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Alle Jahre wieder

Der Schwerpunkt im Dezember 2011 liegt auf Advent und Weihnachten. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Bischöflichen Hilfswerks „Adveniat“ werden u. a. Bräuche und Probleme in Lateinamerika zu dieser Zeit beschrieben. Der Kommentar befasst sich mit einem Stück „Weltgeschichte“ des Jahres 2011 und im Geburtsland Jesu. Und die zebis-Direktorin Dr. Veronika Bock nennt Entwicklungen und Pläne in der ethischen Bildung für 2012 und darüber hinaus.

 


 

Grundsatz: „Welche Krise? – Wir haben immer Krise!“

 

Weihnachten in Lateinamerika

von Stefanie Hoppe, Bischöfliches Hilfswerk „Adveniat“


„Alle Jahre wieder“, denkt Doña Emilia aus Asunción in Paraguay, als sie das gute Geschirr und die schöne Tischdecke aus dem Schrank holt und den Einkaufszettel schreibt. Die Liste ist lang, denn am Tisch wird die paraguayische Großfamilie sitzen, mindestens zwanzig Personen; Onkel und Tanten aus dem Landesinnern werden auch zum Fest in die Hauptstadt kommen ...

„Alle Jahre wieder“, seufzt der zehnjährige Roberto in Barahona, Dominikanische Republik. Er packt die neuen Turnschuhe unter dem glitzernden Weihnachtsbäumchen aus Plastik im ärmlichen Wohnzimmer seiner Großmutter aus. Seine drei kleineren Geschwister jubeln noch über die vielen bunten Päckchen. Die „Abuelita“ erzieht die vier Kinder ihrer Tochter alleine und hat sich dieses Jahr besondere Mühe mit den Geschenken gemacht. Sie weiß, dass Roberto sich zwar über die schicken Treter freut, aber viel lieber wäre es ihm, wenn seine Mutter zu Weihnachten und Heilige Drei Könige bei der Familie in der Karibik wäre. Aber die Mutter lebt schon seit drei Jahren in Spanien als Kindermädchen und Putz-frau im Haushalt einer spanischen Familie. Da sie als alleinerziehende Mutter ihre Kinder in der Dominikanischen Republik nicht mehr ernähren konnte, wanderte sie nach Spanien aus. Nun schickt sie jedes Jahr von dort einen dicken Scheck in die tropische Karibik, damit wenigstens die Großmutter mit den Kindern ordentlich feiern kann. Denn wenn Roberto schon keine Mutter in der Dominikanischen Republik hat, dann hat er wenigstens neue Turnschuhe ...

Familie und Krise

Wie in Deutschland, so ist Weihnachten in Lateinamerika – trotz unterschiedlicher Temperaturen und Gebräuche – ein Fest der Familie. Wer wie Roberto keine komplette Familie hat, der wird von den Nachbarn im Viertel und besonders von Menschen in seiner Pfarrei aufgenommen. Auch wenn es in vielen Ländern der südlichen Halbkugel im Dezember und Januar hochsommerlich heiß ist, so schränkt das die Begeisterung für das Fest nicht ein: Weihnachten ist gerade in Krisenzeiten – und in Lateinamerika leben viele Menschen in Dauerkrise, also in Armut und ohne Aussichten auf eine gesicherte Zukunft – wieder einmal eine Möglichkeit, dass alle zusammenkommen, feiern, Geschenke austauschen und sich gegenseitig Gutes wünschen, je lauter, bunter und fröhlicher, desto besser!

