesus Christus.“ Er fordert uns als Christen auf, mit unserem Leben für die Suchenden in unserer Welt zu Sterndeutern zu werden, hinzuweisen auf den, der Licht und Leben in Fülle gebracht hat und immer wieder neu bringen will. Gerade in Zeiten, in denen die Dunkelheiten von Kriegen, Naturkatastrophen, Hungersnöten, Wirtschafts- und Finanzkrisen und nicht zuletzt vielen psychischen Belastungen Menschen ihren Alltag und ihre Existenz verfinstern, ist das Bedürfnis nach Wärme, Licht und tragfähiger Zukunftsperspektive ausgeprägter als je zuvor.

 

Ich wünsche uns allen, dass uns immer wieder das Licht der Weihnacht in unserem Leben aufgeht, jener helle Morgenstern, der uns, die auf der Suche sind, mit seinem Glanz erfüllt und Orientierung auf unseren Lebenswegen schenkt: Gottes Sohn, Jesus Christus.

Militärdekan Bernd F. Schaller, Katholisches Militärpfarramt Berlin I, Julius-Leber-Kaserne

"Martinus – Soldat, Mönch und Bischof" Autor: Johannes-W. Martin, Standortpfarrer für Ummendorf im Nebenamt (i. N.) und Stadtpfarrer, Neu-Ulm, aus: Kompass 11/2012

Das offizielle Martinus-Bild der Diözese Rottenburg-Stuttgart zeigt diesen Traum des Diözesanpatrons: in der Mitte der Offizier Martinus, bekleidet mit dem roten Mantel, dessen einen Teil am rechten unteren Bildrand der Bettler in Händen hält, den anderen Teil am oberen linken Rand umfasst Jesus selbst. Der Mantel durchzieht das ganze Bild: das rote Band der Liebe; bekräftigt durch ein Spruchband: „mit diesem Mantel hat Martinus, der Taufbewerber, mich bekleidet“ (vgl. Mt 25,36.40) Mantelteilung des hl. Martin, oberdeutsch, um 1440;
© Diözesanmuseum Rottenburg

Geblieben ist die Tat der Liebe

Jahr für Jahr wird am Abend des 11. November des heiligen Martinus’ gedacht. Hoch zu Ross führt der Offizier eine Lichterprozession von Kindern mit ihren bunten Laternen an. Dann wird ein Ereignis nachgespielt, das sich im Winter des Jahres 334 vor den Toren der Stadt Amiens ereignete: Martinus, ein Gardeoffizier der römischen Reiterei, mit Soldaten unterwegs, sieht am Wegesrand einen frierenden Bettler. Kurz entschlossen teilt er seinen weiten Mantel und gibt die Hälfte dem Bettler. Sulpicius Severus, der Leben und Wirken des Heiligen beschreibt, überliefert auch den Traum, den der Reiteroffizier in der folgenden Nacht hatte: siehe Bild (vgl. Mt 25,36.40).

Im Jahr 317 wurde Martinus in der römischen Garnisonsstadt Sabaria (Szombathely/Ungarn) geboren; aufgewachsen in Pavia, wo er – gegen der Willen seiner Eltern – Kontakt zur christlichen Gemeinde suchte. Auf Druck seines Vaters musste der junge Martinus die Offizierslaufbahn einschlagen. An Ostern 334 empfing er das Sakrament der Taufe. In diese frühe Zeit fallen das Ereignis der Mantelteilung und etwa zwei Jahre später sein Entschluss, künftig als Soldat nur noch Christus zu dienen. So tritt er vor den Kaiser Julian Apostata und will seinen Militärdienst aus christlicher Überzeugung quittieren, was mit dem Vorwurf der Feigheit abgelehnt wird. Unbewaffnet – nur mit dem Zeichen des Kreuzes –, sagt Martinus, wolle er bei der nächsten Schlacht seinen Mut und mehr noch seinen christlichen Glauben bezeugen. Aus dem Heer entlassen, geht er zu Bischof Hilarius von Poitiers. Beeindruckt vom Vorbild, dem Leben und den Predigten dieses Bischofs, lebt Martinus an verschiedenen Orten als Einsiedler, errichtet bei Ligugé eine Einsiedelei, aus der das erste Kloster des Abendlandes hervorgeht. 371 wird Martinus vom Volk zum Bischof von Tours gewählt. Der Legende nach will er sich diesem Amt durch Flucht, versteckt auch in einem Gänsestall, entziehen. Das Mitte November beliebte Martinsgans-Essen und die kleinen Hefegänschen, die die Kinder nach dem Martinsspiel erhalten, gehen auf diese Legende zurück. Als Bischof von Tours gründete er die berühmte Abtei Marmoutier und lebte weiterhin – soweit das möglich war – als Mönch und Einsiedler. Er prägte Diözese, Volk und Klerus durch Visitationen und Synoden, Predigten und Bildungsangebote, durch sein Auftreten gegen die Irrlehre des Arius und sein Geschick, Streitigkeiten zu schlichten, seine asketische Bescheidenheit sowie seinen Kampf gegen das Böse. Im hohen Alter, müde und krank, möchte Bischof Martinus sterben; auf die Bitten seiner Priester gibt der die Antwort: „Heimkehren möchte ich zu Christus; wenn jedoch mein Einsatz hier noch vonnöten ist, dann weise ich die Arbeitslast nicht von mir“. Ins nahe Candes gerufen, um dort einen Streit unter dem Klerus zu schlichten, stirbt der beliebte Bischof am 8. November 397, seinem ausdrücklichen Wunsch gemäß auf nackter Erde. In seiner Bischofsstadt Tours wird Martinus am 11. November 397 beigesetzt. Seine Verehrung erfuhr weite Verbreitung. Viele frühe Kirchen haben Martinus als ihren Kirchenpatron und viele Menschen als Namenspatron, so auch Martin Luther, der am 10. November 1483 geboren und am folgenden Tag auf den Namen des Tagesheiligen Martinus getauft wurde. Neben all diesen vielen Leistungen ist vor allem die Tat eines einzigen Augenblicks geblieben: die Tat der Liebe. Martinus, der Soldat, „der später Mönch und Bischof wurde, verdeutlicht wie eine Ikone den unersetzlichen Wert des individuellen Liebes-Zeugnisses“ (Papst Benedikt XVI., Deus caritas est).