„Alle Jahre wieder“: Während in Deutschland so manche Familie in Anbetracht der Wirtschafts- und Finanzkrise überlegt, was man sich zu Weihnachten 2011 leisten kann, würde die lateinamerikanische Durchschnittsfamilie er-staunt fragen: „¿Que crisis?– siempre estamos en crisis!“ – „Welche Krise? – Wir haben immer Krise!“ Denn mit Krisen kennen sich die Lateinamerikaner aus. Und das, obwohl es auf makroökonomischer Ebene vielen Ländern dieses Subkontinents besser geht. Das Wirtschaftswachstum in Ländern wie Brasilien und Chile ist beachtlich, die Preise für Rohstoffe, über die gerade die andinen Länder wie Kolumbien, Peru, Bolivien und Ekuador verfügen, boomen und der Handel mit China wächst. Die politischen Verhältnisse sind dank Sozial- und Bildungsprogrammen für die Ärmsten und dank halbwegs demokratischer Regierungen einigermaßen stabil. Die Statistiken weisen eine Verringerung der Armut im Vergleich zum letzten Jahrtausend auf, trotzdem lebt über die Hälfte der lateinamerikanischen Bevölkerung in Armut und schlägt sich im informellen Sektor in ungesicherten Arbeitsverhältnissen durch. Die Menschen nehmen – je nach Land – ihre Situation als zunehmend von Gewalt und ungleichen Einkommensverhältnissen geprägt, wahr.
Ähnlich wie in Europa, tragen Feste wie Weihnachten dazu bei, die Dauerkrise in vielen Familien auszublenden und Kraft für das neue Jahr und neue Herausforderungen zu schöpfen. Traditionen spielen dabei eine große Rolle. Die meisten Weihnachtsbräuche – wie der Tannenbaum, die Krippe, das Essen und die Geschenke – stammen aus Europa und mischen sich heutzutage mit Konsumgewohnheiten aus den Vereinigten Staaten. Die Migration gerade vieler Mittelamerikaner in die USA und die mediale Präsenz der USA in Lateinamerika haben dazu geführt, dass Weihnachten in Lateinamerika mit zunehmendem Konsumverhalten verbunden ist.

Besondere Bräuche

Einige Weihnachtsbräuche sind trotzdem anders als in Europa und eben typisch lateinamerikanisch, so dass es sich lohnt, sie genauer vorzustellen: In Mexiko sind in der Vorweihnachtszeit die „Posadas“ sehr beliebt. Es sind farbenfrohe Umzüge, bei denen vom 16. bis zum 24. Dezember die Herbergssuche von Maria und Josef nachgestellt wird. Neun Familien bieten ihre Häuser für die „Posada“ an. Die beiden Figuren werden von Haus zu Haus getragen, in einem Wechselgesang bittet eine Gruppe um Einlass ins Haus, während die andere Gruppe von drinnen antwortet.
Nachdem den Pilgern Einlass gewährt worden ist, dürfen die beiden Figuren auf einem speziell für sie hergerichteten Hausaltar bis zum nächsten Tag „ausruhen“. Mit den Nachbarn im Viertel betet man im Haus den Rosenkranz und es werden Weihnachtslieder gesungen. Danach trinken alle „Ponche“, einen aus Orangen, Birnen, Guaven, Tamarinden, Gewürzen und Brandy bestehenden heißen Punsch, dessen Wirkung das Fest fröhlich und laut werden lässt.                       
Die Franziskaner-Missionare, die im 16. und 17. Jahrhundert Mexiko christianisierten, hatten beobachtet, wie die indianische Bevölkerung zum Geburtstag des aztekischen Kriegsgottes Huitzilopochtli Umzüge machte. Der Kriegsgott wurde durch Maria und Josef ersetzt, es kamen Süßigkeiten und Leuchtraketen dazu, während die Christen die indianischen Symbole der Feier wie Blumen, Tanz, Musik und Opfergaben übernahmen.

Zu jeder ordentlichen Weihnachtsmesse gehört in Mexiko auch die „Piñata“. Ursprünglich war es ein Tongefäß, das an Seilen vom Kirchendach herabgelassen wurde. Die „Piñata“ ist mit Erdnüssen, Mandarinen und Süßigkeiten gefüllt. Mit einem Stock und verbundenen Augen dürfen zuerst die Kinder, dann die Erwachsenen nach der „Piñata“ schlagen. Sie fällt mit lautem Getöse auf den Kirchboden und zerbricht. Unter Lachen und Freude wird der Inhalt eingesammelt und gegessen. Die „Piñata“ hat ihren Ursprung in China. Marco Polo, der venezianische Kaufmann und Entdecker, brachte die „Piñata“ von China nach Europa. Und von dort reiste sie mit den spanischen Missionaren nach Lateinamerika. Hier ersetzte sie den heidnischen Brauch zu Ehren des Kriegsgottes Huitzilopochtli. Die Missionare nutzten diesen Brauch zur christlichen Missionierung: Die von ihnen damals verwendete „Piñata“, heute meistens aus Pappkarton, ist ein rundes Gefäß mit sieben Hörnern, die für die sieben Todsünden stehen. Der süße Inhalt symbolisiert die welt-lichen Verführungen. Das Schlagen mit verbundenen Augen nach der „Piñata“ steht für den aufrichtigen, aber blinden Glauben. Vor dem Schlagen wird die Person 33-mal im Kreis gedreht, um sie zu verwirren. Diese Zahl entspricht dem Lebensalter Jesu Christi. Der Stock, mit dem die „Piñata“ zerschlagen wird, steht für die Tugend, die schlagenden Personen für die Kraft, die das Schlechte besiegt. Die herabfallenden Süßigkeiten symbolisieren die Belohnung für den aufrichtigen Glauben.