Johannes-W. Martin,
Standortpfarrer für Ummendorf im Nebenamt (i. N.) und Stadtpfarrer, Neu-Ulm

"Auch Hauptleute können Heilige sein!" Autor: Militärpfarrer Stephan Frank, aus: Kompass 10/2012

Warum behaupte ich so etwas? Weil in der Bibel, im Matthäus-Evangelium, über einen Hauptmann berichtet wird (Matthäus 8,5–13).

Was wird erzählt?

Der Hauptmann hatte Jesus gebeten, er solle seinen Diener, der gelähmt zu Hause liegt und große Schmerzen hat, heilen. Und Jesus sagte zu ihm: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Da antwortete der Hauptmann: „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.“ Mt 8,7–8

Der Hauptmann hat also allen Mut, alle Hoffnung, allen Glauben zusammengenommen, Jesus zu fragen, zu bitten, dass er seinen Diener heilt. Er, der es gewohnt ist zu befehlen, bittet Jesus für seinen kranken Diener. Und zum Hauptmann sagte Jesus: „Geh! Es soll geschehen, wie du geglaubt hast.“ Und in derselben Stunde wurde der Diener gesund. Mt 8,13

Ein Glaubenszeugnis der besonderen Art: Der Römer bittet Jesus, er vertraut Jesus. Mit seiner Antwort ist der Hauptmann von Kafarnaum bis heute weltberühmt geworden, denn diese Worte werden in jeder Hl. Messe – leicht verändert – gesprochen. „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Worte, die mich ansprechen?

Paulo Coelho hat diese Textstelle aus dem Neuen Testament in seinem Buch „Der Alchimist“ wunderbar aufgegriffen: Ein Mann hatte zwei Söhne, der eine war Soldat, ein Hauptmann, der andere Schriftsteller; er wollte, dass wenigstens einer seiner Söhne weltberühmt wird. Er dachte dabei an den Schriftsteller. Aber der Hauptmann ist weltberühmt geworden. Dieser römische Legionär hatte von Jesus gehört, dass er Kranke heilt, und so begab er sich tagelang auf die Suche nach diesem Mann, dem Sohn Gottes. Er erzählte ihm von seinem kranken Diener. Gleichgültig, was ein Mensch tut, er steht jederzeit im Mittelpunkt der Weltgeschichte, doch meist weiß er es nicht. Der Hauptmann war sich bewusst, dass er Stärken und Schwächen hat. Er war sich auch gerade seiner Schwächen bewusst. Und hier liegt seine Stärke, sich zu kennen, sein ganzes Vertrauen auf Jesus zu setzen. So wie der Hauptmann gewohnt ist, Befehle zu erteilen, die befolgt werden, so erwartet er, dass es bei Jesus genauso sein wird.

Besondere Menschen?

Wir wissen natürlich aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, so zu leben, dass andere mit mir zufrieden sind oder ich selbst es bin. Immer wieder gelingt dies bestimmten Menschen. Sie sind in besonderer Weise sich selbst, dem Nächsten und Gott ganz besonders nahe. Die Kirche nennt solche Menschen Heilige. Heilige, die etwas Besonderes, oder – die das ganz Normale außergewöhnlich tun. Mitten in unserer Welt sind sie. Wenn die katholische Kirche zu Allerheiligen am 1. November aller Heiligen gedenkt, dann sicherlich der Menschen, die uns durch ihr Tun und Leben ein besonderes Beispiel gaben und geben. Wir dürfen natürlich besonders an die Menschen denken und ihnen danken, denen wir uns gerade im Alltag verbunden wissen. Mitten unter uns. Ich danke allen Soldatinnen und Soldaten, die selbstverständlich füreinander da sind!

Zum Autor: Militärpfarrer Stephan Frank, Katholisches Militärpfarramt Hammelburg

"Carpe noctem – Nutze die Nacht" Autor: Militärdekan Dr. Dr. Michael Gmelch, aus: Kompass 09/2012

Carpe diem, so heißt es bei Ovid. Nutze den Tag: Steh morgens mit dem Hahnenschrei auf und geh abends beizeiten ins Bett. Vertue deine Zeit nicht. Sei fleißig und strebsam und vor allem: Mach die Nacht nicht zum Tag, damit du morgen früh wieder fit bist. Darin steckt eine Lebensweisheit. In südlichen Ländern schaut dies jedoch etwas anders aus: In der sommerlichen Mittagshitze hält man Siesta, kommt erst am späten Nachmittag wieder auf Touren, sitzt in der angenehmen Kühle der Nacht noch lange draußen und goutiert das Leben. Dafür läuft am nächsten Morgen der Betrieb auch viel später wieder an. Abgesehen von Temperatur und Mentalität gibt es aber noch andere Gründe, die uns veranlassen können zu sagen: Die Nacht ist nicht immer nur zum Schlafen da. Vielmehr: du könntest so manches verpassen, wenn du die eine oder andere Nacht nur verpennst. Heute gibt es immer mehr lifestylige Restaurants, Lounges, Events, die mit dem Motto „Carpe noctem" Lust auf die Nacht machen wollen.

Die Nacht hat ihren eigenen Charme und ihre eigene Qualität

Dies kann man z. B. während der Soldatenwallfahrt in Lourdes erleben. Da gilt mit Sicherheit: carpe diem und carpe noctem. Da sind die Tage lang und die Nächte auch. Lourdes bei Nacht: Die Lichterprozession mit tausenden von Kerzen – eine Stimmung mit Gänsehautfaktor, die die Seele erreicht und bei Tag so nicht zu machen wäre. Die nächtliche Stille an der Grotte mit der ihr eigenen spirituellen Tiefe! Aber auch: das ausgelassene Feiern bis ultimo, Partylaune auf der kleinen Brücke über den Gave, Soldaten „aller Herren Länder" verbrüdern sich, verstehen sich jenseits von Sprachgrenzen.

Carpe noctem! Warum muss das manchmal so sein? Vieles spielt eine Rolle: Das Zeitgefühl ist anders als bei Tag. Da lässt man eher los, gibt sich den Dingen hin. Kommt man raus aus der Zwangsjacke des täglichen Kalküls. Der reflektierende Geist macht Platz für die Phantasiebilder der Seele. Die berechnende Tagesvernunft wird ins Reich der Träume verbannt. Die rationalen Beobachter, analytischen Kritiker und moralisierenden Kontrolleure, die wir alle sein können oder müssen, dürfen erst am nächsten Morgen wieder zu ihrem Recht kommen.

Nächte in der Religion

All dies gilt auch für Nächte, die wir im Glauben erleben. Es muss Nacht sein, so sagt es die liturgische Rubrik für die Osternacht, wenn wir das neue Feuer entzünden und uns erinnern an die Nacht des Auszugs, die Nacht der Befreiung. Die Heilige Nacht, so nennen wir Weihnachten – die Nacht der Menschwerdung Gottes. Das letzte Abendmahl wird in der Nacht gefeiert, nach dem Auffunkeln des Abendsterns gemäß jüdischer Sitte. Die Kirche lädt uns ein zu einer Nacht, die man wachend und betend am Gründonnerstag verbringen sollte. Nacht bricht herein, sagt die Bibel, als Jesus stirbt. Die Nacht der Auferstehung, „frühmorgens, als es noch dunkel war" ist die bedeutendste des Christentums.

„Nacht" in der Bibel ist mehr als eine Zeitansage. Die Nacht ist auch ein Ort des Handelns Gottes und ein möglicher Zugang zur Erahnung seines Geheimnisses.

Auch die Nacht eröffnet uns Chancen, die der Tag so nicht kennt! Carpe noctem! Ich wünsche nicht nur immer wieder eine Gute Nacht, sondern: eindrucksvolle, phantastische, lebenswerte und liebenswerte, stille, besinnliche, magische, feiervolle, unvergessliche ... Nächte.

Zum Autor: Militärdekan Dr. Dr. Michael Gmelch, Katholisches Militärpfarramt Flensburg

"Glück! Pech! Wer weiß das schon?" Autor: Militärpfarrer Stephan Frank, aus: Kompass 07-08/2012

Heute möchte ich Ihnen eine Geschichte vorstellen, die wahrscheinlich aus China stammt und mich sehr anspricht. Ein befreundeter Priester hat sie mir einmal erzählt. In verschiedenen Situationen gibt sie mir Zeit zum Nachdenken:
Ein wildes Pferd lief einem Bauern zu. Die Bewohner des Dorfes kamen zu ihm und sagten: Mensch, hast du ein Glück, ein wildes Pferd ist dir zugelaufen! Der Bauer antwortete: Glück! Pech! Wer weiß das schon?

Eines Tages lief das Pferd in die Berge. Alle Nachbarn kamen und bedauerten den Bauern: Mensch, so ein Pech! Der Bauer entgegnete: Glück! Pech! Wer weiß das schon?

Einige Tage später kehrte das Pferd zusammen mit einer Herde wilder Pferde aus den Bergen zurück. Diesmal gratulierten alle Bewohner des Dorfes dem Bauern zu seinem Glück. Er antwortete: Glück! Pech! Wer weiß das schon?

Der Sohn des Bauern versuchte, die wilden Pferde zu zähmen. Er fiel dabei und brach sich ein Bein. Jeder aus dem Dorf kam und bedauerte den Bauern. Mensch, hast du ein Pech. Dein Sohn wird wohl nie mehr richtig laufen können. Auch hier antwortete der Bauer: Glück! Pech! Wer weiß das schon?
Einige Wochen später marschierte die Armee in das Dorf ein und nahm alle gesunden jungen Männer mit, die sie finden konnte. Nicht so den Sohn des Bauern mit seinem gebrochenen Bein.

Wieder versammelten sich die Leute vor seinem Haus. Der Bauer schaute nachdenklich in die Gesichter der Dorfbewohner, dann sagte er:  Es tut uns Menschen gut, weiter und tiefer zu sehen, als es euch bisher gelungen ist. Durch ein Schlüsselloch schaut ihr euer Leben an und meint das Ganze zu sehen. Keiner von uns weiß, wie das Ganze aussieht. Wir erleben im ersten Augenblick ein Unglück, das sich später als Glück herausstellt. Wieder in einer anderen Situation erleben wir Glück, das sich später als Unglück herausstellt. Sagt einfach: Unsere Männer ziehen in den Krieg und dein Sohn bleibt zu Hause. Was daraus wird, weiß keiner von uns. Und jetzt geht nach Hause und teilt die Zeit mit-einander, die euch bleibt.