Ein weiterer schöner Brauch zu Weihnachten kommt aus Kolumbien. Es ist die Wahl der Weihnachtskönigin. In vielen Gemeinden gibt es diese Tradition, die gewissermaßen in „Konkurrenz“ zu den in Lateinamerika so beliebten Schönheitswettbewerben bei den jungen Frauen und Mädchen steht. Die jungen Kandidatinnen machen sich besonders hübsch. Sie überlegen sich auch ein kleines Wahlprogramm, denn die Weihnachtskönigin übernimmt besondere Aufgaben. Sie kümmert sich ein Jahr lang um Kinder in der Gemeinde, denen es nicht so gut geht. Gemeinsam mit dem Pfarrer und den Lehrern bespricht sie, wie schulische oder familiäre Schwierigkeiten der betroffenen Kinder bewältigt werden können. Oft werden gerade die Mädchen zur Weihnachtskönigin gewählt, die sich sowieso besonders für andere Menschen in der Pfarrei einsetzen. 
Die drei Bräuche stehen beispielhaft für viele weihnachtliche Traditionen in Lateinamerika. Auffällig ist, dass weniger das Schenken von materiellen Dingen im Vordergrund steht, vielmehr ist das Teilen von Gemeinschaft mit Musik, Essen und lauter Freude wichtiger. Vielleicht liegt es daran, dass Weihnachten gerade in einem Alltag, der existenziell viel mit Hunger und Armut zu tun hat, einen winzigen Teil des „Reiches Gottes“ darstellt.

50 Jahre Verbindungen geschaffen

Dieses Jahr feiert Adveniat anlässlich seines fünfzigjährigen Bestehens unter dem Leitwort „Adveniat regnum tuum“ – „Dein Reich komme“. Es sind jährlich rund 3.000 Projekte von Mexiko bis Feuerland, die Menschen – wie zu Weihnachten – zusammenführen. Die Verbindungen sind vielfältig: In Form der Weihnachtskollekte deutscher Christen, die mit ihrer Geldspende die Initiativen der lateinamerikanischen Kirche unterstützen. Sie kann diese Projekte entwickeln und bei Adveniat präsentieren, die in Form von Bildungs-, Baumaßnahmen und Transportmitteln Menschen zueinander führen und miteinander verbinden.

Bleibt zu wünschen, dass Doña Emilia in Paraguay und Roberto in der Dominikanischen Republik eine „feliz navidad“ erleben!

Interview mit Dr. Veronika Bock

Im Zeichen des Wandels 

Ethische Fragen – Bildungspartner – Fortbildung

Die Bundeswehr verändert sich, die Militärseelsorge auch. Das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) in Hamburg steht vor neuen Herausforderungen.

 

Kompass: Man konnte in den zurückliegenden Monaten den Eindruck gewinnen, das zebis wäre „auf Tauchstation“. Ist der Eindruck berechtigt?
Dr. Bock: Das ist er in der Tat – nur, dass es auf dieser „Tauchstation“ derzeit ziemlich turbulent zugeht. Momentan arbeiten die Taucher des zebis unter Hochdruck an mehreren Projekten. Neben der Jahresplanung 2012 ist das vor allem ein neues Didaktik-Internetportal mit zielgruppenspezifischen Unterrichtsentwürfen und -materialien zum Lebenskundlichen Unterricht (LKU).

Günstige Tiefseeströmungen aus unterschiedlichsten Richtungen treiben uns zudem spannende militär- und friedens-ethische Fragen für Fortbildungen und profilierte Institutionen, Organisationen und Bildungspartner zu, die an Kooperationen mit dem zebis interessiert sind. Eine besonders starke Strömung, die wohl die gesamte Katholische Militärseelsorge einschließlich des zebis erfassen, neu strukturieren und verändern wird, ist der Strategieprozess, der auf der Gesamtkonferenz im Oktober angestoßen wurde.
Am 30. Dezember tauchen wir wieder auf – sprich: das zebis geht mit einem neuen Internetauftritt online, auf dem sich u. a. das LKU-Didaktikportal und eine Übersicht über die jeweils aktuellen Fortbildungsveranstaltungen des zebis befinden. Über diese Seite können sich Interessierte auch direkt zu den Veranstaltungen anmelden.

Kompass: Mit welchen Seminarangeboten oder weiteren Vorhaben für die ethische Bildung können die Soldatinnen und Soldaten im Jahr 2012 rechnen?
Dr. Bock:
Das zebis wird das eintägige „Bonner Format“ für Ethik-Multiplikatoren in der Bundeswehr fortsetzen, das im vergangenen und in diesem Jahr auf große und sehr positive Resonanz gestoßen ist. Hierbei geht es wieder um aktuelle militärethische Fragen, die im Dialog von Teilnehmenden und Experten interdisziplinär, d. h. aus der Perspektive des Militärs, des Völkerrechts und der Ethik angegangen werden.
Eine erste Veranstaltung in diesem Format widmet sich der „Responsibility to Protect“, dem Prinzip der internationalen Schutzverantwortung, das Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im April 2008 gewürdigt hat. Die Tagung steht konkret unter der Frage „Wofür kämpfen deutsche Soldaten?“ und wird im Mai im Münster-Carrée Bonn stattfinden. Eine weitere eintägige Fortbildung ist für Oktober 2012 in Dresden geplant.
Um die Ergebnisse dieser Fortbildungen nicht nur auf die Gruppe der unmittelbar Teilnehmenden zu beschränken, sondern auch für einen größeren Kreis von Interessenten aus dem Bereich Bundeswehr, Militärseelsorge und Militär- bzw. Friedensethik zu öffnen, werden wir zukünftig die Beiträge der Referenten in Form einer Online-Zeitschrift über die Internetseite des zebis zur Verfügung stellen. Die Anregung zu dieser Zeitschrift, für die ich sehr dankbar bin, stammt aus dem Beirat des zebis.
Weiterführen möchten wir außerdem eine seit langem bewährte Fortbildungsreihe des Instituts für Theologie und Frieden (ithf). Zusammen mit diesem renommierten Friedensforschungsinstitut bieten wir am 2.–6. Juli 2012 in Hamburg einen friedensethischen Vertiefungskurs für Multiplikatoren der ethischen Bildung in der Bundeswehr an. Als Ausgangspunkt und Grundlage dient in diesem Jahr das Schreiben der deutschen Bischöfe vom 5. September 2011 „Terrorismus als ethische Herausforderung. Menschenwürde und Menschenrechte“. Adressaten dieser Fortbildung sind gleichermaßen (europäische) Militärseelsorger/innen, Offiziere und zivile Angehörige der Bundeswehr.
Neben den schon erprobten und erfolgreichen Formaten planen wir für 2012 auch eine Reihe neuer Veranstaltungen. Den Auftakt macht im April eine Fortbildung des zebis in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München zur militärmedizinischen Ethik: „Arzt und Soldat in einer Person?“
Für Oktober ist ein einwöchiger internationaler Workshop für Offiziere im General- und Admiralstabsdienst in Vorbereitung, den wir gemeinsam mit der Maximilian-Kolbe-Stiftung in Auschwitz durchführen. Im Mittelpunkt dieser Fortbildung stehen Erinnerungs- und Identitätsmuster in europäischen Armeen vor dem Hintergrund der Erfahrungswirklichkeit von Auschwitz.
Grundlegend und richtungsweisend für alle Fortbildungsformate des zebis im Jahr 2012 ist der begonnene Strategieprozess der Katholischen Militärseelsorge. Welche neuen Konzepte ethischer Bildung in den Streitkräften müssen hinsichtlich der zukünftigen Sozialstruktur der Bundeswehr entwickelt werden – insbesondere für die Mannschaftsdienstgrade? Unter dieser Fragestellung steht eine Kooperation mit der aktion kaserne. Gemeinsam werden wir Konzepte und Formate im Blick auf diese Zielgruppe entwickeln und in Bildungseinrichtungen der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (aksb) durchführen. Zusammen mit  der aktion kaserne, der aksb und der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) führt das zebis im Mai 2012 im Katholischen Militärbischofsamt (KMBA) eine Fortbildung für Referentinnen und Referenten zu relevanten (friedens-)ethischen Inhalten
und didaktischen Formaten durch.
Zur Entwicklung von Formaten ethischer Bildung für Mannschaftsdienstgrade wird das zebis überdies eine Steuerungsgruppe einrichten, die sich aus Didaktikern, Erwachsenenbildnern, Militärseelsorgern und Ethikern zusammensetzt. Inhalte und Ziele dieser Steuerungsgruppe sollen eng mit dem Strategieprozess abgestimmt werden.
Im Blick auf das neue Didaktik-Internetportal bin ich auf die Rückmeldungen der zukünftigen Nutzer – der Militärseelsorger/innen und Dozent/innen im Bereich des LKU – gespannt. Die Ein-arbeitung ihrer Anregungen, die thematische Vertiefung und Aktualisierung der Unterrichtsinhalte wird auch im Jahr 2012 ein Arbeitsschwerpunkt des zebis sein.