 

Zum Autor: Stephan Frank ist Militärpfarrer im Katholischen Militärpfarramt Hammelburg

"Aufgeschlossen für Neues" Autor: Militärpfarrer Romanus Kohl, aus: Kompass 06/2012

Beim Vorbereiten des Sonderzuges 2 in Hamburg habe ich als Leiter des Pilgerzuges einen unscheinbaren kleinen Vierkantschlüssel erhalten. Wofür dieser Schlüssel gut war, wusste ich: mein Abteil verschließen oder öffnen. Aber auf der Zugfahrt nach Lourdes habe ich erfahren, dass ich mit dem Schlüssel manche „Räume" öffnen konnte, die mir normalerweise verschlossen geblieben wären. Ich hatte auf der Pilgerreise immer wieder sogenannte „Schlüsselerlebnisse".

Das Bild des Schlüssels möchte ich übertragen auf unsere Soldatenwallfahrt nach Lourdes. Mancher unter uns ist zum ersten Mal auf einer Wallfahrt. Vieles ist fremd, Gebetsformen und Texte unbekannt. Man braucht einen Schlüssel, der das Neue aufschließt und verstehbar macht. Es bedarf der „Schlüsselereignisse".

Was kann so ein Schlüssel für das Erschließen einer Wallfahrt oder etwas mir Unbekanntem sein? Es kann vielleicht eine Person sein, die mir eine Sichtweise für das Neue eröffnet, die mir Unverstehbares verstehbar macht. Auch eine Veranstaltung, ein Gottesdienst, eine Predigt, ein Gebetstext, der mich anspricht, kann mir einen unbekannten Raum erschließen. Es ist meistens ein Impuls von außen, der öffnet und erschließt. „Schlüsselerlebnisse" geschehen nicht von innen heraus.

Ostern, Pfingsten und darüber hinaus 

Dies gilt nicht nur für Ereignisse in unserem Alltag oder in Sondersituationen wie einer Wallfahrt. In der Bibel finden wir immer wieder Menschen, die in einer besonderen Lage sind. Sie brauchen jemanden, der ihnen neue Perspektiven eröffnet, Räume des Denkens und Handelns erschließt. In den Evangelientexten der Osterzeit hören wir immer wieder von Schlüsselereignissen und -erlebnissen. Da sind Menschen aus ihren Träumen und Hoffnungen gerissen worden durch den gewaltsamen Tod der Person, der sie am meisten vertraut hatten. Für die sie alles stehen- und liegengelassen hatten: Jesus von Nazareth.

Nun ist der dritte Tag, seit dem das geschehen ist. Alltag, der erste Tag der Arbeitswoche. Die Frauen gehen zum Grab, um den letzten Liebesdienst für ihren Herrn und Meister zu vollziehen. Die Botschaft, die ihnen die Engel am leeren Grab verkünden, können sie nicht begreifen. Sie brauchen „Schlüsselerlebnisse".

Jesus selbst wird zum Schlüssel für Maria Magdalena. Er schließt ihren Raum der Traurigkeit und Verlassenheit auf, indem er sie mit ihrem Namen liebevoll anspricht. So wie er sie immer angesprochen hat: „Maria". Durch diese persönliche Ansprache schließt Jesus ihr durch Trauer verschlossenes Herz auf. Nun ist ihr Herzensraum geöffnet. Sie kann begreifen, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern in das Leben zurückgeholt wurde. Maria Magdalena versteht, dass ihr Lieben und Hoffen, Vertrauen und Glauben nicht ins Leere gelaufen ist. Für sie ist Jesus zum „Schlüsselerlebnis" geworden.

Nun kann auch Maria selbst Schlüssel für andere sein, indem sie zu den Jüngern geht und ihnen die Botschaft Jesu verkündet, sie aus ihrer Angst und Isolation herausholt.

In den Osterevangelien finden wir viele „Schlüsselerlebnisse". Immer wieder ist es Jesus, der für die Frauen und Männer des Jüngerkreises zum „Schlüsselerlebnis" wird. Am Pfingsttag ist es der Heilige Geist, der den Aposteln den Abendmahlssaal, den Raum der selbstgewählten Isolation, aufschließt. Pfingsten wird zum „Schlüsselerlebnis" der jungen Kirche.

Auf der Zugfahrt nach Lourdes ist mir der Vierkantschlüssel in seiner Einfachheit zum wichtigen Begleiter geworden. In unserem Leben brauchen wir immer wieder „Schlüsselerlebnisse" oder „Schlüsselpersonen", die uns Räume des Unbekannten aufschließen. Aber auch wir können selbst zu „Schlüsselpersonen" für andere werden. Ich wünsche Ihnen viele „Schlüsselerlebnisse" oder „Schlüsselpersonen" auf Ihren eigenen Lebenswegen – nicht nur auf Wallfahrten, nicht nur auf den Wegen der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes.