Kompass: Sind neue und weitere Kooperationspartner im Boot?
Dr. Bock:
Viele der alten und neuen Partner wurden bereits im Kontext der Veranstaltungsplanungen genannt. Neu ist die Kooperation mit der aktion kaserne und der Maximilian-Kolbe-Stiftung.
Ein wichtiger neuer Partner, der bislang noch nicht erwähnt wurde, ist das Bildungsinstitut Haus Rissen in Hamburg, das gemeinsam mit der Katholischen Akademie Hamburg und dem zebis am 19. Januar 2012 eine Podiumsveranstaltung zur „Zukunft der Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr“ mit hochkarätigen Vertretern aus Politik, Kirche, den Streitkräften und der Wissenschaft in der Katholischen Akademie anbieten wird. Ich freue mich sehr auf diese und auf weitere Veranstaltungen mit diesen beiden profilierten Institutionen, da das zebis auch zukünftig den Dialog zu aktuellen militärethischen und sicherheitspolitischen Fragen zwischen Angehörigen der Streitkräfte und einer interessierten Öffentlichkeit fördern will.
Bewährt hat sich in diesem und im vergangenen Jahr die Kooperation mit der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg – genauer mit dem Internationalen Forum Berufsethik für militärische Führungskräfte (IFE). Diese erfolgreiche Zusammenarbeit wollen wir auch 2012 fortsetzen, ebenso wie die Kontakte zum militärethischen Forschungsbereich der Universität Zürich, mit dem wir in diesem Jahr einige erfolgreiche Projekte initiiert haben.
Ausgebaut und vertieft werden soll schließlich die Kooperation mit der niederländischen Militärseelsorge, konkret: mit Prof. Fred van Iersel (Universität Tilburg), der mich bei der Entwicklung der Online-Zeitschrift unterstützen wird und mit dem das zebis für 2013 eine internationale Tagungsreihe zu „Pacem in terris“ plant. Das Erscheinen dieser visionären Enzyklika von Papst Johannes XXIII. jährt sich dann zum fünfzigsten Mal.

Das Interview führte Josef Könlg.

 

Kommentar von Christoph Strack

Weltgeschichte

Ein Kommentar in Adventswochen darf auch fromm anheben. Sechs mal verbrachte ich Weihnachtsstunden in Betlehem. Dort, wo Gott Mensch wurde. Viel Glanz, Weihrauch und Gesang.
Doch unvergessen bleibt – vor bald 20 Jahren – ein Gang mit einem deutschen Freund, der sich in Palästina um Behinderte kümmerte. Und mit mir zu einem einfachen Quartier in einer der Gassen der Altstadt kam, Minuten nur von der Geburtskirche entfernt, vom touristischen Geschäft und pilgernder Verehrung. Hinter einer Metalltür führt eine steile Stiege hinab, dann zückt der Hausherr, ein freundlicher älterer Mann, verlegen einen klirrenden Schlüsselbund. Der letzte Raum des Hauses ist abgesperrt, dahinter lebt ein Enkel. Lebt? Dahinter vegetiert ein Mensch. 22 Jahre alt ist Zaki, und als ihn seine Eltern mit all seiner verkrüppelten Behinderung vor vielen Monaten auf den Müll warfen, holten ihn die Großeltern zu sich. Zaki, in dreckige Windeln gewickelt, liegt da und winselt, ein Auge tränt. Es stinkt erbärmlich. Verlegen schaut der Besucher zur Seite.
Durch eine fensterlos vergitterte Öffnung in der Wand geht der Blick weit hinaus auf die Weite der judäischen Wüste, und das helle Mittagsläuten der umliegenden Kirchen drängelt sich herein. Ein Schicksal in der Stadt, in der Gott Mensch wurde ... Kein Platz in der Herberge, die Erzählung kennt fast jedes Kind im reichen Deutschland. Die Urteile sind eindeutig: diese lieblosen Pensionswirte! Und nun – das nackte Leben auf dem Müll. Die Eltern Zakis, sagt der Großvater, hätten sich nicht mehr zu helfen gewusst. Der Mann zieht die Schultern hoch. Das also ist der Ort, an dem Christus zur Welt kam, die Engel vom Frieden kündeten, die Hirten, jene stets wachen kleinen Leute, ehrfürchtig staunend zusammenliefen. Nicht weil sich Weltgeschichte ereignete, sondern weil Weltgeschichte begann.

Weihnachten im Jahr 2011

Nein, Weihnachten ist nicht nur ein frommes Fest. Das ist, im biblischen Bericht steht es nicht nur zwischen den Zeilen, ein Fest von Unsicherheit, Angst und Flucht, von Armut und Umbruch des Bestehenden, von Hoffnung auf Halt und Zuversicht. Wir lesen diese Verse in Deutschland doch immer wieder schön historisch, und viele kennen es auch auswendig wie ein lange gesungenes Lied, dessen Text man irgendwie kennt. Und nun, 2011? Was für ein Jahr liegt hinter uns! Da reichen Stichworte, um das zu illustrieren. Der anfangs mit so viel Hoffnung verbundene arabische Frühling, Fukushima und die Folgen, die Tötung Osama bin Ladens, der Doppelanschlag von Oslo und Utöya, die Hungerkatastrophe in Ostafrika, die nicht endende Krise des Euro und die Unsicherheit der Weltwirtschaft. Und innenpolitisch: der Fall Guttenberg, der Streit um Stuttgart 21, der Abschied von der Wehrpflicht, das schreckliche Morden rechtsextrem verblendeter Terroristen. Ein dramatisches Jahr. „Breaking news“ als Regelfall.

Ein Jahr, das Fragen zurücklässt und Verunsicherungen zurücklässt. Und Menschen aufstehen lässt. In Deutschland stehen dafür, zum Beispiel, die „Wutbürger“ von Stuttgart 21, in der arabischen Welt die enttäuschte Jugend der Revolutionen, die aufkommende „Occupy“-Bewegung. Was an der Wall Street in New York begann, setzt sich in einer Reihe von Ländern fort. Bislang eher neugierig bestaunte als exakt einzuordnende Aktivisten. Aber sie treffen einen Nerv im allgemeinen Empfinden und stoßen doch – bislang – nicht viel an; schwer zu sagen, was aus dieser Bewegung wird. Es geht jedenfalls um ein Nachdenken über soziale Ungerechtigkeit und unerträgliche Gier, über Arm und Reich und Grundrechte in Zeiten, in denen einzelne Hedgefonds-Manager mit Millionen oder Milliarden jonglieren. Und sie zum Teil sogar selbst verdienen.

Diese wachsende Unruhe wird in diesem Jahr mitschwingen, wenn man an den Weihnachtstagen zur Ruhe kommt oder in den Gottesdiensten die Geschichten hört von der Geburt in einem Stall – oder einem Erdloch – bei Bethlehem, von den Hirten im Schatten der dominanten Stadt Jerusalem, die sich doch auf den Weg machten. Wer einmal in ein Gesicht geschaut hat wie Zaki in Betlehem, sei es im Heiligen Land oder in Afghanistan, in Somalia oder auch in Lateinamerika, mag anders zuhören bei den frommen Geschichten rund um Betlehem.

Zum Autor: Christoph Strack,
Jahrgang 1961, geboren in Düsseldorf. Studium der Katholischen Theologie in
Bonn und (als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes) in Jerusalem, Abschluss mit Diplom.
1988–1990 Volontariat bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), 1990 Redakteur der KNA Bonn, 1993 Korrespondent und 1998 Chefkorrespondent der KNA. 2000 Wechsel ins Berliner KNA-Büro und Leitung der Hauptstadtredaktion. Seit März 2011 Redakteur bei Deutsche Welle Fernsehen, Verantwortung für Themen der katholischen Kirche.

    

     

Kompass Dezember 2011

Kompass_12_2011.pdf

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