Zum Autor: Romanus Kohl ist Militärpfarrer im Katholischen Militärpfarramt Seedorf

"Zeit der Entscheidung" Autor: Militärdekan Marcus Wolf, aus: Kompass 05/2012

In der Tradition der Kirche gibt es eine Hilfe bei der Suche nach Entscheidungen: „et…et: sowohl…als auch“. Das eine tun, ohne das andere zu lassen.
Gerade in zwischenmenschlichen Fragestellungen können damit häufig komplizierte Probleme einfach und gut gelöst werden. Das ist eine sehr heilsame Grundeinstellung. Vieles lässt sich integrieren und einladend gestalten. „Sowohl als auch“ kann aber auch feige sein. Wenn ich keinen Abschied nehmen, nicht verzichten will. Wer nein sagt, macht sich unbeliebt. Wer will schon eine Zurückweisung? Da wird aus einem „et…et“ nicht selten ein „neque…neque: weder…noch“. So verweigert man eine Position.

Entscheidungen sind nicht leicht. Der Soldat trifft beispielsweise in kurzer Zeit Entscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten können. Aus sicherer Entfernung beobachtet der Staatsanwalt – der ist jedoch noch berechenbarer als die öffentliche Meinung. Den Veränderungen der Truppe folgt auch die Militärseelsorge. Sie befindet sich ebenfalls in Umbrüchen – die letzte Gesamtkonferenz der katholischen Militärseelsorger und Militärseelsorgerinnen stand unter dem Thema: „Den Wandel gestalten“. Die „Woche der Begegnung“ des Katholikenrates hatte dieses Thema sogar schon 2010. Welche Entscheidungen müssen getroffen werden?
Ohne in die Alltagspolitik einzusteigen, kann nun schon seit Jahrzehnten beobachtet werden, wie wir mehr ausgeben als wir haben. Dabei geht es uns doch gut. Das ist ein Raubbau an der Zukunft, oft aus Feigheit vor der Entscheidung. Es fällt mir schwer, hier überhaupt Unschuldige zu benennen. Doch geht es gar nicht um Anklage. Im persönlichen Bereich gibt es das ebenso, das ist dann Raubbau an den eigenen Kräften. Menschen muten sich mehr zu, als sie zu leisten in der Lage sind.
Freizeitbeschäftigungen und zu deren Finanzierung angefangene Nebenjobs laugen etliche aus. Für eine gewisse Zeit kann es ab und an sogar sinnvoll sein, sich mehr zuzutrauen – und als Erfahrung der eigenen Grenzen wird es zur Herausforderung und Ansporn. Auf Dauer wird der Mensch jedoch dabei krank. Frei nach Watzlawik stelle ich folgende These in dem Raum: „Man kann nicht nicht entscheiden.“ Auch wenn ich meine Entscheidung verschleppe, geht es weiter. Jedoch bleibe ich dann passiv, anstatt selber zu gestalten.
Ich gestalte, indem ich entscheide, was (mir) wichtig ist. Es entsteht eine Rangordnung. Indem ich etwas bevorzuge, sage ich aus, das eine ist nicht gleich wichtig wie anderes. Es ist nicht gleich-gültig. Dafür ist mancher Abschied endgültig. Ein Ja hat Folgen, nur so setze ich Prioritäten. Wo ich eine Wahl habe, da wähle ich immer das eine aus und anderes ab. Zum Ja gehört ein Nein. Das verlangt im Vorfeld eine angemessene Entscheidungsfindung und in der Durchführung sowohl Mut als auch Standfestigkeit.

Der religiöse Mensch ist konfessionell. Das heißt, er bekennt. Bekennendes Leben ist immer entschiedenes Leben. Wenn wir ohnehin nicht nicht entscheiden können, dann brauchen wir ja nur den Schritt zu gehen, aktiv zu entscheiden. Ich gestalte selber. Und ich mache die Erfahrung: es geht.


Zum Autor: Militärdekan Marcus Wolf, Katholisches Militärpfarramt Hamburg II an der Führungsakademie der Bundeswehr

"Aus dem Leben eines Schulkindes - Österliche Gedanken" Autorin: Pastoralreferentin Carola Lenz, aus: Kompass 04/2012

Streit hat es gegeben in der Schule. Nun aber schnell mit dem Fahrrad nach Hause! Da, plötzlich, steht Benny da, mitten im Weg. Der große Benny, der doch eigentlich schon in der fünften Klasse sein müsste. Und ich bin auch noch so ungeschickt und kriege die Bremse nicht rechtzeitig! Auf einmal bricht es aus ihm heraus: Er will mich anzeigen, die Polizei holen, weil ich ihn angefahren habe, mit Absicht … Die Tränen kommen von ganz allein; ich wollte das doch nicht. Ich kann gar nichts mehr sagen, so traurig bin ich und wütend. Er ist sooo ungerecht! Und jetzt tritt er mich – und mein Fahrrad. Immer wieder tritt Benny gegen die Speichen. Ich glaube, die sind ganz verbogen. Beinahe wäre ich abgestürzt! Da kommt die Mama von Nico. Sie schimpft mit Benny und ich kann losflitzen. Endlich. Rasend schnell fahre ich nach Hause.

Sonst bin ich so stolz, wenn Mama noch nicht da ist. Dann darf ich alleine aufschließen und manchmal sogar Baby-Gläschen essen, Spaghetti Bolognese! Aber heute ist es komisch. Der Streit. Die Wut. Die Angst … Ich schließe auf, stelle den Tornister hin und hänge meine Jacke an den Haken. Ganz heiß ist mir vom Fahren und von der Aufregung. Das Telefon klingelt. Ich renne auf Socken hin. Es ist nicht meine Mama, sondern die von Nico. Nein, meine Mama ist noch nicht da, sage ich, und dass ich hier alleine bin und auf sie warte. Sie will ihr von dem Vorfall erzählen, teilt Nicos Mutter mir mit. Ja gut, wenn sie kommt, sage ich es ihr, sie ruft dann gleich an, versichere ich ihr und drücke den Knopf mit dem roten Hörer.
Hasi, mein Freund, darf beim Essen zuschauen. Er ist ein Plüsch-Hase und wohnt in Mamas Bett. Deswegen riecht er wie sie. Ich hole ihn in die Küche. Er hört genau zu. Alles will er wissen.
Soll ich jetzt Mama anrufen? Nein, sagt Hasi, ich soll sie nicht anrufen, weil wir beide das alleine schaffen. Er ist mein Freund. Mit Hasi zusammen bin ich mutig. Jetzt schmecken auch die Spaghetti wieder lecker. Ich putze alles leer. Und da kommt auch Mama nach Hause. Welche Erleichterung!


So weit der Erfahrungsbericht eines Drittklässlers.


Im Markus-Evangelium wird sogar Jesus geprüft, wie stark er ist, innerlich. Er wird vom Geist in die Wüste geschickt. Gleich nach der Taufe im Jordan. Da gehen auch alle Gefühle hin und her, Wut, Stolz, Angst, Traurigkeit … So ist das in der Wüste. Und er geht durch die Passion, hin zur Auferstehung. Das kann man nur schaffen, wenn man einen echt starken Partner hat. Stark und verlässlich. Sein Partner ist Gott. Mit ihm ist er sehr vertraut. Und auch Jesus kneift nicht. Er steht es durch, bis er endlich voller Überzeugung sagen kann: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Welche Erlösung!
Was meinen Sie? Können Sie etwas lernen aus Ihrem Leben – oder aus dem Ihrer Kinder?
Ich wünsche Ihnen gesegnete Kar- und Ostertage!


Zur Autorin: Pastoralreferentin Carola Lenz, Katholisches Militärpfarramt Bremerhaven

"Eiszeit, Fantasie und Träume" Autor: Militärpfarrer Peter Bellinghausen, aus: Kompass 03/2012

Am 13. Februar dachte wohl jeder der Teilnehmer der Ökumenischen Dienstbesprechung im Norden an die „Costa Concordia“, jenes Kreuzfahrtschiff, über dessen dramatische Havarie vor der toskanischen Insel Giglio im Januar ausführlich berichtet wurde. Tote und Verletzte sind zu beklagen, vermisste Passagiere werden immer noch gesucht und bei widrigen Umständen gilt es eine Umweltkatastrophe ab-zuwenden. Außerdem hat wohl jeder von einer verantwortungslosen Schiffsleitung gehört – an deren Spitze ein Kapitän, der durch sein Verhalten allgemeine Fassungslosigkeit hervorrief.

Auf schwankendem Boden

An besagtem 13. Februar bestiegen wir, evangelische und katholische Militärseelsorger, in Kiel das Deck eines großen Fährschiffes. Die „Color Fantasy“ sollte uns auf dem Weg nach Oslo und zurück als Tagungsstätte dienen, was an Werktagen im Winter auch aus Kostengründen attraktiv erscheint.
„Color Fantasy“ lässt sich frei übersetzen mit „bunte Träume“. Ein bunter Haufen sind wir schon, keinesfalls nur schwarz/weiß, evangelisch/katholisch differenzierbar, sondern höchst individuell, wie das in beiden Kirchen feststellbar ist, obwohl so oft die Einheit beschworen wird. Es gibt viele, die diesen Zustand beklagen. – Ich war jedenfalls froh, auf dem Schiff „der bunten Träume“ unterwegs zu sein und nicht auf der „Costa Concordia“, deren Name übersetzt etwa „Gestade der Eintracht“ lautet.

Was trägt das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“?

Sollen wir uns etwas vormachen? Um die Ökumene ist es in unseren Tagen nicht sonderlich gut bestellt, sagen viele, auch in der Militärseelsorge. Eine ökumenische Eiszeit sei ausgebrochen, ist zu lesen. Auch diesen Zustand illustrierte die Reise auf der teilweise zugefrorenen Ostsee. Bisweilen rumorte es am Schiffsrumpf aufgrund eisiger Schollen, die vorbeirutschten, aber völlig harmlos waren.

So verbrachten wir die Zeit, „eingepfercht im Schiffsbauch“ tagend, alltägliche Dinge besprechend, sozusagen ganz und gar geeint durch eine Wirklichkeit, die uns vorgegeben ist – die auch an Land bestimmend sein sollte. Man kann sich dort nur leichter über sie hinwegtäuschen. Das Schiff ist ein biblisches Bild für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, sogar ein Bild für unseren Planeten, auf dem jeder unterwegs ist, in der Hoffnung, dass da was trägt.
Von dem, was trägt, zu erzählen, ist unsere Aufgabe als Seelsorger in all den Gesprächen mit Menschen, die sich vor irgendeinem Schiffbruch ängstigen oder denen sogar der Untergang droht. Das, was dann Halt gibt, ist immer eine glaubwürdige Beziehung, letztlich auch die Beziehung zu Gott, in der wir getragen sind wie ein Schiff im Wasser.

Kein Kreuzzug, nicht einmal eine Kreuzfahrt

Es ist eine sonderbare Situation. Die Soldaten unterscheiden nicht mehr nach der Kirchenzugehörigkeit ihrer Seelsorger. Sie stecken uns alle „in einen Sack“, oder – um im Bild der Seefahrt zu bleiben – sie sehen die Vertreter des lieben Gottes allemal auf einem „Kreuzfahrtschiff“. Dahinter könnte man Gleichgültigkeit vermuten, mangelnde Konfessionsbindung, die Verdunstung des Glaubens gar … Vielleicht spricht sich darin aber mehr aus, ein viel tieferer Glaube, als der, den die Bekenntnisse in klug gesetzte Worte zwängen. Der Glaube, dass die bunte Welt mit allen Farben und mit den schillerndsten Charakteren gewollt ist – evangelisch, katholisch, ja, auch die individuelle Farbnuance, die jeder Einzelne zum Leuchten bringt. Geeint nicht irgendwo an einem „Gestade der Eintracht“ irgendeines geistigen Hafens, sondern auf hoher See umbrandet und geeint von der Wirklichkeit des Lebens, getragen von IHM, der uns zu sehr „bunten Träumen“ einlädt.

Zum Autor: Militärpfarrer Peter Bellinghausen, Katholisches Militärpfarramt Kiel

"Warum sind in Ihrem Gürtel drei Knoten?" Autor: P. Robert Jauch OFM, aus: Kompass 02/2012

Wenn Franziskus von Assisi (1181/82–1226) wirklich eine lichtvolle Erscheinung der Geschichte war, wie der Titel der Paderborner Ausstellung behauptet, dann müsste es doch möglich sein, die Spuren dieser schier unversiegbaren, geistlichen Lichtquelle heute noch auszumachen. Besucher des Diözesanmuseums mit seinen eindrucksvollen Exponaten und Modellen, mit seinen illuminierten Handschriften, Skulpturen und Gemälden rund um den „Poverello“ und die von ihm ausgelöste kirchliche Bewegung sind eingeladen, auch zum Paderborner Franziskanerkloster zu kommen. Unter dem Titel „Unser Kloster ist die Welt“ (Zitat aus der Ordensregel des Heiligen) ist im Kreuzgang des Klosters auszugsweise
dokumentiert, wie sich franziskanisches Leben und Wirken im 19. und 20. Jahrhundert entfaltet hat.
 
Mit der Industrialisierung und herausgefordert durch die „Soziale Frage“, haben die Franziskaner und die sich neu bildenden franziskanischen Schwesterngemeinschaften auf die Not der Zeit und der Menschen reagiert. Waisenhäuser, Schulen, Krankenhäuser usw. wuchsen in jener Zeit quasi wie Pilze aus dem Boden. Beseelt vom Gebot der christlichen Caritas, halfen Brüder und Schwestern der franziskanischen Orden, gingen zudem in Missionsgebiete in Übersee, kümmerten sich in der Heimat um alle möglichen Randgruppen, betreuten Strafgefangene, leisteten Dienste als Soldaten, Sanitäter und Feldgeistliche sowie als Rotkreuzschwestern, bis in neuerer Zeit in der Obdachlosenarbeit und der Armenspeisung, in Diasporagemeinden und bei Volksmissionen.
In der bunten Vielfalt der im Kloster angeschnittenen Themenbereiche wird deutlich, dass das „Licht aus Assisi“ unverminderte Leuchtkraft besitzt, wenn auch die Mitgliederzahlen der Orden in Deutschland insgesamt rapide sinken. Dabei ist das wertvolle kontemplative Leben der Klarissen (Die hl. Klara von Assisi, 1193/94–1253, gründete zu Lebzeiten des hl. Franziskus diesen bis heute existierenden Frauenorden.) nicht einmal in der Ausstellung erwähnt. Auch den weltweit agierenden sogenannten Dritten Orden (Männer und Frauen als Laiengemeinschaften, die dem Vorbild des hl. Franziskus verpflichtet bleiben) werden manche vermissen und nur am Rande erwähnt finden.
Gleichwohl lohnt sich ein Besuch der Ausstellung. Im Kloster besteht nämlich die Möglichkeit, mit Ordenschristen ins Gespräch zu kommen, die Rede und Antwort stehen. Diese Begegnungsmöglichkeit ist von der Konzeption der Ausstellung aus gewollt: Ein agiles und erfahrenes Team im Diözesanmuseum in Verbindung mit einem tatsächlich existierenden („lebendigen“) Kloster und die Möglichkeit, Fragen, die sich aus dem Besuch der Ausstellung ergeben, konkreten Ordensleuten zu stellen. Das kann zu einer tiefen Nachdenklichkeit über das eigene Leben führen, über das, was uns heute allgemein als wichtig und erstrebenswert erscheint. Da kommen oft erst vordergründige Fragen („Warum sind in Ihrem Gürtel drei Knoten?“), aber es entwickeln sich auch Gespräche zu den Inhalten der Gelübde („Warum ehelose Keuschheit, Armut, Gehorsam – heute noch?“ – „Wie leben Sie das?“ – „Wie sichern Sie Ihren Unterhalt?“).

So kann ein Museumsbesuch für den, der etwas Zeit und Interesse mitbringt, zu einer nachdenklich stimmenden Konfrontation mit den eigenen Werten und Lebensentscheidungen werden. Da leuchtet ein „Licht aus Assisi“ bisweilen auch meine dunklen Seiten aus und vermag mein Leben zu erhellen. Herzliche Einladung dazu! „Bruder Immerfroh“ – so nennt man Franziskus, die Ernsthaftigkeit seines Lebens mit Christus manchmal etwas verharmlosend – hält bis heute seine Interpretation von Froher Botschaft für jeden bereit, der sich auf ihn, seine Geschichte und seine doch zeitlose Spiritualität einlässt.

P. Robert Jauch OFM

Bis 6. Mai 2012 steht das Diözesanmuseum im Zeichen der Ausstellung: „Franziskus – Licht aus Assisi". Ergänzend dazu zeigt das Franziskanerkloster Paderborn die Ausstellungseinheit „Unser Kloster ist die Welt". Im Fokus steht das Engagement der franziskanischen Gemeinschaften in Kirche und Gesellschaft vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Weitere Informationen im Internet unter: http://www.dioezesanmuseum-paderborn.de

"Frieden muss getan werden" Autor: Heinrich Dierkes, aus: Kompass 01/2012

Ging es Ihnen auch so? Zum Heiligen Abend und zum Neuen Jahr gab es viele Grußkarten, auf denen nicht nur ein „gutes“, ein „gesegnetes“ oder auch ein „besinnliches“ Weihnachtsfest gewünscht wurde. Wieder und wieder konnte ich auch ein „gutes“, ein „gesegnetes“ oder auch ein „friedvolles“ Jahr 2012 lesen. Ein „friedvolles“ Jahr – ja, das wäre schon schön, wenn wir endlich überall von einem „Jahr des Friedens“ sprechen könnten. Es gab nämlich auch 2011 in den Nachrichten am Weihnachtsfest Bericht um Bericht aus den Kriegs- und Krisengebieten unserer Welt. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ – diese Botschaft aus der wunderschönen „Weihnachtsgeschichte“ bei Lukas ist nach wie vor eher Hoffnung als Realität, ist mehr Verheißung als reales Geschehen. Jahr für Jahr also ein entmutigender Neuanfang? Auftakt mit Hoffnungslosigkeit?


Eine kleine Geschichte. Über den Frieden.
Der Rat der Tiere hatte sich versammelt, getagt und beschlossen: Unter den Tieren soll Friede herrschen. Darum schickten die Ältesten des Rates eine Taube in die Welt, als Botin des Friedens, die diesen Beschluss überall verkünden sollte.
„Das ist gut“, sagte der Hirsch, als er die Botschaft vernahm, senkte sein Geweih, um seinen Rivalen aus dem Revier zu vertreiben.
„Das ist gut“, meinte der Fuchs, als er die Botschaft hörte und rannte davon, um einen Hasen zu schlagen.
„Das ist gut“, antwortete der Hund, als er die Botschaft vom Frieden in der Tierwelt hörte und lief fauchend und bellend auf seine Widersacherin, die Hauskatze, zu. Die Taube des Friedens kehrte betrübt zum Rat der Tiere zurück und berichtete, was sie erlebt und gesehen hatte.
Da steckten die Ältesten und Weisen ihre Köpfe wieder zusammen und beratschlagten von neuem. Sie überlegten lange und fassten dann einen weiteren Beschluss. „Wir werden“, verkündeten sie, „für den Frieden kämpfen.“

Erziehung zum Frieden

„Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“ ist in diesem Jahr der Weltfriedenstag überschrieben. Es ist gute Tradition, dass der jeweilige Papst den kirchlichen Weltfriedenstag, der am 1. Januar auf der ganzen Welt begangen wird, unter ein Leitwort stellt. Und so geht es 2012 um eine Erziehung zum Frieden, um die Erfahrung, dass „Friede“ eingeübt und „unterrichtet“, dass er in jedem Fall erfahren und getan werden muss. Lippenbekenntnisse allein reichen da überhaupt nicht! Die Tiere in der kleinen Geschichte finden „Friede“ toll – das eine oder andere mag vielleicht auch schon überlegt und berechnet haben, wo da die persönlichen Vorteile zu finden seien. Aber als es dann darum geht, den Frieden auch zu leben, ihn zu tun und somit auch Vorbild zu sein, da verfallen sie doch wieder in die alten Rollenmuster. Auch hier: „Frieden“ hätten wir schon ganz gern – aber erst einmal sollen doch die anderen damit anfangen und in ihrem eigenen Bereich so leben. „Junge Menschen zu Frieden und Gerechtigkeit erziehen“. Die Jugend ist die Zukunft der Welt. Sie muss lernen, Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen, Frieden und Gerechtigkeit zu leben. Damit spricht Papst Benedikt XVI. die Jugend direkt an und nimmt sie auf der einen Seite in die Pfl icht, ihre Verantwortung für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt wahrzunehmen.
Andererseits würdigt er aber auch die Leistung, das Engagement der Jugend, an einer friedlicheren Welt mitzubauen. Hier ist wichtig: Ohne neue Ideen und ohne neue Wege, die durch die Kreativität und den Mut der Jugend gefunden werden – erinnert sei hier an die ungeheure Macht des „arabischen Frühlings“ – ist eine friedliche und gerechte Zukunft kaum denkbar.

Der Friede muss aber eben auch getan, er muss gelebt werden. „Das ist gut“ zu bestätigen und anschließend doch in die alten Rollenmuster von Unfrieden und Gewalt zu verfallen, wird den Frieden kaum aufrichten. Gerechtigkeit und Friede in meiner eigenen, kleinen Umgebung, in meiner Familie, an meinem Arbeitsplatz, in meiner Kaserne, in meiner Kirchengemeinde wäre schon einmal ein Anfang für ein friedliches Jahr 2012.

Und dafür lohnt jeder Einsatz – auch und gerade der Einsatz der Jugend der Welt: „Herr, mach MICH zu einem Werkzeug deines Friedens ...“

Heinrich Dierkes, Katholisches Militärdekanat Erfurt